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Keesje Brijde und das Rangierterrein



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K E E S J E   B R I J D E   U N D   D A S   R A N G I E R T E R R E I N 

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Verlässt man den Amsterdamer Hauptbahnhof, „het central station“, durch seinen vorderen Haupteingang und geht immer geradeaus über die breite Brücke und entlang der Straße de damrak genannt, gelangt man nach etwa 300 Meter zum Dam.

Der Dam ist ein Platz, an dessen rechter Seite der königliche Palast steht und links, das phallusartige Dam Monument.


http://nl.wikipedia.org/wiki/Dam_(Amsterdam)

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Dieses Monument ist das offizielle Amsterdamer Kriegsdenkmal und eines der dümmsten Kriegsdenkmäler der Welt. Hinter dem hohen Phallus steht nämlich eine halbrunde Mauer mit Worten eines Niederländischen Dichters darauf. Steht man allerdings mit dem Rücken zum Monument, kann man die Inschrift nicht lesen, da man ihr zu nahe steht. Geht man zum lesen um das Monument herum, kann man die Inschrift nicht lesen, weil man das Monument vor der Nase hat. Es gibt nicht viele Amsterdamer, die diese Inschrift je gelesen hätten. Ich bin einer von denen die sich diese Mühe gemacht haben.
Es steht dort zu lesen:

'NIMMER, VAN ERTS TOT AREND, WAS ENIG SCHEPSEL VRIJ ONDER DE ZON, NOCH DE ZON ZELVE, NOCH DE GESTERNTEN. MAAR GEEST BRAK WET EN STELDE OP DE GESLAGEN BRES DE MENS. UIT DIE EERSTELING DAALDEN DE ONTELBAREN. DUCHTEND ZIJN HOGE BLIK DEINSDEN HUN ZWERMEN BINNEN DE WET TERUG EN WERDEN VOLKEN EN STONDEN ELKANDER NAAR HET LEVEN, ONDER NACHTGEWOLKTEN VERWARD TREURSPEL, DAT WERELD HEET. SINDSDIEN WERD GEEN MENS VRIJ DAN ONTBODEN VAN BOVEN ZIJN DAK, GEEN VOLK DAN BEHEERST VAN BOVEN ZIJN TORENS. BLIJVE ONS DAT BIJ, VERLOST ALS WE WERDEN UIT HET SCHRIKBEWIND VAN EEN ONDERWERELD. NIET ONBEHEERST, DOCH ENKEL BEHEERST VAN BOVEN DE WERELD BLIJFT VRIJHEID ONS DEEL'.

Übersetzung:
Noch nie, von Drachen bis Adlern, war jemals ein Geschöpf frei unter der Sonne, noch die Sonne selbst noch die Gestirne. Aber der Geist brach dies Gesetz und stellte in die gschlagene Bresche den Menschen. Aus diesen Erstlingen entstanden die Unzähligen. Vor seinem hohen Blicke wichen die Scharen zurück in das Gesetz und es wurden Völker die einander nach dem Leben trachten in diesem Nacht umgebenen verworrenen Trauerspiel das Welt heißt. Seitdem ward kein Mensch frei, es sei denn entsandt von oben und kein Volk, es sei denn beherrscht aus seinen Türmen.

Es ist dies die Übersetzung nur eines geringen Teils dieses Textes. (weiter kam ich nicht damit. Es ist mir zu hochgelehrt...) Und sollten Sie der Meinung sein das klänge alles ein wenig geschwollen, so gebe ich Ihnen Recht. Aber Sie müssten erstmal den Niederländischen Nationaldichter Joost van den Vondel lesen, nach dem der Vondel Park benannt worden ist, um so richtig zu erkennen: Die spinnen, die Holländer!

