______________________________________________________________________ Wie aus heitrem Himmel, war Peter eines Tages in das Streckstoffgeschäft gefallen und dabei fast zum Millionär geworden. Aber was waren schon Millionen in Fingern wie Peters? Was Geld betraf, herrschte bei ihm Durchzug. Was bei Peter an der einen Seite rein kam, flog auf der anderen Seite ebenso rasch wieder raus. Hätte er in diesem Moment auf einen Schlag alles Geld, das er schon in Form von gelöstem Puder durch seine Venen gejagt hatte, er schwömme in Geld.
Reza war Perser und ein besonders lieber und freundlicher Mensch. Ihn zu verärgern, war schier unmöglich. Vielleicht hatte das mit seiner Leibesfülle zu tun? Reza war nämlich schwer übergewichtig. Das Wort „übergewichtig“ traf es nicht so richtig. Reza war fett. So fett, dass er sich seitwärts und dabei seinen Bauch einziehend, durch ganz gewöhnliche Zimmertüren quetschen musste. Dabei aß er kaum. Peter jedenfalls, der schlank war wie eine Gerte, aß für gewöhnlich weit mehr...-
Sie saßen gerade in Rezas Wohnung, als einer von Rezas türkischen Freunden kam. Reza machte ihn mit Peter bekannt. Sofort kam Rezas Freund auf eine bestimmte Sache zu sprechen. Er hatte aus Anatolien 200 Kilogramm Heroin empfangen. Nach den ersten Probeläufen mit dem Stoff hatte sich allerdings ergeben, dass dieses Heroin unbrauchbar war. Man konnte es nicht auf Folie rauchen weil es Blasen schlug und stank, man konnte es nicht schnupfen weil es die Nase verklebte und man konnte es nicht injizieren, weil es sich nicht löste. „Ist es dann auch Heroin?“, fragte Reza. Der Mann griff in seine Jacke und holte einen faustgroßen Frischhaltebeutel voll braunem Pulver hervor. „Lass den Beutel mal hier“, schlug Reza vor. „Rufe mich morgen an und ich werde dir alles Weitere berichten“. Nachdem der Mann wieder gegangen war, nahm Reza den Beutel mit in seine Küche. Dort holte er eine Literflasche Methylalkohol aus dem Küchenkasten und füllte einige Schluck in einen kleinen Erlenmeyerkolben. Er gab einen Esslöffel von dem braunen Pulver in den Kolben und mischte den Inhalt unter kreisender Bewegung gut durch. Er erwärmte den Inhalt ein wenig über der Flamme des Gasherds. Danach goss er den Kolbeninhalt durch einen Kaffeefilter. Die Flüssigkeit, die durch den Filter lief, fing er in einem Glas auf. Daraus ließ er den Methylalkohol verdampfen. Übrig blieb eine braune, knetbare Masse. Diese Masse gab Reza in ein Glas mit warmem Wasser und rührte. Das Wasser färbte sich braun und auf den Boden des Glases sank braunes, unlösliches Pulver, Heroinbase. Die Braunfärbung im Wasser, rührte von Lebensmittelfarbstoff her, mit dem das Produkt ursprünglich versetzt worden war. Damit war Reza tatsächlich in nur wenigen Minuten gelungen, die Heroinbase von den meisten ihrer beigemengten Stoffe zu befreien. Am Ende trocknete und wog Reza den ungelösten Brei, der im Kaffeefilter liegen geblieben war. Er wog etwa ein Viertel eines gehäuften Esslöffels. Das bedeutete, dass nach dem Reinigen der 200 Kilo, etwa 150 Kilo Heroinbase übrig bleiben würden. Freilich hätte man nun noch weiter gehen und die Geschichte mit HCL und einiger weiterer Prozedur in Heroinhydrochlorid wandeln können. Aber wozu?
