______________________________________________________________________ Seit einer Stunde stand ich schon am Fenster und blicke auf den grauen tristen Tag hinaus und auf die fallenden, plätschernden Regentropfen. Regen. Seit über einer Woche schon, immer nur Regen…-
Wo sie nur blieb? Zwei Stunden waren schon vergangen, seit sie das Haus verlassen hatte. Der Entzug saß mir bereits stark in den Gelenken und im Gedärm. Ein Streifenwagen der Polizei hielt vor dem Haus. „Oh Mann! Die werden doch nicht etwa…“? Ich schlüpfte rasch aus der Wohnung und rannte die Treppe ins obere Stockwerk hoch. Dort stand ich und lauschte. Durch eine Lücke im Treppengeländer konnte ich sie sehen. Zwei uniformierte Polizisten mit ihren Pistolen in Händen. Sie wussten folglich, dass ich hier zu finden war. Nun würde es nicht lange dauern und sie bekämen Verstärkung. Ich hatte den Gedanken kaum zuende gedacht, als ich Polizeisirenen hörte. Jetzt musste ich mich beeilen, bevor sie alles umstellt hatten und jeder Fluchtweg abgeschnitten war. Der Teufel mag wissen, was mit Monika geschehen ist. Darüber konnte ich mir jetzt keine Gedanken machen. Ich musste hier wegkommen.
Zum Glück hatte ich beim Verlassen meiner Wohnung nach meiner Jacke gegriffen und sie mitgenommen. Es war sozusagen meine „Fluchtjacke“. Ihre Taschen enthielten alles was ich brauchte. Eine FN Automatik, die mehr für Selbstmordzwecke in Notlagen gedacht war als zur Verteidigung oder um den Weg mir frei zu schießen; zwei Reisepässe, einen Deutschen, einen Niederländischen, und meine beiden Bankkarten, mit denen ich an so gut wie jedem Ort der Welt Bargeld aus Automaten ziehen konnte…-
Ich war auf dem flachen Dach des Apartmenthauses angekommen. Ein Sprung brachte mich auf das Dach der Bäckerei nebenan und ein Weiterer auf das Parkhaus an der Ecke der Straße. Wieder ein Leben zum Teufel. Dabei hatte ich es mir gerade so gut eingerichtet. Ich hatte sogar eine kleine Stellung beim städtischen Gesundheitsamt. Streetworker. Drogenberater. Vom Handel mit und Schmuggel von Drogen abgesehen, war dies die einzige Tätigkeit die mir wie auf den Leib geschneidert schien…- Scheinbar gelassen, schlenderte ich die drei Stockwerke des Parkhauses auf die ebene Erde hinab. An der Ecke gab es einen Taxistand von dem ich in der Vergangenheit schon immer gedacht hatte, dass er eines Tages günstig käme...-
Als ich in den Wagen stieg sah ich, wie in meinem Haus, im Stockwerk über meiner Wohnung, eine Fensterscheibe platzte und aus der Öffnung eine Polizeimütze ins Freie flog. Im Winde schaukelnd, fiel sie auf den Straßenbelag herab. Wie es schien, hatten sie bei Wolfgang angeklopft, beim „Wilden Wolfi“, einer meiner Nachbarn, ein Alkoholiker, der Polizisten so gar nicht mochte…-
„Nach Röthlingen“, sagte ich zum Taxifahrer. Er sah mich an. Wir befanden uns zwei Städte vor Röthlingen und vermutlich dachte er, er hätte nicht recht gehört. „Nach Röthlingen“, wiederholte ich „und am Stadtrand halten sie bitte an einer Apotheke an“. Ich hatte noch ein Rezept für einige Morphiumampullen in der Tasche, das jetzt als Lebensretter dienen musste.. „Darf man in ihrem Wagen rauchen“? Deutschland war kein Boden für Leute meiner Art...-
