*********************************************************************************************** Ich erzähle gerne. Es bereitet mir Freude, zu erzählen, mich an Orte und an Zustände zu erinnern und von ihnen zu erzählen. Mit Erinnerungen an unfreiwillige und trockene Heroinentzüge in Gefängnissen, verhält es sich anders. Sie haben eine Narbe in mir hinterlassen und berührt man sie, steigen finsterste Dämonen aus meiner Seele. Das hier beschriebene Ereignis ist schon lange her. Mehrere Jahrzehnte sogar. Dennoch vergeht auch heute noch kaum eine Nacht, in der nicht Albträume mich daran erinnerten, es sei denn, mein Morphinspiegel vor dem Schlafengehen ist hoch genug, Albträume erst nicht aufkommen zu lassen. Diese Träume erscheinen in verschiedener Form und Farbe und doch ist ihr Grundthema stets dasselbe: Ich bin festgenommen worden und befinde mich im Gefängnis. Ich weiß, dass ich vor zwei oder drei Jahren nicht wieder frei kommen werde. Ich bin schwer von Morphin abhängig und habe nur wenige Morphiumtabletten bei mir, die höchstens noch für diesen einen Tag reichen werden. Tausende von Menschen, wurden in den letzten Jahrzehnten durch aufgezwungene trockene Heroinentzüge für den Rest ihres Lebens von Menschen und Institutionen traumatisiert, die zuckersüß lächelnd vorgaben, nur ihr Bestes zu wollen.
Sie hatten mich in einem Hotel festgenommen. Ich musste wegen irgendwelchen Unsinns 3 Monate ins Gefängnis. Die erste Nacht nach meiner Festnahme, hatte ich in einer Zelle des Polizeireviers verbracht. Es war mir gelungen, ein Gramm Heroin an allen Kontrollen vorbei zu schmuggeln. Es half gerade noch durch diese erste Nacht.
Ich hatte zuvor schon kalte Heroinentzüge in Gefängniszellen durchlebt. Aber diesmal war ich schon seit Monaten auf einer Tagesdosis von 6-8 Gramm 86%iger Heroinbase. Zur Angst, hatte ich somit allen Grund. Den meisten Leuten wird eine Tagesdosis von 6-8 Gramm unglaubwürdig erscheinen. Aber es gibt da draußen gewiss auch noch den einen oder anderen alten Morphinisten, der sich daran erinnert, wie auch er seine Schüsse nicht mehr in einem Löffel, sondern, in einer kleinen Soßenschöpfkelle aufkochen musste, weil ein Löffel seine benötigte Menge Heroin nicht mehr fassen konnte. Sicher gibt es noch Leute, die sich daran erinnern, wie die Lösung brühendheiss in eine 10 cc Spritze gesogen und heiß injiziert werden musste, weil ansonsten beim Abkühlen der Lösung das Heroin als Kristalle wieder aus der gesättigten Lösung gefallen wäre...-
Als ich am Morgen die Aufnahmeprozedur im Gefängnis durchlief, spürte ich meine Kleidung bereits auf der Haut. Es ist eine Art unangenehmes Reiben, Prickeln und Kratzen, was Kleidung auf einer immer sensibler werdenden Haut verursacht. Heroin bewirkt, dass Pupillen sich verkleinern. Sie werden klein wie Stecknadelköpfe. Beginnt der Entzug, weiten sie sich und werden groß, wie man es von Halluzinogenen wie z.B. LSD her kennt. Bald darauf, ich lag bereits auf meinem Bett in der Zelle, überkam mich der letzte kurze Schlaf vor dem Eintritt des eigentlichen Entzugs. Kurz bevor der Entzug das Schlafen gänzlich unmöglich macht, wird man noch einmal richtig müde. Man fällt in einen oberflächlichen, unruhigen doch traumreichen Schlaf. Die Träume dieses Schlafes drehen sich immer um Stoff, der sich entweder als Betrug erweist, oder den man nie in die Blutbahn bekommt. Mir träumte, ich hätte auf der Strasse ein Päckchen Heroin erworben und suchte nun nach einem geeigneten Ort, es zu injizieren. Nach vielem Suchen fand ich was ich suchte. Ich kochte das Pulver auf, injizierte die Lösung und bemerkte sofort, dass ich betrogen worden war. Es war nur irgendein Pulver gewesen, sicher aber kein Heroin. In dem Moment wurde ich wach, nass von Schweiß und mit dem Klopfen von Angst in der Brust.
