______________________________________________________________________ Sandra war nach einer Haftzeit von nur wenigen Wochen aus dem Gefängnis entlassen worden. Kaum hatte sie die Gitterstäbe hinter sich, rief sie auch schon an und wollte sich mit mir treffen.
Ich verscherbelte damals diese merkwürdige Heroinbase aus den afghanisch – pakistanischen Grenzgebieten. Merkwürdige Ware in mehr als einer Hinsicht. Diese Base war rostbraun von Farbe und kochte man sie unter Zugabe von Ascorbinsäure auf, wurde die Lösung hellbraun, blieb dabei aber gut durchsichtig. Das Seltsamste daran war aberr, dass sich während des Aufkochens eine schwarze klebrige Masse am Grund des Löffels bildete. Ließ man diese Masse erkalten, konnte man sie vom Löffel schaben und Kügelchen davon drehen. Nach eingehender Untersuchung ergab sich, dass es sich dabei um Rohopiumrückstände handeln musste. Man hatte der Base nach Fertigung offenbar getrocknetes und gemahlenes Rohopium beigemengt. Der Qualität des Heroins tat das keinen Abbruch. Das Zeug war trotz allem tadellos, so gut sogar, dass man ohne weiteres meilenweit dafür gelaufen wäre. Am Ende ergab es sich, dass die schwarze Pampe vom Grund des Löffels auch noch seine Vorzüge hatte. Kochte man sie ein zweites Mal mit Ascorbinsäure auf, ergab sie eine weitere Injektion, die der ersten in nur wenig nachstand. Doch auch nach diesem zweiten Male Aufkochen, blieb stets ein schwarzer klebriger Stoff auf dem Löffel zurück. Dies waren Anteile, die sich nicht ohne weiteres lösten. Ich rauchte diesen Rest schließlich in Zigaretten. Die Wirkung war noch stets beflügelnd.
Ich traf Sandra in der Innenstadt und sie wollte natürlich, nach Wochen erzwungener Abstinenz im Gefängnis, vor allem eines: Eine gute starke intravenöse Heroininjektion. Wir gingen in mein Hotel. Dort schlüpften wir am schlafenden Pförtner vorüber, rannten die Treppe hoch und in mein Zimmer. Es war ein einfaches Hotelzimmer, möbliert gerade mit dem Nötigsten: Ein Bett, ein Tisch, zwei Sessel und am Boden ein alter Teppich. Ich setzte mich an den Tisch, holte die Utensilien hervor und bereitete zwei Injektionen. Sandra, setzte sich derweil aufs Bett. Als ich fertig war, reichte ich ihr die geladene Spritze. Ich hatte nicht viel verwendet. Vielleicht ein zehntel der Menge, die ich mir selbst gönnte. Immerhin hatte sie einige Wochen nicht injiziert und es empfahl sich, vorsichtig zu sein. Ich blieb am Tisch sitzen und verabreichte mir meine Injektion. Das Zeug war gut. Kaum hatte ich die Nadel aus dem Arm, als ich in Morpheus' Armen wegdämmerte. Als mir nach einiger Zeit das Hotelzimmer wieder bewusst wurde, ich hielt noch stets die Augen geschlossen, fiel mir die Stille im Raum auf. Ich öffnete die Augen und sah zu Sandra hin. Sie lag auf ihrem Rücken auf dem Bett und hatte die abgedrückte Spritze noch im Arm. Ihr Gesicht und besonders ihre Lippen waren blau gerfärbt. Ich ging zu ihr hin und bemerkte, dass sie kalt geworden war und nicht mehr atmete.
Sie ist tot, dachte ich, und überlegte, wie ich das Mädchen aus meinem Hotelzimmer schaffen konnte. Bestehende Gesetze sind es, die einem in solchen Fällen nur wenig Wahl lassen, die einen in solchen Fällen notwendigerweise grausam werden lassen. Man ist beherrscht von grausamen Gesetzen-. Riefe ich einen Notarzt herbei, riskierte ich, dass er die Polizei gleich mitbrächte.
Was hätte es genutzt, an Ort und Stelle um das Mädchen zu trauern? Ich hätte dann vermutlich im Gefängnis weiter trauern dürfen. Um Sandra weinen konnte ich immer noch. Aber jetzt musste ich erst ihre sterblichen Überreste beseitien...-
Erst dachte ich, ich könnte sie vielleicht im Teppich einrollen und mit dieser Rolle über der Schulter, lächelnd und eine fröhliche Weise flötend am Pförtner im Erdgeschoss vorüberschlendern. Gleich vor dem Hotel gab es einen kleinen Park, wo man das Mädchen auf eine Bank setzen und alleine lassen konnte. Während ich noch überlegte, hörte ich vom Bett her ein Geräusch, ein Atemgeräusch. Es klang, als holte jemand mit Mühe Luft, während ein anderer ihm den Hals zudrückt, eine Art kurzes Röcheln. Ich sprang zu Sandra hin und fing an, sie künstlich, Mund zu Mund, zu beatmen. Ich beatmete und beatmete bis mir übel und schwindelig wurde. Sandra gab kein weiteres Lebenszeichen von sich. Nach einer Stunde des Beatmens, mir platzten bereits bunte Sterne vor den Augen vor lauter Beatmen, schlug das Mädchen plötzlich die Augen auf. „Ho!" rief ich. "Hallo!“ Ich schüttelte sie hin und her. „Bleib wach! Sacke nicht wieder weg!“ Nach einer weiteren halben Stunde war sie bei Bewusstsein. „Was hast du nur?“, fragte sie erstaunt. „Weshalb bist du so erregt? Komm, mache mir bitte noch einen Schuss zurecht“...-
Es ist immer dasselbe mit diesen überdosierten Leuten. Kaum sind sie wieder unter den Lebenden, schon wollen sie eine neue Ladung. Es fehlt ihnen an Erinnerung. Sie wissen nichts von dem Zeitraum zwischen ihrer letzten Injektion und der Gegenwart.
Noch jede Person, die sich in meiner Anwesenheit eine Überdosis injiziert hatte, und das waren im Laufe der Jahre einige, fragte unmittelbar nach dem Erwachen voll des Staunens, weshalb ich so erregt sei. Und alle wollten sofort eine erneute Injektion. Es ist immer das Gleiche. Nie konnte ich eine/einen, die/der eine Überdosis gerade noch überlebt hatte davon überzeugen, wie nahe der Tod gewesen ist. Es ist wahr: Die meisten Überdosenopfer, sterben weniger an Heroin. Sie sterben weit mehr an ihrer eigenen Dummheit und an schlechter Information...-
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