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"Die Morphium Krankheit", aus dem Jahre 1898
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" D I E M O R P H I U M K R A N K H E I T " ( 1 8 9 9 ) * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
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I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
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Vorwort Einleitung Allgemeine Ansichten und Vorurteile Morphium- und Opiumsucht früher und jetzt Arten des Morphium Gebrauchs Ursachen des chronischen Morphium Gebrauches: Aerzte und Morphiumsucht Die Wirkung des Morphiums Wesen der Euphorie Die Gewöhnung an Morphium Morphinismus und Morphiumsucht Disposition zur Morphiumsucht Die Morphium - Abstinenz Die Morphium - Neurasthenie Psychisches Verhalten der Morphiumkranken Die Gemütsstimmung des Morphiumkranken Wirkung des Morphiums auf einzelne Organsysteme 2. Centralnervensystem Schwerere Fälle von Morphiumkrankheit 3. Herz 4. Verdauungstraktus 5. Geschlechtssphäre
Häufige Begleiter des Morphinismus Alkohol Cocain Wirkung des Cocains Folgen des chronischen Cocaingebrauchs
DIE HEILUNG DER MORPHIUM KRANKHEIT Heilung ohne Qualen Therapeutische Notizen Wohin zur Entziehungskur?
Schlusswort
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V O R W O R T
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*************************************************************************************** Mehrere Gründe haben mich zur Abfassung des vorliegenden Werkchens .veranlasst, Einerseits wollte ich den Kollegen eine kurze übersichtliche Darstellung über die Morphium – Krankheit, die neueren, aus Studium und Erfahrung auf diesem Spezialgebiete geschöpften Anschauungen Rechnung trägt, — ohne auf Ausführlichkeit Anspruch zu machen — geben; zumal in den letzten Jahren dieses Gebiet überhaupt litterarisch sehr stiefmütterlich behandelt ist — ganz mit Unrecht, denn die uns hier beschäftigende Krankheit verdient wegen ihrer grossen Verbreitung die vollste Aufmerksamkeit der Aerzte. Andrerseits sollte die Arbeit den meist gebildeten Kranken, die oft vergeblich nach einem Wege der Rettung suchen, einen neuen Trost in der Hoffnung auf Heilung bieten.
Ferner möchte aber auch das Schriftchen, sine ira et Studio geschrieben so viel es vermag, die noch zahlreich herrschenden Vorurteile mit zerstreuen helfen, die gerade über dieser Krankheit wie eine dichte Wolke schweben und damit den freien Blick und die unparteiische Betrachtung ausserordentlich erschweren.
Es giebt nur eine Morphium ― Krankheit; die unglückliche Bezeichnung Morphiumsucht giebt nur zu solchen Auffassungen Anlass; auch stellt die Sucht niemals eine Krankheit an sich dar, sondern ist stets nur das Symptom einer solchen.
B e r l i n, Oktober 1898. Der Verfasser.
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E I N L E I T U N G
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Obgleich der Morphinismus und seine verwandten Zustände Morphino – Cocainismus, Cocainismus u.s.w. durchaus moderne Krankheiten sind, herrschen doch noch bei dem Gros der Mediziner — von den Laien ganz zu geschweigen — die mittelalterlichsten Vorstellungen. Der Grund für diese auffallende Thatsache ist ohne Zweifel ein mehrfacher. Erstens sind überhaupt diese Krankheiten erst seit 1 – 2 Jahrzehnten näher bekannt und studirt worden, infolgedessen die Zahl eingehender, aufklärender und belehrender Monographien darüber eine sehr knappe ist; demnächst haben die wenigsten Mediziner, während oder nach ihrer Studienzeit, Gelegenheit das klinische Bild genannter Erkrankungen zu sehen und ihren Verlauf, ihr Wesen zu beobachten, sodass sie, wenn ihnen nachher in der Praxis derartige Fälle zu Gesicht kommen, nichts damit anzufangen wissen oder aber, bei einem Versuche der Behandlung, bald infolge verkehrten Vorgehens von unrichtigen Anschauungen aus, die Lust mitsammt dem Patienten verlieren und nun dem letzteren allein die Schuld in die Schuhe schieben; und schliesslich hat eine gewisse, sensationslüsterne Eintagslitteratur durch ihre einseitigen, verständnisslosen Schilderungen redlich dafür gesorgt, dass ein ganzer Schwarm gesellschaftlicher und anderer Vorurteile sich wie ein dichter Schleier über die genannten Krankheiten ausbreitete und damit die richtige Beurteilung der letzteren ausserordentlich erschwerte.
Etwas anders und besser ist es freilich in den letzten Jahren geworden, denn die immer mehr um sich greifende „Morphium– und Kokain – Sucht“ hat auch zu einem eingehenderen Studium und damit zu gerechteren und humaneren Auffassungen geführt und man gewöhnt sich schon langsam daran, den unglücklichen Kranken nicht mehr als einen charakterschwachen Lasterling ohne Halt und Moral zu betrachten. Freilich lange wird es doch noch dauern, bis ordentlich Bresche in die starre Mauer fast schon zu tief eingewurzelter Vorurteile gelegt und damit einer gerechteren Beurteilung Bahn gebrochen ist
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A L L G E M E I N E A N S I C H T E N U N D V O R U R T E I L E
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Die allgemeine Meinung der Laien und auch noch des grössten Teiles der Aerzte ist die, dass der Morphiumkranke zunächst selbst seinen Zustand verschuldet habe und dass es nur an seinem guten oder bösen Willen resp. seiner Willensschwäche und Charakterlosigkeit allein liege, dass dieser Zustand fortdauert; ferner, dass ein derartiger Mensch, der nicht einmal sich selbst beherrschen könne, unmöglich im Stande sei, in seinem Berufe noch etwas zu leisten, daher unzuverlässig und für die Gesellschaft unbrauchbar sei; und schliesslich, dass er überhaupt nicht mehr wiederhergestellt werden könne, sondern immer wieder in sein altes „Laster“ zurückfalle.
Nichts ist ― milde ausgedrückt ― kritikloser als diese Ansichten, nichts irriger als der Glaube, dem aber Alle nachbeten, dass das Morphium – Spritzen nur die Befriedigung einer Leidenschaft, also eine lasterhafte, verächtliche Sucht sei, die dem Betreffenden stets neuen Sinnentaumel und wollüstige Empfindungen hervorzaubere, deretwegen allein er sich immer weiter dem Morphium – Teufel verschreibe. Man geht hin und brandmarkt die Kranken, die das Unglück haben, chronisch Morphium gebrauchen zu m ü s s e n, als haltlose Schwächlinge ohne Moral und Ehrgefühl, als deruirte Existenzen, als Entartete und stimmt dann wohl bei Gelegenheit das bekannte Lied an von „der modernen Sucht unserer Zeitgenossen nach Reiz– und Genussmitteln aller Art“, von der Verderbtheit der jetzigen Weit und wie es früher besser gewesen sei und man „so etwas“ nicht gekannt habe. In der Regel aber haben die Sänger dieser Art nicht die geringste Ahnung, was denn überhaupt Morphium ist, wie und warum es gebraucht wird; höchstens wissen sie nur, dass es „in die Haut gespritzt“ wird und gerade diese, für den Laien geheimnissvolle Anwendungsweise zusammen mit der Unkenntniss des Mittels sind die Quellen für die oft schauderhafte Sagen– und Legendenbildung, der zufolge jeder Morphinist zum mindesten ein angehender oder schon fertiger, mehr oder weniger ausgeprägter „wilder Mann“ ist, der demnächst die sichere Anwartschaft auf einen Platz im Irrenhause hat.
Alle diese, nun einmal vorhandenen, vorgefassten Meinungen locken dem kundigen Beurteiler nur ein Lächeln des Bedauerns ab, aber darum sind sie doch nicht weniger traurig und tiefbetrübend für den Kranken selbst, der allein den Schaden davon hat.
Dass aber andererseits derartige Anschauungen auch ihre Rückwirkung auf das Verhalten der Kranken finden, die unter dem pathologischen Zwang des Morphiums — wie wir nachher sehen werden — stehen, ist nur zu natürlich und selbstverständlich. Aus Furcht, Einbusse an seinem gesellschaftlichen Renomé zu erleiden und aus Angst, vor der Oeffentlichkeit als charakterloser Schwächling oder gar genusssüchtiger Wollüstling entblösst zu werden, spinnt der sog. Morphinist jetzt überall, wo es sich um seine Erkrankung handelt, sein Wesen im Dunkeln, braucht nur Hinterthüren und scheut vor Lügen und Verstellungen ― selbst vor den nächsten Angehörigen ― nicht zurück, wenn er nur irgendwie sein Leiden verheimlichen kann.*)
Wo etwas derartiges dann bemerkt wird, ist natürlich wieder Gelegenheit genug geboten, über den „verdorbenen Charakter“, die „defekte Moral,“ (und wie die Schlagworte alle heissen mögen) der Morphinisten loszuziehen. Man macht unverständiger Weise dem Kranken Vorwürfe aller Art, appellirt überflüssiger Weise an alle möglichen Tugenden, an Moral, Ehrgefühl, Selbstachtung u.s.w., redet ihm vor, dass das meiste bei seinen Injektionen nur Einbildung sei, mutet ihm zu,
*) Anmerkung. Aehnlich liegen die Verhältnisse bei der Syphilis, deren Aquirirung gleichfalls, wenn sie von jemandem der Oeffentlichkeit bekannt wird, wohl im stande ist, dem bürgerlichen Rufe des Betreff. zu schaden. Daher ein jeder Infizirter aus gleichem Grunde stets das grösste Interesse hat, die Krankheit der gesellschaftlichen Vorurteile wegen möglichst mit dem Schleier des Geheimnisses zu umhüllen. Aus diesem Grunde allein: omnis syphiliticus mendax.
letztere einfach „bei einigermassen gutem Willen“ ganz fortzulassen, ja stellt schliesslich dem Geplagten direkt nach, versteckt ,die Spritze, schüttet die Lösungen aus oder vertauscht selbige mit purem Wasser und thut anderes völlig Unangebrachtes, wenn auch gut Gemeintes mehr. Niemand aber bringt dem Kranken Verständniss für sein Leiden entgegen, niemand hilft ihm den Weg der Rettung und Genesung suchen, der ihn aus dem Chaos, aus welchem die allermeisten um jeden Preis herausmöchten, wieder zu neuem vollen Leben führen könnte.
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M O R P H I U M - U N D O P I U M S U C H T F R Ü H E R U N D J E T Z T
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Es soll natürlich keineswegs bestritten werden, dass der Morphinismus ein Produkt der, modernen Zeit ist; im Gegenteil er ist gewissermassen als ein Repräsentant der zahlreichen Giftpflanzen zu betrachten, deren üppiges, unerwünschtes Emporschiessen auf dem Boden der fortschreitenden Vervollkommnung unserer Kulturverhältnisse, speziell der ärztlichen Technik und Wissenschaft überhaupt, unvermeidlich ist. Erst seit Erfindung der P r a v a z ' s c h e n S p r i t z e vor einigen Jahrzehnten, welche die Mittel, die unter die Haut applizirt wurden, sofort wirken liess, welche zugleich den Magen schonte, ferner sauber in ihrer Anwendung war und die Dosirung des Mittels bis auf's genaueste gestattete, datirt die uns hier beschäftigende Krankheit, nicht seit der chemischen Entdeckung des wichtigsten Opium – Alkaloids, des Morphin's die bereits Anfangs des Jahrhunderts (1816) erfolgte.
Trotzdem hat auch der Morphinismus seinen Vorläufer gehabt: die. chronische Opium-Vergiftung, die sog. Opiumsucht (Opiophagie), welche ― abgesehen von den orientalischen Ländern, woselbst sie von Alters her besteht. und in der Form des, Opiums–Essens, wie Opium–Rauchens ungemein verbreitet sein soll ― früher besonders häufig in Amerika und England zur Beobachtung kam. Dieselbe beruhte auf dem chronischen Gebrauche der Opium–Tinktur, (Laudanum), die innerlich zumeist gegen körperliche Schmerzzustände genommen wurde, so wie jetzt aus gleichem Grunde subkutan das Morphium.
Auch bei diesem Opiumgebrauch trat bald eine Gewöhnung ein, die schliesslich, immer höhere Dosen zu nehmen zwang.
