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Über die Giftigkeit des Heroins (1899)



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Ü B E R   D I E   G I F T I G K E I T   D E S   H E R O I N S   ( 1 8 9 9 ) 

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Im Jahre 1890 veröffentlichten die Engländer Dott und Stockman (*) eine umfassende Untersuchung über die pharmakologischen Wirkungen des Morphins und seiner Derivate. Die eigenartigen Beziehungen, die zwischen den Wirkungen des Morphins und des Codeins (Methylmorphins) bestehen, forderten zu solchen Untersuchungen auf. Bekanntlich ist von beiden Giften das Codein bei Thieren das erheblich giftigere, beim Menschen das bedeutend weniger giftige. Zahlreiche chemisch-technisch hergestellte Derivate des Morphins wurden von den genannten Autoren auf ihr Verhalten im Thierkörper geprüft. Soweit dabei auch esterartige Säuresubstitutionsproducte in Frage kamen, liessen die Versuche erkennen, dass manche unter ihnen, so namentlich das Diacetylmorphin, bei Kaninchen und Hunden ungemein heftig auf die Athmung und selbst auf das Herz wirken und in Folge dessen jedenfalls für Hunde und Kaninchen giftiger als das Morphin selbst sind.

Die Arbeit von Dott und Stockman fand in unseren referirenden Journalen gebührende Beachtung und wird auch in den gangbaren deutschen Lehrbüchern der Toxikologie erwähnt. Ich selbst hatte später Gelegenheit, einige Angaben der genannten Autoren nachzuprüfen und ihre Richtigkeit durchaus zu bestätigen.

Um so überraschender war es, als Dreser (1) im Jahre 1898 das Diacetylmorphin, dem er den Namen Heroin beigelegt, nach einer eingehenden Analyse seiner Wirkungen auf die Ath-
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(*) Dott und Stockman : Proceed. of the Roy. Soc. of Edinburgh. 1890. pag. 321.
(1) Dreser : Pflüger's Archiv, Bd. 72. S. 485. - Therapeut. Monatshefte 1898. S. 509.

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mung (wobei freilich nur Kaninchen benutzt worden waren) der praktischen Erprobung als Ersatz für Morphium und Codein, und zwar speciell als «Hustenmittel» übergab. Dreser erwähnt in seinen bezüglichen Publicationen die Arbeit von Dott und Stookman mit keiner Silbe) obschon er frühere und gleichzeitige Arbeiten über Morphin und Codein (Witkowski, v. Schröder, Heinz etc.) citirt. Auch die das Heroin empfehlenden Circulare der Elberfelder Farbenfabriken erwecken durch ihre Literaturregister den Anschein, als ob Dreser der Erste und Einzige gewesen wäre, der mit dem Diacetylmorphin Thierversuche angestellt hat. Die Thatsache ist um so auffallender, als Dreser es selbst gewesen ist, der im Jahre 1891 die Arbeit von Dott und Stockman in Schmidt's Jahrbüchern (Bd. 229, S. 134) ausführlich referirt hat. (2)

Ich bin nach Allem, was wir bis jetzt über das Heroin vom Thier und vom Menschen wissen, der Meinung, dass die Uebergabe des Mittels an die Praxis eine vorschnelle gewesen und dass damit ein überaus gefährliches Gift dem ahnungslosen Praktiker in die Hand gegeben worden ist) in Betreff dessen nicht genug zur Vorsicht gemahnt werden kann.

