Startseite Zur 2. Morphinistenseite WEGWEISER RECHTLICHES VORWORT DER MORPHINIST DAS MORPHINISTISCHE MANIFEST Dr. HANNES KAPUSTE AXEL JUNKER KARLOS & Co. ERFAHRUNGEN KARLOS & Co. ERZÄHLUNGEN & KURZGESCHICHTEN ANTIQUARIAT RECHT, POLITIK, WISSENSCHAFT UND MEHR.... SOZIAL & POLITISCH KRITISCHES GEMISCHTES GEDICHTE & PROSAISCHES BRIEFE SUCHEN

AXEL JUNKER:
Schriftsteller. Bildformer, Musiker, ganz allgemein Künstler und Lebenskünstler. Einer der Seltenen, die beängstigenderweise immer seltener werden.


Themen:
Umsonst und Draussen
Tod durch Kiffen
Volk allein Zuhaus
Kultur im Tal der Ahnungslosen
Kriegsverbrecher - Kriegsopfer- Überzeugungen
Abschaum - Abwasch
Cechnya
Shotgun - Wedding
Billig oder was?
Im Zentrum des Zirkels
Cosmos Kosmos
DROBS im Fluss der Zeit
Emigrant
Exitus at last
Last Exit
Monolog eines fast 60jährigen Betrunkenen
TRILOGIE
Live Update
Drei neuzeitliche Einkaufs-Rezensionen
Pakt mit dem Teufel
DER PROPHET und DER WÜSTE
Spazierkrank
Deutschlandreise
KRANKEN-GEDANKEN


Allgemein:
Arbeitsweise & Terminologie
Spenden
LINKS
Impressum
Kontakt


TRILOGIE

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S 

Voran gegangener Briefwechsel

Mittelpunkt des Lebens

Am Rande

Des Wahnsinns Normalität



Nach oben

V O R A N   G E G A N G E N E R   B R I E F W E C H S E L 

______________________________________________________________________
1. Brief,
von J. aus Mittelamerika. Von Karlos weitergeleitet an Axel Junker.

Hallo Karlos!
Da melde ich mich einmal wieder aus Mittelamerika.
Regelmaessig checke ich deine/eure Seite auf Updates und durfte jetzt die Geschichten von Axel Junker lesen. Sehr interessant. Manchmal hat man das Gefuehl, jemanden schon einmal irgendwo getroffen zu haben... aber ich komme nicht mehr darauf, wo das war. Hat vielleicht was mit dem ACM zu tun oder so. Leider hatte ich manchmal das Gefuehl, dass er eine Zweiklassengesellschaft der Heilpflanzen aufgebaut hat und Cannabis besser dasteht als die Opiumlieferanten. Irgendwo hat er einmal
geschrieben, dass jeder Bulle hinter jedem Hanfblatt eine Tonne Opium wittert... Naja, hab ich vielleicht nur in den falschen Hals bekommen.
Auf jeden Fall sehr nette Texte ueber ein sehr trauriges Thema. Ich musste selbst jahrelang erleben, wie jemand dem Polizeiterror ausgesetzt wurde nur weil er sein HIV mit Cannabis ertraeglicher gestaltete, an Gewicht zulegte, Infektionen und Depressionen erfolgreich bekaempfte.

Es ist ein menschenverachtendes Land, das seinen Buergern den Zugriff auf notwendige Heilmittel einfach so verbietet. Aber was tut ein Faschist nicht gerne fuer das, was ihm die Psychohygieniker und Pharmamafia seit der Wiege ins Ohr fluestern.
Aber dir brauch ich das sicherlich am allerwenigsten zu erzaehlen...
Also, danke noch einmal fuer Axels Geschichten, einen Gruss an ihn und
du kannst dich ja vielleicht fuer einen Urlaub in der Dominkanischen
Republik begeistern lassen. Zumindest sind hier Verschreibungspflicht und Retardierung noch Fremdworte.
Viele Gruesse aus MA!
j.
Name & Ortsname verändert: INTRACEREBRAL
****************************************************************************