Thomas de Quincey hat uns in seinem „Bekenntnisse eines Opiumessers“ eine sehr objektiv gehaltene, anschauliche Schilderung der Folgen des chronischen Missbrauches von Opiumtinktur auf seinen eigenen Geist und Körper hinterlassen. Die psychischen Wirkungen besonders einer derartigen Opiumintoxication decken sich demnach fast vollständig mit denen der chron. Morphium–Vergiftung; dies wird uns verständlich, wenn daran erinnert wird, dass Opium, je nach Qualität, Herkunft etc. bis zu 13 % Morphin enthalten kann und letzteres überhaupt den wirksamsten Bestandteil, die Essenz desselben darstellt. Uebrigens kann ich mit 3 Fällen meiner Erfahrung bestätigen, dass die chronische Opiumvergiftung bezüglich ihres Verlaufes und ihrer Heilung fast genau dieselben Symptome aufweist wie die chronische Morphium–Vergiftung.٭)
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A R T E N D E S M O R P H I U M G E B R A U C H S
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Es mag an dieser Stelle erwähnt werden, dass man, um „Morphinist“ zu werden, nicht nötig hat, sich das Gift unter die Haut zu spritzen; mir sind eine Reihe von Fällen innerlichen Gebrauchs des Morphiums in Tropfen– und Pulverform bekannt; in einem Fall ass der Patient sogar direkt von den weissen Würfeln, in denen fabrikmässig das Morphin hergestellt wird, in einem anderen war er morphiumkrank geworden durch länger fortgesetzte Einführung von Morphium-Stuhlzäpfchen, die ihm ärztlicherseits gegen heftige Mastdarm-Schmerzen verschrieben waren und wieder in einem anderen Fall durch die sehr oft wiederholte Applikation von Morphium-Klystiren aus gleichem Grunde. Ein Pendant gewissermassen hierzu bildet ein Kokainist,
*) Opium ist der an der Sonne dick und undurchsichtig gewordene Milchsaft frischer, nicht ganz reifer Mohnkapseln, der infolge oberflächlicher Einschnitte in die letzteren reichlich austräufelt und in Mohnblättern aufgefangen wird. Es kommt, in verschieden grosse sog. Opiumkuchen geformt, besonders vom Orient aus in den Handel, dessen Krankheit sich durch chronischen Gebrauch kokainhaltigen Schnupfpulvers, das ihm sein Arzt anfangs gegen schmerzhafte Schwellungen der Nasenschleimhaut verordnet hatte, entwickelte. — In den allermeisten Fällen von Morphium–Erkrankung wird allerdings das Alkaloid unter die Haut gespritzt, woselbst es im Unterhautzellgewebe am schnellsten von Lymphe und Blut aufgesaugt und dem Gehirn zugeführt wird, von wo aus dasselbe erst auf die Funktion der einzelnen Nerven wirkt.
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U R S A C H E N D E S C H R O N I S C H E N M O R P H I U M G E B R A U C H E S :
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Was nun zunächst die U r s a c h e n der Morphiumerkrankung anbelangt, so war in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ein sog. „Grundleiden“ die Veranlassung der ersten Injektionen. Verführung durch den Rat eines guten Freundes, der schon selber spritzte, Unerfahrenheit, Nachahmung — letzteres besonders unter Eheleuten, von denen der eine Teil schon morphiumkrank war, — Leichtsinn, speziell beim niederen Heilpersonal, imponirt nur selten als ursächliches Moment, kommt aber sicher vor; dagegen ist mir kein einziger Fall bekannt, wo aus vorsätzlicher Genusssucht, aus reinem Mutwillen oder aus einem gewissen Lebensekel, nur um sich angebliche neue Daseinsfreuden wieder zu verschaffen, zuerst zur Morphiumspritze gegriffen wurde: derartige Ursachen existiren nur in Romanen, nicht in der Wirklichkeit.
Solcher Grundleiden, die die erste Indikation zu einer Morphium–Einspritzung abgaben, sind in vorderster Linie zu nennen: Neuralgien jeder Art, besonders im Gesicht (Trigeminus-N.) und in den Beinen (Ischias); letztere die Hauptplage der Landärzte. Demnächst sind es überstandene Operationen, deren Nachbehandlung sehr schmerzhaft war oder viel Ruhe einzelner Organe verlangte: z.B. nach eitriger Rippenfell– oder Blinddarmentzündung, tuberkulösen Knochenerkrankungen, Nierenabscessen etc.; ferner heftige Anfälle von bronchialem und kardialem Asthma, schmerzhafte Attaquen von Gicht- und Gelenkrheumatismus, wiederkehrende Koliken jeder Art, insonderheit bei Gallen- und Nierensteinen, wo meist das Morphium der einzige Trost und Retter in der Not bleibt. Bei F r a u e n speziell sind es fast ausnahmslos Erkrankungen des Genitaltraktus, insbesondere die chronischen, zu schmerzhaften Menstruationsstörungen Anlass. gebenden Entzündungen des Uterus, welche zuerst Morphium zur Linderung erheischen. Die U r s a c h e n können überhaupt die mannigfaltigsten sein z.B. die verschiedenen crises und blitzartigen Schmerzen der Rückenmarksschwindsucht, die Allgemeinbeschwerden bei den Spätformen der Syphilis, Lungenblutungen, aneurysmatischer wie tuberkulöser Natur, Epididymitis, Migräne, recidivirende schmerzhafte Iritis, häufig auch die Folgen überstarken Alkoholgenusses, sexuelle Ueberreizung, länger dauernde, nervöse Schlaflosigkeit, heftige Zahnschmerzen etc. Gerade in den letzteren . Fällen wird aber zu häufig und zu vorschnell oft zur ultima ratio; der Morphiumspritze gegriffen und keineswegs sollen hier auch die Aerzte von der Beschuldigung freigesprochen werden, dass sie nicht selten unbedachterweise den Patienten selber ein Mittel überlassen, das nur in ihrer Hand allein eine „segensreiche Gottesgabe“ ist.
Eine plausible körperliche Ursache, die die Anwendung von Morphium erheischt, liegt also allermeistens anfänglich vor. Jedoch können auch psychische Erschütterungen, Trauer, Gram, Kummer und Sorgen, überhaupt ,,ein Versagen des Zentralnervensystems in unser mit Dampf und Elektrizität getriebenen Lebenshetze“ zur ersten Spritze Morphium greifen lassen, eben um deren beruhigende, narkotische Wirkung herbeizuführen, und Fälle dieser Art sind mir auch bekannt, wenn sie auch immerhin selten sind. Wer aber will hier den ersten Stein aufheben zum Wurf auf einen Mitmenschen, dessen ursächliches Mass von Leiden und dessen Widerstandsfähigkeit er nicht gekannt hat?
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A E R Z T E U N D M O R P H I U M S U C H T
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Eine besondere, nicht gerade erfreuliche Stellung nehmen hier die Aerzte resp. Medizinalpersonen überhaupt (Zahnärzte, Tierärzte, Apotheker etc.) ein, unter denen der Morphinismus derart verbreitet ist, dass man letzteren bald als eine „B e r u f s k r a n k h e i t“ bezeichnen kann. Unter 92 Fällen von Morphium–Erkrankung, die ich im letzten Jahre zu beobachten Gelegenheit hatte, waren ca. 40 Medicinalpersonen resp. deren Gattinen. Die preussische Statistik vom Jahre 1895 kommt noch zu einem etwas höheren Prozentsatz d.h. ein drittel aller in preussischen Anstalten behandelten Fälle waren Aerzte.
Die G r ü n d e warum gerade Aerzte etc. ein so erhebliches Kontingent stellen, sind wohl folgende. Während das grosse Laienpublikum, selbst das gebildete, solange es nicht mit Aerzten irgendwie in Berührung kommt, von Pravaz'scher Spritze und Morphiumlösung keine Vorstellung, wohl aber einen unbestimmten Horror davor hat, ist den Aerzten selber das Hantiren mit letzteren etwas alltägliches. Ferner stellt kein Beruf gleichzeitig so starke Anforderungen an Körper, Geist und Gemüt und verlangt so sehr die körperliche und geistige Schlagfertigkeit und Elastizität des Ausübenden sofort in jedem einzelnen Falle, wie gerade der des Mediziners. Man vergegenwärtige sich nur einen Arzt, der sich abgespannt oder krank fühlt, vielleicht von heftiger Ischias gepeinigt daliegt, wie er plötzlich zu einer Entbindung über Land, zu einer dringenden Konsultation in der Nacht gerufen wird und man wird vieles verstehen und entschuldigen. Zu oft traut man dann allerdings seiner Energie zu viel zu und hofft nach mehrmaliger Anwendung die Spritze einfach weglassen zu können; vergebens, denn das ist gerade die unheimliche S c h a t t e n s e i t e des Morphium's, dass derjenige, welcher einmal die wohlthuende Wirkung dieses Mittels kennen gelernt hat, bald letzteres nicht mehr entbehren zu können vermeint, selbst wenn er es sehr wohl in Folge der Heilung seines örtlichen Leidens missen könnte, und dass er schliesslich Morphium um jeden Preis nehmen muss, um nur einigermassen lebens– und leistungsfähig zu bleiben.
Verschwiegen darf aber auch nicht werden, dass — wie oben schon einmal angedeutet wurde — von seiten der Aerzte häufig zu v o r e i 1 i g mit dem radikalsten schmerzstillenden und beruhigenden Mittel, der M – Injektion, vorgegangen wird, selbst in unbedeutenderen Fällen, sowohl bei sich selber und seinen Angehörigen wie bei der Klientel, und dass man vielfach zu leichtherzig dem Kranken selber Spritze und Lösung überlässt, wenn auch mit den besten Ermahnungen und eindringlichen Warnungen. Aber was sollen diese nützen? In vielen anderen Fällen wird der Patient — aus irgend welchem Grunde — zu lange mit Morphium traktirt, sodass er reichlich Gelegenheit hatte die Wirkung desselben auf sein Befinden zu beobachten; der Arzt will jetzt, (da es nicht mehr nötig erscheint, ohne Uebergang, ohne eine Art langsamer Entziehung die Spritze, fortlassen — aber der Patient hat nichts Eiligeres zu thun, als schleunigst hinter dem Rücken desselben aus der nächsten Apotheke sich Spritze und Lösung zu verschaffen und nun munter darauf loszuspritzen. Wie viel Vorwürfe dieser Art gegen ihre früheren behandelnden Aerzte habe ich schon von Morphiumkranken hören müssen !
Etwas vorsichtiger ist man freilich schon in den l e t z t e n J a h r e n mit der Anwendung des Morphiums geworden, nachdem man mehr über die Gefahren desselben unterrichtet ist und namentlich hat man in den chirurgischen Kliniken, in denen früher tagtäglich Morphiumeinspritzungen Gang und Gebe waren, den Gebrauch der letzteren ziemlich eingeschränkt. Von älteren süddeutschen Kollegen ist mir oft versichert worden, wie gerade das Beispiel und Vergehen eines bekannten, jetzt verstorbenen Chirurgen sie fast alle während ihrer Studien – resp. Assistentenzeit zu Morphinisten gemacht habe; man wusste eben damals (vor 1 – 2 Jahrzehnten) noch nicht, dass das Morphin zu den zweischneidigsten Waffen des ärztlichen Rüstzeuges gehört. Wie sehr man aber gegenwärtig die Gefahren kennt und scheut, zeigt andererseits das Beispiel eines östreichischen Chirurgen, der jeden Operirten, welcher zur Nachbehandlung Morphium zu nehmen gezwungen ist, nach beendeter Kur verpflichtet, sich freiwillig einer kurzen Entziehung zu unterwerfen.Ich habe gerade bei dem Kapitel „Aerzte und Morphium“ etwas länger verweilt, weil nirgends so sehr wie hier, der alte Spruch gilt: Principiis obsta! sero medicina parater.
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D I E W I R K U N G D E S M O R P H I U M S
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Schmerzstillung und sog. Euphorie.
Dadurch dass das Morphium in tausenden von Fällen das Krankenlager erst erträglich, in tausend anderen Fällen den siechen Menschen erst leistungsfähig macht, ist es in der Hand des Arztes ein segenspendendes Mittel, das dem letzteren erst ermöglicht, einer der vornehmsten Aufgaben seines Berufes, der Schmerzlinderung, gerecht zu werden. Aber wie dort, bemerkt Altvater, wo Gott ein Tempel errichtet wird, daneben der Teufel ein Wirtshaus zu bauen pflegt, so hat sich auch Beelzebub seinen diabolischen Anteil an dem Mittel gewahrt. Dieser verleitet zum steten Weitergenuss, zum Missbrauch, bis der Bethörte nicht mehr davon lassen kann und wenn er den Pferdefuss des Verführers erkennt ist es zu spät: er ist bereits der „Morphiumsucht“ verfallen.
Das Dämonische der ersten Morphium–Einspritzungen liegt eben neben der herbeigewünschten s c h m e r z s t i l l e n d e n Wirkung in dem gleichzeitigen Zustandekommen einer eigentümlichen, höchst wunderbaren seelischen Stimmung, — von Levinstein als E u p h o r i e bezeichnet — die, kurz gesagt, darin besteht, das a l l e s o g. U n l u s t g e f ü h l e d e r P s y c h e v e r s c h w u n d e n oder gedämpft sind. Der Kranke, den vielleicht noch vorhin die heftigste. Gesichtsneuralgie, gegen die sich alle übrigen Mittel als machtlos erwiesen, quälte und peinigte, fühlt bald, nach einer Injektion vielleicht von 1 Centi Morphin, seine Schmerzen vollkommen gestillt, daneben aber empfindet er ein nie geahntes Wohlbehagen. „Seine seelische Stimmung wird, wenn auch keine besonders heitere oder ausgelassene wie in manchen Fällen von Alkoholberauschung, doch eine glückliche und zufriedene, und zwar, weil jeder körperlicher Schmerz verschwunden und jede psychische unangenehme disharmonische Regung — — Leid, Kummer, Gewissensbisse, heftige Begierde — ausgelöscht, mit einem Wort das menschliche Elend in allen seinen Nuancen vergessen ist, desgleichen aber auch das Bewusstsein der wiederkehrenden Kraft und damit die Möglichkeit des leichteren Vollbringens in der ersten Zeit in eminenter Weise erhöht, in späterer Periode vorgetäuscht wird.“ (Schmidt) Dass in der That während der ersten Zeit des Morphiumgebrauches die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit gegen früher, sich hebt, ist mir vielfach gerade von Kollegen bestätigt worden.