Ich erkenne rückhaltlos an, dass Dreser in dem guten Glauben gehandelt hat, dass seine eingehende Experimentalstudie am Kaninchen zur «gewissenhaften therapeutischen Empfehlung » des Mittels genügend sei (3), aber ich glaube doch, dass Dreser dabei zwei fundamentalen Thatsachen nicht genug Beachtung geschenkt hat. Damit meine ich in erster Linie den schon längst als richtig anerkannten Satz, dass auf keinem Gebiete der Pharmakologie
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Uebrigens ist das Diacetylmorphin (Heroin), was Dreser vielleicht auch hätte erwähnen können, bereite vor 25 Jahren (1874) von Wright und zehn Jahre später (1884) von Hesse dargestellt und in chemischer Hinsicht eingehend untersucht worden. Es ist daher weder chemisch noch pharmakologisch ein neues Product.Wenn Dreser an die Spitze seiner Ausführungen den Satz stellt: "Beim Codein war diese Untersuchung noch nicht durchgeführt; da aber Heroin reiner und typischer auf die Athmung wirkt als Codein, zog ich es selbstverständlich vor, meine experimentellen Studien an dem Heroin durchzuführen" -, so liegt darin ein gewisser innerer Widerspruch; denn wenn die "Untersuchung beim Codein nicht durchgeführt war, wie sollte man a priori wissen, dass Heroin reiner und typischer wirkt ? Richtiger wäre es, zu sagen, dass Codein mindestens beim Menschen der Athmung bei Weitem nicht so gefährlich wird als das Heroin.
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die Uebertragung der Resultate des Thierversuche auf die Verhältnisse beim Menschen misslicher ist, als in Betreff der Narkotica, d.h. solcher Mittel, die beim Menschen vorzugsweise die Grosshirnsphäre alteriren. Dafür liegen schon zahlreiche Erfahrungen vor: Morphin wirkt beim Menschen viel gefährlicher, als bei Thieren, Codein aber umgekehrt, Amylenhydrat ist für den Menschen nahezu unschädlich, für Thiere aber ein recht energisches Gift. Es ist daher kaum möglich, über die praktische Brauchbarkeit resp. Gefährlichkeit eines Narkoticums lediglich auf Grund von Thierversuchen, zumal wenn sie nur an Kaninchen angestellt sind, im Voraus ein Urtheil abzugeben.

Dreser citirt selbst das Verdict, welches v.Schröder im Jahre 1883 über das Codein fällte, wonach dieses seinen Platz in der Pharmakopoe seiner narkotischen Eigenschaften wegen sicherlich nicht verdiente. Die spätere praktische Erfahrung hat aber gelehrt, dass mein verehrter, leider zu früh vollendeter Landsmann und Freund auf diesem Punkte ein falscher Prophet gewesen, weil er eben damals auch dem obigen fundamentalen Satze zu wenig Beachtung geschenkt hat. Wir haben augenscheinlich in dem Codein ein sehr brauchbares, dem Menschen wenig gefährliches Narkoticum gewonnen. Dreser beklagt es gewissermaassen, dass an der Entdeckung der heilsamen Eigenschaften des Codeins die Pharmakologie unbetheiligt war. Das ist sicher richtig, aber das kann bei einem Narkoticum kaum anders sein und fällt auch nicht der Pharmakologie zur Last, sondern der schiefen Stellung des deutschen Pharmakologen, der über Arzneiwirkungen urtheilen soll und dabei ausser Stand gesetzt ist, das für viele Fälle wichtigste, ja allein ausschlaggebende Experiment, nämlich das am kranken Menschen, selbst auszuführen.

Hier soll er sich immer nur auf das verlassen und das hinnehmen, was Andere, deren Kritik nicht immer so geschärft ist, wie die des geübten Pharmakologen, beobachtet und scheinbar als thatsächlich festgestellt haben.

Die zweite fundamentale Thatsache, die Dreser bei seiner Beurtheilung des Heroins zu wenig beachtet zu haben scheint, ist die, dass gewisse organische Basen durch Substituirung mit Säureresten, speciell auch durch 'Acetylirung, zu viel giftigeren Producten werden können, als es die ursprünglichen Basen selbst sind. Es herrscht in der chemischen Technik heutzutage eine gewisse Neigung, alles mögliche zu acetyliren. Die angenehmen

Erfahrungen, die man mit dem Acetanilid und dem Phenacetin gemacht hat, schienen auch dazu aufzufordern. Das Amidobenzol (Anilin) und Amidophenol) zwei überaus giftige Basen, ergeben in der That durch Acetylirung weit minder giftige Producte. Für die Basen aus isocyklischen Verbindungen scheint dies im Allgemeinen zu gelten, aber die Basen, denen heterocyklische Verbindungen zu Grunde liegen und deren Derivate einen grossen Theil der natürlichen Alkaloide ausmachen, verhalten sieh anders. Sind doch viele Alkaloide selbst Säuresubstitutionsproducte einfacherer Basen, welche letzteren an Giftigkeit hinter jenen weit zurückstehen. Wie ungleich giftiger sind das Atropin, Scopolamin und Homatropin als das Tropin, das Cocain als das Ecgonin, und bei der künstlichen Substituirung der einfacheren Basen mit Säureresten scheint gerade die Acetylirung besonders stark wirksame Producte zu ergeben: so übertrifft nach den Untersuchungen von Gottlieb (4) das Acetyltropin an Giftigkeit verschiedene andere homologe Tropinderivate erheblich.

