*************************************************************************** Kriton, mein Freund. Sind letztlich nicht wir selbst es, die am besten wissen, was gut für uns ist? Sokrates
Wir hatten auf den Simsen der beiden Zellenfenster, jenseits des Gitters, auf der „freien Seite“, Schlingen aus Bindfäden ausgelegt. Wir hatten einige Brotkrümel hinzu gestreut und gehofft, Tauben damit zu fangen. Eine geschlagene Stunde, hatten wir schon mit hochgelegten Beinen um den Zellentisch gesessen, geraucht und schweigend zu den Zellenfenstern hochgesehen, ob sich dort nicht vielleicht bald etwas finge...-
In diese Stille hinein bemerkte Manfred plötzlich: “Leute. Gehirn mit Rührei, Kümmel und Tomatensoße. Ich versichere euch, kein Mensch bei seinem vollen Verstande, fräße freiwillig Gehirn mit Rührei, Kümmel und Tomatensoße“. Jochen und ich sahen uns an, verwundert, bis ich schließlich fragte: „Gehirn mit Rührei, Kümmel und Tomatensoße?! Wovon, in Teufelsnamen, sprichst du nur?“ „Naja, von Gehirn mit Rührei, Kümmel und Tomatensoße eben“, entgegnete Manfred. Er steckte eine krumme Selbstgedrehte in seinen Mund und fügte, aufgeregt auf seiner Zigarette kauend hinzu: „Das hatten sie uns damals, in Bautzen immer zu fressen gegeben“. Hastig kramte Manfred eine zerknüllte Streichholzschachtel aus seiner Hosentasche, zündete seine Zigarette an. „Und ich sage euch, Leute, keiner von uns, fraß das Zeug jemals freiwillig. Wir hatten nur nichts anderes. Man kann es im Grunde genommen keinem Menschen zumuten, versteht ihr? Stellt euch doch nur mal vor, wie das aussieht! Schwabbelige Stücke grauen, zerkochten Schweinegehirns, dampfend noch, und nach Tod stinkend, mit fahlgelbem, halbgeronnenem Hühnerei verrührt, blutrote Tomatensoße darüber gegossen, und, als reichte das noch nicht, zu allem Überfluss auch noch, wie mit winzigen Stückchen Kacke besprenkelt, Kümmel darüber gestreut“!
Jochen und ich sahen uns an und versuchten es uns vorzustellen. Bilder aus Manfreds Erzählungen, von seiner Zeit, „drüben in Bautzen“ wo er acht Jahre wegen versuchter Republikflucht gesessen hatte, stiegen in mir empor. Plötzlich ertönte vom Zellenfenster her das Geräusch wild schlagender Flügel. Erschroclen, blickten wir alle gleichzeitig zu den Fenstern hoch. Eine Taube, groß wie ein Suppenhuhn und weiß wie Schnee, hatte sich in unseren Schlingen verfangen. Mit heftigen Flügelschlägen versuchte das Tier nun, sich wieder daraus zu befreien. Federn, stiebten dabei in die Runde.
Manfred erblasste. Mit zitternden Beinen erhob er sich von seinem Stuhl. Wie in Trance, sank er auf seine Knie und stammelte: „Es ist so weit, Leute. Seht! Es ist so weit“. Mit den Augen verdreht, bis nur noch das Weiße zu sehen war, wies er auf die Taube. Speichel, troff von seinem Kinn als er verkündete: „Diese weiße Taube! So seht doch hin! Sie ist Jesus Christus, der gekommen ist, uns alle zu befreien!“ Manfred war in der Haftanstalt bereits bekannt für seine religiösen Ausbrüche. „Den heiligen Manni“, nannte man ihn deshalb...-
Mit klappernden Zähnen und Schaumbällchen in den Mundwinkeln, sprang Der heilige Manni vom Boden hoch. Mit wirrem Blick stürzte er sich auf Jochen, packte ihn beim Kragen, beutelte ihn hin und her und schrie ihm ins Gesicht: „Mensch! Der Anstaltspfaffe! Wir müssen sofort den Anstaltspfaffen herbeirufen. Der muss sich das ansehen! Der muss mit Jesus sprechen und ihn bitten, uns sofort hier raus zu lassen! Das ist seine Pflicht! Sein Job! Dafür wird er bezahlt! Oh Gott, wird der sich freuen! Kommt, lasset uns beten!“ In diesem Moment, erlosch das Licht der Zelle und wir waren mit einem Schlage in Dunkel getaucht. Es war 22 Uhr geworden. Die Nachtruhe hatte begonnen...-
Die Taube, inzwischen mit ihrem Los als Gefangene versöhnt, saß gelassen auf dem Fenstersims. Sie pickte nach Brotkrumen und sah gelegentlich mit einer Mischung aus Neugier und Misstrauen und, wie mir schien, mit ein wenig Abscheu, zu uns herein...
