Ich kam nachhause, schweißnass und in allen Gliedern schmerzend. Ich warf das Päckchen mit dem Heroin auf den Küchentisch und öffnete eine Schublade. Wo zum Teufel waren die Nadeln? Zwei sterile Einmalspritzen waren vorhanden, aber wo waren die Nadeln!? Ausgegangen, waren sie. Ausgerechnet jetzt. Ausgegangen!
Ich wusste, dass in der Küche im Abfalleimer noch einige gebrauchte Nadeln liegen mussten. Sie waren von gestern, als ich mit einigen Leuten hier gewesen bin und wir uns gesund gespritzt hatten. Es fand sich dort aber nur eine Nadel. Sie war in der Mitte abgebogen, verstopft und ihre Spitze war krumm. Vorsichtig, bog ich die Nadel gerade. Bloß nicht abbrechen, das Ding…!
Danach versuchte ich, die Nadel mit dem Druck einer Injektionsspritze durch zu pusten. Ich steckte die verstopfte Nadel auf die Spritze, hielt sie mit Daumen und Zeigefinger an ihrem Platz und drückte mit dem Daumen der anderen Hand kräftig auf den Kolben. Es ging nicht. Die Nadel blieb verstopft. Ich ließ heißes Wasser darüber laufen und versuchte es erneut. Vergebens. Schließlich hielt ich die Nadel kurz über die Flamme meines Feuerzeuges. Danach, ließ sie sich durch pusten. Man muss beim Erhitzen über einer Flamme allerdings darauf achten, dass die Nadel nicht zu heiß wird, weil sonst aller Kohlenstoff aus dem Stahl brennt und die Nadel dadurch zum weichen Eisen wird. In dem Fall verböge sie sich schon beim geringsten Widerstand des Einstechens...-
Es hatte jedenfalls funktioniert. Die Nadel war frei. Jetzt bog ich ihre Spitze gerade. Auch dies ist ein heikles Unternehmen. Diese kleine feine Spitze bricht nämlich gerne ab, wird sie hin und her gebogen. Das tat sie dann auch...-
Hat man feines graues Schleifpapier im Haus, oder einen fein gekörnten Wetzstein, kann man die Nadel unter Zuhilfenahme von etwas Wasser darauf wieder scharf schleifen. Ich allerdings, hatte weder Sandpapier noch Wetzstein im Haus. Deshalb musste ich mich mit der Reibefläche einer Streichholzschachtel begnügen. Die, sollte man allerdings nicht unbedingt nass machen. Sie zerfällt dann allzu leicht. Endlich war die Nadel soweit, dass man damit injizieren konnte. Kurz darauf, fühlte ich mich wieder grandios...-
Es war zu einer Zeit, da man Spritzen und Nadeln noch nicht so einfach in Apotheken kaufen konnte. Damals waren Apotheker noch der Auffassung, sie würden einen in rechtlich oder moralisch unerlaubter Weise „unterstützen“, verkauften sie die Utensilien an Morphinisten. Die AIDS Welle brachte sie schließlich alle zur Vernunft. Die hätte ja nun auch den eigenen Apothekerarsch erreicen können....-
Selbst im Amsterdam der 80iger Jahre, war es so. Ging man in eine Apotheke um Utensilien zu kaufen, wurde nur abgewunken. Selbst Wasser zum Injizieren, konnte schon ein Problem sein. Ich habe Wasser zur Injektion schon aus Spülkästen von Toiletten geholt, aus Toilettenschüsseln, aus Wasserpfützen auf der Strasse oder aus offenen Wasserläufen, aus Bächen und Flüssen und Seen. Eine Infektionskrankheit, wie etwa Hepatitis, hatte ich davon nie bekommen. Bis heute, fast schon 40 Jahre danach, kann ich sagen: Ich habe durch schmutzige Injektionen noch nie eine Infektionskrankheit bekommen, keine Hepatitis, kein AIDS, nichts...-
Ich kannte damals sogar Leute, die zur Injektion aus Mangel an Wasser, in den Löffel spukten, ihr Heroin darin lösten und es injizierten. All das unbeschadet...-
Heute gibt es, zumindest in manchen Städten, Automaten, aus denen man für einen Euro Spritzen, Ampullen mit steriler physiologischer Salzlösung und Alkoholtupfer ziehen kann. Davon, konnten wir damals noch lange träumen und in einigen Städten Deutschlands, träumt man wohl heute noch davon…-
Alle Rechte: INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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