Dem entspricht auch das Verhältniss des Diacetylmorphins (Heroins) und des Morphins: so gefährlich das letztere für den Menschen ist, das erstere ist für Thier und Mensch doch noch viel gefährlicher, und es war ein Fehlschuss, zu glauben, weil das Methylmorphin (Codein) beim Menschen erheblich milder wirkt, als das Morphin, so müsste das auch für ein Acetylmorphin zutreffen.

Wenn auch, wie ich oben hervorhob, für die Beurtheilung von Narkoticis die Uebertragung vom Thierexperiment auf den Menschen nicht ohne Weiteres statthaft ist, so will ich doch zunächst aus meinen Versuchen mit dem Heroin an Hunden, speciell in Betreff der Athmung, einiges hervorheben und durch Curvenabschnitte illustriren.

Ich stimme Dott und Stockman vollkommen bei, wenn sie angeben, dass die schwächende Wirkung des Diacethylmorphins (Heroins) [wie die des Acetylmorphins] auf die Athmung viel bedeutender ist, als die des Morphins, dass das Mittel auch die Herzaction stärker beeinflusst, Salivation und eine Neigung zu Durchfällen veranlasst, sowie auch Muskelzuckungen und heftige Convulsionen erzeugt. Ich füge hinzu, dass ich auch fibrilläres Muskelzittern beobachtet habe, dem gegenüber es mir auffallend ist,

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4 ) Gottlieb: Archiv f. exper. Path. u. Pharm. Bd. 37. 218.
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das Dreser von der grösseren Muskelruhe im ganzen Körper » spricht, die das Heroin herbeiführen soll. Ich sah bei Hunden zwar tiefe Narkose und Anaesthesie, aber begleitet von Muskelzitten und unterbrochen von Krampfattaken.
Die nachstehenden Curvenabschnitte verdeutlichen den Typus der Athmung beim Hunde unter dem Einfluss des Heroins; dem Thiere war die Dosis von 0,03 Heroin, hydrochl. in langsamer, mehrere Minuten dauernder Injection direct in eine Fussvene beigebracht worden. Im Beginn der Injection trat eine gewisse Excitation des Thieres ein, aber nicht so heftig, wie es bei intravenöser Injection von Morphinumlösung an Hunden der Fall ist. Die folgenden Athmungscurven worden etwa 10-15 Minuten nach der Injection während der Narkose aufgenommen; sie sind sämmtlich von links nach rechts zu lesen.

Die Curve lässt sowohl die Respirationsfrequenz (ca. 12 pro Minute) als auch den Typus der Athemzüge im Einzelnen genau erkennen: die Inspiration (abfallende Schenkel) erfolgt langsam, die Exspiration Anfangs rascher, dann tritt eine lange exspiratorische Pause ein, während welcher kleine exspiratorische Nachstösse stattfinden. Die Tiefe der einzelnen Athemzüge ist eine verschiedene, hie und da wird die Regelmässigkeit des Verlaufes durch einzelne krampfhafte In- und Exspirationsstösse unterbrochen, wie gleich im Beginn des Curvenabschnittes Ia ein solcher wahrzunehmen ist. Inspiratorische Pausen (die Dreser beim Kaninchen nur bei gleichzeitiger Durchtrennung der Vagi beobachtete) kommen nicht constant, aber doch mehrfach vor, sehr deutlich in dem folgenden Curvenabschnitt (Ib).
Besonders bedenklich aber sind die von Zeit zu Zeit eintretenden Athmungsstillstände, wie der folgende Curvenabschnitt (Ic) einen verdeutlicht. Nach einer tiefen Ex- und Inspiration bleibt die Athmung hier ca. 22 Secunden lang stehen: die kleinen Wellenberge auf der Linie zeigen die Herzschläge an (Frequenz ca. 44 pro Minute), ein Beweis für die grosse Empfindlichkeit des benützten Mareyschen Tambours.

