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AXEL JUNKER:
Schriftsteller. Bildformer, Musiker, ganz allgemein Künstler und Lebenskünstler. Einer der Seltenen, die beängstigenderweise immer seltener werden.


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D E U T S C H L A N D R E I S E 

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(Just one more coffee to go)

Robbies Kacke schien bereits ordentlich am Dampfen, als er sich Anfang des Jahres 08 entschloss, endlich seine lange vor sich hergeschobene Reise anzutreten. Der Trip quer durch die deutsche Republik war seiner unbescheidenen Meinung nach schon deshalb erforderlich, um die überaus schmerzhafte Erinnerung an das grenzenlose Elend in ihm aufzufrischen, das nicht nur seine eigene Seele seit geraumer Zeit belastete, sondern allüberall anderswo auch mit brachialer Gewalt über kranke Menschen unserer kränkelnden Gesellschaft herrschte. In Mannheim wie in Hamburg, in Stuttgart genauso wie in Berlin. In provinziellen Gemeinden, auf kleinen unbedeutenden Inseln oder in den vielen anonymen Sterbehospizen und unwürdigen Pflegeheimen des gesamten restlichen Landes. Überall mussten Patienten inzwischen schriftliche Anträge stellen, um ihr erbärmliches Dasein relativ schmerzbefreit überleben zu dürfen. Geholfen wurde ihnen dennoch nicht.
Nochmals die bleierne Schwere des kompletten Ohnmachtgefühls zu empfinden, das schien der Antrieb für seine Reise zu sein. Die brodelnde Wut über die offensichtlichen Missstände bis in die kleinste Nervenfaser nachzuvollziehen. Den Ekel vor den Verantwortlichen erneut aufleben zu lassen, die für das von ihnen selbst angerichtete Elend blind zu sein schienen und taub für die Argumente jener Unzahl an Patienten, die seit mehr als einem Jahrzehnt bei der Verwaltung um Linderung ihrer chronischen Leiden angestanden - und sich erst nach einigen erniedrigenden Bettel- und Bittstellerkampagnen für eine leidlich organisierte Form des Widerstandes gegen bürokratische Untätigkeit entschieden hatten.
Entscheiden mussten - einzig weil Widerstand gegen den überbordenden bürokratischen Unsinn die Überlebenschancen bietet, die durch die Existenz der Krankheit ohnehin reduziert sind.

Robbies eigenes gesundheitliches Dilemma ließ sich auf diese Weise für drei lange Tage in den Hintergrund drängen. Der Stress der Fahrt und die Flut der Eindrücke würden ihn derart stark beschäftigen, dass überhaupt keine Zeit bliebe über die Frage nachzudenken, wie er denn nun sein Restleben easy und komplikationslos absolvieren würde können, nachdem sein sozialer Klima-Index ohnehin auf „wenig zukunftsträchtig“ stand: Abhängig vom Geld, doch nichts auf Tasche. Abhängig vom Konsum, aber nichts aufm Konto. Abhängig von der Einnahme eines Wirkstoffes, jedoch in Illegalität und strafrechtlicher Verfolgung. Nichts an Immobilien. Kein Landbesitz. Null an mit Zahlen bedruckten Wertpapieren. Ghandi hätte seine helle Freude gehabt an soviel Entsagung.
Selbst auf die Zugfahrt hatte Robbie hinsparen müssen. Obgleich er die Reise bereits viele Wochen im Voraus gebucht hatte, ohne natürlich den billigmöglichsten Tarif von der DB zu bekommen, so wusste er doch, dass er für das aufgewendete Geld bestimmt gute drei Wochen lang seinen Junggesellen-Kühlschrank hätte füllen können. Oder vier Raten an Gerichtskosten abdrücken. Vielleicht sogar `ne neue Matratze kaufen, um endlich den geschundenen Rücken zu entlasten.
Stattdessen aber jonglierte er ständig mit seinem mäßigen Einkommen und allen möglichen erklecklichen Verpflichtungen, achtete dabei allerdings penibel auf pünktliche Begleichung jeder Verbindlichkeit und vermied es überdies peinlichst über den monatlich abzuführenden Obolus an die Justiz hinaus weitere Schuldenlöcher entstehen zu lassen. Was irgendwie an Kneten reinkam, ging also auch zwangsläufig wieder raus. Das war die einzig verlässliche Sicherheit, die seinem persönlichen Wirtschaftssystem innewohnte. So gesehen – finanziell -war die Kacke wirklich dampffrisch. Eine dauerhafte Zumutung in Anbetracht des gierigen Schlundes, der sich für den einfachen Antragsteller mit einem monatlichen Gehalt knapp über der Armutsgrenze öffnete wie das Maul eines gefräßigen Buckelwals, nachdem Robbie bei der Verwaltungsbehörde seinen Anspruch auf Import, medizinisch begleitete Vergabe und überwachte Therapie-Anwendung von pflanzlichem Cannabis angemeldet hatte. Das kostete. Das kostete richtig: Unendliche Zeit, eine Vielzahl an Nerven, satte Gebühren und fette Kostenbescheide, zwei deftige Anwaltshonorare und einen immensen Aufwand an persönlicher Fortbildung in Sachen Recht und Medizin. Aus der Portokasse war das nicht zu löhnen. Für die Deutschlandreise reichte es aber dennoch gerade so eben.