Für mich, gibt es allerdings ein weit rührenderes und realistischeres Kriegsdenkmal, als diesen nackten, unpersönlichen Phallus am Dam.
Etwa 2 Kilometer östlich des Hauptbahnhofes, standen einst die Lagerhäuser des östlichen Hafengebietes, der östlichen Hafeninseln, KNSMI genannt (Koninklijk Nederlandsche Scheepvaart Maatschapij Ijland). Inzwischen sind dort nahezu alle Lagerhäuser beseitigt und der neue Stadtteil Zeeburg errichtet worden. Rechts der scharfen Linkskurve, die am Ende der Straße nach Zeeburg führt, lag einst das große Rangierterrain der niederländischen Eisenbahn. Ein großes und weites Gelände mit sicher 30 oder mehr parallel verlaufenden und mit Weichen miteinander verbundenen Eisenbahnschienen.

Bevor dieser östliche Hafenteil zum Stadtteil Zeeburg wurde, hatte ich dort gewohnt, in einem Wohnwagen, zusammen mit rund 300 anderen Leuten und ihren Wohnwagen, zwischen den weiten Hallen der ehemaligen Lagerhäuser.

Wollte man von dort aus in die Stadt, lief man quer über das Rangiergelände bis zur ersten Tramhaltestelle in Amsterdam Ost, in der Nähe der Madurastraat. Auf der südlichen Seite dieses Rangiergeländes, standen zwei flache Bauten, die einst Bahnarbeitern als Kantinen gedient haben mochten. Dort, zwischen diesen beiden Bauten, irgendwie verloren anmutend und deutlich fehl am Platz, war ein kleines Grab mit schlichtem Holzkreuz. Auf diesem Grab lagen, anstatt Blumen, kindskopf große Kohlebrocken. Am schlichten Holzkreuz hing, in durchsichtigem Kunststoff verpackt und mit rostigem Reißnagel befestigt, ein Gedicht. Es war einst vom Metzger der Nachbarschaft verfasst worden.

Dies Gedicht erzählte die Geschichte des 12 jährigen Keesje Brijde. Der junge Keesje hatte eines kalten Wintermorgens seine Mutter verlassen um auf dem weiten Rangiergelände nach Kohlen zu suchen. Es war das Jahr 1942, das Jahr des kalten Hungerwinters, in dem es nicht nur an Nahrung fehlte in der Stadt, sondern auch an Heizmaterial. In der Innenstadt hatte man bereits die Straßenbäume verheizt und die hölzernen Schwellen der Straßenbahngleise.

Der kleine Keesje wollte seiner Mutter eine Freude bereiten und etwas Kohlen vom Rangiergelände herbeischaffen. Wer dabei auf ihn geschossen hatte, ist bis heute nicht eindeutig geklärt worden. War es ein deutscher Wachsoldat oder war es ein Mitglied des NSB, des niederländischen nationalsozialistischen Bundes, der gerade dort Wache gestanden hatte? Man wird es nie erfahren. Der kleine Keesje jedenfalls, wurde in den Nacken getroffen. Man schaffte ihn noch ins Krankenhaus, wo er aber bald danach verstarb. Und hier, auf dem Rangierterrein, zwischen den beiden leer stehenden flachen Bauten der Niederländischen Eisenbahn, war noch Jahrzehnte später sein schlichtes Grab zu sehen, verziert nicht mit Blumen sondern mit kindskopf großen Kohlebrocken.

Keesjes Grab, war mein Kriegsdenkmal, sagte es doch um so vieles mehr als dieser nackte gigantische Phallus am Dam. Mein Schreck war groß, als ich wieder zu diesem Rangierterrein kam, nicht zuletzt um Keesjes Grabes willen und fand, dass das gesamte Rangiergelände bebaut worden war. Aber die herzensguten und sich ihrer Geschichte wohl bewußten Amsterdamer, hatten Keesje nicht vergessen. Sie hatten ihn umgesiedelt. Zusätzlich zeugt heute ein kleines Monument in dem neu erstandenen Wohngebiet Zeeburg und eine Gedenktafel von Bronze an der südlichem Einfahrt des neu geschaffenen Ij-Tunnels von seiner Geschichte.