Die Botschaften aus dem Autoradio: Man hörte Reden mächtiger Führer, die von Freiheit und Demokratien posaunten wobei sie zugleich dieselbe Freiheit und Demokratie in den Dreck traten. Immer wieder berichtete man vom 3. Weltkrieg, den die wenigsten erkannten. Es war ein weltweiter Krieg, geführt gegen die Armen und Hilflosen dieser Erde. High-tech Panzer, die drohend vor bröckelnden Lehmhütten vorfahren und ihre verrosteten Wellblechdächer zum beben bringen. Soldaten, ausstaffiert wie Robocop, die über den gestampften Lahmboden dieser Hütten laufen und unter dem Vorwand einer Durchsuchung die wenigen Habseligkeiten der Bewohner zerstören. Scharfschützen, die von hohen Wachtürmen aus purer Langeweile Kinder durch den Kopf schießen. Die Propagandamaschine verhindert, dass man erkennt worum es sich handelt: Um einen weltweit geführten Krieg gegen die ärmsten und hilflosesten Mensche der Erde, handelt es sich. An manchen Orten wird dieser Krieg geführt mit modernsten Waffen, an anderen Orten mit Hungersnöten und vermeidbaren Krankheiten. Das Resultat, massenweise Tote, ist hier wie dort dasselbe. Den Charakter, sich nur an ebenbürtige Gegner zu halten, hat man längst verloren. Wohin die Zeiten, in denen ein Richthofen, ein Udet, ein Göring sich noch weigerten, angeschossene Feinde entgültig zu erledigen? Zeiten, in denen es noch als ritterlich galt, den verletzten Feind ziehen zu lassen? Heute bombardiert man aus so großen Höhen, dass Luftabwehrmaßnahmen sinnlos werden. Die Bomber sind vom Boden aus kaum wahrzunehmen. Der Tod fällt aus scheinbar heiteren blauem Himmel, oder er kommt als Rakete daher gerast, als Marschflugkörper, aus weiter Ferne losgesandt und schneller wie der Schall. Menschen, die sich kaum eine Mahlzeit am Tage leisten können, werden mit Raketen getötet von denen eine jede Millionen kostet. Mit den teuersten Waffen der Welt tötet man die ärmsten Menschen der Welt, Menschen ohne Geld und somit ohne Bestandsrecht…-
Am Stadtrand bei der „Graben-Apotheke“, ließ ich das Taxi warten. Ich löste mein Rezept ein und bat die Apothekerin um die Erlaubnis, etwas von dem erworbenen Morphium in ihrem Hinterzimmer zu gebrauchen. Sie willigte ein. Nicht alle Apothekerinnen sind bösartige Luder. Manche von ihnen haben durchaus Verständnis für kranke Menschen, egal, wo ihre Krankheit auch her rühren mag…- Als ich mich wieder ins Taxi setzte und wir weiter fuhren, fühlte ich mich um ein Unendliches gesünder…-
Inzwischen hatte es zu regnen aufgehört. Ich ließ das Taxi im Zentrum von Röthlingen halten und stieg aus. Damit der Taxifahrer nicht erfolgreich aussagen konnte wo ich hin war, lief ich den Rest des Weges zu Fuß. Es waren noch etwa 4 Kilometer bis zu Bernadettes Bauernhof. 15 Jahre, wurde ich jetzt schon per Haftbefehl gesucht. Zwei Mal wurde mir in diesen 15 Jahren von Gesetzeshütern schon hinterher geschossen. Dass sie nicht trafen war nur dem Umstand zu verdanken, dass sie schlechte Schützen waren. Daher weiß ich jedenfalls sehr gut, wie ein Geschoss, abgefeuert aus einer Walther PPK sich anhört und anfühlt, wenn es einem knapp am Ohr vorbei brummt. Die Justiz unseres Landes, so sie jemals etwas getaugt haben mochte, taugt nichts mehr. Zu sehr korrumpiert von Politik ist sie und zu sehr bestückt mit Richtern, die nicht zu ihrem Amte taugen. Ja, Richter sogar, mit sexueller Lust am Strafen. Nicht einfach ist das Leben eines des Morphins Bedürftigen, nicht einfach dabei in unserer Zeit auch das Beschaffen der heilsamen Medizin. Wozu da noch strafen? Wozu überhaupt strafen, wo keinerlei Vergehen gegen Leib oder Besitz Anderer vorliegt? Seit stets dort besonders auf der Hut, meine Freunde, und kehrt möglichst den Rücken, wo man von euch Vertrauen fordert, wo man grimmig darein blickt und mit Strafe droht, wo ihr nicht bereit seit, Vertrauen zu schenken oder wenigstens, glaubhaft welches zu heucheln. Im Buche meines Lebens steht jedenfalls geschrieben, Vertrauen ist ein zartes und filigranes Wesen das erworben werden will. Dort wo man es fordert, ist der Henker nicht weit. Unsere Justiz fordert Vertrauen.