2. Brief, von Axel Junker an Morphinistenseite.

Karlos, Danke für die Weiterleitung des Beitrages von
J.
Fühle mich zwar ein wenig missverstanden in Sachen
"zwei Pflanzenklassen-Gesellschaft Cannabis/Mohn",
hoffe aber, dass ich mich über meine Storys hinaus
aktuell und im Hinblick auf das laufende Verfahren
weder zur allgemeinen (unregulierten) Legalisierung
von Hanf noch zur Rechtmäßigkeit des Anspruches auf
adäquate medizinische Behandlung mit Morphin, Opiaten,
Opioiden, Diarmorfin oder - falls es jemals wieder
hergestellt werden wird - Laudanum öffentlich äussern
muss.
Es könnte meinen kompletten Genickbruch vor Gericht
ohne Hanfstrick bedeuten.
Ich hoffe Du findest ein erforderliches Quantum an
Verständnis für meine Situation.
Ich stehe zu meinen Wurzeln; d. h. ich negiere nicht
die wertvollen Erfahrungen, die ich als hochgradig
süchtiger Mensch in den Fängen der sog. medizinischen
oder exekutiven Institutionen machen durfte, aber
nachdem es mir gelungen ist, diese Lebensphase weitest
gehend mental unbeschadet zu überstehen, bitte ich
darum, nicht noch einen unnötigen Salto rückwärts
machen zu müssen, der etwa hieße: "Erneute
Total-Abhängigkeit mit intravenöser Zufuhr einer
oftmals gestreckten Substanz in vager
Versorgungungslage ist mein künftiges Lebensziel...."
Ist es nicht.
Ebenso wenig ist es mein Ziel, die Schwierigkeiten,
die ich IN Deutschland MIT Deutschland habe, in Mittelamerika zu beackern.
Vielleicht packst Du diese Zeilen irgendwo ganz sicher
hin, Karlos, denn mitunter ist es ganz wertvoll, schon
prophylaktisch Dementis abzugeben.
Im Anhang noch `ne Trilogie
"Mittelpunkt des Lebens", "Am Rande", "Des Wahnsinns" "Normalität"
Die dort zum Tragen kommende Substanz Alkohol ist
ersetzbar durch jedwedes andere Mittel, mit dem manche
Individuen nicht umzugehen lernen: Crack, Sex, Rosimon
oder Automaten-Spiele.
Gruß
Axel
Ortsname verändert: INTRACEREBRAL
*******************************************************************************

3. Brief, von Morphinistenseite an Axel

Hallo Axel.
Ich verstehe nicht was du immer hast mit deinem "Ich muss nicht zurück zu den Zeiten, gemischten Dreck intravenös zu ballern". Kein Mensch machte jemals auch nur eine Andeutung in dieser Richtung.
Allerdings solltest du vielleicht auch nicht davon sprechen, du hättest "Diese Phase" deines Lebens mental weigehend unbeschadet überstanden". Dann verstehe ich nämlich nie, wovon du sprichst. Du warst damals, zu den Zeiten da du den gemischten Dreck intravenös geballert hattest Morphinist, und bist das unverändert heute noch, mit deinen täglichen Dosen an Methadon. Welches Morphin du dir zuführst, auf welche Weise und in welchen Reinheitsgraden, spielt hier nicht die geringste Rolle.

Das war jetzt bereits das dritte oder vierte Mal dass du in einer deiner mails darauf zu sprechen kamst, und stets auf eine Weise, als hättest du etwas zu verteidigen. ES GIBT NICHTS ZU VERTEIDIGEN, WEIL NICHTS DA IST, DAS VERTEIDIGT WERDEN KÖNNTE! Du warst damals Morphinist und bist es, wie die meisten von uns, unverändert heute noch. Im besten Falle hast du die Vor- und Nachteile der verschiedenen Applikationsformen erlernt und die Vorzüge einer geregelten ärztlichen Verordnung sauberen Morphins.
Gruss: K.