http://www.zeeburgnieuws.nl/keesje.html
http://www.oorlogsmonumenten.nl/datakid/htm/speuren/k_06.html

Doch eigentlich wollte ich vom Rangierterrein selbst erzählen und von den beiden Zügen dort. Dass ich dabei Keesje erwähnte, geschah ausschließlich zu seinem Gedenken …-

Die Gleise lagen noch und das Gebiet war noch Rangierterrein, wennschon ein leeres und stillgelegtes, als dort über Nacht zwei Züge abgestellt wurden. Zwei Züge, standen plötzlich nebeneinander auf den Gleisen, komplett mit elektrischen Lokomotiven und jeweils rund 50 Wagons. Diese Züge hatten einige Tage zuvor Fußball Fanaten zum Fußballspiel transportiert und waren dabei zu Schaden gekommen. Es waren den Wagons die Fenster eingeschlagen worden. Weiter, fehlte den Zügen eigentlich nichts. Man hatte wohl nicht gewusst, wohin damit und sie deshalb vorerst auf dem stillgelegten Rangiergelände abgestellt.

In den ersten Wochen, fanden allerlei Grafitti Künstler Gelegenheit, an diesen Zügen ihre Künste zu entwickeln. Die Wagons wurden von Tag zu Tag bunter. Als die beiden Züge nach etwa 2 Monaten, von Tag zu Tag bunter geworden, noch stets auf dem Rangiergelände standen, beschlossen wir Jungs von der KNMS Insel, sie zu verschrotten.

Zehn Mann, bewaffnet mit Eisensägen, Hämmern, Meisel und Brecheisen, waren wir ausgezogen in der Absicht, die Züge all ihrer Buntmetalle zu berauben. Der Preis für ein Kilogramm Rotkupfer betrug damals immerhin etwa 2,80€, der eines Kilogramms Messing 2,50€ und Aluminium und rostfreier Stahl brachten bei den Schrott- und Altmetallhändlern der Stadt je 2€ das Kilogramm ein. Es lohnte sich folglich durchaus, nach Buntmetallen Ausschau zu halten.

Zuerst schraubten wir all die Kofferablagen ab, die sich über jedem Sitz befanden. Sie waren aus Aluminiumguss. Dann bemerkten wir, dass die Rahmen der Schiebefenster aus massivem Messingprofil bestanden. Wir traten mit Armeestiefeln dagegen und der Auf und Ab zu schiebende Teil der Fenster fiel nach außen und auf die Erde. Jeder Tritt gegen eines dieser Teile, brachte rund 13€ ein und die beiden Züge hatten Hunderte solcher Fenster.

Wir arbeiteten und glänzten dabei von Schweiß, Dreck und Kohlenstaub wie Plantagensklaven. Die Umkleidung der Heizungen entlang den Sitzreihen, bestand aus Edelstahl. Wir demontierten sie alle. Bald kam der Zeitpunkt, da wir bereits so ziemlich das gesamte Innere beider Züge von Buntmetallen befreit hatten, als die Züge eines Tages von der Bahnpolizei inspiziert wurden. Sie waren zu viert gekommen. Sie trafen ein, während wir gerade konzentriert bei der Arbeit waren. Einige von uns hievten sich auf die Wagondächer und legten sich dort flach, andere verschwanden unter den Zügen und verbargen sich hinter den hohen Eisenrädern. Sie fanden nicht einen von uns. Dafür aber, alarmierten sie die Schrott- und Altmetallhändler der Umgebung und drohten mit Anzeigen, nähmen sie weiterhin Material an, das offensichtlich von der Bahn stammte.