Die folgenden Curvenabschnitte (II a bis II c) stammen ebenfalls von einem Versuch am Hunde (4600 g schwer). Nachdem erst einige normale Respirationscurven (II a) aufgenommen waren, wurden dem Thiere sehr langsam 0,03 Morphin, hydrochlor. in
eine Fussvene injicirt, nach einiger Zeit wiederum Athmungs-curven (II b) aufgenommen, sodann 0,03 Heroin. Hydrochlor. In die Vene injicirt und die Athmungscurve (II c) weiter registrirt.



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Fig. 1a. Hund. O,O3 Heroin. mur. 



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Fig. 1b. Hund. O,O3 Heroin. mur. 



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Fig. 1c. Hund. O,O3 Heroin. mur. 



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Fig. IIa. Hund normal. 



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Fig. IIb Hund. Morphin. mur. 



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Fig. IIc Hund. O,O3 Heroin. mur. 



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Ein Vergleich der Curvenabschnitte II a und II b lehrt , in welcher Weise Morphium beim Hunde zwar die Athmung

ein wenig schwächt, aber durch die Narkose zugleich ruhiger und regelmässiger gestaltet. Damit vergleiche man nun die unter der Heroinwirkung aufgenommene Curve !

Man ersieht, wie die Athmung durch Heroin in hohem Grade und in bedenklicher Weise geschwächt und zugleich periodisch beinahe zu vorübergehendem Stillstande gebracht wird. Dott und Stockman hatten daher vollkommen recht, wenn sie angaben, dass das Heroin beim Hunde ein viel gefährlicheres Respirationsgift ist, als das Morphin 5 ).

Ich würde es aus dem oben wiederholt angegebenen Grunde nicht für richtig halten, diesen Befund, der freilich zu grosser Vorsicht auffordern rnuss, ohne Weiteres auf den Menschen zu übertragen, aber es unterliegt heutzutage keinem Zweifel mehr, dass das Heroin auch beim Menschen ungleich giftiger und gefährlicher wirkt, als das Morphin. Das beweisen zahlreiche von Aerzten gemachte Beobachtungen, das beweist auch das Vorgehen der Firma selbst, der wir die Empfehlung des Heroins verdanken.

Man wird mir entgegnen, zahlreiche Aerzte, wie Floret 6), Strube 7), Leo 8), Eulenburg 9) u. A., haben das Mittel bereits in einer beträchtlichen Zahl von Fällen mit bestem Erfolge und meist ohne unangenehme Nebenwirkungen zu beobachten, am Krankenbette angewendet, Ich erlaube mir darauf zu erwidern: Das beweist gar nichts. Das haben wir schon zu oft erlebt, wie es zahlloser, durch Jahre und Jahrzehnte gesammelter Erfahrungen bedurfte, um die schlimmen Seiten eines von vielen Aerzten gepriesenen, ja selbst von der ganzen prak-

