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Knast Storys, Sucht & Szenen Geschichten, überwiegend von Karlos, Fantasie begabter Erzähler, pessimistischer Visionär, grundsätzlicher Misanthrop, Gelegenheits-Philanthrop und Initiator der Morphinistenseite...-


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Der Sprung - Flucht vor der W.A.G.



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D E R   S P R U N G 

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Ich hatte mein Wort gegeben, für die WAG* zu arbeiten. Brach ich es, fänden die Ratten mich auf einem der weiten Gelände im Westen der Stadt, wo man Landsenken mit Müll auffüllte.

(*) WAG = Wir sind Alle so entsetzlich Glücklich. Eine Partei, deren Organe immer mehr um sich greifen und die damit stets mehr Aspekte des Lebens der Bürgern unter ihre Kontrolle bringt.

Ich rief also aus meinem Hotel im Büro des Sicherheitsdienstes an und ließ mich mit Kommissar Majnek verbinden. „Ach, bist du schon wieder frei?!“, rief Majnek erstaunt aus. „Yes“, antwortete ich. „Time flys like an arrow and fruit flies like a banana...“.
“Wo bist du?” wollte Majnek wissen. „In der Absteige "Edelweiß", Schillerstraße“, antwortete ich. „Bleibe dort. Ich bin gleich bei dir“. Keine zehn Minuten später hörte ich unten auf der Straße die Reifen von Majneks rotem Sportwagen kreischen. Gleich darauf hörte ich seine hastigen Schritte, unten im Gang und dann auf der hölzernen Treppe. Majnek setzte sich und schaltete meinen Radio aus. „Du arbeitest für uns?“, fragte er und schabte seine Nase. „Habe ich eine Wahl?“ Majnek blickte auf seine polierten Fingernägel. „Eine kleine Wahl hättest du schon“. „Oh ja? Und welche?“, fragte ich, neugierig geworden. „Du könntest das Land verlassen und das Weite suchen“. „Ja, um mich danach von euch für die nächsten 20 Jahre kreuz und quer über den Planeten jagen zu lassen?“ „Es gibt Mittel und Wege und du kennst sie“. „Ja“, sagte ich. „Ich kenne sie. Vergiss es und lass uns zur Sache kommen“. „Gut“, sagte Majnek und zündete eine Zigarette an. „Das Spiel ist einfach“, begann er. Er blies einige Rauchringe von sich. „Es heißt: Nun siehst du mich, jetzt siehst du mich nicht. Und das man dich das eine Mal sieht und ein anderes Mal wieder nicht, wird deine Aufgabe sein. Du wirst dich in den Untergrund begeben, dein Element, und dich dort als Käufer illegaler Medikamente ausgeben. Beißt einer an und will verkaufen, informierst du uns. Wir geben dir die nötige Kaufsumme, umstellen den Kaufort und schlagen im geeigneten Moment zu“. „Klingt einfach genug“, sagte ich, während Majnek seine Kippe in den Aschenbecher drückte. „Ihr werdet mich am Leben lassen, das ist das Eine. Aber bekomme ich auch die Mittel um am Leben zu bleiben?“ „Wir zahlen dir den Schwarzmarktpreis für jede Menge illegalen Arzneistoffes den wir mit deiner Hilfe an Land ziehen“. Ich überlegte. Der Schwarzmarktpreis für Diacethylmorphin betrug zurzeit 150 Euro pro Gramm. Könnte ich Majnek auch nur 500 Gramm liefern, reichte mir die Summe, um den Sprung zu machen. Ich willigte ein, wenn schon nicht ganz freiwillig, so doch recht zuversichtlich und mit einem Kopf voll eigener Pläne...-

Majnek hinterließ seine Telefonnummer und ging. Ich war frei, hatte eigene Pläne und alle Macht und Reichtum der Partei hinter mir. Es würde ein gefährliches Spiel werden, in dem ich leicht in eine Zange geraten und zwischen ihren Backen zerquetscht werden könnte. Aber was war nicht mehr gefährlich in einer Zeit, in der die WAG herrschte, in einer Zeit, in der einem ein Gedanke zur falschen Zeit am verkehrten Ort zum Verhängnis werden konnte?