Nachdem immer mehr Altmetallhändler unsere Waren ablehnten, fanden wir im westlichen Hafengebiet den größten Altmetallhändler der Stadt. Es war das Unternehmen „Hollandia“, an dem der damalige niederländische Ministerpräsidenten Ruth Lubbers beteiligt war. Ganze Schiffsseiten, wurden bei Hollandia zuweilen angeliefert. Dadurch war dieser Betrieb einfach zu groß, als dass man sich darum gekümmert hätte, woher das Material stammte, das bei ihnen abgeliefert wurde. Etwa drei Viertel allen Buntmetalls der beiden Züge, war am Ende bei Hollandia und somit teilweise in den Taschen des damaligen niederländischen Ministerpräsidenten Lubbers gelandet.

Kein Mensch würde auf Anhieb glauben, wie viel Buntmetall in einem Zug verarbeitet ist. Es sind Tonnen und Tonnen! Irgendwann entdeckten wir die Kabelschächte, die unter den Zügen von Wagon zu Wagon liefen. Wir schnitten Kilometer von Kabel mit daumendicken Rotkupferkernen aus den Bäuchen der Züge. Mit einem Teppichmesser kerbten wir die Gummiisolation ein und zogen sie vom blanken roten Kupfer ab, als häuteten wir Schlangen. Wir brauchten einen kleinen Lieferwagen mit Ladefläche, um all die Beute zu Hollandia zu schaffen.


Wir hatten Magnete von alten Lautsprechern bei uns. Alles Metall, an dem unsere Magnete nicht haften blieben, war bares Geld wert.
Am Ende, fanden wir jedoch kein Metall mehr, an dem unsere Magnete nicht gehaftet hätten. Wir wollten schon aufgeben und nachhause gehen, als Joris, mehr spielerisch als beabsichtigt, seinen Magneten an eine der Schiebetüren des Zuges hielt. Er hatte erwartet, dass er haften bliebe und hatte ihn losgelassen. Der Magnet plumpste zu Boden. Die Schiebetüren waren aus bestem Aluminiumguss. Ein Türblatt dieser doppelseitigen Schiebetüren brachte rund 75€ und es gab buchstäblich Hunderte davon. Alles, ging nach Hollandia, zum Herrn Ministerpräsidenten Ruth Lubbers.

Als wir schließlich alle Türen entfernt hatten, waren die beiden Züge derart von allem Buntmetall befreit, dass sie so wie sie waren, einfach in die Hochöfen gefahren werden konnten. Es waren Züge geworden, bestehend nur noch aus Ferrometall. Manchmal überlege ich, ob wir mit all unserer Arbeit nicht vielleicht der Niederländischen Eisenbahn einen Gefallen getan hatten. Immerhin hatten wir zu Zehnt einen ganzen Sommer, vom Frühjahr bis in den späten Herbst hinein, Tag für Tag, auch Sonn- und Feiertags, von früh Morgens bis in den späten Abend hinein, kostenlos an den Zügen geschuftet. Wer kann solche Leistungen heutzutage noch bezahlen?

Uns hatte es jedenfalls mordsmäßig Spaß bereitet und finanziell gelohnt, hatte es sich allemal. Und dennoch wäre der Gedanke schön, die niederländische Eisenbahn, „De Nederlandse Spoorwegen“ hätte, man will ja nicht einfach nur steheln, ebenfalls von unserer Arbeit profitiert-.

Wir für unseren Teil wurden, unter anderem, zum ersten Mal in unserem Leben der Bezeichnung "Junkie" gerecht. Die Bezeichnung stammt nämlich aus den USA und bedeutet Morphinisten, die Geld für ihre Arznei mithilfe des Altmetallhandels erwerben.

(In DE, wo man den überaus negativen Begriff "Junkie", so, wie er heute besteht, gerne beibehalten will, er eignet sich zu gut zum Entmenschlichen seiner Mitbürger, sträubt man sich, den eigentlichen Ursprung des Wortes wahrzuhaben...)


Übersetzt aus dem Niederländischen:
"Amsterdamse stad verhalen":
'De stadnomaden'.

Alle Rechte der Deutschen Übersetzuung:

INTRACEREBRAL
Die Morphinistenseite


 


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