Dieses euphorische G e f ü h l g e s t e i g e r t e r L e b e n s k r a f t, v e r m e h r t e r L e i s t u n g s f ä h i g k e i t , g l ü c k l i c h e n B e h a g e n s , z u f r i e d e n e r w u n s c h l o s e r S t i m m u n g, das sich nach den Morphium–Injektionen der ersten Zeit einstellt, ist eigentlich nur etwas passives, insofern nur Störungen, die eine solche Gemütsverfassung nicht aufkommen lassen würden, — eben die vielfältigen Unlustempfindungen — durch die narkotische Wirkung der Einspritzungen ferngehaltene sind. Alles, was also erzählt und geschrieben wird von glühender Erregung der Phantasie, von wollüstigen Träumereien, von bestrickender, verführerischer Reizung aller Sinne u.s.w., die das Morphium angeblich bewirken soll, ist in das Reich der Märchen zu verweisen und besteht nur in den Köpfen der unberufenen Darsteller allein
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W E S E N D E R E U P H O R I E
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Sehr schön und treffend, wenn auch mit etwas poetischen Worten hat Thomas de Quincey in seinem bereits einmal erwähnten Werkchen, in dem er seine an eigenem Leibe gemachten Erfahrungen über die chronische Vergiftung mit Opium, die er anfangs eines schmerzhaften Magenübels wegen zu nehmen gezwungen war, niedergelegt hat, diesen Zustand der Euphorie resp. deren Wesen geschildert:
„Allen Geisteseigenschaften, aktiven oder passiven, ist Heiterkeit und Gleichgewicht verliehen und bezüglich der Gemütsverfassung und der sittlichen Gefühle überhaupt besteht dasjenige Mass von Lebenswärme, welches dem Geiste trefflich zusagt und welches vermutlich eine Körperbeschaffenheit von urweltlicher oder vorsintflutlicher Gesundheit stets begleiten würde. Der göttlichere Teil des menschlichen Wesens herrscht vor, d.h. die sittlichen Triebe sind in einem Zustand wolkenloser Heiterkeit, und darüber strahlt das gewaltige Licht des Verstandes in erhabenem Glanze. . . . Es kam mir vor als sei ich jetzt erst dem Aufruhr des Lebens wirklich ferne gerückt; als sei die lärmende, fieberhafte Hast gestillt, dem Herzen eine Erholung von seinen geheimen Bürden vergönnt, eine Sabbathruhe, eine Erlösung von der menschlichen Mühsal. Da waren die Hoffnungen, welche auf den Pfaden des Lebens erblühen, versöhnt mit dem Frieden, der im Grabe herrscht; ein Schwung des Geistes ohne Grenzen wie der Himmelsraum und dabei doch vollkommene Sicherheit vor allen Schwierigkeiten; eine Ruhe, die zu wurzeln schien nicht in Trägheit, sondern in dem Gleichgewichte mächtiger ebenbürtiger Kräfte; unbegrenzte Thätigkeit bei unbeschränkter Ruhe. . . . . Mehr als einmal begegnete es mir an einem Sommerabend, dass ich in einem Zimmer, von wo aus ich die See wohl auf eine Meile übersah und etwa ebenso weit einen Blick über die grosse Stadt Liverpool hin genoss, am offenen Fenster sass von Sonnenuntergang bis zu Sonnenaufgang ohne mich zu rühren und ohne einen Wunsch darnach zu empfinden. Das Meer in seiner ununterbrochenen, aber sanften Bewegung, während darüber eine feierliche Ruhe schwebte, vermochte recht wohl den Geist in seiner damaligen Stimmung zu versinnbildlichen.“ [۩]
Wie also das Wesen der Euphorie zeigt, beruhigt, dämpft, narkotisiert, lullt das Morphium ein, ruft ein wunschloses Hindämmern hervor, wählend der Alkohol stets erregt. Das ist der Hauptunterschied zwischen beiden. Der Alkohol hebt wohl für kurze Zeit das geistige Allgemeinbefinden, regt die Phantasie an, macht die Unannehmlichkeiten des Lebens als „Sorgenbrecher“ vergessen, aber bald schon tritt dann das umgekehrte Verhalten ein: die Trunkenheit mit ihren hässlichen Aeusserungen. *) Zitat von Thomas de Quincey; Kursivgestellt von WF! Das Morphium dagegen verleiht eine selige, qualenlose Ruhe, die doppelt willkommen geheissen wird von dem, der Schmerzen leidet. Nichtsdestoweniger ist die sog. E u p h o r i e i n d i v i d u e l l g a n z v e r s c h i e d e n g e a r t e t, je nach Temperament, geistiger Veranlagung, Phantasiebegabung etc: manche empfinden überhaupt keine derartige „angenehme Alienation des Bewusstseins", speziell diejenigen Fälle, in denen sehr starke und häufig sich wiederholende Schmerzen irgendwo in der Körperregion zuerst Morphium zu Linderung erheischten. Uebrigens wird auch die E u p h o r i e z u H e i l z w e c k e n ausgenutzt: in der Psychiatrie macht man bei, melancholisch–hypochondrischen Depressionszuständen, die mit Kleinheitsgedanken, Selbstunterschätzung, Willensschwäche, ja Selbstmordgedanken etc. einhergehen, von Morphium–Injektionen Gebrauch. Man will eben durch letztere die mannigfachen Unlustgefühle, deren höchster psychischer Ausdruck Gedanken an Selbstmord sind, dämpfen oder ihre Entstehung verhindern. In dieser W i r k u n g d e s M o r p h i u m s a u f d i e U n l u s t g e f ü h 1 e deren intensivste körperliche Manifestation der Schmerz, deren stärkster geistiger Ausdruck, wie erwähnt, Gedanken an Selbstmord sind, liegt überhaupt der Schlüssel zum Verständniss der ganzen Morphiumsucht.
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D I E G E W Ö H N U N G A N M O R P H I U M
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Es ist eine merkwürdige Erscheinung, dass die meisten derjenigen, welche einmal für einige Zeit Morphiumeinspritzungen zu nehmen gezwungen waren, an diesen „h ä n g e n“ bleiben und nicht mehr davon lassen können. Diese Thatsache findet ihre natürliche Erklärung in allen den Fällen, wo Kranke gegen ihre Schmerzen, mögen diese beliebig lokalisirt sein, gegen sonstige heftige Organbeschwerden zum Schlafen, zur Fortbewebung ihres Körpers u.s.w. Morphium zu Hilfe nehmen müssen und wo letzteres oft der einzige Notretter bleibt. Kranke dieser Art mögen jahrelang und in hohen Dosen Morphium spritzen, sofern ihr Leiden bestehen bleibt oder immer wiederkehrt — sie wird mau in der Regel nie zu jenen zählen, die man gemeiniglich unter dem Namen ,,Morphinisten“ zu verstehen pflegt. Wie aber lässt sich eine befriedigende Deutung für alle übrigen finden, die das Narkoticum weiter gebrauchen, scheinbar ohne zwingenden Grund, nachdem vielleicht ihr ursächliches Leiden schon längst behoben ist ?
Zunächst ist daran zu erinnern, dass der menschliche Körper sich an eine Reihe starker Gifte g e w ö h n e n, seinen Stoffwechsel–Betrieb ihnen anpassen kann, ohne dass die furchtbaren Wirkungen derselben zur Entfaltung kommen. Ist dann aber die Gewöhnung einmal vollzogen, so pflegen sich solche Gifte dadurch zu rächen, dass sie den Bemühungen, wieder von ihnen loszukommen, nur Spott und Hohn entgegensetzen.
In kleinen vorsichtigen Dosen wird das Morphium anfänglich eingeführt, bald aber muss fortwährend, allmählich mit der Dosis „g e s t e i g e r t“ werden, wenn man den von Anfang an gewünschten Zweck, ganz gleich, welcher es sei: Schmerzbetäubung, vermehrte Arbeitsfähigkeit u.s.w. nur immer wieder erreichen will; denn die Dosen stumpfen sich in der Intensität ihrer Wirkung bald ab, ihr Einfluss wird schwächer, eben weil der Organismus sich daran g e w ö h n t. Nach einiger Zeit hat letzterer dann das stets dargebotene Gift fest und sicher in sein Betriebs–Budget aufgenommen, er hat infolge der eigenartigen Wirkungen des neuen Faktors seine Leistungen erhöht oder verändert und verlangt nun dafür stets neuen und höheren Zuschuss. So schraubt er sich allmählich selber zu einer immer stärkeren Giftmenge in die Höhe, die allein, wollte man sie auf einmal anderen, nicht daran gewöhnten Organismen einverleiben, oft genügen würde, um „drei Dragoner sammt ihren Pferden“ tot in den Sand zu strecken.
Eine physiologische E r k l ä r u n g für diese Thatsache lässt sich unschwer finden. Diejenigen Komplexe von Ganglienzellen in der Grosshirnrinde, sog. N e r v e n c e n t r e n , in denen die bewusste Empfindung, der Wille, überhaupt das geistige Leben ihren materiellen Sitz und Ursprung haben, werden in ihrer F u n k t i o n durch das Morphium, wenn letzteres nur vorübergehend eingeführt wird, auch nur vorübergehend geändert, wenn der Einfluss desselben sie aber chronisch trifft, allmählich, energielos, d.h. sie bedürfen immer neuer Reizung derselben Art in wachsender Stärke, um die gleiche Leistungsfähigkeit wie früher zu äussern. Zugleich erlangen diese Nervencentren durch die allmählige Anpassung und infolge der eintretenden Energielosigkeit, die ja immer wieder behoben werden muss, bald ein gewisses Gefeitsein gegen die Giftwirkung des Morphiums. Endlich tritt aber doch der Zeitpunkt ein, in dem die eingeführten Mengen nicht mehr ausreichen, um als Reizmittel zu dienen, sondern wo durch weitere Steigerung der Dosen Symptome einer Vergiftung und deren Folgen eintreten.
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M O R P H I N I S M U S U N D M O R P H I U M S U C H T
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Hier ist die Gelegen heil da, die Begriffe M o r p h i n i s m u s und M o r p h i u m s u c h t festzulegen. Der erstere, bezeichnet den Zustand chronischen Gebrauches von Morphium überhaupt mit seinen Folgen; die letztere soll nach Erlenmeyer die „durch nichts motivirte Sucht des Individuums nach Morphium als nach einem Reiz– und Genussmittel, nicht als nach einem Heilmittel“ sein.
Dieser Standpunkt, der keine Motive für den Weitergebrauch anerkennt, der im Gebrauch des Morphiums nur den eines Genussmittels sieht, ist völlig unrichtig und jeder, der den obigen Ausführungen auch nur einigermassen gefolgt ist, wird leicht die einzig mögliche, plausibelstes Erklärung für diese. „Sucht“ finden.
Die „S u c h t“ , d a s V e r l a n g e n w i r d d u r c h d e n c h r o n i s c h e n G e b r a u c h d e s M o r p h i u m s s e l b e r e r s t h e r v o r g e r u f e n und befestigt, es ist daher durchaus, k r a n k h a f t und begründet in der eigenartigen Wirkung des Mittels auf die Psyche. Das immer wieder auftauchende zwingende Verlangen stellt nur gleichsam die Fessel dar, in die das Morphium denjenigen, der des öfteren von ihm versucht, erbarmungslos und sicher schlägt, es sind die Fangarme des Polypen, in welche dieser seine Opfer, fast unentrinnbar, verstrickt.
Wie oben bereits geschildert wurde, wirkt das Morphium speziell auf die Empfindung der allgemeinen U n l u s t g e f ü h l e , vor allem die des Schmerzes narkotisirend ein, beruhigend, dämpfend oder ganz h e m m e n d ; dies ist die Grundbedingung der sog. Euphorie. Auf andere seelische Funktionen hat das Mittel dagegen keinen besonderen Einfluss, jedoch ist sehr wohl ein glatteres Ablaufen derselben infolge der Ausschaltung der sonst vielfach störenden Unlustempfindungen denkbar. Wie diese Wirkung des Morphiums sich im genaueren abspielt, wird ein ewiges Rätsel bleiben, aber verständlich ist darum die Thatsache doch, dass diejenigen Menschen, bei denen durch den Gebrauch des Narcoticums ein derartiger anormaler, unnatürlicher Ablauf der sog. Assoziationsvorgänge der U n 1 u s t g e f ü h 1 e entstanden ist, bald auch Reize, die durch Umstände des äusseren Lebens zu Unlustgefühlen anlass geben, i n t e n s i v e r e m p f i n d e n , desgleichen auch körperliche und seelische S c h m e r z e n. Andererseits ist es sehr wohl denkbar, dass die Bildung von Unlustgefühlen jeder Art jetzt schrankenlose, unkontrollirbare Bahn findet, ja geradezu entfesselt wird, — was auch in der Morphium–Abstinenz, im sog. „Morphiumhunger“ geschieht, — wenn der Kranke das bezähmende Morphium sich nicht immer von neuem zuführt.