Nach oben



Nach oben

M I T T E L P U N K T   D E S   L E B E N S 

***************************************************************************************
Er lag zwischen den aufgeräumten Blumenrabatten eines farbenprächtigen Vorgartens mit dem Gesicht nach unten. Vielleicht nur ein paar Stunden, möglicherweise aber auch schon tagelang....
Als er schließlich erwachte, hatte er Dreckbatzen im Gesicht und Sand und kleine Kieselsteine im Mund, die sich kaum von seiner pelzigen Zunge lösen wollten.
Er bot einen armseligen Anblick in seinem viel zu großen Anzug, der um seine dürren Glieder schlotterte, und man hätte meinen können, dass er mit einem unsichtbaren Wesen einen großartigen Dialog führte, so wie er spuckend und prustend seinen unrasierten Mund bewegte, auf allen Vieren zwischen kurzgeschorenem Rasen und spießigen Studentenblumen, den Blick starr geradeaus gerichtet auf das nicht existente Etwas zwischen Grashalmen und Pflanzenwurzeln.
Sein Kopf fühlte sich an wie die größte Glocke des Kölner Doms, auf die jemand unaufhörlich mit einer Eisenstange eindrosch, und noch die kleinste seiner ungelenken Körperbewegungen bedurfte einer unmenschlichen Anstrengung.
Ihm war elend, er fühlte sich todsterbenskrank und er hatte weder eine Erinnerung daran, wer es war – noch wohin er wollte.
Als er den letzten Fremdkörper aus dem Mund gepult hatte, geriet er durch eine unkontrollierte Handbewegung zu tief mit den Fingern in seinen eigenen Schlund und im Aufstehen, im Torkeln auf zwei unsicheren Füßen, musste er sich übergeben und flüssige Kotze ergoss sich in einem breiten Schwall über Schuhe und Hose. Er stank, aber er selber nahm davon überhaupt nichts wahr. Der Versuch, seine Extremitäten zu ordnen und zu koordinieren verlangten alle Konzentration, und jede Bewegung forderte ihm das letzte an Kraftanstrengung ab.
Die Sonne brannte ohne Erbarmen auf seinen Kopf, die verfilzten Haare waren mit Essensresten durchsetzt, und als er unsicher einen ersten Schritt im Stehen vorwagte, merkte er in panischer Angst, dass sich die Welt um ihn drehte: Sie DREHTE sich! SIE DREHTE SICH UM IHN! Schnell und immer schneller...
Einer inneren Anwandlung folgend drehte er sich plötzlich mit, in derselben Geschwindigkeit, und wie ein außer Kontrolle geratener Sputnik pflügte er durch die Blumenrabatten und fräste - wild mit den Armen um sich rudernd - eine große Schneise in die künstliche Wand aus Kletterrosen, die sich ihm in den Weg gestellt hatte.
Das war der Augenblick, als sich in dem schmucken Einfamilienhaus das erste Mal der Vorhang im Fenster zum Garten bewegte: ein wenig bloß, fast unscheinbar; still und nur kurz wie durch einen sanften Windhauch.
Einige Augenblicke später erfolgte ein knappes Telefonat aus dem Haus heraus, und bereits 6 Minuten später stürmten zwei kräftige, junge Männer durch das Gartentor, von denen der größere eine grobe Jacke aus Leinen mit sich führte, an deren Ende vielerlei Lederschnallen befestigt waren.
Sie machten kurzen Prozess.
Sie brachten ihn auf dieselbe Station wie immer.
Dort wusste man, wer er war und was er wollte, aber wenn nach den drei nun folgenden Monaten der richterliche Beschluß der Einweisung aufgehoben würde, der wegen exzessiven Alkoholkonsums und anschließender Unzurechnungsfähigkeit mit möglicher Fremdgefährdung ausgestellt war, würde man ihn mit Sicherheit bald wiederfinden: besoffen bis zur Besinnungslosigkeit, hilflos und hoffnungslos, aber stets mit dem winzigen Quentchen innerer Gewissheit, dass sich alles nur um ihn drehte, und er der Mittelpunkt alles Lebens sei. Inmitten von gut gepflegten Blumenrabatten.
Hoffentlich wird seine Mama auch in Zukunft weiterhin rechtzeitig in der Klapsmühle anrufen...
A. J. 10.IV.02