Als erstes würde ich Eva und ihre Freunde von der Straße fegen. Evas Freunde, die mich damals nicht gewarnt hatten. Hätte mir auch nur einer von ihnen zugeflüstert: „Eva arbeitet für das LKA und Lee
Der Fall Lee für den DEA, mein Leben wäre ein anders geworden. Aber sei es darum. Nun ist der Tisch gedreht, die Karten neu gemischt und von mir frisch gezinkt. Gebt Acht, ihr heimlich für die W.A.G. Arbeitenden, die ihr seit Jahren eure Brüder und Schwestern den Mühlen der Partei ausliefert, nur um weiterhin euer Leben eines erbärmlichen Behagens zu führen. Gebt Acht. Jetzt, werde ich zu eurer Nemesis, zu eurem Racheengel, der nicht nur wie ihr, für zwei Seiten arbeitet, sondern für drei...!

Mein erster Fall sollte Norbert werden. Norbert, den ich noch am Tage vor meiner Festnahme getroffen hatte. Ihm hatte ich erzählt, dass ich mich am nächsten Tag in ein Geschäft mit einem Feund Evas einlassen würde, dass letztlich mithlfe von Eva vom LKA inszeniert worden war. Norbert hatte von Evas Arbeit für die Sicherheitsbehörde gewußt. Er hatte gewußt, dass Eva für die Abteilung zur Bekämpfung der Rauschmittelkriminalität arbeitete. Er hätte mich warnen können, aber er tat es nicht. Er ließ mich in die Falle laufen. Er musste folglich als erster daran glauben.

Ich traf Norbert im "Kinky", einem Laden, in dem Leute verkehrten, die gerne vorgaben viel Geld zu besitzen und keines hatten. Wie die meisten Leute seiner Ebene, lebte auch Norbert unter einer selbst auferlegten Amnesie die ihm ermöglichte, noch nach den größten Schweinereien ohne Gewissensbisse weiter zu leben. Ich kaufte ihm ein Päckchen seines verschnittenen Heroins ab und kam mit ihm ins Gespräch. Ob er auch mehr davon beschaffen könne, fragte ich und ja, er konnte. Und wie viel? 100 Gramm? 150? Nein, soviel dann auch wieder nicht. Aber 80, Gramm wären schon möglich. Im Geiste sah ich ihn schon, wie er bei sich zuhause in der Küche saß und einige Krümel Heroin mit Milchzucker zu 80 Gramm aufstreckte. Aber das spielte keine Rolle. Die Gesetze der W.A.G. besagten, das jede Menge einer Substanz, in der sich eine unspezifizierte Menge Betäubungsmittel befand, als Betäubungsmittel anzusehen sei. Mochte Norbert mir 75 Gramm Milchzucker andrehen mit nur 5 Gramm Heroin darin, die W.A.G. würde mir dafür 80 x 150 Euro bezahlen. Wir verabredeten uns also für den folgenden Tag, 15 Uhr, am Nordbahnhof, im Restaurant „Zum roten Ochsen“.

Am Vormittag des nächsten Tages rief ich Majnek an und erzählte ihm von der bevorstehenden Transaktion. Es dauerte nicht lange und er erschien in meiner Absteige. Er legte 12.000 Euro auf den Tisch, in verschieden großen Banknoten, in ein Bündel gepackt, umfasst von einem gewöhnlichen Gummiband. „Wir machen es folgendermaßen“, erklärte er. „Sobald das Geschäft gelaufen ist, gibst du irgendein Zeichen. Lass dir eines einfallen“. "Ich nehme meine Sonnenbrille vom Gesicht“, sagte ich. „Ausgezeichnet. Nach diesem Zeichen schlagen meine Leute zu. Du entkommst dabei. Laufe einfach weg und rufe eine Stunde danach in meinem Büro an“.