Diese Ueberlegung macht es v e r s t ä n d 1 i c h , warum der Morphinist selbst bei leichtem körperlichen Unwohlsein zur Spritze greift, um sich über Zustände hinwegzuhelfen, für welche ein anderer kaum ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen würde, warum gerade er bei jeder Unannehmlichkeit, wie sie Haushalt und Ehe, bei jeder Friktion, wie sie Beruf und Umgang jedem in jedem Augenblick tausendfältig bringen, bei jeder psychischen Gleichgewichtsstörung, wie Kummer, Sorgen, Aerger, Verdruss, u.s.w. im Morphium, das allen schmerzhaften Gemütserregungen ihre Schärfe nimmt, seinen Tröster sucht und findet.
Dies allein ist die viel berufene „ M o r p h i u m s u c h t ,“ d i e n u r e i n S y m p t o m , e i n e T e i l e r s c h e i n u n g d e r M o r p h i u m – K r a n k h e i t ( M o r p h i n i s m u s c h r o n i c u s ) die sich jetzt allmählich ausbildet, ist. Die unglückliche, ganz und gar unzutreffende Bezeichnung Morphiumsucht sei daher ganz ausgemerzt und damit die Hauptquelle verstopft, die immerdar wieder zu falschen Ansichten und Vorurteilen Anlass giebt. Denn um eine Sucht im Sinne der Befriedigung einer Leidenschaft handelt es sich überhaupt niemals beim chron. Morphiumgebrauch, zumal im späteren Stadium der Krankheit, sondern ein absolut z w i n g e n d e s B e d ü r f n i s s allein, das die notwendige Folge der Gewöhnung des Körpers an das Mittel ist, dringt dem Kranken immer wieder die Spritze auf. Wie der letztere selber unter diesem Zustande schwer leidet, werden wir nachher sehen, aber schon jetzt ist uns klar, was es mit der angeblichen „Leidenschaft,“ dem „Laster“ für eine Bewandtniss hat.
Der Morphinist ist also kein widerstandsloser Schwächling, der unsere Verachtung, sondern ein bedauernswerter K r a n k e r, der unser tiefes Mitleid verdient. Er steht unter dem Circe–Bann des Morphiums und fühlt recht wohl die drückende immer tiefer einschneidende Fessel, die er aber aus eigener Macht nicht abstreifen kann. Kein human Denkender wird daher den Stab über einen Morphiumkranken brechen, zumal entschieden in der Mehrzahl der Fälle ein eigenes Verschulden des Kranken nicht vorliegt! Wäre der Mehrzahl derjenigen, welche das Morphium als Wohlthäter anrufen, die Gefahren, die sie zugleich damit heraufbeschwören, genauer bekannt, sie würde sicher zumeist auf das Mittel verzichten. Und nicht zum wenigsten auch der Kranke selbst, trotz des Schmerzenslagers, wenn er all das spätere Elend vorausschauen könnte.
D a s V e r l a n g e n , d a s B e d ü r f n i s s n a c h M o r p h i u m äussert sich individuell bei Morphium–Kranken ganz verschieden. Ein Teil derselben empfindet überhaupt nichts derartiges, sondern bedient sich des Narcoticum's nur bei Eintritt von k ö r p e r l i c h e n S c h m e r z e n ; ein anderer und zwar der Haupt–Teil gebraucht Morphium chronisch, weil er es infolge der Gewöhnung gebrauchen muss, verspürt wohl auch des öfteren ein „pures Verlangen“ darnach, kennt aber dabei die Gefahr und sucht daher so gut als möglich Widerstand zu leisten: das sind diejenigen, die lange Zeit auf g l e i c h e r o d e r n u r w e n i g v e r s t ä r k t e r Dosis stehen bleiben, sich gelegentlich auch wohl selber reduziren oder es wenigstens mit mehr oder weniger Erfolg versuchen und die nur Weiterspritzen, weil sie es eben m ü s s e n – aus Gründen, die oben auseinander gesetzt sind; die Kranken dieser Art liegen gewissermassen in einem ewigen Kampfe mit dem Morphium. Ein dritter, der kleinste Teil endlich unterliegt s e h r 1 e i c h t dem Zwang des Morphium's und kommt daher in kurzer Zeit schon zu hohem Dosen.
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Hier ist die Gelegen heil da, die Begriffe M o r p h i n i s m u s und M o r p h i u m s u c h t festzulegen. Der erstere, bezeichnet den Zustand chronischen Gebrauches von Morphium überhaupt mit seinen Folgen; die letztere soll nach Erlenmeyer die „durch nichts motivirte Sucht des Individuums nach Morphium als nach einem Reiz– und Genussmittel, nicht als nach einem Heilmittel“ sein.
Dieser Standpunkt, der keine Motive für den Weitergebrauch anerkennt, der im Gebrauch des Morphiums nur den eines Genussmittels sieht, ist völlig unrichtig und jeder, der den obigen Ausführungen auch nur einigermassen gefolgt ist, wird leicht die einzig mögliche, plausibelstes Erklärung für diese. „Sucht“ finden.
Die „S u c h t“ , d a s V e r l a n g e n w i r d d u r c h d e n c h r o n i s c h e n G e b r a u c h d e s M o r p h i u m s s e l b e r e r s t h e r v o r g e r u f e n und befestigt, es ist daher durchaus, k r a n k h a f t und begründet in der eigenartigen Wirkung des Mittels auf die Psyche. Das immer wieder auftauchende zwingende Verlangen stellt nur gleichsam die Fessel dar, in die das Morphium denjenigen, der des öfteren von ihm versucht, erbarmungslos und sicher schlägt, es sind die Fangarme des Polypen, in welche dieser seine Opfer, fast unentrinnbar, verstrickt.
Wie oben bereits geschildert wurde, wirkt das Morphium speziell auf die Empfindung der allgemeinen U n l u s t g e f ü h l e , vor allem die des Schmerzes narkotisirend ein, beruhigend, dämpfend oder ganz h e m m e n d ; dies ist die Grundbedingung der sog. Euphorie. Auf andere seelische Funktionen hat das Mittel dagegen keinen besonderen Einfluss, jedoch ist sehr wohl ein glatteres Ablaufen derselben infolge der Ausschaltung der sonst vielfach störenden Unlustempfindungen denkbar. Wie diese Wirkung des Morphiums sich im genaueren abspielt, wird ein ewiges Rätsel bleiben, aber verständlich ist darum die Thatsache doch, dass diejenigen Menschen, bei denen durch den Gebrauch des Narcoticums ein derartiger anormaler, unnatürlicher Ablauf der sog. Assoziationsvorgänge der U n 1 u s t g e f ü h 1 e entstanden ist, bald auch Reize, die durch Umstände des äusseren Lebens zu Unlustgefühlen anlass geben, i n t e n s i v e r e m p f i n d e n , desgleichen auch körperliche und seelische S c h m e r z e n. Andererseits ist es sehr wohl denkbar, dass die Bildung von Unlustgefühlen jeder Art jetzt schrankenlose, unkontrollirbare Bahn findet, ja geradezu entfesselt wird, — was auch in der Morphium–Abstinenz, im sog. „Morphiumhunger“ geschieht, — wenn der Kranke das bezähmende Morphium sich nicht immer von neuem zuführt.
Diese Ueberlegung macht es v e r s t ä n d 1 i c h , warum der Morphinist selbst bei leichtem körperlichen Unwohlsein zur Spritze greift, um sich über Zustände hinwegzuhelfen, für welche ein anderer kaum ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen würde, warum gerade er bei jeder Unannehmlichkeit, wie sie Haushalt und Ehe, bei jeder Friktion, wie sie Beruf und Umgang jedem in jedem Augenblick tausendfältig bringen, bei jeder psychischen Gleichgewichtsstörung, wie Kummer, Sorgen, Aerger, Verdruss, u.s.w. im Morphium, das allen schmerzhaften Gemütserregungen ihre Schärfe nimmt, seinen Tröster sucht und findet.
Dies allein ist die viel berufene „ M o r p h i u m s u c h t ,“ d i e n u r e i n S y m p t o m , e i n e T e i l e r s c h e i n u n g d e r M o r p h i u m – K r a n k h e i t ( M o r p h i n i s m u s c h r o n i c u s ) die sich jetzt allmählich ausbildet, ist. Die unglückliche, ganz und gar unzutreffende Bezeichnung Morphiumsucht sei daher ganz ausgemerzt und damit die Hauptquelle verstopft, die immerdar wieder zu falschen Ansichten und Vorurteilen Anlass giebt. Denn um eine Sucht im Sinne der Befriedigung einer Leidenschaft handelt es sich überhaupt niemals beim chron. Morphiumgebrauch, zumal im späteren Stadium der Krankheit, sondern ein absolut z w i n g e n d e s B e d ü r f n i s s allein, das die notwendige Folge der Gewöhnung des Körpers an das Mittel ist, dringt dem Kranken immer wieder die Spritze auf. Wie der letztere selber unter diesem Zustande schwer leidet, werden wir nachher sehen, aber schon jetzt ist uns klar, was es mit der angeblichen „Leidenschaft,“ dem „Laster“ für eine Bewandtniss hat.
Der Morphinist ist also kein widerstandsloser Schwächling, der unsere Verachtung, sondern ein bedauernswerter K r a n k e r, der unser tiefes Mitleid verdient. Er steht unter dem Circe–Bann des Morphiums und fühlt recht wohl die drückende immer tiefer einschneidende Fessel, die er aber aus eigener Macht nicht abstreifen kann. Kein human Denkender wird daher den Stab über einen Morphiumkranken brechen, zumal entschieden in der Mehrzahl der Fälle ein eigenes Verschulden des Kranken nicht vorliegt! Wäre der Mehrzahl derjenigen, welche das Morphium als Wohlthäter anrufen, die Gefahren, die sie zugleich damit heraufbeschwören, genauer bekannt, sie würde sicher zumeist auf das Mittel verzichten. Und nicht zum wenigsten auch der Kranke selbst, trotz des Schmerzenslagers, wenn er all das spätere Elend vorausschauen könnte.
D a s V e r l a n g e n , d a s B e d ü r f n i s s n a c h M o r p h i u m äussert sich individuell bei Morphium–Kranken ganz verschieden. Ein Teil derselben empfindet überhaupt nichts derartiges, sondern bedient sich des Narcoticum's nur bei Eintritt von k ö r p e r l i c h e n S c h m e r z e n ; ein anderer und zwar der Haupt–Teil gebraucht Morphium chronisch, weil er es infolge der Gewöhnung gebrauchen muss, verspürt wohl auch des öfteren ein „pures Verlangen“ darnach, kennt aber dabei die Gefahr und sucht daher so gut als möglich Widerstand zu leisten: das sind diejenigen, die lange Zeit auf g l e i c h e r o d e r n u r w e n i g v e r s t ä r k t e r Dosis stehen bleiben, sich gelegentlich auch wohl selber reduziren oder es wenigstens mit mehr oder weniger Erfolg versuchen und die nur Weiterspritzen, weil sie es eben m ü s s e n – aus Gründen, die oben auseinander gesetzt sind; die Kranken dieser Art liegen gewissermassen in einem ewigen Kampfe mit dem Morphium. Ein dritter, der kleinste Teil endlich unterliegt s e h r 1 e i c h t dem Zwang des Morphium's und kommt daher in kurzer Zeit schon zu hohem Dosen.
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D I E M O R P H I U M - A B S T I N E N Z
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Das Gefühl der Euphorie d. h. S c h m e r z s t i 1 1 u n g mit gleichzeitiger, angenehm empfundener Aenderung der Gemütsstimmung ist, wie schon mehrfach erwähnt, nur eine Wirkung der Injektionen der ersten Zeit, oft nur der ersten Einspritzungen überhaupt; dieselbe verblasst bald mehr und mehr und schliesslich ist nur noch eine gewisse B e r u h i g u n g die Folge der stets erneuerten und vermehrten Morphium–Zufuhr. Trotzdem aber bleibt die Euphorie in den meisten Fällen das gleissnerische Thor zu der Strasse, die, wie Levinstein sich ausdrückt, unter Palmen zum Verderben führt und auf der der Kranke bald zu dem Punkte angelangt ist, wo er dem Zwang seiner Nerven folgen muss, die des Morphiums bedürfen, um weiter funktionieren zu können, wo. sein Organismus des Mittels b e n ö t i g t, um nicht zu versagen oder gar gänzlich zusammenzubrechen. Jetzt, wo der Kranke unter dem Banne des Morphiums steht, kann man ihm nicht mehr dasselbe ohne weiteres entziehen, ohne dass sich die heftigsten Beschwerden und Schmerzen, je länger nach der letzten Injektion um so heftiger einstellen. Dieser sog. „A b s t i n e n z – Z u s t a n d“ hat kein Analogon: es ist eine bis zur höchsten Potenz allmählich sich steigernde, qualvolle psychische Unruhe, verbunden mit schmerzhaften eigentümlichen Empfindungen unbestimmter, aber nichts destoweniger höchst lästiger Art in allen Körperregionen, besonders in den Waden und um die Kniegelenke herum. Krampfhaftes Niesen und Gähnen, Thränen der Augen, Gefühl von Uebelkeit, Erbrechen resp. Durchfälle stellen sich ein; ein Gefühl öder Leere, niederschlagender Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit mit totaler Unfähigkeit zu ,jeglicher, auch nur der geringsten körperlichen und geistigen Leistung überkommt den Kranken, der dann schlaff und apathisch daliegt oder sitzt, und in Thränen, nicht selten in Weinkrämpfe ausbricht. Der Puls wird sehr oft klein und schlecht, die Atmung infolge nervöser Einflüsse asthmatisch erschwert, das Aussehen spitz und fahl: eine sehr bedenkliche Störung der Herzthätigkeit ( C o 1 1 a p s ) ist jetzt zu befürchten, wenn nicht schleunigst eine kräftige Dosis Morphium applizirt wird. Die gebräuchlichen herzstärkenden Mittel (Analeptica) hier anzuwenden, ist völlig zwecklos: einige Centi Morphium genügen, dass schon in einigen Minuten der Puls gebessert, die, Herzthätigkeit gekräftigt wird; die quälenden Empfindungen und Gefühle verschwinden langsam und allmählig wird das Befinden wieder erträglich.