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5.) Dreser (Therap. Monatsh. 1898, Sept.) hebt hervor, dass sich die verschiedenen Wirkungen des Heroins auf die Athmung « wie Plus und Minus » zu einander verhalten. Wenn er aber dann weiter sagt, dem verminderten Sauerstoffconsum Stehe eine noch stärkere Abnahme des in der Minute geathmeten Volums Luft gegenüber und er dies als «antagonistische Veränderungen» bezeichnet, so vermag ich dieser Auffassung nicht beizustimmen. Das ist doch kein Antagonismus, der sich wie Plus und Minus aufhebt ! Richtiger wäre wohl, zu sagen: Der Abnahme des in der Minute geathmeten Luftvolums entspricht der verminderte Sauerstoffconsum oder umgekehrt dem letzteren die Abnahme des geathmeten Luftquantums.
6 ) Floret : Therapeut. Monatshefte 1898. Sept. 1899. Juni.
7 ) Strube : Berliner klin. Wochenschr. 1898. No. 45.
8 ) Leo: Deutsche medicin Wochenschr. 1899. No. 12.
9 ) Eulenburg : Ebendaflelbst 1899. No.
12.
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tischen Heilkunde freudig acceptirten Mittels zu erkennen und in's rechte Licht zu stellen. Wie millionenfacher Anwendung des Chloroforms und Chloralhydrats hat es bedurft, bis man ihre schlimmen Eigenschaften vollständig ergründete, mit welcher Begeisterung hat man einst das chlorsaure Kalium, in grossen Dosen innerlich zu nehmen, als Heilmittel gegen Diphtheritis angepriesen, bis man endlich eines der gefährlichsten Gifte, das schon hunderte von Menschen tödtete, in ihm erkannte, und hat man nicht mit dem Jodoform, mit dem Cocain, mit dem Phenol u. a. ganz analoge Erfahrungen machen müssen! Ich erinnere mich noch, wie ein Mann wie der verstorbene Thiersch mir sagte, dass man mit Jodoformpulver ganze durch Gelenkresection entstandene Höhlen ausfüllen könne, ohne dass jemals eine schädliche Wirkung eintrete! Und es währte nicht lange, da kamen die medicinalen Jodoformvergiftungen in Hülle und Fülle, und der Cocainanwendung folgten psychische Störungen, Selbstmord und andere schlimme Erlebnisse, vom Cocainismus ganz zu geschweigen.

Aber es trifft nicht einmal zu, dass die Aerzte, die bisher das Heroin anwandten, keine unliebsamen Erfahrungen damit gemacht haben, im Gegentheil, mir scheint, dass solche schon sehr bald und nicht mehr in vereinzelten Fällen zur Beobachtung gelangt sind. Das beweisen nicht nur Aeusserungen der Aerzte selbst, deren mehrere mir vorliegen, das beweist vor Allem auch das Vorgehen der Firma (Elberfelder Farbenwerke), die das Heroin auf den Markt brachte.

Das erste Circular der Firma (Herbst 1898) hebt zunächst hervor, das Heroin sei frei von den Nebenwirkungen des Morphins. Das trifft insofern zu, als es durchaus nicht verstopfend zu wirken scheint, aber es fragt sich eben, ob es nicht andere, viel bedenklichere Eigenschaften besitzt. Weiter heisst es, es gelange in viel kleineren Gaben zur Anwendung, als das Morphin. Das geht nun aber aus der dem Circular beigegebenen Mittheilung von Floret (l. o.) gar nicht hervor. Floret war der Erste, der das Mittel an Kranken anwandte, und zwar in der Poliklinik der Farbenfabriken zu Elberfeld, also in ambulatorischen Fällen. Die angewandte Gabe, so sagt er selbst, war 0,005-0,01-0,02, 3 - 4 mal täglich. Das käme den durchschnittlichen Morphiumgaben gleich. Das Circular behauptet weiter, die Giftigkeit des Heroins sei trotz. seiner stärkeren Wirksamkeit nicht

grösser als diejenige des Codeins, wie Versuche an Kaninchen (Dreser) lehrten!! Hier werden also selbst quantitative Wirkungsverhältnisse eines Narkoticums ohne weiteres vom Kaninchen auf den Menschen übertragen, obschon wir längst wissen, dass Codein beim Menschen viel unscbädlicher ist als Morphin, bei Thieren aber schädlicher! Das war der schlimmste Fehler, der begangen wurde.

Wie rasch ging es dann aber mit den für die praktische Anwendung empfohlenen Heroindosen abwärts! Schon in dem zweiten von der Elberfelder Firma, edirten Circulare (1899) ist von Dosen á 0,003-0,005 für Erwachsene die Rede, Gaben von über 0,01 werden für bedenklich erklärt und empfohlen, als Anfangsdosis mit Mengen unter 0,01 zu beginnen. Trotzdem wird noch eine Tagesdosis von 0,03 als unbedenklich bezeichnet und der Satz hinzugefügt:
« Kindern reicht man von den angegebenen Dosen die Hälfte. » 10)

Diese Vorschrift scheint mir besonders gefährlich zu sein, zumal das Heroin als Keuchhustenmittel speciell empfohlen wird: seit wann rechnet man denn für Kinder von Narkoticia (Opiaten) die Hälfte, der für Erwachsene bestimmten Dosen?