Die kleine Reisetasche war schnell gepackt: Wäsche zum Wechseln, Tropfen zum Schlucken und Kraut zum Inhalieren. Dazu ein Buch zur Unterhaltung und vom öden Bahnhofskiosk den obligatorischen Coffee to go.

Auf dem ersten Halt seiner Etappenfahrt durch die Widerstands- und Verteidigungslinien der gemeinen Medizinalcannabisgemeinde Deutschlands führten Robbies innere Koordinaten ihn zuerst zu einem seiner beiden für ihn tätigen Anwälte, die sich zwangsläufig an seinen spärlichen 20 % über der Armutsgrenze gütlich taten. Er war froh, dass sich die Herren Rechtsbeistände überhaupt mit derart niedrigen Ratenzahlungen abspeisen ließen, denn die rechtspolitisch so brisante Angelegenheit „Gesundheit für einfache Leute mit einfachen Mitteln“ schien in der Republik des abschlaffenden Wirtschaftwunders inzwischen derart kompliziert verquast, verquickt und verquirlt zu sein, dass die ordinären Kranken ihre zutiefst qualvolle Siechtums- und Leidenzeit wirklich besser mit einem prallen Medizin- und gediegenen Jurastudium verbracht hätten – anstatt sich unbedarft und absolut nichtsahnend in eine überlebensgroße Hoffnung zu verrennen. In die Hoffnung auf unbürokratische Hilfe. Hilfe zur Bekämpfung schwerer Lebensqualitätsverluste. Doch es passierte praktisch nichts für cannabisbedürftige Patienten. Nicht die Bohne. Nur Ablehnung. Unverständnis und blanker Hohn. In immer wieder neuen Variationen aus verschwenderisch verschnörkelten „Auf gar keinen Fall!“ – Formulierungen, die gegen saftige Gebühren von emotionsarmen Sach- und Fachbereichs-Mitarbeitern zu geduldigem Papier gebracht wurden, um die hohe Dunkelziffer an traurigen Einzelschicksalen still, leise und ohne großes Aufsehen – aber nach „gründlicher Prüfung“ - sukzessive abhaken zu können. Für puren Behördenzynismus hielt Robbie es deshalb, dass man es im elften Jahr der formalen Auseinandersetzungen erst geschafft hatte, fünf einzelnen Patienten eine verwaltungsrechtliche Anerkennung ihres medizinischen Cannabisbedarfs zuzugestehen. Allerdings nicht ohne diesen „glücklichen Kandidaten“ die versuchsweise Einnahme eines überteuerten und teils sogar wirkungslosen Wirkstoffextraktes aufzuzwingen, welcher urplötzlich aus dem Hut der Pharmaindustrie gezaubert worden war, um dem unhaltbaren Zustand eines gesundheitlichen Bedarfs ohne pharmazeutische Bedarfsdeckung nunmehr angemessen profitabel zu begegnen.
Der erstmals in dieser Sache aufgesuchte Anwalt wirkte in jenem Einstandsgespräch mit Robbie jung, unverbraucht und dynamisch. Er redete schnell und viel, produzierte aber keinen unnötigen Wortmüll von gleichrangig traurigem Standard wie er heutzutage oft von Mensch zu Mensch bzw. von Handy zu Handy ausgetauscht wird: Gesprochener Unrat ohne Belang, der über die Summe der Einzelkosten den marktführenden Kommunikations-Giganten einige fette Milliarden jährlich in die Kassen spült, ohne dass Anlass zum Optimismus auf etwaige Verringerung der verbalen Müllberge bestünde.
Was der muntere Advokat ansonsten zur rechtlichen Situation aus seiner Sicht sagte, hatte reichlich Hand und Fuß. Er referierte trocken, sprachgewandt mit unaufdringlicher Stimme und spickte seine kleinen Erzählungen mit diesem oder jenem passenden Vergleichsbeispiel, um sich noch besser bei seinem Gesprächspartner verständlich zu machen. Im Verlaufe des cirka zweistündigen Plauschs offerierte er Milchkaffe in Pappbechern ( not to go) - späterhin auch Bionade. (Bionade ist neuerdings in seriös arbeitenden Kanzleien relativ angesagt, weil Alkohol als Flüssigkeitshaushaltsregulativ zu oft klaffende Lücken in den nur mittelmäßig verhüllenden Schleier vorgeblicher Seriosität schlägt.)