Es ist ein Klopfen, beruhend auf dem Rhythmus des Herzschlags, das man wie entlang eines Stranges, vom Hals bis zum Schambein spürt. Aus den Tiefen meiner Seele stiegen schwärzeste Vorstellungen und Empfindungen empor. Gedanken aus tiefster Depression geboren, Angst und Verzweiflung. Vor allem sonderlich stark von Scham und Schuldgefühlen geprägte Erinnerungen, zogen über mich her und es gab keine Möglichkeit, ihnen zu entkommen, sie wegzudenken, oder weg zu rationalisieren. All dies ging gepaart mit einer inneren Unruhe die den starken Drang erzeugte, wegrennen zu wollen von allem. Aber es gab kein Wegrennen, war nicht mehr möglich. Die Zellentüre war fest verschlossen. Es gab auch keine Hoffnung auf medikamentöse Unterstützung. All dies geschah zu einer Zeit, da das Verabreichen von Medikamenten, die Entzugserscheinungen lindern konnten, noch als ärztlicher Kunstfehler galt.
Unterdessen hatte die Empfindlichkeit meiner Haut enorm zugenommen. Mir war, als wäre mein nackter Körper in grobe Glaswolle gehüllt, durch die ein bösartiger Teufel alle Augenblicke Stöße heißen Dampfes blies. Die Angst, die den Körper in den ersten Stunden des Entzugs befällt, manifestiert sich stets mehr in dem beschriebenen Klopfen in der Brust. In meinen Eingeweiden begann es zu rumoren. Es fühlte sich an, als wanden die Eingeweide sich so stark, dass sie sich zu verknoten drohten. In meinen Gliedmassen und in meinem Rücken, begann das für Opiatentzüge so charakteristische schmerzhafte Ziehen. Es ist ein Ziehen in den Gliedern, in den Muskeln und Sehnen der Glieder, das geradezu danach schreit, die Glieder, ja, den gesamten Körper zu strecken. Streckt man ihn aber, erweist dies sich als noch schmerzhafter, als das ursprüngliche Ziehen gewesen ist. Es lindert das Ziehen nur für einen Augenblick, dann kehrt es wieder zurück.
Im Laufe der Stunden wurde dieses Ziehen immer kräftiger und schmerzhafter, bis meine Beine zu beben begannen. Sie zuckten und zappelten unkontrollierbar. Man konnte sie nicht daran hindern. Sie waren zu eigenständigen Wesen geworden. Dazu fallen einem die Worte von W. S. Bourroughs ein: „Das Skelett spränge am liebsten aus dem gemarterten Körper, um hinterher freiwillig zum Friedhof zu rennen...“-
Ich musste aufs Klo. Ich spürte es deutlich. Ein massiver Durchfall kündigte sich an. Die paar Meter bis zur Kloschüssel kosteten mich die Mühe eines hundert Meter Laufs. Ein explosionsartiges Erbrechen hinderte mich daran, die Hosen herabzulassen. Ich sank in die Knie, umarmte die Kloschüssel und kotzte. Während unter heftigen schmerzhaften Krämpfen zäher, glasklarer Schleim aus meinem Mund floss, explodierte ein Durchfall von braunem Wasser in meine Hose. Ich öffnete meine Hose, kroch aus ihr, wischte mich mit ihrer Außenseite halbwegs sauber, ließ sie bei der Kloschüssel liegen und krabbelte auf allen Vieren zu meinem Bett zurück.
Im Bett, begann das Erbrechen erneut. Unter schmerzhaften Krämpfen versuchte mein Körper, den Inhalt meines Magens los zu werden. Aber es gab keinen Mageninhalt mehr und so produzierte er weiterhin Schleim, der sich langsam grün färbte und immer mehr nach Galle schmeckte. Dieser Schleim wurde mit der Zeit immer zähflüssiger. Am Ende hatte ich während des Erbrechens Mühe zu verhindern, dass er mir die Atemwege zulegte. Mehrmals, glaubte ich daran ersticken zu müssen. Einige Male holte ich, um weiter atmen zu können, diesen Schleim mit den Fingern aus meinem Hals hervor.
Es ließ sich nicht verhindern. Es kam urplötzlich und ohne Vorwarnung. Mein Körper krümmte sich wie ein Bogen einwärts und schon hatte ich das ganze Bett mit einem höchst übel riechenden Durchfall von braunem Wasser, durchzogen mit Fäden durchsichtigen grünen Schleims verunreinigt. Ich rollte seitwärts und ließ mich aus dem Bett auf den Boden fallen. Bourroughs hatte Recht wenn er schrieb, Betonfußböden gehörten irgendwie zu Heroinentzügen.