Um 14:30, saß ich im "Roten Ochsen". Entgegen aller Gewohnheit, schien das Restaurant an diesem Tage schlecht besucht zu sein. Es befanden sich nur etwa 10 Gäste in dem großen Raum. Hinten in der Ecke saß ein junges Pärchen. Sie lachten und scherzten miteinander und schienen völlig miteinander beschäftigt. Am Tisch daneben saß ein beleibter Herr mit dicken Brillengläsern und las die Zeitung. Am Tisch neben mir saßen zwei Arbeiter in verschmutzten Arbeitsanzügen…
Um 14:50 kam Norbert und setzte sich an meinen Tisch. „Hast du es bei dir?“, fragte ich. „Ja. Lass mich erst bestellen“. Norbert bestellte ein Glas Bier. Als es auf dem Tisch stand, reichte er mir ein Päckchen. Es war eine in Zeitungspapier gehüllte Kunststofftüte voll braunem Pulver. Ich steckte einen feuchten Finger in die Tüte und führte den bepuderten Finger an den Mund. „Okay“, sagte ich. „Hier hast du das Geld“. Norbert griff nach dem Geldbündel, seine Wangen speckig und glänzend vor Freude. Er hatte den Zaster noch nicht richtig in der Hand, als ich meine Brille abnahm. Was ich damit auslöste, erschien mir phänomenal. Jeder Gast im Restaurant sprang auf, hielt plötzlich eine Schusswaffe in der Hand und rannte auf uns zu. Ich warf den Tisch des Restaurants aus dem Wege, stieß den ersten WAG Agenten zur Seite und rannte raus ins Freie. Draußen, hielten gerade mehrere Streifenwagen vor dem Restaurant. Ich rannte an ihnen vorüber und in einen Tunnel, der unter einer Schnellstraße hindurchführte. Hinter mir hörte ich rufen: „Halt! Polizei! Stehen bleiben oder ich schieße!“ Die Jungs spielen das verdammt gut, dachte ich gerade, als hinter mir ein Schuss knallte und synchron damit ein böses Fauchen, mehr ein Brummen, dicht an meinem Ohr vorüber zog. Ich blieb sofort stocksteif stehen. Zwei uniformierte Polizeibeamte, der eine mit rauchender Pistole in der Hand, kamen auf mich zu gerannt und legten mich in Handschellen. Sie brachten mich aus dem Tunnel und zu einem der Streifenwagen, die vor dem Restaurant standen. Dort kam gerade Majnek aus der Tür. Er sah mich in Handschellen und kam auf mich zu. „Was ist los?“, fragte er die Streifenbeamten. „Warum habt ihr ihn festgenommen? Er gehört doch zu uns“. Davon, hatten die Jungs in Uniform allerdings nichts gewusst. Sie waren nicht darüber informiert worden, dass ich gerade für die WAG arbeitete. Sie hatten gedacht ich wolle wirklich flüchten und hatten hinter mir her geschossen. Nur dem Umstand, dass sie schlechte Schützen waren, verdankte ich mein Leben. Majnek fuhr mich zu meinem Absteige zurück. „Komme gegen 17 Uhr zum Parteihauptgebäude“, sagte er zum Abschied, „und bringe deinen Ausweis mit. Zeige dem Pförtner deinen Ausweis und frage ihn, ob er etwas für dich hat“.

Gegen 17:30 war ich beim Hauptgebäude der Partei. Interessant fand ich, wie dort die Beobachtungskameras angeordnet waren. Sie erfassten einen schon drei Strassen vor dem Parteigebäude und verfolgten einen bis zum Eingang, bis in den Vorraum und bis zum Tresen des Pförtners. Ich reichte dem Pförtner meinen Ausweis und fragte, ob er etwas für mich hätte. Er legte meinen Ausweis mit der Innenseite auf einen Scanner und reichte ihn mir zurück. Danach drehte er sich um und zog eine Schublade auf die länger war als jede Schublade, die ich jemals zuvor gesehen hatte. Sie war weit über einen Meter lang und angefüllt mit hellgrünen Briefumschlägen. Ein Briefumschlag hinter dem anderen, über einen Meter Briefumschläge. Mit geübten Fingern ging der Pförtner die Briefumschläge durch bis er zu einer Stelle kam an der er einen hervorzog. Er reichte ihn mir und ließ mich eine Erhaltsbestätigung unterschreiben. Draußen, um die Ecke, auf den Weiten des Marienplatzes, öffnete ich den Umschlag. Er enthielt, ohne jeglichen Kommentar, 12000 Euro. Sieh an, dachte ich. Sollten all die vielen Umschläge in dieser ewiglangen Schublade alle für Leute bestimmt sein, die heimlich im Untergrund für die Partei arbeiteten?


