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KARLOS & Co. ERZÄHLUNGEN & KURZGESCHICHTEN:
Knast Storys, Sucht & Szenen Geschichten, überwiegend von Karlos, Fantasie begabter Erzähler, pessimistischer Visionär, grundsätzlicher Misanthrop, Gelegenheits-Philanthrop und Initiator der Morphinistenseite...-


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Die Burg



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D I E   B U R G 

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Ich weiß nicht, ist es noch heute so? Wenn einem jedenfalls früher eine Straftat zur Last gelegt wurde und man konnte dabei auch noch, wenn auch nur im Entferntesten, den Gebrauch illegaler "Drogen" nachweisen, und sei es nur Cannabis oder LSD, lief man Gefahr, dass vom Gericht eine psychiatrische Untersuchung angeordnet wurde um zu ermitteln, ob man während der Tatzeit auch noch "alle Tassen im Schrank" gehabt hatte.

Ich war noch keine 20 und stand im Verdacht, rund 450 Einbrüche begangen zu haben. Ich kann dem Gericht nur dankbar sein, denn ich hatte das Zählen längst aufgegeben. Ob es auch wirklich 450 waren? Kann schon sein. Immerhin war ich damals noch ein sehr tätiger und produktiver junger Mann.…-

Ich hatte wegen dieser Geschichte bereits einige Monate Untersuchungshaft in der Suchtstation, Krankenabteilung H2 verbracht, als ich eines Morgens nach Straubing, in die psychiatrische Abteilung der Bayrischen Justizvollzugsanstalten transportiert wurde.

Die psychiatrische Abteilung der Bayrischen Justizvollzugsanstalten in Straubing, war (und ist vermutlich noch) eine Art Gefängnis innerhalb eines Gefängnisses. In einer Ecke innerhalb der eigentlichen Mauern des ehemaligen Zuchthauses, heute Justizvollzugsanstalt, befand sich ein weiteres Mauerngeviert. Es war nicht weniger hoch als die Hauptmauer der Anstalt. Innerhalb dieses Mauergevierts befand sich die psychiatrische Abteilung.

Dort im Hauptgebäude, in dem so gut wie alles weiß oder in Eierschalenfarben gehalten war, gab es zwei große Schlafsäle mit Krankenhausbetten. Außer diesen Schlafsälen gab es rechts im Korridor, der hinaus in einen kleinen Garten führte, noch sechs Einzelzellen. In jeder dieser Einzelzellen lag auf seinem Bett festgeschnallt ein Mensch, der nie aus dieser Zelle kam. Diese Leute durften froh sein, wenn man sie ein Mal im Monat aus ihren Betten ließ. Diese armen Leute waren dazu verdammt, ihr Leben festgeschnallt in einem Bette zuzubringen. Keiner von ihnen durfte jemals das Blau des Himmels sehen oder den Schein der Sonne. Das muss man sich mal vorstellen. Und sowas gilt bei Psychiatern, diesen Ungeheuern, als heilsam...-

Es war ein grausiges Haus. Einige Berühmtheiten ihrer Zeit, traf ich dort an, wie z.B. Bruno, den „Vampir von Nürnberg“. Bruno war zwischen 38 und 42 Jahre alt. Er war seit seiner Geburt taubstumm. Irgendwann während seines einsamen Leben hatte Bruno Bücher über Vampirismus in die Hände bekommen. Bei deren Lektüre war er zu dem Schluss gelangt, er hätte Blut zu trinken nötig.

Dazu hatte Bruno sich zuerst des Nachts in die Leichenhallen der Umgebung geschlichen. Dort, knabberte er die steifen Toten an. Dies hatte ihn aber nicht sonderlich befriedigt, wie ich mir vorstellen könnte, wegen deren geronnenen Blutes. Deshalb hatte Bruno eines Nachts ein Pärchen, dass in warmer Liebe umschlungen auf einer Parkbank gesessen hatte, hinterrücks erschossen und an ihren Wunden gesaugt.