In einem derartigen Abstinenzzustand, überhaupt in jener Zeit des chronischen Morphium–Gebrauches, wo ein solcher stets eintreten kann und sicher eintritt, wenn man plötzlich das Mittel fortlassen würde, an die Energie, Moral, Ehrgefühl des Kranken zu appelliren in der Absicht, ihn von ferneren Injektionen abzuhalten, ist also völlig unsinnig, ja einfach lächerlich; der festeste Wille, die beste Moral, das empfindlichste Ehrgefühl sind gegenüber den quälenden Empfindungen und Plagen, Schmerzen und psychischen Leidenszuständen des Abstinenz ganz und gar machtlos.
Wer je Gelegenheit hatte, einen derartigen Abstinenzzustand bei einem Kranken zu beobachten, wird ungefähr ermessen können, was eine p l ö t z l i c h e Entziehung bedeutet. Die eben geschilderten Symptome pflegen bei einer solchen Kur nur die Ouvertüre zu dem nachfolgenden Trauerspiel zu bilden, in dessen Verlauf es geradezu zu höllischen Zuständen und erschütternden Scenen kommt, die nicht selten mit dem Tode oder dem körperlichen und geistigen Siechtum des unfreiwilligen Helden enden. Doch darüber nachher.
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D I E M O R P H I U M - N E U R A S T H E N I E
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Die ausgebildete Morphiumkrankheit d.h. die chronische Intoxication mit Morphium ist — was die p s y c h i s c h e n Symptome anbelangt — als eine schwere Form der Neurasthenie, wie Beard letztere zuerst präcisirte, zu betrachten; am passendsten daher als M o r p h i n m-- N e u r a s t h e n i e zu bezeichnen; dieselbe bildet sich nach verschieden langer Zeitdauer des Gebrauches aus und ist bei den einzelnen Kranken mehr oder weniger ausgeprägt vorhanden.
Die Kranken ermüden leichter und schneller bei körperlichen Bewegungen und bei den Verrichtungen des täglichen Lebens, wie sie Beruf und Häuslichkeit mit sich bringen; Wege und Spaziergänge, die sie früher leicht zurücklegten, fallen ihnen jetzt schwer, sie müssen öfter ausruhen und gebrauchen längere Zeit dazu. Sie suchen mehr die Einsamkeit auf, sind viel und gern allein mit sich, ja werden oft geradezu menschenscheu, weil sie die Vorurteile der Gesellschaft fürchten; dazu wird die Stimmung des Patienten oft eine gedrückte, weil er die traurige Fessel recht wohl fühlt und vor allem verzweifelt er an seiner eigenen Genesung, weil scheinbar kein Entrinnen möglich ist.. Infolgedessen wird er reizbar und unduldsam, er kann plötzlich, selbst auf kleine Veranlassungen hin, aus der grössten Seelenruhe in die grösste Zornmütigkeit geraten und daher wird er vielfach in geselligen Kreisen missliebig, in der Familie gefürchtet.
Seine Arbeitsleistung wird sehr oft geringer, weil sie ihm mehr Mühe macht, seine Energie wird matter; besonders das Aufstehen morgens fällt ungemein schwer und wird schliesslich fast ganz unmöglich, wodurch wieder häufig berufliche und dienstliche Unannehmlichkeiten entstehen; Entschlüsse werden schwer und meist nach vielfacher Aenderung erst gefasst.
Ausdrücklich muss ich aber hier bemerken, dass in manchen Fällen, die allerdings den kleineren Teil bilden, von derartigen neurasthenischen Symptomen, abgesehen von einem aufgeregten, sog. nervösen Gebahren, so gut wie nichts vorhanden ist, ja wo man alle Ursache hat, die Energie und Schaffenskraft des Patienten, sein liebenswürdiges Wesen etc. trotz seiner Krankheit zu bewundern. Wir sehen daher auch eine Menge Kranker, die ihren Beruf, ihr Amt, ihre häuslichen und sozialen Pflichten nur so gut und umsichtig versehen, wie eins anderer völlig Gesunder. Auch in dieser Beziehung macht man sich zumeist die absonderlichsten Vorstellungen über die sog. Morphinisten.
Andererseits zeigt sich die Einbusse an Energie und die Unfähigkeit längere Zeit Gedanken zu konzentriren, auch noch während der Entziehungszeit, häufig darin — ein charakteristisches Zeichen — dass der Kranke nicht im Stande ist, einen Brief oder nur eine Mitteilung von wenigen Zeilen zu Wege zu bringen oder wochenlang lässt er ev. die Anfänge dazu auf seinem Schreibtische liegen.
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Die Intelligenz und geistige Auffassungskraft leiden durchweg in keiner Weise; das einzige, was meist und deutlich beeinträchtigt erscheint, ist das Gedächtniss. Daneben aber stumpft sich, was besonders in die Augen fällt, das G e f ü hl s l e b e n mit seinen mannigfachen Neigungen und Liebhabereien häufig ab: alles, was den Patienten früher interessirte und beschäftigte, Familie, Amt, Beruf etc. werden ihm jetzt gleichgiltig oder gar widerwärtig. Allein auch dieses passt lange nicht für alle Fälle.
Entschieden in keiner Weise erfährt das ethische und moralische Verhalten des Kranken auch nur die geringste Beeinträchtigung: wo scheinbar ein Defizit solcher Art besteht, ist es nur in puncto Morphium, der allerdings schwächsten Seite des Kranken. Allermeist wird der letztere aber zu Vergehen nach dieser Richtung hin durch die Vorurteile und das oft ungeschickte Verhalten seiner Umgebung veranlasst. Im übrigen sind die Morphiumkranken nicht besser und nicht schlechter als der Menschen–Durchschnitt überhaupt. Ich habe unter den Morphinisten der gebildeten Kreise fast ausnahmslos die ehrenwertesten Leute gefunden, denen man zum Teil die höchste Achtung nicht versagen konnte.
Wie man die psychischen Folgezustände des chronischen Morphiumgebrauches — selbst mit Berücksichtigung der gleich zu beschreibenden körperlichen Folgen — so schroff als „vorzeitig eintretendes Greisenalter“, als „psychische Schwäche“ oder als „moralisch–psychische Depravation“ bezeichnen konnte, ist mir immer unfasslich gewesen. Hier war wohl nur die Phantasie oder das eigene Verhalten die Mutter der Wahrnehmung: Man denkt eben zu allermeist bei dem Namen Morphinisten an die schweren Fälle jahrelangen Spritzens in hohen Dosen, die glücklicherweise nur die Ausnahme bilden; aber auch in diesen stellt das psychische Krankheitsbild nur eine mehr weniger ausgeprägte Neurasthenie dar.
Die überwiegende Mehrzahl der sog. Morphinisten sind Leute in der Vollkraft ihrer Jahre, deren tägliche Dosis sich oft nach Centigrammen, meist nach Dezigrammen bis zu 1 Gramm bemisst; Dosen über 1 ½ Gramm sind schon selten, darüber hinaus Ausnahmen. Fälle über 4 Gramm täglichen Morphiumgebrauches sind mir nicht bekannt, dagegen wohl ein Fall täglichen innerlichen Opiumkonsums in Tinkturform von 50 Gramm. Selten nimmt der Kranke das Narcoticum 1 – 2 Jahre, ohne nicht schon ernstliche Versuche zu seiner Heilung gemacht zu haben.
Schliesslich sei noch erwähnt, dass es Fälle jahrelangen beträchtlichen Morphiumgebrauches giebt, denen man überhaupt fast nichts anmerken kann, deren Aussehen an Frische und Gesundheit kaum etwas eingebüsst hat und deren allgemeines körperliches wie geistiges Verhalten fast das alte geblieben ist, während andererseits wieder oft nur wenige Monate genügen, um ein schweres Krankheitsbild hervorzurufen.
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D I E G E M Ü T S S T I M M U N G D E S M O R P H I U M K R A N K E N
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Der Kranke selber leidet unter seinem Zustand am meisten: er empfindet durchweg selber das Unwürdige der Rolle des Heuchlers und Heimlichkeitskrämers, die er allen, oft selbst seinen nächsten Angehörigen gegenüber, spielen muss; er fürchtet eben die gesellschaftlichen Vorurteile, die ihn ganz niederdrücken und wird dazu stets noch von der Angst beherrscht, sein Leiden möchte offenbar werden und unfreiwillige Entfernung aus dem Amte, Verlust der Stellung, Ausbleiben der Klientel dann die Folge sein. In mancher stillen Stunde denkt darüber der Morphiumkranke nach, mit wenigen Ausnahmen, und dann steigt wohl auch drohend wie ein Gespenst die Zukunft vor ihm auf und bang fragt er sich, was aus ihm, was aus seiner Familie werden soll. Den Weg der Rettung sieht er nur in einer Entziehung des Narcoticums, die nach dem, was er darüber gelegentlich gehört und gelesen hat, überaus qualvoll und schrecklich sein muss; dazu kommt, dass er allmählig vermeint, ohne sein Morphium, welches ihn allein noch immer aufrecht erhält, obwohl er meist selber es von Herzen verabscheut, nicht mehr auskommen zu können: was wunder, dass also niederschlagende Hoffnungslosigkeit sein Gemüt bedrückt, dass hypochondrische, melancholische Gedanken ihn quälen, Menschenscheu, Verschlossenheit nach und nach Besitz von ihm nehmen, weil man seinem Leiden kein Verständniss entgegenbringt, und dass er überhaupt schliesslich ganz und gar an seiner Genesung verzweifelt ?
Wahrlich in diesem Sinne ist der chronische Morphiumgebrauch eine Teufelei für den Kranken und alles andere eher als eine Leidenschaft, als ein Laster, dem er in „frenetischer Lust“ fröhnen soll. Aber trotzdem hat der Morphiumkranke nicht den geringsten Grund zu verzagen; er fasse nur einmal — was freilich schwer fällt — den festen Willen und Entschluss, frei und gesund zu werden und er wird selber dann bald der am meisten Ueberraschte sein.
Durchweg ist allen Kranken schon die fortwährende s k l a v i s c h e A b h ä n g i g k e i t v o n S p r i t z e u n d L ö s u n g überaus verhasst und unangenehm: wohl keiner möchte nicht herzlich gern von der Kette, die er stetig mit sich herumschleppen muss, befreit sein. Häufig ist den Franken auch die Beschaffung von Morphium recht erschwert, obwohl der spendenden Quellen sonst genugsam fliessen, und äusserst peinlich ist dann die Verlegenheit. Tagsüber lässt sie ferner die ängstliche Besorgniss nicht los, ob die Spritze auch heil sei, die Nadeln auch durchlässig sind, ob sie genügend Lösung bei sich haben, ob sie mit der letzten Injektion auch auskommen werden; geflissentlich müssen sie überall nach einem Plätzchen Umschau halten, wo ungestört eine Einspritzung vorgenommen werden kann, ängstlich muss dazu die Gelegenheit erspäht werden, oft mitten in den Berufsgeschäften, und dann peinigt sie noch immer die Besorgniss, dass man ihnen etwas anmerken könne. Namentlich die Kranken, die viel die Eisenbahn benutzen müssen, deren Berufsthätigkeit überhaupt zumeist ausserhalb des Hauses sich abwickelt, besonders Militairs, die im Manöver oder lange im Sattel sind, wissen davon ein Lied zu singen.
Die Folgen der geschilderten Umstände sind, dass der Kranke in der Regel vorsichtshalber, um nur ja möglichst lange aushalten zu können, grössere Dosen — sog. Luxusdosen — nimmt, obwohl er recht gut mit einem geringeren Quantum — sog. Arbeitsdosis — die nach dem Stande seiner Gewöhnung vollkommen zur Aufrechterhaltung seiner Leistungsfähigkeit hinreichen würde, auskommen könnte. Natürlich schraubt er so seinen Tagesverbrauch nur zu immer bedenklicherer Höhe hinauf.