Eine Woche danach, präsentierte ich Majnek meinen ersten fingierten Fall. Ich rief ihn an und erzählte, ich würde am folgenden Tag von einem "Unbekannten" 250 Gramm Heroin erwerben. Wieder kam am folgenden Tag, wenige Stunden vor dem Zeitpunkt des bevorstehenden Geschäfts, Majnek in meine Absteige. Diesmal sollte ich das Kaufgeld, 30000 Euro, erst kurz vor der Transaktion ausgehändigt bekommen und man würde mich von diesem Zeitpunkt an nicht mehr aus den Augen lassen, schärfte Majnek mir ein. Was war geschehen? War die Summe zu hoch geworden? Jedenfalls misstraute man mir. Wie ich Majnek erzählte, sollte ich mich diesmal mit dem Verkäufer vor dem Eingang eines Restaurants im Osten der Stadt treffen und das Kaufgeld, und das war besonders wichtig, solle nur aus 500 Euro Scheinen bestehen. Als tags darauf Majnek die Summe überreichte, bemerkte ich, dass sie tatsächlich nur aus 500 Euro Scheinen bestand und das Banknotenbündel wieder von nur einem einfachen Gummiband umfasst war…-
Als ich vor dem Restaurant stand, einen Aktenkoffer mit dem Kaufgeld in der Hand, sah ich mir die Umgebung etwas näher an. Vor mir verlief eine kleine, wenig befahrene Nebenstraße. Dieser Straße gegenüber lag ein kleiner Park, den ich von meiner Position aus fast gänzlich einsehen konnte. Rechts, gab es einige Parkbänke, links eine Wiese, umstanden von einigen Bäumen. Vor mir am Straßenrand hatte jemand Motorpech. Unter der geöffneten Motorhaube eines VW Golf, hantierte ein Mann mit hochgekrempelten Ärmeln und Öl beschmierten Armen. Auf einer der Bänke im Park, saß ein junges Pärchen, beschäftigt mit sich selbst. Im Gras des Parks, spielte ein älterer Herr mit seinem Hündchen. An einem der Bäume lehnte ein Mann und las die Zeitung. Wo wohl Majnek’s Leute staken, wunderte ich mich…-

Ich stand etwa eine halbe Stunde und wartete, natürlich vergebens, auf meinen Kontakt. Niemand kam. Wie denn auch, hatte ich die ganze Geschichte doch nur fingiert um Gelegenheit zu haben, die Arbeitsweise von Majnek und seinen Leuten zu studieren? Schließlich kam Majnek von der Seite her an mich heran. „Er kommt wohl nicht?“, sagte er. „Nein“, sagte ich. „Scheinbar nicht“. Majnek holte ein kleines Sprechfunkgerät unter seiner Jacke hervor, sagte noch, „Macht nichts. Das kommt öfters vor“, drückte dann eine Taste seines Gerät und sprach: „Kommt Leute, wir gehen“. Gleich darauf klappte der Mann vor mir am Straßenrand seine Motorhaube dicht, fuhr mit seinem Wagen um die Seite des Parks und nahm dort den Herrn mit seinem Hündchen auf. Der Kerl mit seiner Zeitung, löste sich vom Baum an dem er gestanden hatte, ging zu dem Pärchen auf der Bank und sie verschwanden miteinander. Vor mir, löste die gesamte Straßenszene in nichts sich auf. Jeder, der sich in meinem Blickfeld befunden hatte und vermutlich noch einige mehr, arbeiteten für Majnek und für die Sicherheitsorgane der Partei. Ich lief einige Straßen weit und traf an einer Ecke auf Majnek. Ich öffnete meinen Aktenkoffer und reichte ihm das Kaufgeld. „Pech“, sagte ich. „Egal, sagte Majnek, während er sich entfernte. „Das nächste Mal klappt es wieder besser“, rief er mir noch über seine Schulter hinweg zu …-

Joey der Chinese, trug eine Beinprothese und war ein begnadeter Künstler. Es gab kein bedrucktes Papier in dieser Welt, dass Joey nicht nachahmen konnte. „Es ist für eine gute Sache, Joey“, versuchte ich ihn zu erweichen. „Ehrenwort. Es wird niemand dabei zu Schaden kommen. Was ich brauche sind 92 Scheine zu je 500 Euro und 40 zu je tausend. Joey war mir noch einen Gefallen schuldig und er wusste es. Unausgesprochen, stand diese Tatsache zwischen uns. Es war wohl schon einige Jahre her, als ich mitgeholfen hatte, zusammen mit einigen anderen Leuten Joey’s Schwester, mit viel Geld und einigen Kunstgriffen, aus einem Bordell in Marseile loszueisen. Joey hatte es nicht vergessen. Joey vergaß nie etwas. „Ich müsste erst Papier beschaffen“, sagte er und kratzte nachdenklich die Stelle seines Beines an der die Prothese saß. „Tue das Joey“, sagte ich. „Noch hat es nicht sonderlich Eile, aber lasse mich andererseits auch nicht allzu lange darauf warten“.

