______________________________________________________________________ Es war einer dieser wunderschönen, gelassenen Sommernachmittage. Die Sonne schien, ab und zu wehte ein leichtes Brischen. Alle Dinge badeten ruhig und gelassen in einem warmen Sommerlicht. Die Leute waren fröhlich, leicht, freundlich und beschwingt. Man flanierte und spazierte langsam entlang den gepflegten Wegen des Parks, oder saß einzeln oder in Grüppchen beieinander im Gras, plauderte, rauchte und machte da und dort Musik. Gegen einen Baum gelehnt, saß „Two string“, ein junger Mann aus der Karibik, der ausgezeichnet Gitarre spielte, dabei aber stets die Gitarrensaiten brach. Am Ende waren dann meist nur noch zwei Saiten übrig, auf denen er allerdings spielte, wie ein Virtuos. Daher hatte er seinen Namen: „Two string“. Two String klimperte auf den zwei Saiten seiner Gitarre, sang dazu ein wenig und sah zu mir herüber, wie ich gerade am Ufer des kleinen runden Sees an der Hippiewiese entlang spazierte. Plötzlich bemerkte ich noch während des Gehens, wie mir die Sinne schwanden. Mir war, als drehte jemand langsam am Knopf eines Dimmers. Es wurde nebeliger und nebeliger um mich her und meine Gedanken wurden substanzloser. Ich war gerade im Begriff, mit dem linken Bein einen Schritt nach vorne zu tun, als ich die Kontrolle über meinen Körper verlor. Ich erinnere mich noch, dass ich mich im letzten Moment nach links fedreht hatte und dadurch mit meinem linken Fuß, anstatt auf festen Boden, auf die Oberfläche des Sees trat. Den Platscher, der meinen Fall begleitete, bekam ich noch mit, dann war alles weg. Ich hatte mit meinem Schlag auf das Wasser das Bewusstsein verloren. So rasch kann ein Leben verloren sein, hat man Pech und ist in einem solchen Moment alleine. Man ersäuft und keiner weiß etwas davon. Später, oder vielleicht auch erst am nächsten Tag, findet man einen Toten im See, offenbar ertrunken und trotz des vielen Wassers deutlich nach Alkohol stinkend. Ein Besoffener. Er musste wohl betrunken in den See gefallen und ertrunken sein. Pech gehabt...-
Allerdings war in meinem Fall die Wiese rings um den See voller Menschen. Sie blickten auf, als sie meinen Platscher hörten, sahen sich um und sahen mich reglos im Wasser liegen. Leute kamen herbei gerannt und zogen mich an Land. Sie legten mich auf meinen Rücken ins Gras und versuchten, mich irgendwie wiederzubeleben. Doch vergebens. Schließlich kam jemand auf die grandiose Idee, man müsse mir trockene Kleider anziehen. Eine junge Frau, die ganz in der Nähe des Parks wohnte, rannte los und kam nach einiger Zeit mit einem Arm voll trockener Kleidungsstücke wieder. Wie sie es geschafft hatte, auch noch Kleider in meiner Größe zu finden, ist mir noch heute schleierhaft. Vor aller Leute Augen, wurde ich bis auf die Haut ausgezogen und neu bekleidet. Inzwischen war die Ambulanz eingetroffen, die eine beherzte Seele herbeigerufen haben mochte...-.
Als ich zu mir kam, lag ich in einem Krankenhausbett. Kaum war dies mir klar geworden, öffnete eine Türe sich und ein junger Arzt trat ein. „Sie können wieder nachhause gehen“, sagte er mit einem kurzen Blick auf meinen Zustand. Inzwischen versuchte ich fieberhaft dahinter zu kommen, wieso ich in diese Lage geraten war. Wie, zum Teufel, war es dazu gekommen dass ich in einem Krankenhausbett lag? Langsam dämmerte mir, war ich nicht irgendwie ins Wasser gefallen? „Mit dem Nachhausegehen“, sagte ich sagte ich deshalb zu dem jungen Arzt, „habe ich ein Problem. Meine Kleider sind nass“. Zumindest, so dachte ich, müssten sie nass sein, so dies alles mit rechten Dingen zuging. „Ich kann Ihnen helfen“, antwortete der Arzt. Er trat kurz in ein Nebenzimmer und kam mit einem Arm voll trockener Kleidung wieder. Er legte die Kleider auf mein Bett und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer. Ich sah die Kleider durch. Sie waren trocken und ich hatte sie noch nie zuvor gesehen. Das ging eindeutig nicht mit rechten Dingen zu. Durch einige teuflische Erlebnisse in der Vergagenheit misstrausisc geworden, dachte ich, am besten, so dachte ich, am besten, du fasst diese Kleider erst gar nicht an. Wer weiß, welche Teufelei dahinter steckt?