Nach oben



Nach oben

A M   R A N D E 

Die beiden großen, kräftigen Männer zogen und zerrten ihn aus dem Krankenwagen wie einen nassen – nur zum Drittel gefüllten – Sack.
Kraftlos hing er zwischen ihren Armen, die sich wie Schraubstöcke um seinen dürren Körper gedreht hatten, und unter der großen Leinenjacke mit den vielen Lederschnallen lugten aus den Hosenbeinen seines verschlissenen Anzuges zwei nachschleifende Füße heraus, an denen nur rechts so etwas wie der Überrest eines ehemaligen Turnschuhes hing.
Vorbei am gelangweilten Portier, der in seinem armseligen Kabuff nicht zu Ende gelöste Kreuzworträtsel vervollständigte, trugen sie ihn die wenigen Stufen hinauf zum Haupthaus der psychiatrischen Klinik.
Das Vorstellungsgespräch erübrigte sich, ebenso wie die routinemäßige Eingangsuntersuchung. Sie kannte ihn alle. Jeder Arzt und jede Schwester.
Jeder tamilische Hilfspfleger, der senile Pfarrer – ja sogar die vom Knast für die Küche abgestellten Kartoffelschäler wussten, wer da wieder ankam...
Sie hatten ihn fast schon vermisst und bereits heimliche Wetten darauf abgeschlossen, wann sie ihn denn wiederbringen würden.
Der Oberarzt war bereits telefonisch vorab informiert worden, und so lief alles seinen gewohnten Gang wie schon unzählige Male zuvor:
Die beiden kräftigen Typen ließen ihn in einem gekachelten Raum der geschlossenen Station I auf den Boden fallen und begannen kurz darauf, bewehrt mit einem Mundschutz und Einweg-Handschuhen, die einzelnen Fesseln seiner Zwangsjacke zu öffnen.
Er bewegte sich nicht, sondern lag zusammengesunken wie ein alter, faltiger Anzug auf dem bloßen Fußboden.
Sie schnitten ihm die stinkenden Fetzen vom Körper: die Jacke, die Hose und das Hemd. Als sie sich an der Unterwäsche zu schaffen machten, stieg in beiden ein übler Würgereiz auf, aber sie unterdrückten ihren Ekel, bis er schließlich nackt vor ihnen lag: Dreckig, zerschunden von Abschürfungen und Hämatomen allen Alters in den vielen Farbschattierungen des Regenbogens und weiterhin unfähig zur kleinsten Regung.
Als sie schließlich den Feuerwehr-Schlauch auf den stärksten Strahl eingestellt hatten und die mannigfachen Drecks- oder Blutverkrustungen von seinem ausgemergelten Körper spülten, stöhnte er lediglich kurz auf, kam aber nicht weiter zur Besinnung.
Nass und nackt wie er war schoren sie ihm mit einer gewöhnlichen Schere das verfilzte Haar und verknoteten anschließend ein viel zu kleines Krankenhaus-Leibchen um seinen Hals.
Dann brachten sie ihn in ein winziges Zimmer, in dem er nur das Bett gab und genau gegenüber an der Tür ein billiges Kruzifix aus Hartplastik.
Sie schnallten ihn fest: die Arme weit auseinander gebreitet, die armseligen Beinchen fest nebeneinander und selbst den Kopf zwangen sie in eine Haltevorrichtung, die es ihm unmöglich machen würde sich zu bewegen.
Dann verließen sie den Raum, und er blieb zurück in einem Zustand zwischen akuter Vergiftung und tiefer Bewusstlosigkeit.

Als sie ihn gute fünf Tage später wieder von seinem Bettgestell abschnallten, roch er fast schon wieder wie bei seiner Einlieferung, aber ein zweiter Durchlauf unter dem Schlauch bereinigte das.
Er war aus dem Gröbsten raus, das heftigste an Entzugserscheinungen hatte er hinter sich, und ab nun konnten sie ihn mit ihren Hammer-Psychopharmaka ruhig stellen.
Man gab sich für ein paar wenige Minuten alle erdenkliche Mühe, ihn wie einen Menschen aussehen zu lassen, denn morgen war Sonntag.
Da würde er dann seiner Mama im Besuchszimmer gegenübersitzen.
Schweigend – wie immer...
A.J. 10. IV. 02