Frischblut, war nun schon mehr nach Brunos Geschmack. Es folgte ein Landarbeiter, und nicht lange danach Brunos Festnahme. Bald saß Bruno verdrossen in dieser psychiatrischen Abteilung der Bayrischen Justizvollzugsanstalten und dürstete nach Blut. Bruno war des Lesens fähig, sonderbarerweise aber nur wenig des Schreibens. So bat er mich unter vielem Gestikulieren, ich möge ihm beim Schreiben an seinen Untersuchungsrichter behilflich sein. Und so verfasste ich in Brunos Namen zahlreiche schriftliche Anträge, in denen Bruno um wöchentliche Rationen von wenigstens 7 Litern frischen Jungfrauenblutes bat. Sollte dies allerdings zu viele praktische Schwierigkeiten aufwerfen, so ließ Bruno seinen Untersuchungsrichter wissen, gäbe er sich auch mit 7 Litern gut gerührter Blutkonserven vom Roten Kreuz zufrieden…-

Erzürnt darüber, dass sein Untersuchungsrichter derlei Anträge noch nicht einmal einer Antwort für würdig hielt, verletzte Bruno sich mit spitzen oder scharfen Gegenständen die er Gott weiß wo und wie geklaut haben mochte und malte mit eigenem roten Blut, Höhlenmalereien ähnlich, böse Verwünschungen gegen seinen Untersuchungsrichter an die weißen Wände der Klapsmühle...-

Wenn uns abends eine Stunde Fernsehen gegönnt wurde, saß Bruno neben mir und taute immer dann auf, wenn in den Nachrichten während eines Staatsbegräbnisses oder ähnlichem ein Sarg gezeigt wurde. Dann grinste Bruno breit und zappelte vor Freude auf seinem Stuhl. In meinen Augen, war er ein hoffnungsloser Fall. ..-

Es gab in dieser psychiatrischen Abteilung der Bayrischen Justizvollzugsanstalten Arbeitstherapie. Wir durften mehrere Stunden täglich, für 1,8 Pfennige pro hundert Stück, Schachfiguren zusammenkleistern und ein grünes Stück Filz auf ihren Boden kleben.

Einen Arzt, hatte ich in den Tagen meines Aufenthaltes nur zwei Mal zu Gesicht bekommen. Einmal am ersten Tag und drei Tage später wieder. „Sie sind depressiv“, hatte der Arzt am ersten Tage zu mir gesagt. Wen wunderte dies unter den Umständen? Daraufhin hatte der Arzt ein Medikament verordnet, dass ich fortan als in Wasser gelöste Tablette morgens und abends einnehmen musste. Eine halbe Stunde nach Einnahme sah ich dann aus wie ein sabbernder Idiot. Ich konnte meinen Mund nicht mehr schließen, mein Unterkiefer hing lose herab als gehörte er mir nicht mehr, ich konnte meinen Kopf nicht mehr heben und ich hatte Gleichgewichtsstörungen die mich zwangen, nur noch mit nach vorne gestreckten Armen zu laufen. Schlucken, musste ich das Zeug. Es war immerhin, wie man mir sagte, ärztlich verordnet und schluckte ich es nicht freiwillig, bekäme ich es notfalls mit Gewalt injiziert. Drei Tage später ließ ich mich zum Arzt bringen und bat ihn, mein Medikament abzusetzen. Er tat es ohne weiteres und bemerkte dabei: „Wie ich sehe, geht es ihnen bereits bedeutend besser…“

Nachdem ich 4 Wochen in dieser psychiatrischen Abteilung der Bayrischen Justizvollzugsanstalten zugebracht hatte, wurde ich zur weiteren Untersuchung in das Landeskrankenhaus Haar/Egelfing bei München gebracht. Dort wurde ich in Haus 24, der so genannten "Burg", untergebracht. Die Burg war die besonders gut gesicherte und bewachte geschlossene Abteilung für geisteskranke Kriminelle.

Das Landeskrankenhaus Haar/Egelfing darf man sich nicht als gewöhnliches Krankenhaus vorstellen. Es war vielmehr eine Ortschaft, die aus über 100 Häusern bestand, wovon eben Haus 24, die Burg, die geschlossene Abteilung für geistesgestörte Kriminelle darstellte.