„Langer Rede – kurzer Sinn“, wiederholte der Anwalt und deutete damit an, dass das sich mittlerweile im Kreis drehende Fachgespräch langsam zur Quadratur eines Endes führen müsse. Genauso gut hätte er „Viel Rauch um nichts!“ sagen können oder „Was für ein Theater um einen ganz natürlichen Überlebensanspruch“, aber nach Lage der Dinge hatte er eben ein Faible für die erneuerbare Energie des kurzen Sinns langer Rede.
Beide Gesprächspartner waren sich ohnehin Monate schon vor Robbies Schnupperbesuch in der Kanzlei telefonisch einig über die Tatsache geworden, dass dem mündigen Bürger mit der Schaffung des Grundgesetzes ein Höchstmaß an individueller Freiheit in großer Selbstverantwortung zugesprochen worden ist. Diese Eigenverantwortung dürfe keinesfalls durch eine behördlich bevormundende Einengung der Persönlichkeitsrechte, durch Verbots-, Negierungs- und Zwangsmaßnahmen gegen die körperliche Unversehrtheit und durch den kontinuierlichen Abbau des Schutzes der Privatsphäre ausgehebelt werden. Auch nicht von den einfältig agierenden Verwaltungsbonzen, die sich im Verlaufe der unverschämt langen Zeit der Antragsbearbeitung für schmerzbefreites Überleben einen formidablen Heidenspaß aus der Tatsache zu machen schienen, dass cannabisgebrauchende Patienten eher in den Knast wanderten oder einsam und qualvoll an ihrem Leiden krepierten, als etwa ein altbekanntes, ungiftiges Naturpräparat aus harzbesetzten Blütenständen importieren lassen zu dürfen, das selbst im Mutterland der Prohibition bei Vorlage des Rezeptes und digitaler Fingerabdruck-Erkennung an vereinzelt aufgestellten Verkaufsautomaten inzwischen erworben werden kann wie simples Soda-Dosenwasser gegen Dehydrierungsanzeichen.

Das nicht sonderlich mondän eingerichtete Anwaltsbüro war im vierten Stockwerk eines architektonisch wenig auffälligen Zweckbaus inmitten der lebhaft pulsierenden Großstadt untergebracht und bot als einzig wirkliche Sehenswürdigkeit einen hervorragenden Blick in das drittklassige Stadion eines unbedeutenden Zweitliga-Vereins, der sich auf rostbraunen Fan-Trikots als „Champions – League – Sieger - Besieger“ beweihräuchern ließ. Mandant und Anwalt reichten sich zum Abschied deshalb die Hand wie Sieg-Spieler und Schiedsrichter und signalisierten gegenseitiges Einvernehmen in gleicher Sache. Als Robbie schließlich mit dem Lift ins Erdgeschoss hinunterfuhr, um die nächste U-Bahn in Richtung seines besten Freundes zu nehmen, der einige Stadtteile weiter residierte, hatte er einen guten Eindruck von seinem anwaltlichen Beistand bekommen. Ein eigentümliches Feeling von „David gegen Goliath“ machte sich in ihm breit. Gutgelaunt steckte er sich also eine Dünngedrehte zwischen die schmalen Lippen und machte sich auf zur nahegelegenen U-Bahnstation.


Für 2,60 € erstand er ein Ticket am Automaten. Ohne Fingerprint-Scan. Drei Zonen hatte er nun Zeit, um in aller Ruhe und Gelassenheit „Gesellschaft“ im öffentlichen Nahverkehr zu beobachten: Alte Männer mit langweiligen Gazetten. Junge Mädchen mit trendy Handys. Abgehärmte Hausfrauen - behängt mit Einkaufstüten. Schnieke Typen - ausgestattet mit teuren Laptops und billigen Pappbechern, deren bräunlicher Inhalt eine weitaus gesündere Genussdroge zu sein versprach als etwa das offen präsentierte Flaschenbier in den Händen einiger mitfahrender Bauarbeiter. Da war es wieder: Das Alltags-Phänomen des„Drugs to go and drugs to show“. Die totale Freiheit sich anzutun, wonach einem auch immer der Sinn stand, so lange es gesetzeskonform blieb. Handystrahlungsaufnahme. Feinstaub-Inhalation. Hörnervschädigung. Sehstärkenreduktion. Zufuhr von toxischem Alkohol-Zellgift in geringst möglicher bis höchstprozentiger Dosis. Dazu Koffein, Vanillin oder Buer-Lecithin. Dem einzelnen Konsumenten schien es egal zu sein, ob die kaum messbare Strahlung von Mobiltelefonen die Fruchtbarkeit miniert oder ob Weichmacher in Textilien und Kunststoffen sich auf manche Menschen auswirken wie auf gefangene Fische, die in einem Bassin voller Pril - Konzentrat schwimmen. Jeder hat die freie Auswahl im reichhaltigen Angebot der individuellen Lieblingsdrogen und darf sich in der Öffentlichkeit als multipler Abhängiger präsentieren, damit auch der restlichen Welt nicht verborgen bliebe, welche ungeheure Fülle an Stoffen und Substanzen verfügbar ist, mit der man sich steuerlich geschröpft, schleichend und schonungslos selbst zu Grunde richten kann: Zucker für Kinder. Alcopops für Jugendliche. Schnaps für Heranwachsende. Nikotin für echte Männer. Valium für seelisch falsch gepolte Frauen. Viagra für mehr oder weniger sexuell Gehandicapte und spitze Spritzendope für spritzige Spitzenleistungssportler.
All das und noch sehr viel Schlimmeres mehr ist aktuell „verkehrsfähig“ und wird zum Teil unter Aufbietung bestmöglicher Lügenpropaganda-Märchen in den expandierenden Markt gepumpt. Sogar reines Heroin aus pharmazeutischer Produktion. Offenbar ist sauberer Stoff für Suchtkranke letztendlich doch gesünder und bringt mehr Profit in die Staatskasse als das anrüchige Geschäft mit gestrecktem Dreck von unsicherer - oder gar afghanisch-talibanischer Herkunft. Wahrscheinlich deshalb lässt die unglaubwürdige Drogenbeauftragte der BRD vollmundig verlautbaren, „die Heroinvergabe in den Niederlanden sei vorbildlich.“ Die Drogenbeauftragte jedenfalls ist es nicht.