200 Kilogramm Heroin in der Hand von nur einer Person, mag sich auf den ersten Blick als große Menge ausnehmen. Stellt man es aber in Relation mit dem täglichen Verbrauch Europas, sind 200 Kilo nicht viel. Nehmen wir als Beispiel eine Großstadt wie Rotterdam. In Rotterdam mag es, wir nehmen mal an, 5000 Süchtige geben. Von diesen verbrauchen manche 0,25 Gramm am Tag und andere zwischen 2 und 6 Gramm. Nehmen wir einen Durchschnittsverbrauch von nur einem Gramm pro Tag, so verbraucht eine Stadt wie Rotterdam jeden Tag schon 5 Kilogramm Heroin.
Als am nächsten Tag Rezas türkischer Freund anrief, sagte Reza zu ihm: „Hör zu. Ich kann für 4000 Gulden pro Kilo all dein Heroin von seinen Zusatzstoffen befreien“. Der Mann willigte ein. Was blieb ihm auch anderes übrig? Er konnte einwilligen oder aber auf 200 Kilogramm unverkäuflichem Zeug sitzen bleiben.
Menschen, die noch nie mit Heroingroßhandel zu tun hatten, haben keine Vorstellung davon, von welch einfachen Leuten der überwiegende Teil dieses Handels betrieben wird. Bauern aus Anatolien hören von ihrem Schwager, der in einer Fabrik in Amsterdam schuftet, dass man dort Heroin gut verkaufen und viel Geld damit verdienen kann. Sie beschaffen eine Fuhre von dem Zeug, bauen womöglich den Mohn selbst an und der Dorflehrer besitzt die nötige Magie und die Essigsäure, um das Zeug in Heroin zu wandeln. Ja, solche Sachen gibt es. Und bald sitzt der Schwager in Amsterdam mit 200 Kilo Ware. Weil aber die Jungs, die das Zeug transportiert hatten, nicht auf den Kopf gefallen waren, hatten sie unterwegs ein Viertel davon abgezweigt und das Loch mit irgendwelchen Pulvern gestopft. So kann es geschehen-. Amsterdam ist die Heroin Distributionszentrale Europas. Aber es gibt dort keine großen Heroinbosse, kein Kartell. Es gibt keine Zentralisierung. Es gibt eine Vielzahl kleiner Unternehmen die keinen Bossen gehorchen, sondern nur den Gesetzen des Marktes. Ist Amsterdam die Heroinzentrale Europas, so ist der Mercatorplein die Heroinzentrale Amsterdams. Dort, in den Teestuben am und rings um den Mercatorplein, werden Transporte geplant, Ware in Empfang genommen und weiter geschoben.
Weshalb gerade der Stadt Amsterdam die Rolle von Europas Heroinzentrale zugefallen ist, weiß ich nicht. Kann sein, dass es mit Tradition zu tun hat. Anfang der 70er Jahre, war das Geschäft noch in den Händen von Amsterdamer Chinesen. Das war die Zeit des weißen Heroinhydrochlorids von pharmazeutischer Qualität, CIA Shore, wie wir es gemeinhin nannten. Und es war die Zeit der sog. Hongkong-Rocks, runde oder auch vielkantige Steinchen von beige bis hellbrauner Farbe, ein wenig wie Katzenstreu aussehend und ebenfalls Hydrochlorid. Diese Steinchens sprangen während des Aufkochens wie Derwische im Löffel umher und wurden, während sie sich lösten, immer kleine und kleinerr...-
Shaha, so hieß Rezas Freund, wollte einer Reinigung seines Heroins beiwohnen um zu sehen, ob auch tatsächlich ein unbrauchbares Viertel davon übrig blieb. Reza veranstaltete einen großen Auftritt mit vielen Fläschchen und Flüssigkeiten um zu verhindern dass sein Freund dahinter käme, wie einfach alles im Grunde war. Reza musste immerhin seine Interessen schützen. Shaha und Reza vereinbarten, dass Reza 4000 Gulden pro Kilogramm gereinigten Heroins bekommen sollte. Das waren noch stets 600000 Gulden. Peter hatte schließlich den Prozess vereinfacht indem er ihn umgedreht hatte. Er wusch die Pampe erst in Wasser und danach in Methylalkohol. Der Schmutz und die Arbeit, die das Reinigen von 200 Kilogramm mit sich brachte und die vielen Tage die dazu nötig waren, waren unvorstellbar.