Nach oben



Nach oben

D E S   W A H N S I N N S   N O R M A L I T Ä T 

Als die drei langen Monate seiner erneuten Leidenszeit in der geschlossenen Abteilung der psychiatrischen Klinik endlich vorbei waren, wurde der richterliche Beschluss der Einweisung ohne weitere Begründung oder etwaige medizinische Untersuchung aufgehoben. Er wurde entlassen. Eine Unterschrift unter eine Aktennotiz. Mehr nicht.
Aus der Kleiderkammer der Sozialstation hatte man ihm eine abgetragene Grundausstattung an zerschlissenen Klamotten geholt, ohne ihm die Möglichkeit einer Anprobe zuzugestehen. Das hätte zuviel Zeit gekostet.
Sie zwängten ihn also halbwegs mit Gewalt in einen engen, viel zu kleinen, alten Anzug, und weil es Sommer war und draußen die Sonne ohne Erbarmen vom wolkenfreien Himmel knallte, erhielt er noch ein Paar durchgelaufener rosafarbener Plastiksandalen. Die hatte einer seiner Mitpatienten ursprünglich in einer stinkenden Mülltonne versenkt. Der Klapsmühlenpfaffe hatte sie jedoch gefunden und für seine Schäflein requiriert.

Es war so gegen 10 Uhr morgens, als er unsanft und mit erheblichem Nachdruck von zwei hünenhaften Schränken an männlichem Pflegepersonal am ständig gelangweilten Pförtner vorbei zum Haupttor des Krankenhauses geschoben und gedrängt wurde.
Die Beiden schlugen auf dem Weg zum Ausgang auch schon mal heftig auf ihn ein, wenn sie den Eindruck hatten, dass er zu langsam ging und sie deswegen möglicherweise ihre Frühstückspause verpassen könnten.
Schließlich jedoch standen sie zu Dritt vor dem hohen Zaun mit dem scharfen, eingeflochtenen Nato-Draht. Am Ende jener Sackgasse, die zum Klinikum führte.
Dies war nun kein offizielles Krankenhausgelände mehr, und so traten die groben Pflegehelfer – quasi zum Abschied – noch einmal richtig fest zu und ließen ihn blutend am Straßenrand liegen.
Wieder einmal bekam er von den Prügeln nicht viel mit, weil ihm der bleierne Schleier aus sedierenden Psychopharmaka noch immer das gebeutelte Hirn vernebelte.
Nach einigen Minuten intensivster Anstrengung jedoch fand er sich auf seinen dürren, wackeligen Beinen soweit zurecht, dass er die Straße hinunter Richtung Stadtzentrum wanken konnte. In ihm rumorte es: Zorn, Wut und kindliche Hilflosigkeit schwappten in spröden Wellen in sein kärgliches Bewusstsein.
Ab und an stieg auch eine stille Ahnung in ihm hoch, dass er die verdammten Gnome und fratzenhaften Dämonen wieder einmal besiegt hatte. Jetzt endlich würde eine andere Zeit anbrechen. Er fühlte sich nicht mehr so absolut ausgeliefert und schwach, sondern würde sich wehren. Mit seinen eigenen Mitteln. Wie immer beschränkt sie auch sein mochten.

Bereits am ersten Kiosk in Kliniknähe versorgte er sich mit einer großen Flasche Magenbitter.
Etwas Geld hatte er noch, denn während der drei Monate seines Aufenthaltes in der Klapse war das Sozialamt für seinen Lebensunterhalt aufgekommen. Lediglich ein Teil vom ausgezahlten Taschengeld war ihm von Mitpatienten geklaut worden.
Zwar hatte auch einer der beiden Pfleger auf dem Weg zum Tor mit einer schnellen Handbewegung noch sämtliches Kleingeld aus seiner zerfledderten Anzugjacke abgreifen können, aber wenigstens die Scheine hatte er am ausgemergelten Körper gebunkert. Da kam nur er selbst ran. So tief. Wenigstens würde es für den Anfang reichen. Um Geld machte er sich sowieso keinerlei ernsthafte Gedanken. Denken war nie seine Stärke gewesen.
Er lebte vielmehr in düsteren Ahnungen: In schrägen, schwarzweißen Bildern einer abgefuckten Comic-Welt. Ausgestattet mit eher animalischen Instinkten. Seine persönliche Realität war die einer surrealen Irrealität.

