________________________________________________________________ Von Heroin gehört, hatten wir schon, aber gesehen hatte noch keiner von uns welches. Das Zeug schien verdammt selten zu sein, und die, die vielleicht welches hatten, schienen es gerne für sich zu behalten. Für uns Morphinisten der Dörfer, Städte und Straßen, gab es eher seltenen Apothekenstoff verschiedenster Art, oder es gab Berliner Tinke.
Berliner Tinke kaufte man von Freunden, die welche hatten, oder man erwarb sie an Orten, an denen später nur noch Heroin angeboten werden sollte. Im München von damals, überwiegend in Schwabing an der Universität, Giselastraße, der Münchner Freiheit, oder, spät am Abend, rund um das PN und am Piper Club.
Berliner Tinke war keineswegs Rohopium in Essigsäure gelöst und vor der Injektion auf Teelöffeln aufgekocht, wie auf manchen Webseiten klug behauptet wird. Berliner Tinke war Morphinbase gelöst in Essigsäure. Man erwarb die etwas rotbraune bis fast schwarze saure und bittere Brühe in kleinen, recycelten Glasbehältern verschiedenster Herkunft. Der Preis von einem so genannten „Meter“, ein Kubikzentimeter der Flüssigkeit, betrug in aller Regel 10 Mark, heute etwa 5€. Man ging davon aus, dass einer dieser „Meter“ eine ausreichende Dosis darstellte. Wie die meisten Straßengeschäfte, war allerdings auch dieses ein mieser Handel, kam es doch nicht auf die Menge der Flüssigkeit an, die man erhielt, sondern auf die Menge der darin gelösten Morphinbase. Der Anteil an Morphinbase in einer gegebenen Lösung, ließ sich in aller Regel zufrieden stellend anhand der Farbe der Lösung abschätzen. Als ziemlich zuverlässige Faustregel galt: Je dunkler die Lösung, desto höher der Morphingehalt. Gerüchten zufolge, kam die Tinktur überwiegend aus Berlin. Weshalb gerade Berlin? Wer weiß? Vielleicht war dort, möglicherweise wegen der Nähe des Ostens, einfacher an Morphinbase zu kommen? Aber Morphinbase gab es gelegentlich auch andernorts. Woher die stammen mochte, mag ebenfalls der Teufel wissen. Ich nehme an, dass sie vielfach aus den damals noch einfach zu verübenden und regelmäßig vorkommenden Apothekeneinbrüchen und –Überfällen stammen mochte. Ich erinnere mich jedenfalls, wie wir einst auf gleiche Weise an ein Kilogramm Morphinbase gekommen waren. Hinterher hatten wir uns Essigsäure beschafft. „Als ich heute Morgen nach der Flasche mit der Essigsäure sah“, so verkündete Reinhardt eines Tages, „fand ich das Zeug gefroren vor“. Offenbar gefror Essigsäure schon knapp unter Zimmertemperatur. Wir schmolzen die Essigsäure wieder und lösten darin, unter Zufuhr von Hitze, etwas unserer geklauten Morphinbase. Wegen ihrer hohen Konzentration hatte die Tinke am Ende die Farbe von Coca Cola. Genau der richtige Farbton, wie wir fanden.
Bei der intravenösen Injektion von Berliner Tinke die Vene zu verfehlen und die Lösung in das umliegende Gewebe zu injizieren, ist sehr schmerzhaft. Ein höllisch brennendes Gefühl entsteht an und um der Einstichstelle, das geraume Zeit anhält, langsam nachlässt und schließlich völlig wieder verschwindet. Zurück bleibt für geraume Zeit eine stark gerötete Hautpartie. Mir ist nur ein weiterer zu injizierender Stoff bekannt, der beim daneben Injizieren auch derartige Schmerzen bereitet, und zwar in Wasser gelöstes feinkristallines Nembutal (Pentobarbitalnatrium), oder die damals im benachbarten Ausland noch gängige Nembutal Injektionslösung. Laut Bedienungsanleitung ist diese Injektionslösung auch intramuskulär anwendbar. Selbst versucht, habe ich das noch nicht. Ich sehe allen Grund, dem Erfinder hiervon zu misstrauen.
Unmittelbar nach erfolgter intravenöser Injektion, ergibt Berliner Tinke das typische Morphingefühl. Alle Dinge scheinen in weite Fernen zu rücken, Empfindungen erscheinen wie durch dicke Watteschichten empfangen. Bei ausreichender Dosierung stellt sich auch sofort das für iv. injiziertes Morphin so typische Prickeln und Stechen auf der Haut ein, besonders auf der Kopfhaut und im Gesicht, was von manchen Leuten als angenehm empfunden wird, von wieder anderen, als besonders unangenehm. Es ist ein Gefühl, als würde die Haut, zugleich von vielen zehntausend haarfeinen Nadeln oberflächlich durchbohrt. Man beginnt sich zu kratzen und sucht interessiert bis verzweifelt nach Instrumenten, dies Kratzen zu fördern. Harrbürsten mit stählernen Borsten eignen sich sehr gut dazu und sind zu diesem Zweck sehr beliebt.
Die Welt bestand für uns nur noch aus Berliner Tinke. Oft, rochen wir sogar danach. War man nicht unterwegs welche zu besorgen, war man damit beschäftigt, sie zu injizieren, oder man ging unter ihrer Wirkung seinen Angelegenheiten nach. Oft wird von unwissenden „Suchttheoretikern“ behauptet, ein Kennzeichen von „Sucht“ sei es, dass die „Droge“ den Mittelpunkt des Lebens einnähme und alles sich nur noch um sie, um ihre Beschaffung und ihre Verwendung drehe. So betrachten nur Kurzsichtige und Böswillige die Angelegenheit. Tatsächlich nimmt eine „Droge“ nur dann den „Mittelpunkt des Lebens“ ein, und dreht sich nur dann alles um sie, wenn man nicht über genügend davon verfügt. Verfügt man über ausreichend davon, nehmen in aller Regel die Dinge den „Mittelpunkt des Lebens“ ein, die ihn auch bei Leuten einnehmen, die noch nie mit psychotropen Substanzen in Berührung gekommen sind.
Mit dem stets teurer werden des größtenteils durch die CIA geführten Vietnamkrieges, und dem damit zusammenhängenden schlagartigen Erscheinen von Heroin auf den Straßen unserer Städte, verschwand Berliner Tinke mindestens ebenso schlagartig aus unserem Leben. Von hier an begann die Jagd nach weißem Pulver, nach kleinen kantigen, hellbraunen Steinchen und später dann, nach hell- bis dunkelbrauner Heroinbase. Dieser Aufschwung des illegalisierten Opiatmarktes, im Gewande des Heroinhandels, geschah auch nahezu zeitsynchron, Anfang der Siebziger, mit der Einführung des neuen, wesentlich verschärften BtmG. Man kam kaum mehr an Opiate, außer eben an Heroin. Wie seltsam doch, dass ausgerechnet die Einführung einer verschärften Version des BtmG den Btm-Handel nicht schwächte, sondern im Gegenteil, wesentlich förderte. Jedenfalls steuerte auf diese Weise, wer immer am Hebel der internationalen Heroinproduktion gesessen haben mochte, plötzlich unser aller Leben. Und es steht zu befürchten, Leute desselben Schlages, steuern es auch heute noch…-
INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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