Die regengraue Wolkendecke zerriss und der Himmel zeigte sein kindliches Blau. Ein Blau allerdings, das längst nicht mehr so blau war wie es früher einst gewesen. Spiele von Generälen, dämpften es mit metallenen Stäuben, die zu vielfach teuflischen Zwecken, Bestandteile der Atmosphäre modellierten und hochenergetische, elektromagnetische Wellen reflektieren sollten. In einer Welt, in der nicht nur das Bestimmungsrecht über den eigenen Körper gestohlen wurde, sondern auch das Blau des Himmels, wird es Zeit zu erwachen und Widerstand zu leisten!
Ich liebte den Weg, der von Röthlingen hin zu Bernadettes Bauernhof führte. Nahm man nicht den Weg entlang der Landstrasse, sondern die Abkürzung durch die Wälder, lief man durch eine stille, schattige Märchenwelt. Es war Laubwald. Laubwald, dessen Pracht Erinnerungen wach rief an Zeiten, in denen wir noch alle unter den Kronen solcher Laubwälder lebten, und unsere Götter anbeteten auf ihren Lichtungen. Zeiten, in denen die Erde und das Universum uns bekannt und noch nicht von Wissenschaftlern verlogen, verdreht und verdorben war. Zeiten, in denen wir keine Experten benötigten, um zu wissen, das Universum ist nicht anders beschaffen als wir auch. Zeiten, in denen wir hochblickten zu einer fernen Sternenkonstellation, genannt die Pleiaden, als zu unserem Entstehungsort, und hinab auf die Erde, als zu unserer geliebten heiligen Heimat. Zeiten, in denen wir keine Tiere und mysthische Fabelwesen sahen im Zodiak, sondern Küstenstreifen und Schfffahrtsrouten unserer Väter. Zeiten, in denen der Mond uns noch als stiller Gefährte vertraut war, unserer nächtlichen Wanderschaften, und nicht als kalter Himmelskörper, von dem Prahler behaupten, sie hätten ihn mit Füßen betreten und ihre Flagge auf ihm gepflanzt. Zeiten, in denen uns die Sonne noch als Vertraute, heilige und anbetungswürdige Mutter allen Lebens galt, und nicht als nuklearer Feuerball, der eines Tages zu erlöschen droht, und den es um jeden Preis auf Erden nachzuäffen galt. All dies und Vieles mehr, eröffnete sich einer urteilsfreien Wahrnehmung, einem freien Geiste, in den mächtigen, märchenhaften Laubwäldern, durch die ein schattiger Weg hin zu Bernadettes Bauernhof sich wandt.