Er torkelte also vom Kiosk aus weiter in Richtung Stadt. Immer mal wieder einen kräftigen Schluck aus der Pulle nehmend, um die ständig in seiner Nähe tätigen Geister und Wurzelwesen besser in Schach halten zu können.
Schließlich kam er schon gut angesäuselt am Rande der Ortsgrenze am erst besten Supermarkt vorbei, und wie von einer unsichtbaren Macht geleitet, fand er seinen instinktiven Weg in die überbordende Spirituosenabteilung, wo er ohne zu zögern bei Téquila, Whisky und einem mittleren Flachmann billigsten Branntweins zuschlug. Das würde für die nächsten Stunden reichen.
Die Kassiererin des Billigmarktes kannte ihn natürlich schon von früheren Auftritten her und hatte daher keinerlei Gewissensbisse, ihm für den Sprit den dreifachen Preis abzuknöpfen. Selbst bei der Herausgabe des Restgeldes wagte sie sich zielsicher, ihn nochmals ordentlich zu bescheißen. Sie wusste, dass er seine Knete nie nachzählte. Es wahrscheinlich gar nicht konnte.
Ihn kümmerte das nicht weiter. Wichtig schien ihm nur, jetzt schnell genug den Drehverschluss der ersten Flasche abzukriegen. Seine Rechte zitterte. „Es“ wurde aufregend.
Bereits in der langen Warteschlange vor der Kasse hatte er gespürt, wie die langen Angstschatten seinem Innersten wieder bedrohlich nahe gekommen waren. Die Buddel Magenbitter war bereits vollkommen geleert. So sehnte er denn sabbernd und fast schon panisch zwischen all den übrigen Käufern den schönsten aller Augenblicke herbei, in welchem er noch im Ausgangsbereich des Ladens die Flasche zum Mund führen konnte.
Als es endlich soweit war - in einem einzigen, großartigen Zug wurde der gesamte Téquila auf ex geleert - ließen die Attacken seiner inneren Gegnerschaft wieder etwas nach. „Es“ wurde erträglich.
Angemessen beruhigt trat er hinaus in die drückende Hitze des Tages. Die beiden übrigen Fuselflaschen steckte er in die löcherigen Jackentaschen seines viel zu engen Anzuges und wankte daraufhin in Zeitlupe in ungefähre Richtung Nirgendwo, um dort seine persönliche Siegesfeier fortzuführen. Tod allen Dämonen!

Gute drei Wochen und viele Flaschen später hatte er aufs Neue eine Unzahl an totalen Bewusstseinsverlusten und grausamen Kämpfen mit seiner eigenen Geisterwelt hinter sich gebracht. Zwar häuften sich mit jedem absichtlichen Filmriss durch die immensen Ströme an Alk seine körperlichen Macken, aber er hielt dennoch durch. Irgendwie. Irgendwo nirgendwo.
Mal kippte er ohnmächtig von einer schäbigen Parkbank. Mal sackte er akut vergiftet in dreckigen Hinterhöfen irgendwelcher Sozialbauten zusammen und verbrachte ganze Tage und Nächte unbeachtet in stinkenden Kellerschächten oder neben überquellenden Müllcontainern. Keiner kümmerte sich um ihn. Niemand nahm Anteil.
Mitunter wurde er von grölenden Jugendlichen zusammengeschlagen, die einen Heidenspaß daran hatten, total Hilflose bis an die Grenze zum Tod zu quälen. Manchmal wurde er sogar von streunenden Kötern angefallen, die erst dann von ihm abließen, als er sich kaum noch regte und wie ein blutiges Bündel aus Dreck zusammengekrümmt auf der Erde lag. Nur sein beißender Eigengeruch konnte die Hunde schließlich vertreiben.
Für ihn selbst waren jene immer häufiger vorkommenden Phasen der absoluten Agonie und annähernden Leblosigkeit, ohne Bewusstsein, Schmerzempfindung oder klare Gedanken, die besten seines kümmerlichen Daseins. Bloß in diesem besinnungslosen Zustand brauchte er NICHT mit der grausamen Geisterwelt seines eigenen Seelenlebens zu kämpfen. Auf diese Weise merkte er auch nichts von den abartigen Angriffen wilder Unholde und hässlicher Monster, die nüchtern total panische Angstzustände in ihm ausgelösten. Merkte nichts von fetten Fußtritten dumpfer Rechtsradikaler. Von neidischen Pennern und Stadtstreichern, die es zumeist auf seine kläglichen Reste an Spritvorräten abgesehen hatten.
Ihm wurde übel zugesetzt in jenen langen Wochen. Noch schlimmer setzte er sich jedoch selber zu. Fast täglich brach er eigene Promillerekorde und schaffte es trotzdem, immer wieder Geld für seine Suffsucht ranzuschaffen. Er fiel ins Unendliche. Tiefer und tiefer und tiefer.