Unterdessen war Peter mit einigen Freunden und Bekannten Shahas bekannt geworden. Sie waren durchwegs alle im Heroingeschäft tätig und wohnten durchwegs alle am oder um den Mercatorplein.
Eines Tages unterhielten Peter und einige dieser Leute sich über Shahas verschmutztes Heroin. „Klar, dass ihr alle etwas unter das Heroin mengt“, bemerkte Peter. „Aber kann es dann nicht wenigstens etwas Vernünftiges sein?“ Das sah die ganze Runde ein. Die Frage war nur: Was war in diesem Falle „Etwas Vernünftiges“?
Dass Koffein sich gut eignete, war offenbar noch nicht zu diesen Leuten durchgedrungen. Und auch von der Koffein / Paracetamol / Lebensmittelfarbstoff Mischung, schienen sie noch nicht gehört zu haben.
Peter erzählte Reza davon. „Um das Zeug halbwegs unauffällig in großen Mengen einzukaufen, müssten wir ein Unternehmen registrieren“, fand Reza.
Am nächsten Morgen waren sie bei der Handelskammer. „Nelux Chemikalien“, hieß am Ende ihr Unternehmen. Noch am selben Tag schickten sie von einer Zweigstelle der Post ihr erstes Fernschreiben an einen Großhandel und bestellten 100 Kilogramm Koffein und 50 Kilogramm Paracetamol. Ein Bäckereibedarfsgeschäft am Rande der Stadt, lieferte den nötigen Lebensmittelfarbstoff.
Siehe: Heroin Streckstoffe
Die erste Lieferung von 100 Kilo ging an den Mercatorplein, für 1800 Gulden das Kilo. Keine üble Gewinnspanne wenn man bedachte, dass das Kilo des Ausgangsmaterials nur 30 Gulden gekostet hatte. Als einer der Leute vom Mercatorplein für dreißig Kilo des gemischten Materials eine Mercedes Limousine anbot, war Rezas und Peters Geschäft komplett. Sie befestigten ein Schild in der Heckscheibe des Autos: „Nelux Chemikalien“ und fertig war ihr Betriebswagen.
Am Ende hatten die Beiden schon so manche Ladung der Mischung verscherbelt, als auch andere sich in dieses Geschäft drängten. Es war schließlich zu einer eigenständigen Industrie geworden. Die Streckstoff Industrie.
Auf dem Höhepunkt ihres Geschäfts mieteten Reza und Peter eine alte LKW Garage. Ihre Werkzeuge waren große Plastikwannen, Lampen zum Trocknen der frisch gefärbten Mischung, jede Menge Küchenmühlen, eine Waage und ein Industriestaubsauger. In dieser Garage konnte man zuweilen daumendicke Placken des Streckstoffes mit Besenstielen von den Wänden schlagen, so staubte das Zeug. Am Mercatorplein gab es aber auch Räume, in denen man dieselben Placken aus Heroin von den Wänden schlagen konnte. Heroin stäubt nämlich ebenso. Der Großhandel, lieferte die Bestellungen in 50 Kilogramm Fässern. Pappkartontonnen mit Metalldeckeln oben und unten, der obere Deckel mit Spannring verschließbar.