Von den vielfachen anderen P l a c k e r e i e n u n d U n a n n e h m l i c h k e i t e n, denen der Morphium–Kranke ausgesetzt ist, genügt es nur noch einige anzuführen, um darzuthun, in wie bedauernswerter Lage derselbe meist steckt. Ein wahres Kreuz sind die häufig und immer wieder auftretenden E n t z ü n d u n g e n r e s p. A b s c e s s e unter der Haut, die, äusserst schmerzhaft und oft mit hohem Fieber einhergehend, meist ärztliche Hülfe erheischen. Am besten schützt man sich noch dagegen durch vorherige peinliche Säuberung der Einstichstelle mit Alkohol, öfteres Ausspritzen der Nadel und Spritze mit 3 % Carbol, wiederholtes Aufkochen der Lösung selbst und durch Vermeiden des Tragens von scheuernder Unterwäsche; beginnt sich trotzdem eine Eiterung zu bilden, dann Ruhigstellung der betr. Gegend und Auflegen von Eis. Uebrigens ist die event. notwendige Eröffnung von Abscessen mittels Schleich'–scher Infiltrationsanästhesie völlig schmerzlos zu bewerkstelligen. — Die Körperoberfläche bietet häufig infolge vorangegangener oder noch bestehender Abscesse, Narben, Verdickungen und Rötungen an den zahlreichen Einstichstellen einen nichts weniger als schönen Anblick dar.
Ein unangenehmer Zufall ist auch der Anstich einer Vene, e i n e V e n e n i n j e k t i o n, d. h. die Injektionsnadel spiesst eine Blutader an und der Inhalt der Spritze ergiesst sich ganz oder zum Teil direkt in die Blutbahn. Der Kranke merkt dies sofort, fast blitzartig: es tritt eine starke Kongestion nach dem Kopfe ein mit Hitze, Sausen und Klopfen“ in den Schläfen, und verbunden mit einem allgemeinen Angstgefühl und Atembeklemmung; zugleich spürt er ein prickelndes Gefühl im ganzen Körper bis in die Fingerspitzen hinein, der Herzschlag ist dabei verstärkt und vermehrt. Um ein derartiges Vorkommnis zu vermeiden, benutze man vor allem nicht die venenreiche Beugeseite der Gliedmassen zu Injektionen. Uebrigens legen sich die stürmischen Folgen einer so missratenen Einspritzung schon nach kürzester Zeit; gefährlich werden dieselben fast nie.
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W I R K U N G D E S M O R P H I U M S A U F E I N Z E L N E O R G A N S Y S T E M E
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1. Nerven und Muskeln.
Von den Folgen des Morphium–Gebrauches auf die Nerven ist zunächst eine mehr oder weniger ausgeprägte A b s t u m p f u n g (Anästhesirung) der Sensibilität, d e s G e f ü h l s s i n n e s zu erwähnen; so wird z.B. vielfach die Handschrift unsicher und verliert ihren Charakter, was auf dem Verschwinden des feinen Muskelgefühls in Arm und Hand beruht und weniger durch ein Zittern in den letzteren veranlasst wird. Ein Zittern in den Gliedmassen, hervorgerufen durch Morphium, habe ich überhaupt fast nie beobachtet, wohl aber häufig auch eine Unterdrückung des feineren Muskelgefühles in den Beinen, wodurch eine gewisse Unsicherheit und Schwerfälligkeit, ein Schwanken, beim Gehen entsteht. Nicht selten empfindet der Patient ein Gefühl von Kribbeln, sog. Ameisenlaufen in den Extremitäten.
Das Muskel– oder Kraftgefühl d.h. die Empfindung der elastischen Spannung der Muskulatur in den Extremitäten, die das Gefühl strotzender Kraft beim Gesunden hervorruft, ist gleichfalls während der Morphiumzeit unterdrückt, kehrt aber bei fortschreitender Entziehung ausnahmslos wieder: der Patient berichtet dann freudig, wie er selber von Tag zu Tag mehr empfinde, dass sein altes Kraftgefühl sich wieder einstelle. — Sehr oft ist mir ferner auch von den Kranken berichtet worden, dass sie jahrelang, während des Morphiumgebrauches, nicht geniest hätten, auch sich nicht erinnerten, in dieser Zeit je einen Schnupfen gehabt zu haben, was auf der Abstumpfung der Sensibilität der Nasenschleimhaut beruhen dürfte. Auf Störungen des Muskelgefühls, d.h. der Nerven–Endorgane in den einzelnen Muskelfasern resp. auf deren Ausgleich beruhen vielleicht auch die während der. Entziehung sich häufig einstellenden Wadenkrämpfe.
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2 . C E N T R A L N E R V E N S Y S T E M
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Von den anatomischen Veränderungen, die ein jahrelanger Morphiumkonsum in den e i n z e l n e n K ö r p e r o r g a n e n erzeugt, ist, offen gestanden, noch herzlich wenig bekannt. Zumeist deutet man die klinisch in Erscheinung tretenden einzelnen Organstörungen als „nervösen“ Ursprungs durch Unregelmässigkeit in der F u n k t i o n , die sonst vom Nervenapparat genau geregelt wird, bedingt. Es ist diese Annahme allerdings auch nur ein Notbehelf, aber beweisende pathologischanatomische Präparate liegen eben fast gar nicht vor.
In erster Linie gilt dies von dem Gehirn und Rückenmark. Der Natur der Sache nach liegen hier die Störungen fast nur auf psychischem Gebiete, wie genauer in den beiden vorhergehenden Kapiteln auseinandergesetzt ist. In der Regel aber sieht man bezüglich dieser beiden nervösen Centralorgane zu schwarz. Bis jetzt ist keinerlei anatomische d.h. stoffliche nachweisbare Veränderung in denselben vorgefunden worden; die Störungen können daher nur auf veränderter chemischer Basis in den einzelnen Zellengruppen zustandekommen, infolge dessen dieselben auch fast stets vorübergehender Natur sind und mehr und mehr weichen, je weiter die Entziehung voranschreitet. Es ist oft für den Arzt eine herzerquickende Freude, diese Wiedergeburt des psychischen Lebens an seinem Patienten zu beobachten; der Vergleich von der versinkenden Nacht, die vorher das Gemüt umdüsterte, und dem aufsteigenden strahlenden Morgenlicht ist wahrlich nicht zu weit hergeholt. Allein aus diesem Grunde schon ist, nebenbei bemerkt, kein Patient seinem Arzte dankbarer als der geheilte Morphiumkranke.
Ein quälendes Symptom ist oft unruhiger, vielfach unterbrochener unzureichender S c h 1 a f resp. gänzliche Schlaflosigkeit; die schliesslich eintretende Ruhe wird dann nur durch Ermattung des Körpers herbeigeführt, nicht durch das normale Müdigkeitsgefühl des Gesunden. Die Gefahr ist stets vorhanden, dass der Kranke zu Schlafmittel (Chloral, Trional, Sulfonal, Amylenhydrat, Chloralamid, Paraldehyd, Bromidia etc.) seine Zuflucht nimmt und allmählig mehr davon gebraucht, als ihm zuträglich ist, und nicht selten wird die Morphium–Krankheit durch den starken Konsum derartiger Mittel — Fälle bis zu 10 gr. Chloral pro Tag sind mir bekannt — erheblich komplizirt. Neben einer Entziehung des Morphium's hat gegebenen Falls eine langsame vorsichtige Entwöhnung von Schlafmitteln, die häufig den schwierigeren Teil der Heilung darstellt, einherzugehen.
Schreckhafte T r ä u m e , oft höchst unangenehmer und ängstlicher Natur, und sich immer wieder aufdrängende Zwangsideen oder Vorstellungen in einer bestimmten Richtung sind ebenfalls häufig ein Gegenstand der Klagen von Morphiumkranken. Bei voranschreitender Entziehung bleiben derartige Erscheinungen aber mehr und mehr aus und verschwinden schliesslich ganz.
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S C H W E R E R E F Ä L L E V O N M O R P H I U M K R A N K H E I T
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Natürliche Voraussetzung ist, dass der Kranke nicht durch zu, hohe oder stark k o n z e n t r i r t e D o s e n resp. jahrzehntelangen Gebrauch sein Centralnervensystem zu sehr misshandelt hat. Sind mir doch Fälle bekannt, die jahrelang nur mit 4 und 5 % Lösung operirten, womöglich davon noch mehrere Spritzen hintereinander mehrmals nahmen; in einem mir persönlich bekannten Falle gebrauchte ein junger Mann lange Zeit hindurch eine 14 %(!) Lösung; die letztere musste jedesmal vor der Injektion heiss gemacht werden, damit sich die in so stark konzentrirter Lösung natürlich in dichter weisser Masse niederschlagenden Morphium-Krystalle erst wieder auflösen konnten. Des Weiteren kannte ich einen Amerikaner, der sich monatelang nur einmal am Tage, in e i n e r Sitzung 1 ½ - 3 gr. (!) in ca. 30–60 Spritzen hintereinander einjagte! Dass natürlich ein derartiger immer wiederholter Chok häufig ruinirend auf das Nervensystem wirkt, liegt klar auf der Hand; trotzdem hat man aber doch noch oft Gelegenheit, das Mass von Misshandlung, welches der Körper von unverständiger Hand vertragen kann, zu bewundern.
Geisteskrank wird auch der schwerste Morphiumkranke n i e m a l s , wenigstens sicherlich nicht durch das Morphium allein; hier kommen gegebenen Falls noch andere Umstände in Betracht: ererbte nervöse Disposition, frühere Lebensweise, Nikotin, Cocain, sehr häufig Alkoholismus.. und der chronische Gebrauch von Schlafmitteln, besonders des Chlorals, das am meisten genommen, aber am schlechtesten von Morphinisten vertragen zu werden pflegt. Fälle, wie z.B. folgender mir persönlich bekannte, in dem der tägliche Konsum neben ungezählten Flaschen Bier 4 gr. Morphium, 3 gr. Cocain, 10, gr. Chloralhydrat betrug, kommen immerhin häufiger vor, als man denkt.
Das Endstadium derartiger, doch glücklicherweise nur die Ausnahme bildender Fälle ist dann wohl — wenn kein Versuch zu vorheriger Rettung gemacht wird — schliesslich ein Erlöschen des gesammten Gefühlslebens mit gleichzeitig tief niedergedrückter Gemütsstimmung, ein Zustand, der häufig direkt die Ursache von Selbstmord wird. Oder aber der bedauernswerte Kranke, dessen Geist und Körper gebrochen ist, unterliegt den Folgen einer durch das Morphium bewirkten Organveränderung oder einer anderen dazwischentretenden Krankheit, die natürlich sehr leichtes Spiel zu ihrem Zerstörungswerke findet. —
An dieser Stelle schon nehme ich vorweg, dass fast jeder Morphiumkranke heilbar ist, ganz gleich, wie hoch und wie lange er Morphium gebraucht, oder ob eine scheinbar, noch so schwere Organstörung besteht; selbst in sog. unheilbaren Fällen d.h, solchen, in denen ein irreparables Grundleiden die stetige bleibende Veranlassung zum Weitergebrauch bildet, kann der kundige Arzt den Kranken soweit bringen, — wenn er ihm auch nicht das Narkotikum ganz entziehen kann — dass letzterer sich erholt und Gelegenheit findet, in dieser Zeit den angehäuften Ueberschuss von Morphium aus seinem Körper loszuwerden. Sehr bemerkenswert ist dabei für Patienten solcher Art die Thatsache, dass die sog. „ungiftige“ Dosis des Morphiums bei 0,1 pro Tag liegt und dass lange Zeit durch geschicktes Operiren diese Höhe gehalten weiden kann.
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3 . H E R Z
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Von den einzelnen Organsystemen, die durch den chronisch. Morphiumgebrauch besonders irritirt werden, sind noch au nennen Herz, Magen– und Darmkanal und die Genitalsphäre.
Vielfach giebt das Herz bei Morphiumkranken zu Störungen — Geräusche, Unregelmässigkeit und gelegentliches Aussetzendes Pulses, Anfälle von Herzklopfen, verbunden mit sog. „Herzangst“ — anlass; kein Wunder, wenn man bedenkt, dass das Morphium gleichwie der Alkohol ein „Herzgift“ ist, d.h. besonders schädigend gerade auf dieses Organ wirkt.
Ob eine derartige Störung der Herzthätigkeit, jedesmal auf eine beginnende Verfettung der Muskulatur desselben zurückzuführen ist, lasse ich dahin gestellt; jedenfalls bleiben nach beendeter Entziehung die gen. H e r z s y m p t o m e vielfach weg und stellen sich auch nicht wieder ein. In schweren Fällen chronischer Morphiumvergiftung kommt es wohl, wie durch Präparate nachgewiesen ist, zu ausgebildeter fettiger Degeneration der Herzmuskelfasern und damit zu einer schweren Komplikation: aber auch das nur wieder bei besonders disponirten Individuen, wie ich zu beobachten Gelegenheit hatte d.h. nicht selten bei sehr korpulenten Personen resp. solchen, deren ganzer schwächlicher Habitus, sehr graziler Knochenbau etc. auch auf ein wenig widerstandsfähiges Herzorgan schliessen liessen.
Nicht ohne Einfluss auf das Zustandekommen schwererer Herzstörungen bei älteren Morphinisten sind sicherlich auch event. früher durchgemachte Zwang– und Schnellkuren, während derer ja stets das Damoklesschwert des Herzcollapses über dem Haupte des Patienten schwebt, und vor denen daher schon aus diesem Grunde allein nicht eindringlich genug gewarnt werden kann. In sehr vielen Fällen findet sich auch nicht die geringste Herzstörung; äusserst selten sah ich solche bei jüngeren Männern.