Auf einem leeren Bett neben dem meinen, lag ein weißes Handtuch. Es war etwas größer als ein gewöhnliches Handtuch, aber auch wieder nicht ganz so groß, wie ein Badetuch. Das Handtuch wies zwei horizontale blaue Linien auf. zwischen denen in kapitalen Buchstaben der Name des Krankenhauses stand. „Zu Unserer liebe Frau“, hieß es. Ich nahm das Handtuch und wickelte es um meine Hüfte. Auf diese Weise stand der Schriftzug genau auf meinem Hintern. Gut so, dachte ich. Das macht sich gewiß schick...-
Bekleidet mit diesem Handtuch, durchschritt ich die große Haupthalle des Krankenhauses und trat durch eine breite gläserne Schwingtür ins Freie. Sommersonne, legte sich warm auf mein Gesicht. Auf der anderen Seite der Wesperstraat befand sich eine Straßenbahnhaltestelle, von der aus die Straßenbahnen alle Richtung Stadtzentrum fuhren. Dort, gleich hinter dem Rotlichtviertel, wohnte ich in einer kleinen Pension. Während ich von der Sonne gewärmt und nur mit Handtuch bekleidet an der Straßenbahnhaltestelle stand, betrachtete ich die Menschen um mich her, die offenbar auch alle auf eine Straßenbahn warteten. Merkwürdig, dachte ich, wie niemand darauf reagierte, dass ich quasi nackt an dieser Haltestelle stand, bekleidet nur mit einem Handtuch, auf dem der Name eines Krankenhauses stand. Und wirklich, keiner sah auch nur in meine Richtung, keiner sprach mich an. Sie tun alle so, dachte ich, als wäre das alles völlig normal, als stünden hier jeden Tag Leute, bekleidet nur mit einem Handtuch. Das trifft sich gut, dachte ich weiter, dann tue ich auch so, als sei das völlig in Ordnung...-
Die Fahrt mit der Straßenbahn zum Amsterdamer Hauptbahnhof, dauerte etwa 20 Minuten. An einer der vielen Haltestellen unterwegs, stiegen plötzlich Kartenkontrolleure ein, die tatsächlich eine Fahrkarte von mir forderten. "Ich habe keine", sagte ich. Daraufhin wollte sie, dass ich etwas vorwiese, worauf mein Name stünde. „Ich kann Ihnen einen Schriftzug zeigen“, antwortete ich, stand auf und hielt den beiden Kartenkontrolleuren meinen beschrifteten Hintern hin. Die Reisenden, die dem Geschehen aufmerksam zugesehen hatten, wurden heiter und ausgelassen. Jetzt warteten sie neugierig darauf, wie die beiden Kartenkontrolleure mit mir fertig werden würden. „Haben Sie Geld bei sich?“, fragte einer der beiden Kontrolleure schließlich. „Nein“, entgegnete ich. „Keinen Cent. Aber ich habe eine mächtig geschwollene Leber, von der Sie sich getrost ein Stück nehmen können“. Die Reisenden waren nicht mehr zu halten. Sie grölten vor Lachen. Sie wischten Lachtränen aus ihren Augen, schlugen sich auf die Schenkel dass es krachte und purzelten vor Heiterkeit über die Sitzlehnen...-
Nachdem ich derart für Stimmung gesorgt hatte, wagten die Kontrolleure nicht, mich wegen Schwarzfahrens aus der Straßenbahn zu werfen. Sie befürchteten, des Volkes Stimmung könne sich gegen sie wenden. Um sich dennoch einigermaßen würdig aus der Affäre zu ziehen, lachten sie einfach mit und stiegen an der nächsten Haltestelle aus. Mich, hatten sie unbehelligt weiterfahren lassen und noch stets hatte mich niemand auf meine merkwürdige Bekleidung angesprochen. Fahrkarten, hatte man sehen wollen, aber wieso ich am helllichten Tag mitten in der Stadt nur mit einem Handtuch bekleidet unterwegs war, interessierte scheinbar niemanden. Schön, dachte ich. Wenn es niemanden interessiert, interessiert es mich auch nicht...-
Am Hauptbahnhof angekommen, stieg ich aus der Straßenbahn. Nun musste ich noch vom Bahnhof zu meiner Pension, immerhin etwa einen Kilometer weit. Der Platz vor dem Hauptbahnhof schien schwarz von Menschen. Ich fand, je mehr Menschen anwesend waren, desto weniger schien sich jemand um meinen merkwürdigen Aufzug zu kümmern. Die Sommersonne schien noch stets von einem blauen, wolkenlosen Himmel, und so lief ich mit der Menschenmasse mit, den Damrak hoch, bis zu der Straße, die links ab ins Rotlichtviertel führte. Unbehelligt, durchquerte ich das Rotlichtviertel, überquerte dabei mehrere Brücken und dahinter die Straße der Chinesen. Schließlich kam ich bei der Pension an. Ich zog rasch einige Kleider an und Schuhe und lief danach wieder zum Hauptbahnhof. Dort nahm ich die Straßenbahn zum Vondelpark. Two String saß noch stets gegen den Baum gelehnt, spielte auf den zwei Saiten seiner Gitarre und sang dazu. Er erzählte mir schließlich, was sich zugetragen hatte…-
Carlito
|