Sie waren Gauner, Reza und Peter. Aber sie waren darüber hinaus auch noch reguläre Geschäftsleute, wenigstens so regulär wie sie es sich erlauben konnten. Sie ließen die Fässer vom Großhandel nicht an die Haustüre liefern. Der Großhandel lieferte sie gerade über die Grenze, wo sie in einem Lagerhaus gelagert wurden bis die Beiden sie holen kamen. Bei diesem Lagerhaus kreuzten sie auf mit ihrem „Firmenwagen“, ihrem Mercedes XY zigtausend mit 124 Ventilen und 30 Ein- und Ausspritzpumpen. Reza ging gekleidet im Anzug des Geschäftsmannes, er war immerhin der Chef, und Peter war im Blaumann, war nur „ Der Arbeiter“. Während Reza im Büro mit groszügiger Geste den Empfang der Lieferung bestätigte und das Geld dafür auf den Tresen blätterte, schuftete draußen Peter sich ab, der arme unterbezahlte Arbeiter, um die Tonnen in den Kofferraum zu schaffen. Bei größeren Lieferungen kamen die beiden mit Anhänger. Es waren seltsame Zeiten, in der die Kategorien des einfachen Bürgers umherwirbelten und wieder zu immer neuen Bildern zusammenflossen, wie in einem Kaleidoskop. Einmal war der Beiden falsch geparkter Mercedes mit 100 Kilo fertig gemengten Materials im Kofferraum von der Polizei abgeschleppt worden. Sie gingen den Wagen wieder holen und schimpften und fluchten auf den Gängen der Polizeidienststelle was ihre Herzen hergaben. In den Kofferraum zu sehen, war den Leuten nicht eingefallen und selbst hätten sie es getan, die Ware war legal und nur ihre letztendliche Verwendung verboten. Sie hatten viel Freude am Geschäft, die Beiden. Aber dieses Geschäft hatte durchaus auch seine unerfreulichen Seiten. Am Mercatorplein verging kaum eine Woche, in der nicht mit Maschinenpistolen geknattert und irgendwelche Leute über den Haufen geschossen wurden. Man stelle sich vor, eine Horde einfacher Leute, plötzlich zu Reichtum gekommen, ohne jegliches Benehmen mit Maschinenpistolen Amok laufend!? Als Peter an einem Samstag 100 Kilo Material abliefern sollte und sein Kontakt nicht eintraf, erfuhr er am Montag darauf vom Bruder dieses Kontakts, sein Bruder wäre an einem Herzinfarkt verstorben. Kannte man diese Leute, wusste man, dass „Herzinfarkt“ in etwa gleichbedeutend war mit „Kugel ins Herz“ und tatsächlich erfuhr Peter im Laufe der Woche, dass man seinen Kontaktmann auf der Straße erschossen hatte. Hatte er vielleicht zuviel unseres Streckstoffes unter seine Handelsware gemengt?
Einmal war auch Peter von einigen dieser Leute gesucht worden um erschossen zu werden. Aber sie konnten ihn nicht finden, er war stets zu viel in Bewegung. Peter erfuhr erst Monate später davon, als der Sturm bereits wieder vorübergeweht war. Es war einfach, auf die Abschussliste dieser Leute zu gelangen. Das ging rasch und konnte in der Gemütsaufwallung eines Augenblicks geschehen. Irgendwann waren die Schiessereien am Mercatorplein so zahlreich geworden, die allgemeine Kriminalität so hoch, dass die Stadt sich entschloss, Maßnahmen zu ergreifen. Eine Polizeistation wurde direkt am Plein errichtet, zahlreiche Straßenverbreiterungen und Renovierungsarbeiten wurden vorgenommen, doch unter dieser polierten Oberfläche geht das alte Leben des Mercatorpleins seinen gewohnten Gang. Peter liebte diese Ecke der Stadt, in der Möglichkeiten, Gelegenheiten, so zahlreich in der Luft hingen, dass man nur hinzugreifen brauchte.
Aus dem Niederländischen übersetzt: Amsterdamse stad verhalen 'rond om het mercator plein'
Alle Rechte der Deutschen Übersetzung: INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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