Manfred, mit unserem Versprechen beruhigt, wir würden gleich am nächsten Morgen den Anstaltspfaffen herbeirufen, legte sich ruhig zu Bett. Es dauerte nicht lange und auch Jochen und ich legten und schlafen. Bald darauf schnarchten Jochen und Der heilige Manni vor sich hin. Nur ich lag noch wach, mit beunruhigenden Gedanken an den nächsten Morgen. Morgen nämlich, sollte meine Gerichtsverhandlung stattfinden und die Höchststrafe, die auf meinem Delikte stand, belief sich immerhin auf fünfzehn Jahre. Kommissare der Partei behaupteten, nicht nur hätte ich hochpotente Arzneimittel hergestellt, ich hätte sie auch noch unter die Leute gebracht und damit das Monopol der pharmazeutischen Industrie und der Ärzteschaft gebrochen. Ich hätte auch, und das wöge am schwersten, einer mächtigen, weltumspannenden Clique von Eugenikern zuwider gehandelt, deren Bestreben es war, den humangenetischen Pool nach ihren Vorstellungen zu gestalten, um auf diese Weise dem Verlauf der Menschheitsgeschichte zu lenken. Keine geringen Vorwürfe. Gewiss. Ich war erst fünfundzwanzig. In diesem Alter dauern Fünfzehn Jahre immerhin länger als ein halbes Leben. Ob Manfreds Jesus mir so lange die Zeit vertriebe?
DER TAG
In der Asservatenkammer, im Keller des vierstöckigen Zellenbaus, legte ich die Gefängnisklamotten ab und schlüpfte in meine bürgerliche Kleidung. Wie eng sie doch geworden war, nach all den Monaten Untätigkeit und Gefängniskost und wie muffig, in der Atmosphäre dieser Asservatenkammer, in der seit 250 Jahren schon, Kleidung und Gegenstände von Gefangenen aufbewahrt wurden...-
Im Gefängnishof stand ein olivgrüner vergitterter Kleinbus der Partei bereit um mich in die Stadt zu bringen. Fahrer und Beifahrer, beide bewaffnet, trugen ihre Pistolentaschen geöffnet. „Wenn du zu flüchten versuchst“, sagte einer der beiden und ließ dabei das Magazin seiner Pistole spielerisch ein und ausschnappen, „dann schieße ich dir in den Rücken, vergiss das nicht...“. Tot, oder den Rest deines Lebens querschnittsgelähmt? - dachte ich und sah dem Kerl in die Augen. Nichts, aber auch gar nichts, sah daraus zurück. Der Kopf hinter diesen Augen schien leer wie ein durchgepustetes Hühnerei. Von allen Hornochsen, die man zu praktischen Zwecken mit Schusswaffen ausstattet, sind solche leer gepusteten Eierköpfe am gefährlichsten. Sie denken weder vor noch nach der Tat über ihre Handlungen und deren Folgen nach und versuchen höchstens noch, sich ihrer zu rühmen... – Einmal im Bus, nahm man mir die Handschellen ab und ich konnte, während wir in langsamer Fahrt aus der Schleuse schaukelten, Zigaretten drehen. Die Mauer, die den Gefängniskomplex umgab, so war mir aufgefallen, war aus einzelnen, acht Meter hohen Betonsegmenten gefügt, die an der Oberseite abgedeckt mit einer halben Röhre von Beton, zusammengehalten wurden. Gekrönt war diese Mauer, moderne Zeiten, mit einer lang gestreckten Rolle NATO Draht...
Wie seltsam doch, selbst nach nur wenigen Monaten Gefangenschaft, wieder freie Menschen auf freien Straßen zu sehen. Verkehrsampeln und Autoverkehr. Menschen auf Bürgersteigen oder im Begriffe, Straßen zu überqueren. Teils stille, in sich gekehrte Menschen, teils Fröhliche. Graue und Bunte, Junge und Alte, und alle frei, frei zu gehen, wohin sie wollen, ohne Mauern, ohne verschlossene Türen und vor allem, ohne Parteifunktionäre die auf sie schössen, wollten sie woandershin...