Immerhin bleibt aber das Herz des Patienten das Barometer der Entziehungskur und der erste Blick des ärztlichen Beraters muss täglich diesem gelten. — Nervöse Respirationsstörungen d . h . A s t h m a ä h n l i c h e Z u s t ä n d e , die gleichfalls vorkommen, sind nicht mit Störungen der Herzthätigkeit, sog. stenokardischen Anfällen zu verwechseln.
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4 . V E R D A U U N G S T R A K T U S
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Ein weiteres Sorgenkind der Morphiumkrankheit ist der „ s c h w a c h e M a g e n ", der leicht auf die geringste Veranlassung hin ein „ v e r d o r b e n e r “ wird. Die Verdauung liegt überhaupt während eines längeren Morphiumgebrauches meist darnieder, starke Verhaltung besteht oft, Appetitlosigkeit, Belegtsein der Zunge und unangenehmer Geschmack im Munde, Widerwillen gegen gewöhnliche Speisen, besonders Fleisch, dagegen öfter Verlangen nach Süssigkeiten, Uebelkeit, die sich häufig bis zum Erbrechen steigert, nicht selten plötzlich einsetzende schmerzhafte Diarrhöen etc.
Hier sind entschieden central–nervöse Einflüsse auf die Verdauung mit im Spiele, die störend auf die Thätigkeit der Darmnerven und ihrer Endapparate, aber auch der Verdauungsdrüsen einwirken — Umstände, die noch wahrscheinlicher gemacht werden durch neuere Untersuchungen, denen zufolge ein Teil des unter die Haut gespritzten Morphiums schon nach kürzester Zeit auf der S c h l e i m h a u t d e s M a g e n s ausgeschieden wird und nun den ganzen Darmkanal zusammen mit der aufgenommenen Nahrung passirt, also hier direkt reizend wirken kann.
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5 . G E S C H L E C H T S S P H Ä R E
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Am intensivsten, wenn auch am ungefährlichsten äussern sich die Folgen des chron. Morphiumgebrauches in der G e s c h l e c h t s s p h ä r e : das ganze Sexualleben verfällt gleichsam in einen narkotischen Schlaf. Bei Männern tritt in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle, aber erst bei höheren Dosen resp. nach längerer Konsumzeit, Impotenz ein, derart, dass zuerst die Libido sexualis erlöscht und dann keine Erektionen und Pollutionen mehr zustande kommen. Ob es sich hier nur um sog. p s y c h i s c h e I m p o t e n z handelt d.h. um ein Darniederliegen der für die gedeihliche Abwicklung des sexuellen Lebens so unerlässlichen geistigen Vorstellungen, ist nicht ausgemacht. Zu unwahrscheinlich ist es jedenfalls, dass das Morphium direkt Einfluss auf die Hodenthätigkeit, also die Spermabildung haben soll; eher noch dürfte eine durch das Mittel verursachte funktionelle Störung der entsprech. nervösen Rückenmarks–Centren für die Erektion und Ejakulation anzuschuldigen sein.
Uebrigens ist die M o r p h i u m – I m p o t e n z etwas vorübergehendes; nichts destoweniger bringt sie den Patienten nicht selten in peinliche Situationen, vor denen dieser sich dann oft durch den höchst unangebrachten und gefährlichen Gebrauch gewisser innerer Mittel zu schützen sucht, die alle den Zweck verfolgen sollen, den sich sträubenden Amor gewaltsam herbeizuzerren. Vor derartigen Versuchen ist nur eindringlich zu warnen. Während der allmähligen richtig geleiteten Entziehung erwacht ausnahmslos das Geschlechtsleben des Patienten von selber zu neuem Frühling und treibt nicht selten überreichlich frische Blüten. — Ueberhaupt pflegen die ersten Signale des angetretenen Rückzuges des Morphiums aus dem Körper Pollotionen zu sein, die oft so zahlreich sich einstellen, dass sie lästig und unangenehm empfunden werden.
Analog sind die sexuellen Vorgänge bei den F r a u e n . Bei den meisten derselben sistirt die sonst regelmässig eintretende Periode vollständig während der Morphiumzeit oder sie wird unregelmässig und spärlich und ist in letzterem Falle häufig mit kolikartigen Schmerzen verbunden. Auch hier sind wohl hauptsächlich nur Einflüsse nervöser Natur auf Ovarien und Uterus im Spiele, denn nicht selten wird während der Entziehung die Patientin plötzlich wieder „unwohl“, zumeist zu ihrer eigenen grossen Ueberraschung, nach jahrelanger Pause und trotz vermeintlich überwundenem Standpunkt. A u s n a h m e n andererseits, bei Männern wie Frauen, wo das Sexualleben gar nicht tangirt erscheint, hat man auch Gelegenheit zu beobachten und normale Cohabitation, Conception und Schwangerschaft, selbst bei jahrelangem Morphium gebrauch und hohen Dosen, ist sehr wohl möglich und auch erwiesen.
Von den übrigen Wirkungen des chronischen Morphiumgebrauches auf den Organismus, die aber mehr n e b e n s ä c h1 i c h e r Natur sind, seien noch die bekannten engen M o r p h i u m – P u p i l l e n erwähnt, deren Ursache noch nicht genügend aufgeklärt ist; dieselben sind sehr charakteristisch. Sehstörungen kommen wohl vor, besonders während der Entziehung, beruhen dann aber allein auf einer vorübergehenden Aenderung der Accommodationsbreite.
Die N i e r e n scheinen fast nie durch Morphium irritirt zu werden, zum wenigsten lässt sich Eiweiss im Urin sehr selten nachweisen, vorausgesetzt natürlich, dass von vornherein keine Nierenaffektion bestand. Auch ist Zucker im Urin wohl niemals eine direkte Folge des Morphium–Konsums. Ev. eintretende Störungen der Harnentleerung haben keine ernstere Bedeutung und sind nur vorübergehender Natur. Ein sehr lästiges und unangenehmes Symptom sind dagegen oft die plötzlichen, intensiven S c h w e i s s ausbrüche, besonders auf der Stirn, aber auch nicht selten über den ganzen Körper, verbunden mit Frostgefühl. K a 1 t e Hände und Füsse, sowie Kongestionen nach dem Kopfe geben auch zu häufigen Klagen unserer Kranken anlass: dieselben sind bedingt durch nervöse Störungen im Cirkulationssystem. Vorübergehende F i e b e r erscheinungen, für die sonst kein Grund aufzufinden ist, stehen wohl vielfach gleichfalls mit dem Morphium in irgend einem ursächlichen Zusammenhang.
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H Ä U F I G E B E G L E I T E R D E S M O R P H I N I S M U S
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Atropin. Nicht selten ist der chronische Gebrauch von Morphium kombinirt mit gleichzeitiger Injektion von A t r o p i n, von dessen Lösung man einige Striche einer jeden Spritze Morphium zusetzt. Namentlich geschieht dieses von seiten morphiumkranker Mediziner, die stets geneigt sind, während ihrer Krankheit viel an sich herumzuexperimentiren. In praxi besteht nämlich eine deutliche G e g e n w i r k u n g zwischen Morphin und Atropin, insofern, als das letztere im Stande ist, die ungünstigen Wirkungen des ersteren auf das Nervensystem, Herz, Lungen und Darmkanal zu paralysiren; und man macht auch von dieser Thatsache Gebrauch bei akuten Vergiftungen mit Morphium, bei denen Atropin als „Gegengift“ gereicht wird und umgekehrt. Gewöhnlich aber wird, weil der Kranke die Dosirung des Atropins selber in die Hand genommen hat, des Guten zu viel gethan und so noch obendrein eine chronische A t r o p i n-Vergiftung herbeigeführt. Nicht gar so selten kann es sogar zu einer akuten, lebensgefährlichen Intoxication mit oft furibunden Delirien, und Halluzinationen kommen, dann nämlich, wenn Atropin und Morphium–Lösung verwechselt werden, was immer einmal vorkommen kann und auch vorkommt. Derartige unangenehme Verwechslungen liegen überhaupt stets im Bereiche der Möglichkeit, namentlich wenn eine Injektion in Hast und Eile vorgenommen wird; mehrprozentige Carbol–Lösung, ja in der Nacht schon einmal Schreibtinte sind so — allerdings ganz ohne Nachteil jedesmal — unter die Haut gespritzt worden.
Immerhin ist der chronische gleichzeitige Gebrauch von Atropin doch nur etwas seltenes und wird auch gegebenen Falls nie lange durchgeführt; man lässt es dann schon von selber weg. Uebrigens verbraucht der Kranke, der nebenbei Atropin injizirt, infolge der ausgesprochenen Wechselwirkung entschieden höhere Dosen Morphium, und die Entwicklung der Morphiumkrankheit wird daher eher gefördert durch Atropin als gehemmt.
Als ein Hauptgrund für die gelegentliche Anwendung von Atropin seien noch die engen oft verräterischen Morphiumpupillen erwähnt, welche man eben durch die vom Atropin veranlasste Pupillenerweiterung zu beseitigen wünscht. Morphiumkranke D a m e n träufeln sich auch wohl aus Eitelkeit Atropinlösung ins Auge, um durch Erweiterung des Schwarzen im Auge dem letzteren erhöhten Glanz und Tiefe zu verleihen.
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A L K O H O L
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Eine häufige Komplikation des Morphinismus ist ferner der gleichzeitige Verbrauch nicht unbeträchtlicher Mengen A l k o h o l in Form von Champagner, Südweinen, Cognac etc. Die Ursache hierfür ist zum Teil noch in jener Zeit der Schnell und Gewaltkuren zu suchen, in der man vermeinte, gegen die so heftig auftretenden Abstinenzleiden grosse Dosen Alkoholica empfehlen und anwenden zu müssen, auch noch in der nächsten Zeit nach der Entziehung. Man glaubte eben, dass durch die lähmende, hypnotische Wirkung starker Quantitäten alkoholreicher Getränke Abstinenzerscheinungen von Morphium unterdrückt würden. Ein derartiger Standpunkt war ein völlig irriger: unterdrücken für eine zeitlang kann man wohl Abstinenzsymptome durch Alkohol, aber nicht beseitigen; in verstärktem Masse machen sich dieselben nachher, nach Verflüchtigung des Alkoholrausches, fühlbar, und die Ausmalung eines derartigen Zustandes des Kranken — doppelt peinlich empfundene Abstinenz verbunden mit einem regelrechten „Katzenjammer“ — überlasse ich der Phantasie des Lesers. Eine solche Körper– und Gemütsverfassung musste ja förmlich wieder die F 1 a s c h e oder die S p r i t z e a u f z w i n g e n .
Vor starkem Alkohol–Konsum ist jeder Morphiumkranke aufs eindringlichste zu w a r n e n. Denn abgesehen davon, dass man schliesslich die Alkoholgeister, die man gegen das Morphium zu Hilfe gerufen hat, nicht mehr los wird, bedenke man stets, dass das Nervensystem unserer Kranken äusserst empfindlich gegen alle dasselbe direkt treffenden Einflüsse geworden ist, zumal während einer Entziehung, wo die allgemeine Function desselben einer Wiedergeburt entgegengeht. Gelegentlich habe ich es erlebt, dass durch einem Alkohol–Excess während der Entwöhnung, letztere ganz in Frage gestellt resp. erheblich verzögert wurde.
Damit will ich aber keineswegs den Alkohol für den Morphiumkranken ganz und gar in Acht und Bann gethan wissen; im Gegenteil: unter Umständen, besonders während einer Entziehungskur, thut eine halbe Flasche Champagner, ein Glas Portwein, ein guter Cognac etc. ausgezeichnete Dienste — Im übrigen möge jeder Kranke ruhig sein von früher her gewohntes Quantum Wein oder Bier, — wenn dasselbe ein gewisses Durchschnittsmass nicht erheblich überschreitet — bei den Mahlzeiten oder in den Zwischenpausen trinken, das wird ihm Barnichts schaden ; und zugleich sei auch zur Beruhigung für manche Gemüter bemerkt, dass eine geschickte Reduktion selbst erheblicher Alkoholmengen während einer Morphiumentziehungskur für den Kranken in der Regel ohne die geringsten Beschwerden verläuft.
An dieser Stelle sei noch eine kurze Bemerkung über den N i c o t i n genuss gestattet. Der Morphiumkranke neigt nicht selten dazu, viele und schwere Cigarren zu r a u c h e n und besonders werden, dann echte Imports bevorzugt; oder aber die Liebhaber von Cigaretten steigern ihren täglichen Konsum häufig auf eine immense Höhe (60–100 Stück). In verschiedenen derartigen Fällen schienen mir doch Asthma–ähnliche Zustände d.h. Atemstörungen nervöser Natur mit einem Uebermass von Nicotinverbrauch in einem kausalen Zusammenhang zu stehen; auch litt entschieden die Magendigestion darunter. Eine gewisse Beschränkung des Tabakgenusses, die auch durchweg absolut nicht schwer fällt, ist daher meistens angezeigt.
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C O C A I N
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Cocain – Krankheit, Cocainismus (sog. Cocainsucht).