Haus 24, ein einstöckiges Gebäude mit spitzem rotem Ziegeldach, enthielt zwei Abteilungen. Eine im Erdgeschoss und eine im ersten Stock. Im ersten Stock waren die gefährlicheren geistesgestörten Kriminellen untergebracht. Dorthin hatte man mich geschafft...-

Haus 24 war von einem sechs Meter hohen Maschenzaun umgeben, der an seiner Oberkante eine Rolle von NATO-Stacheldraht trug. An der hinteren Breitseite des Gebäudes, war innerhalb dieses Zaunes noch eine 5 Meter hohe Mauer. Sie umgab den Hof, in dem Patienten eine Stunde des Tages ihre Runden drehen durften. Oben an dieser Mauer gab es ebenfalls eine Rolle aus Nato Stacheldraht. Durch diese Rolle lief ein zwei adriges Stromkabel. Dieses Kabel war an der Ober- und Unterseite der Stacheldrahtrolle mit dem Stacheldraht verknüpft und innerhalb der Rolle mit zwei Bananensteckern verbunden. Versuchte man diese Mauer zu überwinden, musste man, um hoch zu kommen, sich erst an die Rolle NATO Draht hängen. Dabei übte man unweigerlich Zug auf den unteren Teil der Rolle aus, was zur Folge hatte, dass die beiden Bananenstecker in ihrer Mitte auseinander glitten. Dies löste dann Alarm aus. Ein Funksignal wurde zu einem Sender im Zimmer des Stationsarztes gesendet. Der sandte das Signal dann an alle Häuser der Anstalt und an die Polizeidienststelle der nächstgelegenen Ortschaft. Es waren Sirenen, Luftschutzsirenen ähnlich, die nach Auslösen dieses Alarmes durch die ganze Anstalt heulten.

Ärzte und Krankenpfleger der „Burg“, trugen im Brusttäschchen ihrer weißen Kittel ein kleines weißes, rechteckiges Gerät aus Kunststoff, auf das sie nur mit der Hand zu tippen brauchten, um den selben Alarm auszulösen. Zu all diesen Sicherungsvorkehrungen kam noch hinzu, dass die Burg tagsüber und besonders während der Besuchszeiten, von Männern der Bewachungsfirma Wiedmeier bewacht wurde. Diese Wachleute trugen schwarze Uniformen wie ehemals die SS. An ihren Gürteln hatten sie, gut sichtbar, einen geladenen 38er Colt Trommelrevolver hängen. Es war nicht einfach, aus dieser geschlossenen Abteilung für geisteskranke Kriminelle zu fliehen…-

Durch Zufall war ich dahinter gekommen, wie man den Alarm des gesamten Krankenhauses, einschließlich der Burg, lahm legen konnte. Einer der nicht ganz so irren Patienten, hatte einem der Pfleger das kleine weiße Alarmkästchen aus der Brusttasche seines weißen Kittels entwendet und es dazu benützt, aus Jux ständig Alarm auszulösen. Tippte der Dieb auf sein geklautes Kästchen, heulten sofort im ganzen Anstaltsgelände die Sirenen los. Dann musste der Hauptpfleger der Burg sich ans Telefon setzen um jedes der über hundert Häuser und die Polizeistation anzurufen und davon zu unterrichten, dass es sich um einen Fehlalarm handelte. Nach einigen Fehlalarmen, war es allen zu dumm geworden und man hatte die Alarmanlage ausgeschaltet...-

Ich wollte notfalls aus dieser hochsicheren Burg fliehen und hatte dazu zwei Möglichkeiten gefunden.

Im Hof, auf dessen Mauer der mit Signaldraht versehene NATO Draht hing, gab es gleich neben der Tür die in den Hof führte eine Toilette, die nur vom Hof aus zu betreten war. Während ich vor der Schüssel dieser Toilette stand und pisste, war mein Blick an einem Deckel oben an der Wand hängen geblieben. Er war rund und von derselben Farbe wie die Wand selbst. Es war der Deckel einer Stromverteilerdose. Ich öffnete ihn und fand, dass durch diese Dose zwei Drähte liefen die dieselben Farben hatten wie die Drähte, die draußen an der Mauer durch die Rolle NATO Draht gefädelt waren. Ich müsste folglich nur die beiden Drähte in der Dose mit der Flamme meines Feuerzeuges abisolieren und sie miteinander verbinden. Danach, konnte man sich getrost draußen an der Mauer an die Rolle NATO Draht hängen und es dürften dabei auch ruhig die beiden Bananenstecker ausei