In der Wohnung seines Freundes angekommen, fiel der Stress von Robbies Schultern wie eine überirdische Last. Sie begrüßten sich mit einer herzlichen Umarmung und schauten sich kurz und intensiv an: Alles wie immer. Ein wenig mehr Bauch vielleicht, die Haare etwas grauer und die Falten etwas tiefer ins Gesicht gefurcht, doch die Gefühle füreinander waren noch stets die gleichen, noch immer die guten.
Sie setzten sich in das große Schlaf- und Wohnzimmer, tauschten kleine Willkommens-Geschenke und erzählten sich einige wissenswerte Neuigkeiten, die in letzter Zeit passiert waren. Die „Catweazel-Aktion“ in Aachen beispielsweise, von wo aus auf Geheiß der dortigen Staatsanwaltschaft bundesweit rund 1500 willfährige Polizei- und Zollbeamte in aller Herrgottsfrühe ausschwärmen mussten, um insgesamt 234 Kunden eines Growshops mit richterlichen Hausdurchsuchungsbefehlen zu malträtieren. Abgesegnet durch einen schnell und windig konstruierten Generalverdacht, der jeden harmlosen Blumentopf oder Bio-Erde-Käufer des Online-Growladens zum gefährlichen Hanfplantagenbetreiber mutieren lassen musste. Ein Schauspiel sondergleichen mit späterhin schon verhältnismäßig tragikkomischen Zügen, nachdem in die interessierte Öffentlichkeit durchgesickert war, dass einerseits einige vom eigenen Gewissen geplagte Beamte nur halbherzig illegales Material beschlagnahmt hatten, weil sie offenes Mitleid und Solidarität mit manchen Betroffenen zeigten. Andererseits die angeordnete Massendurchsuchung mit Sippenhaftcharakter auch einen vollkommen überraschten Verwaltungsrichter, eine Anwältin und einen Justizbeamten mit der ganzen Härte des aufgegeilt widerwärtigen Rumschnüffelns in den tiefsten Privatbelangen jener sogenannten „grundgesetzlich geschützten Bürger“ traf wie das blanke Entsetzen die entjungferte Unschuld einer ausschließlich für Juristen tätigen Nutte. Peinliches Eigentor par excellence mit 1500 Stürmern. In Fachkreisen munkelt man, es handle sich dabei um ein absichtlich verdeckt geschossenes Tor ohne weitere disziplinarrechtliche Konsequenzen, da gewöhnliche Inkompetenz-Überschreitung aufgrund von Profilierungssucht aktuell noch kein zu ahnendes Delikt darstellt und folgerichtig mit staatsanwaltschaftlicher Unerfahrenheit entschuldigt werden muss. De facto also mit dem stabilen Fundament der überall wie schales Sauerbier angebotenen „Prävention“.
Robbies Freund machte ein fassungsloses Gesicht, als er erstmals an jenem Nachmittag von bleiverseuchtem Marihuana in Deutschland hörte. Von den über 100 akuten Vergiftungen in Leipzig. Von einigen weiteren Fällen in Österreich. Von der lahmarschigen Reaktion der Drogenbeauftragten auf die Ängste wegen der gesundheitlichen Bedrohung für rund vier Millionen Konsumenten, die sie wie zum Hohn mit dem floskelhaften Argument von oben her abbügelte, „die Schaffung einer unabhängige Analysemöglichkeit von kontaminiertem Cannabis sende ein falsches Signal an zu schützende Jugendliche....“
Ein echtes Signal an zu schützende Erwachsene – ob gesund oder krank – zu senden, das ließ das scheuklappengestützte Betonkopfdenken aber scheinbar nicht zu. Die letzte Bastion der „ verwaltungsgesteuerten Drogenbeauftragung“ im angeblich weltweiten Kampf gegen das Übel „Rauschgift“ verschanzt sich seither weiter feige hinter schlaffen Schlagworten und inständig ritualisierten Verbalinjurien von der „fehlenden Unbedenklichkeitsbescheinigung“, vom „zu hohen administrativen Aufwand für den Import von Medizinalcannabis“ und von der „Vier Säulen-Prävention“. Robbie wusste seit mehr als 30 Jahren wie diese „Prävention“ in Wahrheit aussieht: Ein trauriges Bild von mehr als 50tausend übereinander gestapelten nackten Überdosierungs-Leichen, denen pflichtbewusste Angestellte von rechtsmedizinischen Instituten auf der Suche nach dem Schlüssel zur Bekämpfung von irgendwie womöglich genetisch gearteter Stoff - und Substanzmittelabhängigkeit (in scheibengeschnittenen Hirnen oder in blutigen Organen) als letzte Dreingabe gesellschaftlich demonstrierter Abscheu ein grob genähtes Geflecht aus nicht biologisch abbaubarem Wundnahtmaterial auf Brust und Schädeldecke häkeln. Zur besseren Untersche

dbarkeit von anderen Leichenbergen aus Tabak- und Alkoholtoten.