Während ich rauchend die Aussicht genas, fuhren wir in zügiger Fahrt Richtung Innenstadt und bald erschien in der Ferne die finstere, drohende Silhouette des Inquisitionspalastes... Hässliche Architektur, die, je näher man kam, nur umso hässlicher wurde. Ein Bau mit flachem Dach, großflächig und hoch aus nacktem Beton erbaut, an dem nicht ein Pinselstrich Farbe verwendet worden war. Fenster, waren auf Anhieb keine zu sehen. Wohl aber schmale Schlitze, die sich wie Schiessscharten in jedem Stockwerk um das gesamte Gebäude zogen. Die kleinen schillernden Flächen darin, die man erst bei näherem Hinsehen erkannte, waren die eigentlichen Fenster. Wie ein gigantischer Luftschutzbunker, sah dieses Gebäude aus und es schien auf der Hand zu liegen, dass die Partei, die sich diesen Klotz in die Landschaft gestellt hatte, sich irgendwovor fürchtete. Wie oft hatte ich nicht schon Leuten zugehört, die sich negativ über die Megalomanie der Naziarchitektur geäußert hatten? Alles schön und gut Leute, Alles schön und gut. Aber hier setzt uns schon wieder irgendein Schwein einen dieser hässlichen Drohklötze vor die Nase einzig und alleine in der Absicht, uns einzuschüchtern und niemandem scheint es aufzufallen!
DER GERECHTIGKEITS-PALAST
Die Einfahrt für Angeklagte, befand sich auf der Rückseite des Gebäudes. Ein grau gestrichenes elektronisch gesteuertes Eisentor glitt lautlos zur Seite und ließ uns auf einen kleinen, von hoher Backsteinmauer umstandenen Hof. Drei uniformierte Parteifunktionäre empfingen uns. Maschinenpistolen, die an Ledergurten von ihren Schulten hingen, baumelten leger vor ihren Bäuchen. Meine Begleiter reichten ihnen die Überstellungspapiere. Erst, blätterte einer der Funktionäre sie durch und sein Interesse schien gering, doch seine Haltung straffte und sein Blick schärfte sich mit jeder Seite die er las. Ein Zweiter, der hinter den Lesenden getreten war um über dessen Schulter mitzulesen, tastete während des Lesens unbewusst mit seinem Daumen nach dem Sicherungshebel seiner Maschinenpistole...
Inzwischen glitt mein Blick über den kleinen, von Sonne beschienenen Innenhof hinweg. Dunkelgrüne Moospolster und flache, graugrüne Flechten, wuchsen stellenweise an den Steinen der roten Backsteinmauer. Vereinzelt hingen verdorrte Büschel Grases aus ihren Fugen und an einer Stelle, reckte selbst ein hartnäckiger Löwenzahn, die Wurzeln fest im Mauerwerk verankert, eine goldgelbe Blüte dem Sonnenlicht entgegen. Vögel, sangen in den Bäumen jenseits der Mauer,... Von hoch aus den Ecken des Hofes, blickten die bläulich schillernden Linsen von Überwachungskameras kalt und misstrauisch auf mich herab. Irgendwo in den Kellern dieses Inquisitionspalastes, so stellte ich mir vor, beobachtet mich in diesen Augenblicken auf einem seiner Monitore ein schlecht ernährter, unterbezahlter, nickelbebrillter, pickeliger junger Mann mit frühzeitiger Glatzenbildung und schlechten Zähnen. Er tickt, meine Bewegungen studierend, nervös mit dem zerkauten Ende eines Kugelschreibers auf seine Tastatur und ärgert sich über jedes Haar das ihm unterdessen, ihn hartnäckig an seine frühzeitige Glatzenbildung erinnernd, spöttisch vom Kopfe fällt und spielerisch auf seine Tastatur nieder schwebt... Fiele in diesen Augenblicken ein Haar von meinem Kopfe, der junge Mann versähe es in Windeseile mit einer Kennziffer, katalogisierte es anhand seiner Farbe und Struktur, analysierte seine Bestandteile, prüfte sie auf Rückstände verbotener Substanzen, extrahierte meinen genetischen Code und stellte die gewonnenen Daten mit dem Druck einer Taste für immer und ewig dem weltumspannenden Datennetz der „WAG“** zur Verfügung... **Die Wir sind ja Alle so Glücklich Partei
Kunstfertig in die Mauer eingelassene elektronische Sensoren, schnüffelten nach meinem Atem, analysierten ihn in Lichtgeschwindigkeit, zerlegten den Geruch in seine Komponente und schlossen daraus, noch bevor es mir gelang schützend den harmlosen Idioten einzublenden, nicht nur auf meinen gegenwärtigen Gemütszustand, sondern auch auf die Intensität meines Widerstandes gegen die Ordnung der Partei. Anschließend glitten die gewonnenen Erkenntnisse für jeden Parteifunktionär jederzeit abrufbar, in die Datenspeicher der „W A E S“. “*** *** W.A.E.S = Wir haben Alle so Entsetzlichen Schiss. Eine Fraktion der W.A.G.