In jenen Stunden des absoluten Nichts, in der grenzenlosen Ohnmacht durch zugefügte Schmerzen oder in der akuten Bewusstlosigkeit durch freiwillige Alkoholvergiftung ging es ihm scheinbar am besten: Er musste nichts fühlen. Nichts denken. Es gab weder Ängste – noch fadenscheinige Hoffnungen. Kein „Richtig“ und erst Recht kein „Falsch“. Nicht mal „ ... “
Ein Nichts in der Dunkelheit. Das war es, was er wollte und brauchte. Nicht leben im Leben. Alles Andere war zwar irgendwie bloß vegetieren, zugleich aber bedeutete es aber den puren Horror, den er nie nicht und niemals in der Lage war auszuhalten.
Die Kreise um den Mittelpunkt des eigenen Daseins zogen sich enger und enger. Mit zunehmender Dauer seines aussichtslos geführten inneren Kampfes ließ er sich deshalb weiter und weiter an den bröckelnden Abgrund eines wenig ausgeprägten Existenz-Willens prügeln, an dem jeglicher Wahnwitz normal wurde. So, wie sein grenzverschobener MITTELPUNKT DES LEBENS AM RANDE DES WAHNSINNS NORMALITÄT.

Am darauffolgenden Sonntag, der insgesamt siebten Woche nach seiner letzten Entlassung aus den Fängen der geschlossenen Psychiatrie, lag er nachmittags wieder bewegungsunfähig in den farbenprächtigen Blumen-Vorgärten seines Elternhauses.
Merkwürdig verrenkt waren seine abgemagerten, knochigen Glieder in den Fetzen dessen, was vor kurzem noch ein abgetragener Anzug gewesen war.
Sein Gesicht lag im Dreck. Er hatte Blumenerde im Mund. Die blutverkrusteten Wunden an den dürren Ärmchen und Beinchen, die aus der mürben Bekleidung hervorlugten, zeigten nur unzulänglich, was er wieder mal auf dieser, seiner letzten martialischen Horrortour, durchgestanden hatte.
Mit scheinbar allerletzter Kraft hatte er sich noch einmal an jenen mystischen Ort geschleppt, an dem die Geister ihn vor vielen Jahren das erste mal überhaupt angegriffen hatten.
Damals, als sein Vater vor unerträglichen Schmerzen schreiend hinter den Fenstervorhängen zum Garten gelegen - und flehentlich um Erlösung seiner schlimmen Leiden gebeten hatte. Hemmungslos weinend, weil von körperlicher Krankheitsfolter gepeinigt. Seit jenem schrecklichen Tag waren die Dämonen und Unholde dieser unbeschreiblichen Schreckensschreie eines Erwachsenen wiedergekommen. In ihn. Auf ihn. Über ihn.
Genau an jenem Platz im Garten, dort, wo er als Kind stets vergnügt mit seinem Vater gespielt hatte, genau dort musste er wohl die Folterknechte seines kindlichen Unglücks ausrotten. Durch sein eigenes Opfer.

Ab und an bewegte sich in kurzen Abständen der Vorhang im Fenster. Fast unmerklich. Wie durch einen zarten Windhauch.
Drinnen im Haus stand seine Mama wie versteinert hinter den Gardinen.
Tränen liefen über ihr verwittertes, faltenreiches Gesicht.
Sie schluchzte still und tief und schickte wiederholt einen langen, traurigen Blick über die von ihrem Sohn angerichteten Verwüstungen zwischen teuren Kletterrosen und immenser Studentenblumen-Vielfalt.
Ängstlich wartete sie, ob er sich noch einmal bewegen würde. Stand nur da und wartete. Wie ein zerklüfteter Fels im Eismeer. Kalt, abweisend, rau.

Je nachdem, ob „es“ noch einmal zuckte, würde sie schließlich erneut beim Oberarzt in der Klapsmühle anrufen. Bei ihrem anderen Sohn.
Oder - für immer erleichtert - beim örtlichen Bestattungsunternehmer.

A. J. 02-04.



Nach oben



Nach oben