So war man denn sehr bald und ohne Angabe besonderer Gründe von der Grenzdosis 0,02 auf 0,005 für Erwachsene herabgekommen, aber auch diese Dosis ist keineswegs immer frei von unangenehmen Nebenwirkungen.

Störend kann schon die nauseos-emetische Wirkung sein, noch schlimmer die Erzeugung von Ohnmachtsanfällen, Schwächezuständen und Collapsen, zumal bei Phthisikern, Asthmatikern
und anderen geschwächten Patienten.

So berichtet z.B. Leo: « Ich machte in zwei Fällen üble Erfahrungen mit der Dosis 0,01 g. Es stellte sich Uebelkeit und Schwindelgefühl und einmal sogar ein Ohnmachtsanfall ein, so dass ich in der Folge nie mehr als 0,005 g pro dosi nehmen liess, und zwar zwei- bis dreimal täglich ein Pulver. Bedrohliche Erscheinungen haben sich bei dieser Dosirung nicht wieder gezeigt. Doch klagten die Patienten nicht selten über Benommenheit des Kopfes und Uebelkeit. Es dürfte sich also wohl empfehlen, unter Umständen die Dosis noch mehr herabzusetzen. »
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10 ) Nach einer der beigegebenen Receptformeln « Hustenpulver für Kinder » sollen
2½ mg Heroin 3 mal täglich gegeben werden !

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Desgleichen theilt Turnauer 11) mit, das 0,005 Heroin bei einer Patientin, die 0,02-0,03 Codein ohne die geringsten Nebenerscheinungen vertrug, einen rauschartigen Zustand mit leichten Collapserscheinungen erzeugten, welche Erscheinugen sich 24 Stunden später nach der gleichen Dosis wiederholten. Ebenso hat Rosin 12) in 14 unter 48 Fällen == 30 % nach Dosen von 0,005 Heroin üble Nebenerscbeinungen beobachtet, nämlich Schwindel, Uebelkeit, Kopfschmerzen und Erbrechen, und dabei weniger günstige therapeutische Erfolge erzielt, als mit den alterprobten Mitteln. Ausserdem liegen mir auch persönliche Berichte von Aerzten vor, welche die gleichen Beobachtungen gemacht haben.

Die Elberfelder Farbenwerke selbst erklären neuerdings in einem handschriftlichen Circular die Dosis von 0,005 für « zuweilen als etwas zu hoch » und empfehlen vom leichtlöslichen
Heroinum hydrochloricum 0,003 und eine Tagesgabe von 0,01 !

Damit steht in directem Widerspruch, dass Floret 13) in seiner soeben erschienenen zweiten Mittheilung Dosen von 0,005 bis 0,007 Heroin als « hinreichend » bezeichnet, für schwerere Fälle 0,01-0,02 und selbst für die subcutane Injection 0,005 bis 0,01 Heroinumhydrochloricum empfiehlt! Kindern von 8 Jähren gibt er bei Keuchhusten Gaben bis zu 0,005 Heroin mehrmals täglich. Solche Widersprüche müssen .den praktischen Arzt irreführen.

Bleiben wir indess bei einer Dosis von 0,005 g Heroin als Maximaldosis für Erwachsene stehen : damit stellt sich das Heroin an die Seite von Acidum arsenicosum und Veratrin, d. h. es gehört zu den giftigsten Substanzen unseres Arzneischatzes. Man muss es den Urhebern dieses « neuen » Heilmittels lassen, das sie den richtigen Namen dafür gewählt haben; es gehört wirklich unter die « H e r o i c a » . Die Maximaldosis für Strychninum nitricum wäre doppelt, für Morphium hydrochloricum sechsmal, für Codeinum phosphoricum zwanzigmal so hoch ! Das ist das Mittel, von dem behauptet wurde, es sei zwar wirksamer,
aber nicht giftiger als Codein 14).