Inzwischen war es Nacht geworden. Ich lag in embryonaler Haltung am Boden. Die Bettdecke hatte ich zu mir herabgezogen und mich leidlich damit bedeckt. Kalte Schauer, die sich im Zeitraum nur eines Augenblickes mit heißen Schauern abwechselten, rollten über meinen Körper. Sie synchronisierten sich mit dem krampfartigen Ziehen in meinen Gliedern. Die Empfindlichkeit meiner Haut hatte sich soweit verstärkt, dass es sich anfühlte, als wäre sie über und über mit zwar mikroskopisch kleinen, aber überaus spitzen und scharfen Nadeln bedeckt. Es war, als läge ich in grober Glaswolle gerollt, wobei ein Teufel jeden Augenblich abwechselnd eiskalte Luft und heißen, klebrigen Dampt durch die Rolle blies.
Wie ich schon während vergangener Opiatentzüge bemerkt hatte, schmerzte auch diesmal wieder gerade das Glied am meisten und war am heftigsten von diesem schmerzhaften Ziehen betroffen, das ich während der vergangenen Monate zum Injizieren verwendet hatte, nämlich mein linker Arm.
Ich hatte jegliches Gefühl für Zeit verloren und es schienen Wochen zu vergehen, bis der Himmel jenseits des kleinen vergitterten Fensters diese leichte Graufärbung zeigte, die einen neuen Tag ankündigte. Die Krähen im Gefängnishof, begannen zu schreien. Sie sammelten draußen auf den Innenhöfen die Brotkrusten, die tagsüber von den Gefangenen aus den Fenstern geworfen wurden.
Geräusche, nehmen auf Heroinentzügen schmerzhaft an Intensität zu. Das beständig wiederkehrende Kreischen der Krähen, draußen in den Höfen, schnitt wie stumpfe Messer durch meinen Leib. Irgendwann wurde die Zellentüre zur Frühstücksausgabe geöffnet. Man sah mich am Boden liegen und rief den Arzt herbei. Der Arzt, eine russische Ärztin, kam und maß meinen Puls. "Alles in Ordnung", sagte sie, während sie sich umdrehte um wieder zu gehen: "Noch einige Tage und sie werden es überstanden haben." Trotz eines kaum zu unterdrückenden Aufschreis, war der Ärztin der Orgasmus entgangen, den ihre Berührung meines Handgelenks und ihre geile rauchige Stimme ausgelöst hatten. Sexualität, während der Monate chronischen Heroingebrauchs unterdrückt, kommt während des Entzugs so stark zurück, dass schon die zufällige Berührung einer Hand, eines Bettpfostens, der Bettdecke, Orgasmen von schmerzhafter Intensität auslösen können.
Ich konnte mich nur noch unter größten Mühen erheben und es bestand dabei stets die Gefahr, dass ich aus Erschöpfung für einige Augenblicke das Bewusstsein verlor. Ich schleppte mich zum Waschbecken. Dort, auf der Spiegelablage, lagen einige halb verrostete Rasierklingen. Ich nahm eine von ihnen und ließ mich damit zu Boden sinken. Mit Hilfe dieser Rasierklinge, überstand ich die nächsten Tage und Nächte. Sie war mir wie ein Schlüssel. Ein Schlüssel, mit dem ich jederzeit die Tür ins Jenseits öffnen konnte. Ein oder zwei gut gesetzte Schnitte mit dieser Klinge, etwa am Hals, und ich könnte dem ganzen Elend entfliehen. Dieser Gedanke, half mir durch die weiteren Tage und Nächte. Ich konnte es jederzeit tun. Nur eben nicht gerade jetzt, in diesen Augenblicken. Später vielleicht, in einer Minute oder in zwei. Auf jeden Fall konnte ich es tun. Dieser Gedanke half mir ungemein. Noch konnte ich dem Reiz dieser Klinge widerstehen. Aber viele, die vor mir waren, konnten das nicht mehr und noch viele, die nach mir kommen würden, werden es auch nicht können. Klar, dass unter solchen Umständen viele zu Tode kommen. Auf diese Weise sterben viele Morphinisten, einsam wie Straßenköter, auf dem Betonfußboden einer kalten Gefängniszelle. So starben sie vor dreißig Jahren und so sterben sie noch heute...-
Etwa ein halbes Duzend Leute, die sich unter solchen Umständen das Leben genommen hatten, kannte ich persönlich. Tags darauf, hatten sie als das so und so vielste "Drogenopfer" in den Zeitungen gestanden...-
Draußen, auf dem Korridor des Zellentraktes, hörte ich gelegentlich das Öffnen und Schließen von Zellentüren. In Gedanken malte ich mir aus, wie es wäre, öffnete man meine Zellentüre und schöbe der Wachbeamte einen Gefangenen herein. Der Wachbeamte reichte mir ein Schlachtermesser und sagte: "Dieser Mann hat einige Ampullen Morphium im Leib. Du darfst sie dir holen. Niemand wird dich dafür zur Rechenschaft ziehen." In diesen Augenblicken bestand für mich kein Zweifel. Ich würde den Kerl abschlachten wie ein Ferkel und in seinen blutigen Eingeweiden nach den Ampullen wühlen. Es war dies erst der zweite Tag meines Entzugs. Der Dritte und Vierte, sollte keine Linderung bringen. Im Gegenteil Am dritten Tag empfinde ich die Entzugssymptome in aller Regel am heftigsten.