Bernadette war nicht zuhause. Sie war Tierärztin und in ihrem Berufe unterwegs. Einer ihrer Landarbeiter hieß mich willkommen und braute starken heißen Kaffee. Als Nachbarskinder waren wir einst aufgewachsen, Bernadette und ich. Damals lebten wir noch in einem Flüchtlingslager, unweit den Ruinen eines Konzentrationslagers. Manchmal wollte mir scheinen, als hätte sich daran nie besonders viel geändert. Ich trank meinen Kaffee zuende und begab mich danach an die Ufer des Sees, der ein Stück weit hinter Bernadettes Hofe lag. Dort, zwischen rauschenden Schilfröhren verborgen, gönnte ich mir eine weitere Injektion von 80mg Morphiumhydrochlorid. Lange, hölzerne Stangen staken aus der Oberfläche des Sees. Sie markierten die Stellen, an denen am Grund des Sees verborgen, Reusen lagen. Reusen sind Fischfanggeräte, gefertigt aus engem Maschendraht in der Form mehrerer ineinander geschobener Trichter. Der Köder liegt dabei in der Spitze des untersten Trichters. Die Fische kommen durch die weite Öffnung des obersten Trichters auf den Köder zu geschwommen. Hinterhe finden sie den Weg aus der Reuse nicht mehr und sind gefangen. Diese Reusen erinnerten mich entfernt an…: „Das Gericht weiß“, sagte der Vorsitzende Richter, „dass Sie die 0,5 Gramm Heroin zum Zwecke des eigenen Konsums erworben haben. Wir wissen, dass Sie kein Händler sind. Wie lange gebrauchen Sie eigentlich schon?“ Der Angeklagte überlegte kurz und antwortete, „seit etwa sechs Jahren, Herr Richter“. Der Vorsitzende Richter nahm seine Brille vom Gesicht und polierte andächtig die Gläser. „Und wie viel brauchen sie so pro Tag?" fragte er schließlich. „Etwa 2 Gramm, Herr Richter“, antwortete der Angeklagte artig, während sein Pflichtverteidiger untätig und schweigend neben ihm saß. „Das wären dann aber immerhin 4380 Gramm, fast viereinhalbe Kilogramm, die Sie in den sechs Jahren erworben hätten. Deutlich eine nicht geringe Menge“. Plötzlich ging es dem Vorsitzenden Richter gar nicht mehr darum, ob das Heroin des Angeklagten zum eigenen Konsum erworben worden war. Plötzlich ging es nur noch um die erworbene MENGE. Fünf bis sechs Jahre Haft sind für eine solche Menge nicht unüblich.
Dass der Konsum von Heroin gestattet sei, ist eine Falle, ähnlich dieser Reusen hier im See. Der Besitz und der Erwerb, sind unverändert verboten und wer kann schon etwas konsumieren, ohne es zuvor erworben oder zumindest besessen zu haben? Schweigt oder lügt vor Gerichten, meine Freunde, denn sprecht ihr die Wahrheit, erleichtert ihr nur eure Bestrafung. Hört nicht auf Gerichte wenn sie euch erzählen, sie wollen nur euer Bestes. Zu oft schon habe ich erlebt, dass Gerichte zwischen 5 und 8 Jahre Haft für therapeutisch und somit als das "Beste" für den Angeklagten angesehen hatten! Lügt ruhig, meine Freunde, dort, wo man euch offensichtlich betrügen will!
Es wird in Btm Prozessen oft viel Brimborium veranstaltet. Gutachten und Gegengutachten (sofern finanzierbar...) werden erstellt. Im Grunde aber werden Morphinisten vor Gericht nur dafür bestraft, dass sie anders sind und anders leben als ihre Ankläger und ihre Richter und dafür, dass sie unbedingten Gehorsam verweigern...-
Die Oberfläche des Sees kräuselte sich. Es hatte wieder zu regnen begonnen. Ich stand auf und spazierte zu Bernadettes Hof zurück. Ihr Wagen stand vor der Tür. Sie wird mich einige Zeit auf ihrem Hof verbergen und mit Morphin aus ihrer Praxis versorgen müssen. Doch allzu lange werde ich ihre Gastfreundschaft nicht beanspruchen. Bald schon würde ich im Ausland sein und in einer Stadt, in der man Menschen meiner Art noch am Leben lässt-.
INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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