Die Stimmung kippte nicht. Die Situation war wie zuvor: Beschissen. Die Kacke bekannt am Dampfen, aber das tat der guten Laune zwischen den beiden Freunden keinen Abbruch. Nach dem ersten ausführlichen Informationsgespräch gab es rein biologische Rouladen, Kartoffeln und Blumenkohl und abends im Breitwand-TV ein spannendes Fußballspiel zwischen Dortmund und Bremen. In den Adern der beiden Beinahe-Blutsbrüder pulsierte eine muntere Mische aus Endorfin, Serotonin, Adrenalin und assoziationsbedingtem Dauerspleen, der die polytoxe Gesamtkomposition der tagsüber freiwillig oder unfreiwillig zugeführten Mittel und Stoffe aus Kaffee, Feinstaub, Nikotin, Herbiziden, Pestiziden und all den schicken Chemosachen, die sich im Trinkwasser befinden, zu später Nacht mit einer ganz normalen Müdigkeit abrundete. Wehr- und willenlos gaben sie sich folgerichtig ihrer Schlafsucht hin.

Am nächsten Morgen schlich Robbie sich nach dem Konsum zweier mächtiger Schalen voll koffeinhaltiger Drogenbrühe, mit deren Hilfe er seine Medikamente hinuntergespült hatte, auf leisen Zehenspitzen aus dem Haus, um sich möglichst lautlos zu verabschieden.
Jetzt endlich galt es, seine eigentliche Reise durch die Republik anzutreten. Zehn Minuten Fußweg unter Schmerzen durch das Getöse des frühmorgendlichen Großstadt-Molochs. Automatenticket. Zwei Zonen U-Bahnfahrt bis zum Hauptbahnhof. Leute gucken. Zeitungen. Handys. Frisuren. Gesichter. Plastiktüten. Coffee to go. Hier und dort ein offen zur Schau getragenes Bier, dessen blasse Halter so aussahen als seien sie bereits seit zwei Tagen in Suffrolle rückwärts auf Tournee durch sämtliche U-Bahnstationen der Stadt unterwegs. „Aussteigen bitte in Fahrtrichtung links.“
Auf dem Bahnsteig zum Zug dann neuerlich hektische Betriebsamkeit in Form von laut lärmend ankommenden Rollkoffern, unendlichen Rucksack-Variations-Präsentationen, neurotischen Elite-Laptop-Bewachungsversuchen und stetem Kaltblasen von dezent in Pappbechern kredenzten Heißgetränken aus sorgsam gerösteten und feingemahlenen Aufputsch-Bohnen in antibiotikabelastetem Leitungswasser-Aufguss. Einsteigen in Fahrtrichtung rechts.
Der ICE – berauschend schnell unterwegs im berauschten Deutschland - war proppevoll. Etwas siffig das Interieur. Ein, zwei Toiletten defekt. Vom geselligen Unterhaltungswert der mitfahrenden Passagiere her gesehen schien die Atmosphäre vergleichbar mit der einer Fuhre nichtssagender Kohlensäcke in muffig riechenden Güterwaggons. Typisch durchschnittlicher Durchschnitt eines gelangweilten Mittelmaßes. Aufdringlich cool. Abwesend anmutend in ihre relativ unbequemen Sitze drapiert, hatten sich die Mitfahrer mehrheitlich eingestöpselt, eingeplugged, registriert, eingeloggt und vermittels elektronischer Droge aus dem realen Hier und Jetzt hinauskatapultiert in einen digitalen Reizflutbehandlungsversuchsfokus. Chill-Zone. Alle naslang hörte Robbie diverse Klingeltöne aus einer ganzen Armada ultrahochmoderner Handys, die Fotos, Filme, Tonaufnahmen und wohl auch Downloads von x-beliebigen Internetpornoportals machen konnten, aber ihren allgegenwärtigen Zeitgeist sofort und gnadenlos aufgaben, wenn der ICE durch einen der vielen Tunnel der Nord-Süd-Strecke donnerte. „Download gecancelt! Bitte wählen sie sich erneut ein! Den fälligen Betrag buchen wir von Ihrer Goldcard ab.“

Der Reisefahrplan-Flyer wies neben den obligatorischen Ankunfts- und Abfahrtszeiten des Schnellzuges jede Menge Sonderangebote für Bahnkunden aus und lockte mit Preisnachlass in billigen Hotels, Rabatt für Städtetouren und Bonusmeilen-Gutschrift für die Nutzung bestimmter Leihwagen. Eine rot umrandete Anzeige kündete vom besonderen Preisvorteil eines „XL Coffee to go“ für 3,70 € im Vergleich zu einem stinknormalen Kaffee, den es bereits für satte 2,90 € gab. Mochte Geiz wirklich geil sein und billig nicht blöd, so war Robbie spätestens nach der Lektüre dieser Annonce klar, dass die staatlich verordnete Schamgrenze in Sachen Drogenaufklärung nahezu ebenso schnell fiel wie der hohe Preis für kulturell akzeptierte Alltagsdrogen weiterhin rapide anstieg.
Hannover, Göttingen, Kassel, Frankfurt. Tunnel. Tunnelblicke. Tunnelfahrten. Niemand sah Robbie an, wie es wirklich um ihn stand. In ihm tobte der Kampf Gut gegen Böse und produzierte Viren. Kleine unbarmherzig agierende Mistviecher, die vollkommen nutzlos waren und sich innerhalb kürzester Zeit in einer lächerlich geringen Menge von nur einem Milliliter Blut achtstellig vermehren konnten. Komprimierter Kackdampf. Er verkniff es sich, eine der funktionierenden Toiletten im Zug aufzusuchen und seine lädierte Lebensqualität mit einem Hieb stimmungsaufhellendem, appetitförderndem Kraut zu verbessern. Es würde womöglich sicherere Möglichkeiten zum Medizinalkiffen geben als ausgerechnet in einem ICE, der mitten hinein in die unfassbaren Unzulänglichkeiten deutscher Rechts- Gesundheits- und Drogenpolitik rauschte.