Eine feuerfeste Stahltür wurde mir geöffnet und gab den Weg frei in ein kühles und von schmutzigtrüben Neonröhren schlecht beleuchtetes Gewirr von Korridoren. Die bewaffneten WAG Funktionäre hatte ich hinter mir gelassen. Hinter mir gelassen hatte ich aber auch den Sonnenschein, den begierig vom Lichte trinkenden Löwenzahn und die singenden Vögel in den Bäumen, jenseits der Mauer. Dort wo ich mich jetzt befand, umgaben Zwielicht mich und Unsicherheit und hauchten mich an wie schlechter Atem...
DIE WARTEZELLE
Holzpritschen, hingen an den Wänden der Wartezelle, eines kleinen, fensterlosen Raumes, tief in den Kellern des Inquisitionspalastes. Verdächtigte, saßen darauf, rauchten und blickten schweigend auf ihre Schuhspitzen. Einige standen, einige liefen langsam schweigend auf und ab. Kaum einer sprach und die welche sprachen, flüsterten. Zu sagen, gab es hier nicht mehr viel. Alles, was gesagt werden konnte, war in so vielen Variationen so oft schon gesagt worden... An den Wänden der Wartezelle standen Inschriften. Mit Schreibstiften hin gekritzelte, mit spitzen Gegenständen eingeritzte oder mit rußender Flamme hin geschwärzte Botschaften: “Hatte bereits 12 Jahre. Holte mir heute Nachschlag. Geh mich anschließend erhängen. Tschüss. Kalle aus Augsburg“. Oder: “ Wegen BtmG* zu 14 Jahren verurteilt. Wir sehen uns 2012 wieder. Tschüss. Atze“. Auch an zornigen Inschriften, fehlte es nicht: "Wenn ich dieses dreckige Richterschwein in die Finger bekomme, reiße ich ihm die Eier vom Bauch und stopfe sie ihm in sein stinkendes Maul!“ Auch den Spruch, den man an solchen Orten immer wieder findet, gab es: „Ob sie uns lieben oder hassen, einmal müssen sie uns doch entlassen“. Gleich darunter stand, wie man sich darin täuschen konnte: “Zwei mal lebenslang mit anschließender Sicherungsverwahrung. Sandra, sehe ich nie wieder. Tschüß, ihr Arschlöcher. Schwabinger Dieter...“
ALBERT
Während ich noch im Lesen der Inschriften vertieft stand, öffnete hinter mir die Zellentür sich und ein Neuer wurde in die Wartezelle geschoben. Erst war er unter den schlechten Lichtverhältnissen nicht gut zu erkennen. Als er aber näher trat, erkannte ich, es war Albert, ein Freund aus längst vergangenen Zeiten. Aus Zeiten in denen wir beide die Ärzteschaft des Landes nach Betäubungsmittelverordnungen abgegrast hatten. Mit der „Roten Liste“, dem Arzneimittelindex der Republik unterm Arm, Landkarten, Stadtpläne und Adressenlisten von niedergelassenen Ärzten in den Rucksäcken, waren wir ausgezogen, weitgehend unwissend noch, hinsichtlich der Schrecken einer heraufdämmernden Betäubungsmittelpolitik. Das Erfinden des gesellschaftlichen Phänomens „Drogensucht“, stand damals noch in den Kinderschuhen. Schweißnass, mit dem reißenden Hunger nach Opiat in den Eingeweiden, in jeder Körperzelle nagende Entzugserscheinungen, so waren wir eingefallen in die Praxen niedergelassener Rezeptschmierer:
DAMALS