Menheer Van Veen, der im Diamantgeschäft nicht nur ergraut, sondern auch Bankrott gegangen war, war bei allen Mitgliedern der Antwerpener Diamantbörse wohl bekannt und beliebt. Menheer Van Veen verstand es nämlich Koffer zu bauen, in denen sicher 80 Prozent aller Brillanten der Börse vorbei an den Zöllen dieser Welt und zu den wartenden Kunden geschafft wurden. Die Koffer die Menheer Van Veen baute, waren einfach genial. Man brachte ihm einen Samsonite Aktenkoffer und hinterließ 1000 Euro. Eine Woche später konnte man den Koffer abholen. Er enthielt dann ein Geheimfach, so raffiniert verborgen, dass ich es nicht finden konnte, obwohl Menheer Van Veen es vor meinen Augen mehrmals geöffnet und wieder geschlossen hatte. „Beste menheer Van Veen", sagte ich. „Was ich brauche, ist nicht einen ihrer Koffer mit Geheimfach. Was ich benötige ist vielmehr ein Zauberkoffer. Einen dieser Koffer, wie Zauberer auf der Bühne sie haben. Er muss von beiden Seiten zu öffnen sein, ohne dass es einem Betrachter auffiele, dass er an beiden Seiten Deckel hat. In der Mitte müsste ein Zwischenboden eingearbeitet sein, der bei geöffnetem Deckel von beiden Seiten wie der echte Boden des Koffers aussehen muss. Können sie mir einen solchen Koffer fertigen?“ Van Veen überlegte. „1500 Euro“, sagte er nach einer Weile. „Ist gut“, sagte ich. Aber ich bräuchte ihn noch vor Ablauf dieses Monats“. „2000“, sagte Van Veen kalt. „Ist gut“, sagte ich, legte 1000 Euro Vorschuss auf den Tisch und verließ Menheer Van Veens Büro um mich vor meiner Fahrt nachhause noch ein wenig an der Börse umzusehen.

Joey war ein Genie. Er hatte zwar das richtige Papier zum Fertigen der falschen Banknoten nicht bekommen, dafür hatte er es aber verstanden, qualitativ minderwertigem Papier durch Bearbeiten mit Kartoffelstärke die Steifheit und das nötige Knistern echter Banknoten zu verleihen. Befingerte man Joeys falsche Scheine, fühlten sie sich jedenfalls an als wären sie echt...-

„Kommen sie näher“, sagte Menheer Van Veen und schleuderte mit einem Schwung den man dem alten Herrn nie zugetraut hätte, einen braunen kleinen, unscheinbar aussehenden Aktenkoffer auf den Tisch. „Sehen sie“, erklärte Menheer mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme, „Der Koffer hat trotz seiner zwei Deckel nicht vier Verschlüsse, sondern nur zwei. Es kommt darauf an, wie sie die Verschlüsse handhaben, um entweder den Deckel der einen Seite oder den der anderen zu öffnen,“. Menheer erklärte den Mechanismus. Die Verschlüsse hatten in ihrer Mitte ein unsichtbar verarbeitetes Scharnier, durch das man entweder das untere Ende des Verschlusshebels, oder aber das obere Ende eindrücken konnte. Je nach dem welches Ende des Verschlusshebels man drückte, öffnete sich entweder der eine Deckel des Koffers, oder der Andere. Der doppelte Boden im Innern des Koffers war so gearbeitet, dass er an seinen Rändern durch Ziehharmonikafalten aus feinem Leder am Koffergehäuse befestigt war. Legte man den Koffer hin und öffnete einen Deckel, wurde dieser doppelte Boden alleine durch die Schwerkraft nach unten gezogen und erweckte somit den Eindruck, man blickte auf den Grund eines leeren Koffers. Menheer Van Veen war, wie Joey, ein Genie seines Fachs.

„Er will 86000 Euro für seine 3 Kilogramm haben und er will das Geld in 92 Scheinen zu je 500 Euro und 40 zu je 1000 Euro haben.“ “, erklärte ich Majnek. „Und er scherzt nicht. Ich habe die Ware gesehen und getestet. Es handelt sich um feinstes weißes Heroinhydrochlorid von pharmazeutischer Qualität. Es ist lange her, da ich solcher Qualität begegnet bin“. Ich fühlte förmlich, wie Majnek anbiss. Menschen sind so. Ob es sich um Kommissare der WAG handelt, oder um einen einfachen Gemüsekrämer. Setzt man den Menschen die Erfüllung eines Wunsches vor Augen in einem Ausmaß, wie sie es sich noch nie hatten träumen lassen, werden sie blind. Es ist das uralte Spiel des Betrügers, ein Spiel so alt wie die Menschheit selbst.