In Mannheim stieg er aus. Er hatte eine halbe Stunde Aufenthalt zum Umsteigen und sich bereits Tage zuvor auf einen Kaffee mit einem Aktivisten-Pärchen verabredet, das er vor Monaten irgendwann über das gemeinsame Vorgehen für die gleichen Interessen kennen gelernt hatte. Widerständler. Unermüdliche Kämpfer für die eigenen – aber auch für die berechtigten Fremdbelange anderer Patienten. Sie begrüßten sich herzlich inmitten der durch die Gänge strömenden Menschenmenge, tauschten ebenfalls wie selbstverständlich kleine, immer wieder gern gesehene Willkommenspräsente miteinander und starteten schließlich zu einem kurzen Spaziergang, der neben den zu ertragenden Schmerzen vom Laufen auch etwas Frischluft und einige tiefe Atemzüge an Autoabgasen brachte. Schnell zogen sie sich daraufhin in ein kleines Bistro zurück und orderten je eine Tasse koffeinhaltiger Legal-Flüssigdroge. Nebenan gab es Bier und Schnaps zu kaufen und einen kleinen unscheinbaren Tabakwarenladen, neuerdings aber auch ein Rauchverbot in sämtlichen öffentlichen Räumen. Wer dennoch seiner Nikotinsucht frönen wollte, musste sich notgedrungen auf einen Bahnsteig in ein kleines – mit gelber Farbe eingegrenztes - Quadrat begeben und durfte dort unter den mitleidvollen Blicken aller Nichtraucher an seinem formidabel besteuerten - und in Brand gesteckten Tabak-Papierstängel lutschen. Wer davon Krebs bekam, der wurde so gut als möglich medizinisch behandelt. Bloß Cannabis schien nicht zur Therapie dieser in engen gelben Grenzen zugezogenen Suchtmittel-Auswirkung vorgesehen zu sein, obgleich eine wahre Schwemme an positiven Studien dem uralten Naturheilmittel inzwischen nicht nur krebshemmende – sondern auch schmerzreduzierenden Eigenschaften zuschreibt.
30 Minuten Aufenthalt. Aufputsch-Getränk mit Small-Talk zwischen drei Kranken, die sich ihr eigentliches „Überlebensmittel“, ihr heilbringendes oder wenigstens gut linderndes Medikament nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit öffentlich reintun dürfen wie die Raucher in ihren eigens dafür abgegrenzten Bereichen. Versteckspiel und Heimlichtuerei schienen stattdessen gefordert. Die beiden Aktivisten und Robbie waren sich ohne weitere Diskussion darüber einig, dass sie sich nicht an solcherlei Peinlichkeiten beteiligen würden. Nicht um den Preis einer totalen Selbstverleugnung und erst recht nicht zu Lasten einer absoluten Selbstaufgabe.
Die halbe Stunde Zwischenstop war schneller um als gedacht. Robbie umarmte seine Mitstreiter zum Abschied und gab sich äußerst zuversichtlich, dass sie sich schon sehr bald wiedersehen würden. Er wusste, dass die Organisation der vom gesundheitlichen Notstand betroffenen Personen – das SCM (Selbsthilfenetzwerk Cannabis als Medizin) - ständig an Mitgliedern gewann. Die Austausch zwischen den Patienten per Internet war beispielgebend, und der notwendige Informationsfluss von der Basis in die Ausläufer der politischen Gefilde lief nach erst einem Jahr des Bestehens der Organisation wahrlich nicht schlecht. Der Anfang war gemacht. Man hatte sie „ganz oben“ bereits zur Kenntnis genommen und reagierte dort mit Interesse auf die Kritik von „ganz unten“. Der Rest würde ein Frage von Geduld und Beharrlichkeit sein. Tugenden, die besonders auf chronisch Kranke zutreffen, die nichts zu verlieren – aber alles zu gewinnen haben.

Robbie stieg in den am Bahnsteig haltenden Zug, suchte sich einen freien Sitzplatz und vertiefte sich in sein mitgeführtes Buch, um die knappe Stunde an Fahrtzeit bis zum nächsten Ziel – Karlsruhe - zu überbrücken. Er fühlte sich körperlich unwohl, hatte Rückenschmerzen und ein starkes Bedürfnis nach Ruhe. Liegen. Schlafen. Entspannen. Der Schaffner kam, ließ sich das Ticket zeigen und bedeutete Robbie auf Nachfrage, wo er denn hin wolle, mit kargen Worten, dass der Zug nicht nach Karlsruhe fahre sondern nach Stuttgart.