„Bin auf der Durchreise, Herr Doktor. Handelsreisender, verstehen sie? Staubsauger. Also, sollten sie jemals einen Staubsauger benötigen, ich könnte ihnen Prozente geben, das glaubten sie nicht. Aber zur Sache, Herr Doktor. Ich kann nicht mehr laufen. Diese Schmerzen im Rücken sind nicht mehr zu ertragen. Eine alte Geschichte. Chronisch, hören sie? Seit 20 Jahren schon. Hatte damals, als Kind, diesen schrecklichen Unfall mit meinem Dreirad. Seitdem habe ich, wie mein Orthopäde das immer so schön sagt, „einige Wirbel im Arsch“. Ein lustiger Mann, mein Orthopäde. Er sagt oft die komischsten Dinge. Doktor Seidel. Friedrich Seidl. Aus Naumburg. Sie kennen ihn? Nein? Ein sehr komischer Mann. Allerdings auch nicht mehr der Jüngste. Nicht mehr zu operieren, Herr Doktor, verstehen sie? Die gesamte Chirurgie des Landes, hat mir bereits ab gewunken. Selbst Professor Wladislowsk. Jawohl! Selbst der! Sie haben sicher von ihm gehört? Deutschlands Chirurgenwunder Nummer eins? Selbst der, bedauerte zutiefst und empfahl, notfalls auf gut verträgliche Schmerzmittel zurückzugreifen. Und jetzt stellen sie sich vor, habe ich doch glatt mein Morphium im Hotel in Freiburg zurückgelassen und kann es auch nicht mehr holen gehen, weil ich laut Reiseplan heute Abend schon in Hannover sein müsste. Und gerade im Zug, Herr Doktor, wenn das dann so rüttelt, verstehen sie, wenn es dann so wiegt und rüttelt, dann ist das besonders schlimm. Sie können sich das gar nicht vorstellen, wie einem der Schmerz dabei vom Arsch die Wirbelsäule hoch kriecht, über den Nacken hinweg und rein ins Gehirn. Das ist gar nicht mehr vorstellbar. Man kann nicht mehr stehen, nicht mehr sitzen, nicht liegen, nichts… . Man möchte eigentlich nur noch sterben. Jawohl Herr Doktor. Morphiumhydrochlorid. Die Injektionslösung. Und damit das Zeugs auch endlich mal einige Zeit vorhält, schreiben sie mir doch bitte gleich die große Krankenhauspackung auf“.
Zeigte einer der Ärzte beim Nennen des Wortes "Morphium" auch nur die leisesten Anzeichen von Unruhe, man bekam mit der Zeit Gespür dafür, lenkten wir sofort ein: „Und all das wäre ja noch zu ertragen, Herr Doktor, gäbe es da nicht auch noch diesen schrecklichen Husten. Er beginnt immer am Abend, müssen sie wissen. Tief im Hals. Erst trocken, verstehen sie, um dann immer flüssiger zu werden, bis es einem durch den ganzen Leib brodelt. Und das die ganze Nacht hindurch, bis in die frühen Morgenstunden! Kein Auge, kann man dabei mehr zutun, hören sie? Kein Auge! Und dabei muss ich doch morgens gleich wieder raus und ran an die Staubsauger! Die verkaufen sich nicht von alleine! Den Husten? Auch schon seit Jahren, Herr Doktor. Paracodin, Dehydrokodein, Herr Doktor. Sie wissen, das einzig Wahre. Und, Herr Doktor, ich bin ein viel beschäftigter Mann und kann nicht jeden Tag beim Arzt sitzen, verstehen sie? Verschreiben sie mir deshalb doch bitte gleich eine Familienpackung oder besser noch, die große Krankenhauspackung“.
(Paracocin, Dehydrocodein, wegen seiner geringen Potenz für jeden Morphinisten ein erbärmlicher Kompromiss, aber besser noch, als kalten Entzug in den Eingeweiden...-) Nicht selten, verließen wir nach einem solchen Auftritt die Praxis eines Arztes mit Rezepten für beides: Morphiumhydrochlorid Injektionslösung und Dehydrocodein...