„Und wo wollt ihr euch treffen?“ informierte Majnek. „Oben, beim Olympiapark. Auf dem freien Platz im Winkel des Sheraton Hotels und dem Arabellahaus,“, erklärte ich. „Der Platz ist günstig für unser Vorhaben. Es ist ein weiter, gut einsehbarer Platz, mit nur wenigen Zugängen. Wer sich einmal auf diesem Platz befindet, kommt so ohne weiteres nicht mehr weg“. Majnek rieb sich die Hände. Er hatte sichtlich Freude an seinem Beruf…-

Ich hatte inzwischen alles geregelt. Das Flugticket hatte ich in der Tasche, zusammen mit einem gültigen Reisepass. In einem Schließfach des Flughafens stand meine Reisetasche bereit. Nun hing mein Vorhaben, mein Leben, nur noch an einem gewöhnlichen Gummiband. Sollte Majnek die Kaufsumme, immerhin 136 Scheine, wieder, wie schon zuvor, in einem Bündel, gefasst durch ein einfaches Gummiband aushändigen?
„Um 17 Uhr, sagtest du?“ Ja, sagte ich, „um 17 Uhr".

Die Wärme eines wolkenlosen Hochsommertages, staute sich auf dem Platz hinter dem Sheraton und dem Arabellahaus. Ich saß auf einem der kleinen Betonpfeiler, die das Innere des Platzes aufteilten und hatte Menheer Van Veens Zauberkoffer auf dem Schoss. Darin befanden sich auf der einen Seite Majneks 86000 Euro, säuberlich in einem Bündel, gefasst durch ein einfaches Gummiband und auf der anderen Seite Joeys falsche 86000 Euro, ebenfalls gebündelt mit einem einfachen Gummiband.

Schweiß, rann mir in den Kragen. Ein Scheitern meines Vorhabens, kam mir nicht in den Sinn. Man denkt in solchen Situationen nicht an ein Scheitern. Jetzt saß ich schon 45 Minuten und wartete auf jemand der nicht kommen würde. Es war schon 17:45 Uhr geworden und ich hatte nur noch eine halbe Stunde Zeit. Wenn Majnek nicht bald auftauchte, dann…
Aber ich hatte diesen Platz hinter dem Sheraton Hotel und dem Arabellahaus nicht umsonst gewählt. Von hier bis zum Flughafen waren es gerade 5 Minuten.- „Er kommt wohl nicht“, sagte Majnek, der von hinten an mich herangeschlichen war. „Nein“, sagte ich. „Wie es scheint, kommt er nicht“. „Macht nichts“, sagte Majnek. „Das kommt vor. Wir treffen uns in 10 Minuten auf der anderen Seite des Gebäudes.“. Majnek bat um Feuer für seine Zigarette. Es war wohl Teil seiner Tarnung. Ich gab ihm Feuer, er dankte und ging. 10 Minuten später trafen wir uns auf der anderen Seite des Arabellahauses. Dort, im Schatten einer Einfahrt, öffnete ich meinen Koffer und überreichte Majnek Joeys 86000 Euro, umfasst von einem einfachen Gummiband. „Ruf mich doch bitte morgen an“, sagte Majnek, während wir zusammen auf seinen roten Sportwagen zuspazierten. „Es kann sein, dass du uns in Frankfurt eine kleine Gefälligkeit erweisen kannst“. „Ist gut“, sagte ich. "Ich rufe dich gegen 15 Uhr an". Ich sah ihm noch hinterher, bis sein roter Schlitten verschwunden war. Dann setzte ich mich in ein Taxi und sagte: „Zum Flughafen bitte, und fahren sie bitte ein wenig rasch. Ich bin spät dran“.


Eine halbe Stunde später, bestieg ich eine knallrote Boing 707 der russischen Fluggesellschaft Aeroflot. Nach einem Flug von12 Stunden in Dubai, schwang die Tür der Maschine auf. Wie ein nasses Handtuch, klatschte die feuchte Tropenluft Sri Lankas in mein Gesicht…-



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