Die Ausschüttung an Stresshormonen war unvergleichlich. Weitestgehend hilflos gab Robbie dem Ansturm an urplötzlich auftretenden Zweifeln, Ängsten und Sorgen nach und degenerierte von einem Augenblick auf den anderen innerlich zu einem winzigen Häuflein Elend ohne jedes Selbstbewusstsein. Fragen über Fragen marterten sein Gehirn und pumpten eine zähe Suppe an widerlichen Gefühlen in seinen geschlauchten – weil vollkommen unvorbereiteten Organismus. Wieso saß er überhaupt im falschen Zug? Konnte er dem eigenen Orientierungssinn nicht mehr trauen? Wie lange würde er wohl für den Umweg über Stuttgart zurück nach Karlsruhe brauchen? Was würde der immense Zeitverlust für die fest getroffene Verabredung bedeuten? Wohin müsste er sich wenden, wenn ihn niemand am Treffpunkt erwartete? Welche Konsequenzen könnte das Scheitern der Verabredung für sein persönliches Ziel haben, das er mit dieser anstrengenden Reise in die Tiefe seiner Gefühle en passant verfolgte?
Leise, aber inständig verfluchte er sich, dass er nicht zum Millionen-Heer der stinknormalen Handygebraucher zählte, die eine solch prekäre Situation womöglich auf Anhieb mit einem kurzen Telefonat aus dem fahrenden Zug heraus hätten lösen können. Doch seine Abneigung gegen die kleinen aufdringlichen Gebührenschleudern war einfach zu stark und einer kleinen Unzulänglichkeit oder Unaufmerksamkeit wegen würde er seine ehernen Prinzipien nicht so schnell über den Haufen werfen. Mochte die Termin-Kacke auch noch so dampfen.

Die restliche Zugfahrt bis zur ungeplanten Ankunft in Stuttgart verging wie in quälend langsamer Zeitlupe. Ohnmacht, Wut, Hilflosigkeit und Angst breiteten sich in Robbie aus und spülten altbekannte Empfindungen in sein Bewusstsein, wie er sie in gleicher Art und Weise schon in der unrühmlichen Auseinandersetzung mit der Verwaltungsbehörde in Sachen Cannabis-Medikation erlebt hatte. Niedergeschlagen erduldete er das blanke Gefühl unendlicher Scham, einen groben Patzer mit möglicherweise weitreichenden Folgen verursacht zu haben, ohne wirklich schuldig zu sein. Am liebsten wäre er im Boden versunken, aber genau das galt es vorerst zu vermeiden.
In Stuttgart am Bahnhof angekommen, bestieg er im Laufschritt den nächstbesten Regional-Zug und ließ sich ungeduldig und nervlich angefressen zurück durch die schwäbische Pampa Richtung Karlsruhe schippern. Inmitten einer mitfahrenden Horde grölender Schüler und pickelgesichtiger Azubis, die quer durch alle Abteile lärmten. Er hatte die Schnauze voll. Total und gründlich voll. In erster Linie von sich selbst, aber auch das deutschlandweite Medizinalcannabisproblem konnte ihn in jenen Momenten gut am Arsche lecken.

Mit rund 90minütiger Verspätung kam Robbie schließlich in der Stadt der höchsten Gerichtsbarkeiten an. Stressgebadet. Zerknirscht. Hochtourig angeödet und verunsichert.
Zu allem Überfluss hatte er zuvor in Stuttgart in einer Telefonzelle noch das Adressbüchlein mit allen wichtigen Anschriften und Rufnummern seiner vielfältigen Kontakte liegen lassen, was seine überaus depressive Stimmung zusätzlich in den abgrundtiefen Keller der Düsternis trieb. War es nicht schon peinlich genug, dass er die Frau so lange hatte warten lassen, mit der er verabredet gewesen war? Musste er jetzt auf seinen vagen Verdacht, sich an ihre Adresse zu erinnern, noch auf die Suche nach ihr machen? Als Fremder in einer fremden Stadt? Sollte er nicht besser umdrehen und gleich wieder nach Hause fahren? Er kam sich vor wie ein Blender. Wie ein unzuverlässiger Schwätzer. Wie ein Versager, dem man die einfachsten Terminabsprachen nicht zutrauen kann einzuhalten.
Robbie nahm sich am Bahnhofsvorplatz ein Taxi, nannte den vermuteten Zielort und ließ sich hoffnungsschwanger und angstzerfressen zugleich zu einer nicht weit entfernt liegenden Praxis fahren, in der er hoffte, seine Verabredung anzutreffen. Schweiß perlte während der kurzen Fahrt von seiner Stirn. Sein Puls jagte. Er gab sich nur noch wenige Augenblicke in Karlsruhe und plante, das gleiche Taxi zurück zum Bahnhof zu nehmen, wenn seine Suche erfolglos bleiben würde. Der Wagen hielt. Er stieg aus und betätigte den Klingelknopf. Nur wenige Sekunden später öffnete sich ein Fenster und ein Frauenkopf schaute heraus: Sie hatte tatsächlich gewartet.
Das Reiseziel war endlich erreicht. Robbie versuchte sich mit Müh und Not aus seiner mittelschweren Depression herauszuhangeln, den Ärger über den ungewollten Umweg zu verdrängen und allen Widrigkeiten zum Trotz unbefreit zu wirken, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. Keine 15 Minuten nach seiner verspäteten Ankunft fand er sich in einer kleinen, gemütlichen Wohnküche einer schönen Altbau-Wohnung auf einem Sofa sitzend – etwas scheu, etwas verklemmt – jener Frau gegenüber, mit der sich bereits seit einigen Monaten schriftlich über seine individuellen Problematiken ausgetauscht hatte. Er hielt sie in der Cannabisfrage für überaus kompetent, für sehr engagiert und überdies auch streitbar genug, um ihn eventuell aus der misslichen Lage seines verwaltungsbehördlich verweigerten Lebensanspruches in Schmerzlosigkeit zu befreien. Nicht von Krankheit oder von deren mitunter unerträglichen Symptomen, doch wenigstens von gesetzlicher Verfolgung und ewig drohendem Strafanspruch.