Ärzte, die sich rigoros gegen unser Ersuchen sträubten, bestraften wir gerne auf besondere Weise. Hatte zum Beispiel Albert das Pech, auf einen solchen Arzt zu stoßen, besuchte ich den Arzt eine Stunde später. Ich setzte mich an seinen Schreibtisch, legte meine Hände in den Schoß und erzählte: "Ich fühle mich seit Tagen nicht mehr so richtig wohl, Herr Doktor. Ich habe ständiges Fieber, meine Muskeln schmerzen, mir ist übel und diese hämmernden Kopfschmerzen treiben mich in den Wahnsinn. Ich komme gerade aus Afrika, müssen Sie wissen. Namibia, um genau zu sein. Musste dort einige Kotproben dieser Elefantenherde untersuchen. Der lieben Statistik wegen, Sie verstehen?. Riesenhaufen, legen diese Biester, das können Sie sich gar nicht vorstellen! Dabei kam unser Trupp durch dieses Dorf, in dem gerade diese schreckliche Krankheit wütete. Ich werde mich doch nicht etwa mit dieser schrecklichen Krankheit angesteckt haben, Herr Doktor? Welche Krankheit ich meine? Ja, wie hieß sie doch gleich wieder? Etwas mit "E". E..., E..., Ebi...? Ebi..., ach ja, EBOLA!" Mit diesem Worte, husteten wir dem verduzten Arzt ein Stück halb zerkauter, blutiger Kaninchenleber auf den Schreibtisch. "Oh, verzeiehen Sie vielmals". Das tut mir ja so schrecklich leid. Gestatten Sie dass ich..-". Dabei beuge man sich über den Schreibtisch des Arztes, bis an sein Gesicht heran und verkünde, schwer atmend: "So geht das jetzt schon seit Tagen, Herr Doktor, und des nachts immer dieses viele Blut...-".
DAMALS WIE HEUTE...
Wir hatten uns lange nicht gesehen, Albert und ich, und er begann sogleich zu erzählen. Die düsterere Beleuchtung der Wartezelle, ihre beschmierten Wände und die stille, fatalistische Ergebenheit der Anwesenden, gaben dazu den Hintergrund. „Lang ist’s her“, begann er, „da wir zusammen das Land nach Rezepten abgeklappert hatten, erinnerst du dich?“ Schon nach diesen wenigen Worten war mir klar geworden das dieser Albert der hier vor mir stand nicht der Albert war, den ich einmal gekannt hatte. Er war stiller geworden, nachdenklicher, er sprach leiser, monotoner, als der Albert von damals. Ohne eine Antwort auf seine Frage abzuwarten fuhr er fort: „Kurz nachdem wir uns damals aus den Augen verloren hatten, wurde ich mit einer kleinen Portion Heroin festgenommen und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Als ich wieder frei kam, hatte ich kein Dach mehr über dem Kopf und kaum Geld in der Tasche. Du kennst das ja alles selbst. Die erste Nacht, hatte ich in einer Absteige in der Schillerstrasse verbracht, die Nacht darauf in einer Bar in der Dachauerstraße. Dort saß ich und sann nach, wie ich mit meinem wenigen Geld durch die Nacht kommen würde, es war bereits November geworden und bitterkalt, als ein Fremder sich neben mich setzte. Er kenne mich, behauptete er nach kurzer Zeit. Er hätte zur selben Zeit in Kaisheim gesessen wie ich. Ich meinerseits, konnte mich allerdings absolut nicht an den Kerl erinnern Andererseits sah ich aber auch keinen Anlass ihm zu misstrauen. Aus seinen Erzählungen ging jedenfalls hervor, dass er den Knast von Kaisheim kannte. So erwähnte er zum Beispiel Rudi, den Hundehausel und Ottoman, den Beamten der Schneiderei. Ihm erginge es wie mir, erzählte dieser Fremde. Auch er, wäre erst kürzlich entlassen worden und auch er, hätte kaum Geld in der Tasche. Vorläufig, wohne er noch bei einer Freundin, aber lange, ginge das auch nicht mehr. Er lud mich zu einem Bier ein und während wir tranken erzählte er, er kenne Leute, die an einem Kauf von 1500 Gramm Heroin interessiert wären aber nicht wüssten, wie sie an solche Mengen kommen könnten. Ich hatte noch die Telefonnummer von Karl im Gedächtnis. Du erinnerst dich an Karl? Dieser verrückte Österreicher mit dem dünnen Schnurrbärtchen und seine Freundin, die immer seine Schüsse, weil er sich so hoch dosierte, in einer Schöpfkelle aufkochen musste? Ich rief bei Karl an. Ich hatte Geld nötig, verstehst du? Karl war zuhause, aber er hatte gerade kein Material. Er versprach jedoch, noch im Laufe des kommenden Tages welches zu besorgen. Als dann am Abend dieses Tages der Handel stattfand, entpuppte mein angeblicher Knastkollege aus Kaisheim sich als Kommissar des Landeskriminalamtes und Karl und ich wurden festgenommen. Karl hatte die Schnauze gehalten und so erfuhren die Bullen nie, von wem der Stoff eigentlich stammte. Dafür aber, standen am nächsten Morgen Karl und ich als geschnappte „Heroingroßhändler“ in der Zeitung und ich gleich als „Unverbesserlicher Heroingroßhändler“, der gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden war. Hätte es aber diesen Mann vom Landeskriminalamt nicht gegeben, hätte auch dieser Handel nie stattgefunden. So läuft das inzwischen landesweit. Ein beträchtlicher Teil der größeren Drogengeschäfte, werden inzwischen von der Polizei selbst getätigt. Nur stellt man die Bullen nicht vor Gericht deswegen. Die werden höchstens befördert. So kam es also, dass ich am dritten Abend nach meiner Freilassung, schon wieder in Untersuchungshaft saß. Und deshalb bin ich jetzt hier, mit dir in dieser Wartezelle und warte auf meinen neuen Prozess. Damals, als wir die Tour mit den Ärzten abgezogen hatten, war ich auch gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden, erinnerst du dich? Solange ich denken kann, gehe ich nur noch in Gefängnissen ein und aus und dabei, habe ich noch nie etwas verbrochen, noch nie jemandem etwas getan. Es ist nur, weil ich ohne Opiate nicht leben kann...“ Hier endete Albert mit seiner Erzählung. Wir schwiegen beide und rauchten...