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11 ) Turnauer, Wiener medicin. Presse. 1899. No. 12.
12 ) Rosin, die Therapie der Gegenwart. 1899. Juni.
13 ) Floret, Therapeat. Monatehefte. 1899. Jani.
14 ) Die nicht durch Säurereste, sondern durch Alkyle substituirten Morphine scheinen allerdings nach Art des Codeins und nicht wesentlich giftiger als dieses beim Menschen zu wirken.
Vom Morphium rechnet man für ganz junge Kinder etwa 1/60 der Maximaldosis (== ½mg), bei gleicher Berechnung käme man für das Heroin auf 1/12 mg. Mit Substanzen aber, die in Milligrammen und deren Bruchtheilen dispensirt werden müssen, pflegen sich Aerzte und Apotheker nicht gerade zu befreunden, zumal wenn das Mittel lediglich zur Erfüllung einer symptomatischen Indication dienen soll.

So glaube ich denn, dass meine Mahnung zur grössten Vorsicht in Betreff des Heroins durchaus am Platze ist, und dass ich Recht habe mit meiner Meinung, die Uebergabe des Mittels an die Praxis sei eine vorschnelle gewesen. Die Technik hat zweifelsohne hier so manchen Arzt dazu verleitet, seine Patienten zu schädigen.

Es ist neulich von Kobert 15) ausgesprochen worden, es sei jetzt Mode unter den Jüngern der Heilkunde, auf die chemische Technik und die zahllosen neuen Heilmittel zu «schimpfen»
Ich würde es für thöricht erachten, wenn solches geschähe; denn wer von uns wird nicht die Grösse, die Bedeutung und den Umfang der deutschen chemischen Technik bereitwilligst und selbst mit Stolz anerkennen, welcher Arzt nicht für so manches werthvolle Heilmittel, das wir der Technik verdanken, auch dankbar sein ! ? Aber bei der Production von Heilmitteln hat die Technik doch ein anders geartetes Interesse, als der Arzt, und es bedarf den Vertretern der Technik gegenüber der Mahnung zur Vorsicht und Behutsamkeit bei der Empfehlung neuer Arzneiproducte.

Ich will hier nicht das bekannte lateinische Citat anbringen, aber die Technik muss sich doch klar darüber sein, dass sie unter Umständen eine schwere Verantwortung übernimmt. Was hier gefehlt wird, das büssen unglückliche Opfer mit ihrer Gesundheit, nicht selten mit ihrem Leben. Dass das ärztliche Publicum immer misstrauischer wird gegen neu empfohlene Mittel, kann man ihm dann nicht verdenken, und man darf auch den Arzt nicht verantwortlich machen, wenn er auf Grund einer wissenschaftlich gestützten Empfehlung ahnungslos seine Patienten an der Gesundheit schädigt. Das wird um so entschuldbarer sein, als es sich hier um die Elberfelder Farbenwerke handelt, eine Firma, die mit Recht in hoher Achtung steht und der wir die Einführung des Sulfonals, Trionals und Phenacetins in den Arzneischatz verdanken. Dass die Situation im Allgemeinen eine
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15 ) Kobert, Deutsche Aerztezeitung 1. 1899. Helt l.
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schwierige ist, lässt sich nicht verkennen: Kobert hat ja einen Vorschlag gemacht zur Schaffung eines Centralinstituts für die Prüfung neu empfohlener Heilmittel, wo von der Spreu die Weizen gesondert werden soll. Ob der Vorschlag realisirbar ist, wird sich zeigen.

Gerade in Betreff des Heroins möchte ich zur höchsten Vorsicht auch das grosse Publicum mahnen: man hat nämlich das Mittel schon in die Hände der Laien gebracht und in Alpenclubs empfohlen, es zur Linderung der Athembeschwerden beim Bergsteigen in Anwendung zu bringen. Mir scheint diese Empfehlung in hohem Grade bedenklich zu sein. Hier heisst es: Principiis obsta, sonst haben wir nächstens eine neue Form chronischer Medicinalvergiftung zu registriren, nämlich einen Heroinismus! Vor dem Morphin haben Aerzte und Laien einigen Respect; es durch Heroin zu ersetzen, heisst den Teufel durch Beelzebub austreiben, ganz so, wie seinerzeit der Morphinismus durch den gefährlicheren Cocainiamus « ersetzt » wurde.

H a l l e, im Juni 1899.


UEBER - die - GIFTIGKEIT - des - HEROINS

ENDE



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