Ein dritter, im Vergleich zu den beiden ersteren schon recht sehr bedenklicher Begleiter des Morphiums pflegt das C o c a i n zu sein, dessen chronischer Gebrauch zum C o c a i n i s m u s resp. wenn gleichzeitig Morphium und Cocain eingespritzt wird, zum M o r p h i n o – C o c a i n i s m u s führt. Vorkommen und Ursachen des Cocaingebrauches Hier sei gleich bemerkt, dass das Cocain fast ausschliesslich durch Injektion dem Körper zugeführt wird; mir ist nur ein Fall anderer Gebrauchsart bekannt, in welchem der Kranke in Form von Schnupfpulver bis zu 2 gr. Cocain täglich schnupfte. Auch zählen die fälle r e i n e n Cocain–Gebrauches — d.h. solche ohne gleichzeitigen Konsum von Morphium zu den Ausnahmen persönlich ist mir in dieser Beziehung nur ein ehemaliger Universitätsprofessor bekannt, der allein zum Cocain gegriffen hatte, um die Folgen überangestrengter geistiger Arbeit zu koupiren (?) — In einem anderen mir bekannten Falle war wohl reiner Cocainismus zuerst vorhanden, veranlasst durch anfängliche Cocaineinspritzungen in die Harnröhre wegen schmerzhaften Katheterisirens, später aber trat dann noch chronischer Morphiumkonsum hinzu.
Die B e n u t z u n g des Cocains ist sicher wohl so alt wie die des Opiums, des Vaters des Morphiums. Die Spanier fanden schon bei ihrer Eroberung der südamerikanischen Ländergebiete, speziell an der Westküste, dem heutigen Peru und Bolivia, die Verwendung desselben durch die Eingeborenen vor, die allgemein die Blätter des sog. Coca-Strauches, deren wirksamen Bestandteil eben das Cocain bildet, kauten; desgleichen inhibirten schon die Spanier bei der Kolonisation erwähnter Gegenden in Rücksicht auf die verderblichen Folgen genannter Sitte die Kultivirung des Coca-Strauches durch die Europäer.
Bekannter wurde das Cocain in Europa erst, als es der chemischen Industrie gelang, dasselbe als Pulver aus den Coca–Blättern rein darzustellen und als man vor ca. 1½ Jahrzehnten die Entdeckung machte, dass das Alkaloid, auf die zugänglichen Schleimhäute des menschlichen Körpers gebracht, im Stande war, letztere an der betreffenden Stelle u n e m p f i n d 1 i c h zu machen. Doch dies allein erklärt den weitverbreiteten Gebrauch des Cocains, speziell von seiten der Morphiumkranken, nicht; dieser kam erst in Schwung, als vor ca, einem Jahrzehnt die unglückliche T h e o r i e auftauchte, man habe im Cocain ein sehr wirksames Ersatz– resp. Gegenmittel gegen Morphium gefunden. Und in der That, in gewissem Sinne besteht, praktisch angewandt, ein Antagonismus, eine G e g e n w i r k u n g zwischen Cocain und Morphium; nur wurden die Morphinisten jetzt entweder zu Cocainisten oder spritzten bald neben ihrem Morphium auch noch Cocain ein. Der Urheber dieser unseligen Theorie hat vieles auf dem Gewissen.
Die morphiumkranken Aerzte, denen durch ihre Fachlitteratur schon früh die erwähnte Theorie zur Kenntniss kam, machten natürlich selber in erster Linie davon Gebrauch, um bald einzusehen, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen waren. Aber auch von Morphiumspezialisten geschah dieses, und auch diese kamen bald zu der Ueberzeugung, dass „gegen die Morphiumdämonen die Cocaingeister heraufzubeschwören, nichts anderes heisse, als den Teufel durch Beelzebub austreiben wollen.“
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W I R K U N G D E S C O C A I N S
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Die Wirkung des C o c a i n s ist eine derartige, dass selbige wohl im Stande ist, einen heruntergekommenen Morphiumkranken wieder zu beleben, zu erregen und unwiderstehlich vorwärts zu treiben, aber, wie C. Schmidt treffend bemerkt, auf seine eigenen Kosten, d.h. um ihn desto schneller und sicherer total auszuwirtschaften, insbesondere seine Psyche völlig zu zerrütten.
Abgesehen von den Fällen, in denen man zuerst im Glauben, dadurch eine Heilung vom Morphinismus herbeizuführen, zum Cocain griff, drängt sich letzteres einer Reihe von Kranken geradezu in einem gewissen Stadium des Morphiumgebrauches auf, dann nämlich, wenn relativ allzu hohe Dosen des letzteren hypnotisch wirken — was häufig vorkommt — und so stetige unbezwingliche S c h 1 a f s u c h t erzeugen, infolgedessen die Kranken oft momentan einschlafen, nicht selten mitten in ihrer beruflichen Thätigkeit. Mir ist der Fall eines morphiumkranken Kaufmannes bekannt, der häufig im Comptoir seiner Kunden einschlief: er nahm seine Zuflucht zum Cocain, um sich anzuregen und wach zu erhalten. In einem anderen mir erinnerlichen Falle wurde das Cocain der Nothelfer eines morphiumkranken Offiziers, der morgens früh schon zum Dienste herausmüsste, aber aus seinem bleischweren Schlaf, der die Folge massenhaft genommener Schlafmittel war, nicht wach werden konnte.
Im Gegensatz zum Morphium, welches dem Nervensystem R u h e verschafft, r e g t und m u n t e r t Cocain dasselbe auf: gesteigerte Unternehmungs– und Bewegungslust, erhöhter Thätigkeitsdrang, grosse Gesprächigkeit, ein allgemein geistiges Angeregtsein, fallen zunächst auf; daneben scheint die Phantasie vielfach einen höheren Flug zu nehmen, der Wissensdurst und Erfindungsgeist geweckt, überhaupt die Psyche gleichsam unter Volldampf zu arbeiten. Ein morphium– und cocainkranker, im übrigen sehr tüchtiger Tierarzt schilderte mir die Zeit der ersten vollen Cocainwirkung wiederholt als die schönste seines Lebens: Schlaf empfand er nicht, sondern er lag entweder die Nacht über in einem eigentümlichen halbwachen Zustand da, während sein Gehirn unaufhörlich beschäftigt war oder er begeisterte sich an den Werken der Litteratur, übersetzte z.B. den Herodot zur Hälfte aus dem Urtext, dichtete die Lieder des Horaz in deutsche Verse um etc; er hatte ferner sämmtliche Bände des grossen Conversationslexikons vor seinem Bette stehen, um ja auf alles Wissenswerte sofort Auskunft zu haben. Es ist natürlich selbstverständlich, dass eine derartige C o c a i n — E u p h o r i e sich bei den verschiedenen Kranken auch verschieden je nach geistiger Begabung, Berufsthätigkeit etc. äussert.. Aber nicht allein auf psychischem Gebiete machen sich die Wirkungen des Cocains bemerkbar, sondern auch auf k ö r p e r l i c h e m : so wird z.B. die eingeschlummerte virile Potenz vielfach wieder aufgeweckt, die hartnäckige Darm–Verhaltung behoben etc., und manche Morphium–Kranke wissen diese Symptome. sehr gut auszunutzen.
Eigentümlich ist, dass das Cocain schon in sehr kurzer Zeit eine S t e i g e r u n g zu recht hohen Dosen zulässt; ein Fall von ca. 10 gr. Cocain pro Tag ist mir selber bekannt. Dies, kommt daher, dass die Dauer der erregenden Cocain—Wirkung bald immer kürzer wird, also immer häufiger nachgeholfen werden muss; zugleich muss aber auch qualitativ die einzelne Dosis verstärkt werden, weil ebenso die anregende Wirkung selber mehr und mehr sich abschwächt. Durch die vermehrte Cocain–Menge wird aber wegen der in praxi bestehenden Gegenwirkung ein Teil des gleichzeitig eingeführten Morphiums paralysirt, folglich muss auch von dem letzteren immer mehr eingespritzt werden und so schrauben sich Cocain und Morphium gegenseitig bald zu immer bedenklicherer Höhe hinauf..
Es sei hier gleich schon die beachtenswerte Thatsache vermerkt, d a s s d a s C o c a i n k e i n e A b s t i n e n z e n h e r v o r r u f t , w i e M o r p h i u m ; m a n k a n n e s a l s o s o f o r t a u s s e t z e n , o h n e j e d e n S c h a d e n f ü r d e n K r a n k e n . Die letzteren verfallen dann in einen vielstündigen, oft mehrtägigen Schlaf, aus dem sie aber neu gestärkt erwachen; event. Morphium–Abstinenzen sind natürlich von vornherein, zu berücksichtigen.
Dagegen kommt es nicht selten beim Kranken, auch während des chronischen Cocaingebrauches selbst, zu einer tiefen Depression der Gemütsstimmung mit Unruhe– und Angstgefühlen, sog. C o c a i n — D e p r e s s i o n, einem traurigen, qualvollen Zustand, der nur durch eine Dosis Cocain wieder behoben werden kann und muss; das Verlangen des Kranken in einer derartigen Verfassung nach dem bezähmenden Mittel ist in der Regel ein stürmisches und absolut zwingendes; sein ganzer Körper schreit gleichsam nach Cocain. Ein hochachtbarer Geistlicher sagte mir selber, dass er in einer solchen Stimmung alles zu thun bereit wäre, nur um Cocain zu bekommen. Von einem anderen Patienten erfuhr ich, dass er als Passagier eines Ozeandampfers gelegentlich in einem solchen Falle der Apotheke des Schiffsarztes einen etwas gewaltsamen Besuch abgestattet habe.
Im übrigen ist, wie erwähnt, eine Heilung der Cocainkrankheit unschwer in einigen Tagen herbeizuführen; aber es finden auch sehr leicht wieder Rückfälle statt. Oft tritt plötzlich ein mehr weniger heftiges Bedürfniss gerade nach Cocain, seltener nach Morphin ein und auf dieses Symptom muss besonders während der Behandlung die Aufmerksamkeit gerichtet sein.
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F O L G E N D E S C H R O N I S C H E N C O C A I N G E B R A U C H S
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Nach diesen Auseinandersetzungen kann es nicht wunder nehmen, wenn relativ schnell in manchen Fällen Cocain–Gebrauchs das Stadium der Vergiftung herbeigeführt wird. Zunächst fällt eine U e b e r e r r e g u n g s ä m m t l i c h e r S i n n e s o r g a n e beim Kranken auf. Er hört intensiver, seine H ö r f ä h i g k e i t ist entschieden anfangs gesteigert, wie ich eklatant öfter zu beobachten Gelegenheit hatte; bald aber hört der Kranke auch Geräusche, die gar nicht vorhanden sind: er vermeint z.B. Menschen vor seinem Fenster zu hören, die über ihn und seine Krankheit sprächen; ein anderer hörte immer eine Stimme, die ihn bei seinem Vornamen rief und ihn stets warnte; ein anderer stand oft nachts auf, weil er glaubte, Diebe wären im Hause und verursachten Geräusch.
Desgleichen scheinen die S e h n e r v e n überreizt: der Kranke sieht vielfach kleine schwarze Tiere, Ungeziefer etc., gegen die er sich dann durch allerhand Massregeln zu schützen sucht; häufig glaubt er auch Leute zu sehen, die ihn von draussen durchs Fenster beobachten; schliesslich kommt es zu H a 11 u z i n a t i o n e n und Visionen: er sieht z.B. Verwandte im Zimmer, die gar nicht anwesend sind, hält an der Wand hängende Kleidungsstücke für Personen etc. Nicht selten stehen aber diese Halluzinationen noch unter der Kontrolle des Bewusstseins d.h. der Kranke kann sie willkürlich hervorrufen und weiss auch selber, dass es nur Sinnestäuschungen sind.
Auch die G e f ü h 1 s n e r v e n der Haut sind in der Regel stärk übererregt. So fühlt der Kranke vielfach ein Stechen, Prickeln etc. in der Haut und vermeint dann z.B., dass es Würmer in derselben sind, die er auch angeblich herauszieht. Ein anderer glaubte stets elektrische Schläge zu verspüren und schob diese Wirkung weissen Knöpfen zu, die er überall in Form von Leitungen angebracht sah und vermeintlich böswilliger Weise von seinem Nachbarn gelegt waren.
Diese geschilderten verschiedenartigen s u b j e k t i v e n Wahrnehmungen projizirt aber der Kranke in vielen Fällen in die A u s s e n w e 1 t d. h. als von dieser herrührend und so entwickeln sich dann allmählig bei ihm V e r f o 1 g u n g s i d e e n (Paranoia hallucinatoria), gegen die er sich — aber nur in Ausnahmen — dann in etwas bedenklicher Weise zu schützen sucht. So erzählte mir ein Kollege, dass er vor Jahren einst in seiner Cocainzeit aus seinem Zimmer scharf auf die Strasse geschossen hätte, weil er geglaubt habe, jemand wolle unbefugter Weise ins Haus dringen.
Die Fälle mit ausgesprochenem Verfolgungswahn sind aber doch sehr selten; auch äussern sich die Wahnideen individuell ganz verschieden, desgleichen überhaupt die Vergiftungssymptome nach Cocain. Manche Kranke weisen auch gar nichts derartiges auf, sondern bei diesen kommt es nur zu d | |