Wie oft, hatte ich nicht schon solche Geschichten gehört? Und wie oft, hatte ich mich dabei nicht schon gefragt: Wirkt sich unser Betäubungsmittelgesetz nicht auf alle Beteiligten weit zerstörerischer aus, als alle Betäubungsmittel zusammengenommen? In wie vielen Fällen, reichte nicht schon der Besitz einer relativ harmlosen Cannabiszigarette, um die Zerstörung einer sozialen Existenz, oder gar eines ganzen Lebens zu rechtfertigen? Wurden wir nicht vielleicht gezielt so lange mit schauerlichen Geschichten über Drogen und Drogensüchtige eingedeckt bis schließlich gerechtfertigt werden konnte, auf kriminelle Weise unangefochten gegen kranke und unbequeme Mitglieder unserer Gesellschaft vorzugehen? Aber wo kommen wir hin wenn wir zulassen, dass unsere Gesetzeshüter Verbrechen, die sie eigentlich verhindern sollten, selbst begehen und ihr schmutziges Vorgehen hinterher noch schamlos als Grundlage kriminalistischer Erfolge präsentieren? Zu warten, bis die Polizei selbst über ihre kriminellen Praktiken klagt ist freilich vergebens, schaffen ihnen diese doch dicke Gehälter, gesicherte Altersversorgungen und schimmernde Auszeichnungen auf die geblähte Brust. Während ich in Gedanken noch über Alberts Geschichte nachsann, schwang die Tür der Wartezelle auf und man rief unser beider Namen auf. Wie sich zeigte, fanden Alberts Verhandlung und die meine zu etwa dem gleichen Zeitpunkt statt...
ALBERTS TOD, ODER "GEHIRN MIT RÜHREI, KÜMMEL UND TOMATENSOßE"
Vor der Tür der Wartezelle, im kühlen, schlecht beleuchteten Korridor, klemmten zwei Funktionäre Zangen an unsere Handgelenke. Eine Zange, für die, welche es nicht wissen sollten, ist ein stählernes Instrument in der Form einer 8. Ein Ring dieser 8 lässt sich öffnen und wird einem Gefangenen um das Handgelenk geschlossen. Der andere Ring dieser 8 liegt fest in der Hand eines Funktionärs, der mit einer kräftigen Drehung desselben, einen Gefangene vor Schmerz in die Knie zwingen, oder auch, ihm das Handgelenk brechen kann...
Der Funktionär der mich begleitete, ein junger Mann von etwa 30 Jahren, war offensichtlich Rechtshänder. Er trug seine geöffnete Pistolentasche, bestückt mit einer Walther PPK, an seiner rechten Seite. Die Zange, die mein linkes Handgelenk umschloss, hielt er fest in seiner Rechten. Alberts Begleiter, war älter. Er mochte um die Achtundvierzig gewesen sein. Er war von schwerer Statur und Linkshänder. Er trug nämlich seine Pistolentasche, ebenfalls geöffnet, an seiner linken Seite und die Zange, welche Alberts Rechte umschloss, hielt er in seiner Linken. Auch Albert ist Linkshänder, ging mir durch den Kopf als diese Konstellation mir bewusst wurde...-
Unter dem Hallen unserer eigenen Schritte, bogen wir in den langen Korridor ein an dessen Ende die Aufzüge sich befanden, die zu den Sitzungssälen führten. Da sah Albert mich an, kurz nur, aber scharf und eindringlich. Und dann geschah es und es geschah so rasch, dass man es kaum mit den Augen verfolgen konnte. Mit einer schnellen Bewegung seiner Linken griff Albert nach der Pistole seines Begleiters. Er riss sie aus dem Futteral und zog den Schlitten der Waffe an seiner Hüfte durch. Eine Patrone sprang aus der Pistole, funkelte im Neonlicht und fiel mit dumpfem Geräusch zu Boden. Albert hob die Pistole an den Kopf seines Begleiters und drückte ab.