Sie bot ihm Kaffee und etwas zu essen an, war freundlich, aufmerksam und selbstbewusst in ihrer Rolle einer durch und durch erfahrenen Person, die sich auf eigenem – und daher sicheren Terrain bewegt. Er hingegen bekam vor lauter kleinkindlicher Scheu, sich mit seinen überdimensionierten Hoffnungen auf eine ihm fast völlig unbekannte Person zu fokussieren, plötzlich Bammel vor dieser nahezu surrealen Konstellation, in welcher es unterschwellig sicher auch um all die unausgesprochenen Ansprüche ging, die Robbie insgeheim noch mit dieser seiner Deutschland-Reise verbunden hatte: Das Ende der schlimmen Hexenjagd auf Patienten. Den Schlussstrich unter die Entsetzlichkeiten der sozialen Ausgrenzung. Womöglich die Wiederkehr der Menschlichkeit in die emotionale Eiseskälte einer ethisch fragwürdigen Auseinandersetzung um Leben und Tod, um Siechtum und Behandlung. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Trauer flutete die Seele.
Er hatte sich ein wenig zuviel abverlangt in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit. Die elend langen Zugfahrten. Die vielen Menschen unterwegs. Die konzentrierten Gespräche um Alles oder Nichts mit dem Rechtsanwalt, mit seinem besten Freund, mit den beiden Aktivisten und nun auch noch mit ihr, die sie ihm zuhörte, ihn befragte, ihm antwortete und sich intensiv mit ihm und mit seinem Lebenstrauma auseinander setzte. Die vielen Eindrücke. Die widerstreitenden Gefühle. Das permanente Kreisen in Unverfügbarkeiten. Das verlorene Adressbuch, das ihn schmerzte wie verlorene Freundschaften. Die Aussichtslosigkeit der Umsetzung eines grundgesetzlich verbürgten Anspruchs. Letztendlich auch die bald schon wieder bevorstehende, quälend lange Heimfahrt vom inzwischen erreichten Ziel zurück zum Ausgangspunkt. Robbie stellte das alles auf einen Schlag in Frage.
War es die Mühen wirklich Wert? Machte er sich nicht etwas vor? Sollte er nicht besser die Segel streichen und sich still und demütig in sein künftiges Schicksal fügen? In den Boden der 1,80m tiefen Versenkung?

Es dämmerte bereits und durch die belebten Straßen Karlsruhes eilten die Menschen mit einer freudigen Zielstrebigkeit heim, als ob es nirgends auf der Welt Ungerechtigkeit gäbe. Schon gar nicht in der hochentwickelten, aufgeklärt demokratischen Bundesrepublik Deutschland oder gar in der eigenen zivilisierten Stadt, in der ein Bundesverfassungsgericht argusäugig darüber wachen sollte, dass schwer erkrankten Menschen durch das Vorenthalten einer geeigneten Medikation nicht noch zusätzlich unzumutbare Last aufgebürdet wird.
Sie gingen durch den Nieselregen zum Bahnhof, umarmten sich zum Abschied wie gute alte Bekannte und versprachen Kontakt zu halten. Er drehte sich nicht mehr nach ihr um auf seinem Weg zum Bahnsteig, nahm sich aber vor, sobald wie möglich ein neues Adress-Büchlein zu besorgen und ihre Anschrift als eine der ersten darin einzutragen zum Zeichen eines Neu-Anfangs. Zur Dokumentation, dass die „Kaffeefahrt Deutschlandreise“ in Sachen Cannabis als Medizin noch lange nicht beendet war, sondern jetzt erst richtig beginnen musste. So wie eine wahre Geschichte, bei der schlussendlich die Kacke noch genauso dampft wie zu Beginn derselben.

24 Stunden später traf Robbie zu Hause ein und kümmerte sich als erstes um seine Pflanzen. Dann schmiss es die Kaffeemaschine an, legte etwas leises Hintergrundgedudel auf, setzte sich an seinen PC und begann niederzuschreiben, was noch immer so überaus unglaublich erscheint, dass eine wirklich wahre Geschichte eigentlich anders enden müsste.

Axel Junker



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