Am Morgen des fünften Tages "schlief" ich für etwa dreißig Sekunden. Ich hatte aus bloßer Erschöpfung kurz das Bewusstsein verloren. Am Sechsten Tag hatte das Reißen in meinen Eingeweiden und das Ziehen in meinen Gliedern spürbar nachgelassen. Von hier an, ich wusste es von früheren Erfahrungen, ginge es bald wieder besser. Entzügen her, ging es wieder aufwärts.
Es mochte noch zwei Wochen dauern, oder vielleicht drei. Auf jeden Fall würde von nun an jeder Tag ein wenig mehr Besserung bringen. Es war etwa vier Wochen später, als ich zum ersten Mal wieder eine halbe Nacht durchschlafen konnte.
In den ersten Wochen und Monaten eines solchen Entzugs, entwickelt man Energie und daraus Tatendrang. Sitzt man allerdings im Gefängnis, wird es schwer, diesen Tatendrang auszuleben. Mit Geföngnisarbeit geht das nicht. Im gegenteil. Langstündige, monotone Arbeit, ist in dieser Phase kontraindiziert. Sie führt leicht zu schweren Depressionen. Am besten, man wird in Ruhe gelassen und hat die Möglichkeit, selbst Betätigung zu suchen. So putzte ich armes Arschloch aus lauter Verzweiflung die großen Schlösser an den Zellentüren. Mit Scheuerpulver und Wasser befreite ich sie von der Oxydationslage, die sich im Laufe vieler Jahre gebildet hatte und polierte sie auf Hochglanz. Hinterher glänzten sie wie neu. Wurde ich anschließend wieder in die Suchtstation der Jva S. eingeliefert, freute sich bereits das Personal darauf, dass ich wieder die Zellenschlösser putzte. Oder ich versuchte in der Phase erhöhten Tatendrangs zu schreiben, musste aber erkennen, dass mit diesem Tatendrang ein Mangel an Konzentration einherging. Konzentrationsvermögen ist unerläßlich, will man schreiben...
Heute weiß ich, und vielleicht hat es sich auch schon bis zur deutschen Ärzteschaft durchgesprochen, wie unmenschlich trockene Entzüge sind. Sie können weitreichende Folgen haben. Mir ist, wie eingangs bereits erwähnt, bis zum heutigen Tage, etwa 35 Jahre danach, vom Erleben solcher Entzüge ein Trauma geblieben. Man spricht bei Kriegsheimkehrern, Menschen die Konzentrationslager durchlebt hatten und anderen Menschen mit schrecklichen Erlebnissen in der Vergangenheit, von einem behandlunsbedürftigen "Posttraumatischen Stress Syndrom". In den siebziger und achziger, neunziger Jahren jedenfalls, hatte man tausende von Morphinisten zu solchen Erlebnissen gezwungen und dadurch viele von ihnen für den Rest ihres Lebens traumatisiert. Hinterher hatte man ihnen, ohne auch nur einen Gedanken an die Behandlung ihres Posttraumeischen Stress Syndroms zu verschwenden, ohne auch nur im entferntesten daran zu denken, dass man es mit Menschen zu tun hatte, einen trockenen Tritt in den Arsch verpasst...-
Es sei erwähnt, dass Opioidentzüge von Mal zu Mal mit stärkeren Symptomen aufwarten können. Es verhält sich dabei ähnlich wie mit psychotischen Erlebnissen, wie beispielsweise während eines schizophrenen Schubs. Es scheint, als würde jeder erneute Anfall eine bereits seit dem ersten Anfall vorhandene Spur vertiefen. Wie ein Fahrzeug, das auf weichem Boden stets in der gleichen Spur fährt und damit die Spur stets weiter vertieft, so verhält es sich auch mit Opioidentzügen. Jeder durchlebte Entzug vertieft die Spur ein wenig mehr. Dadurch können Opioidentzüge von Mal zu Mal ein wenig schwerer zu ertragen sein...-
Von Rechts wegen müssten all die einflussreichen Ärzte und ihre Untergebenen, die Schandknaben ärztlicher Macht, dafür bezahlen, dass sie so vielen Menschen so viel Leid angetan haben. Aber nichts geschieht. Im Gegenteil. Wie Nachforschungen ergaben, werden auch heute noch in den meisten Gefängnissen Deutschlands, Morphinisten mit trockenen Entzügen gequält.
Alle Rechte ©INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
|