Schreien, sollten wir alle! Lauthals und kollektiv schreien, bis all diese Schweinereien ein Ende nähmen!
Der Schuss echote gewaltig, in dieser viereckigen Röhre von Beton. Alberts Begleiter, von der Wucht des Einschlags einige Zoll vom Boden gehoben, schlug mit dem Kopf gegen die Wand und blieb dort einen Augenblick lang hängen als klebte er fest. Dann rutschte er langsam wie in Zeitlupe zu Boden. Er zuckte ein wenig, als wolle er sich wieder erheben. Schließlich blieb er mit gespreizten Beinen und seine leblosen Augen zur Decke gerichtet, reglos liegen. Um seinen Kopf bildete sich eine stetig zunehmende, schwarze Lache. Nachdem das Projektil den Schädel des Wachbeamten durchdrungen hatte, war es in die Wand geschlagen und hatte dort ein handtellergroßes Stück aus dem Beton gefetzt. Eine gelbgraue, von roten Schlieren durchzogene Masse hing an dieser Stelle, mit kleinen, dunkelbraunen Flecken besprenkelt. Träge geriet die Masse in Bewegung. Sie glitt langsam an der Wand entlang und fiel schließlich mit schmatzendem Geräusch zu Boden. War das es womöglich, wovon Manfred gestern Abend fantasiert hatte, ging mir durch den Kopf. War das hier, vor mir am Boden, am Ende das Gehirn mit Rührei Kümmel und Tomatensoße? Und hatte Manfred nicht Recht wenn er sagte, es sei keinem Menschen zuzumuten?
Ein junger Held in der Uniform des Funktionärs, kam am Ende des Korridors um die Ecke gesprungen. Seine Pistole fest in beiden Händen, warf er sich auf die Knie und feuerte. Erschrocken, griff ich meinen Begleiter bei den Haaren und zog ihn zu Boden. Und während wir am Boden lagen, unsere Köpfe schützend zwischen die Schultern gezogen, wurde Albert in die Brust getroffen. Von der Wucht des Einschlags nach hinten geworfen, taumelte er, stürzte und blieb mit seinem Gesicht direkt vor dem meinem liegen. Wir blickten einander in die Augen.
...kollektiv und lauthals schreien, bis diese Schweinereien ein Ende nähmen!
Albert wollte sprechen, doch anstatt Worte, kam nur Blut aus seinem Mund hervorgequollen. Dann brachen seine Augen...
Meine Hauptverhandlung hatte trotz dieses erschreckenden Ereignisses stattgefunden. Wie mir mein Anwalt noch vor Beginn der Veranstaltung zugeflüstert hatte, wäre das Gericht bereit, meinen Fall mit drei Jahren Haft günstig zu beurteilen, vorausgesetzt ich erklärte mich bereit, nach meiner Haftentlassung für die Agenten der WAG im Untergrund deutscher Städte zu operieren. Ich hatte zugestimmt, teils wegen der drei Jahre, teils aus Neugierde und teils aus Abenteuerlust. Zurück in der Haftanstalt, erzählte ich den Jungs was vorgefallen war und beteuerte dem Heiligen Manni, dass ich es gesehen hatte. Ich konnte seine Abscheu gegenüber Gehirn mit Rührei, Kümmel und Tomatensoße aus ganzem Herzen teilen...-
Anmerkung:
Albert, hatte im wirklichen Leben Klaus geheißen. Er war wegen des Schäferhundes, den er stets bei sich hatte, in München Schwabing als Hundeklaus bekannt. Hundeklaus, war tatsächlich den Tod gestorben, wie er in dieser Erzählung geschildert wird. Am Ende war er, wie schon so viele vor und nach ihm, an seinem Willen zur Selbstbestimmung zugrunde gegangen...-
(*)Betäubungsmittelgesetz.
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Alle Rechte INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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