ander gleiten, der Stromkreis bliebe dennoch geschlossen und es würde kein Alarm ausgelöst werden. Man müsste also an einem warmen Tag, an dem all die Idioten ihre Wolldecken mit in den Hof nahmen um sich darauf in die Sonne zu legen, ebenfalls eine Wolldecke mitnehmen. Diese Wolldecke müsste man auf den NATO Draht an der Mauer werfen. Sie würde an dessen Zacken hängen bleiben und man könnte sich daran auf die Mauer ziehen. Oben angekommen, müsste man die Decke über die ganze Rolle werfen und man könnte unbeschadet über sie hinweg klettern und auf der anderen Seite von der Mauer springen. Dann stünde man nur noch vor dem hohen Maschenzaun. Es wäre aber ein leichtes dafür zu sorgen, dass jemand dort an der Innenseite des Zauns eine Kneifzange leicht im Boden vergrübe. Dann wäre man Ruckzuck durch den Zaun. Stünde ein Auto bereit, wäre man unterwegs bevor die Spinner auch nur zusammen rechnen konnten, was geschehen war. Die bewaffneten Wächter, wären zu dem Zeitpunkt gerade im Gebäudeinneren beschäftigt, den Besuchsverkehr zu überwachen. Freilich, die Flucht würe gewaft und vielleicht sogar lebensgedährlich. Aber gewaft und lebensgefährlich war ich damals auch...-...-


Die zweite Masche:

Die zahlreichen, großen Fenster des Aufenthaltsraumes waren mit Gittern aus runden Eisenstäben versehen. Diese Eisenstäbe kamen aber nicht gerade von oben nach unten herab. Sie hatten vielmehr am unteren Teil eine tiefe und hohe Ausbuchtung, die ursprünglich dafür vorgesehen war, Blumenkästen aufzunehmen. Es gab aber keine Blumenkästen in dieser Abteilung. Es gab nur diese nach außen sich wölbenden Gitterstäbe.

Das Fenster war breit genug und die Ausbuchtung tief genug, dass ich mich der Länge nach in diese Ausbuchtung legen und die Fenstervorhänge hinter mir schließen konnte. Dadurch könnte ich vom inneren des Aufenthaltsraumes aus nicht gesehen werden und sähe dabei aber selbst alle Beobachter, die vielleicht unten an der Strasse stehen und mir zusehen könnten.

Nimmt man zwei gewöhnliche Speisemesser mit gerundeten Spitzen und schlägt sie mit den Schneiden aufeinander, entstehen Kerben in den Schneiden. Diese Kerben im Stahl der Messer, wirken auf das weiche Eisen der Gitterstäbe wie die Zähne einer Eisensäge. Ich konnte also an sonnigen Tagen in aller Ruhe mit einem Buch als Tarnung bequem auf einer Wolldecke in der Ausbuchtung der Gitter liegen, die Vorhänge hinter mir zuziehen und seelenruhig die Gitter durchsägen. All das musste am Tage geschehen und ich hätte noch die Höhe aus dem ersten Stock hinab auf den Rasen zu überwinden. Das könnte mit Bettlaken geschehen, die einfach aus den Schlafsälen zu beschaffen wäre. Notfalls könnte man auch einfach springen und sich unten auf dem weichen Rasen abrollen. Unten stünde ich dann auch wieder vor dem hohen Maschenzaun. Hier müsste dieselbe Tour mit Kneifzange und wartendem Auto durchgeführt werden wie an der Mauer des Hofes.

Wir waren 45 Mann, auf dieser Abteilung im oberen Stockwerk und wie ich hörte, nochmals soviel unten in der Abteilung des Erdgeschosses. Die Leute dieser beiden Abteilungen hatten nie Kontakt miteinander.

Auch hier, in diesem Haus 24, gab es im Korridor zum Hof Einzelzellen mit Menschen darin, die ihr Leben vorerst festgeschnallt auf ihren Betten verbringen mussten. Immer dann, wenn wir in den Hof gingen oder vom Hof kamen, lugte ich durch die Türspione dieser Zellen. Dabei nahm ich nie eine Veränderung wahr. In jeder Zelle, lag auf seinem Rücken ein Mensch, der an Händen und Füßen mit Ledergurten an das Bettgestell gefesselt war. Hoch lebe die Psychiatrie, mit ihren heilsamen Methoden!!

Auch hier, auf der Burg, gab es unter der Belegschaft einige Berühmtheiten ihrer Zeit, wie z.B. den berühmt berüchtigten Äthermörder. Dieser Äthermörder war ein eher unscheinbarer Knilch mit frischem fröhlichem Gesicht. Niemand der ihn sah, wäre jemals auf die Idee gekommen, dass er hinter all den Frauenmorden stak, von denen die Medien wochenlang berichtet hatten. Der Kerl hatte sich mit einem Fläschchen Äther in den Wald begeben und dort Frauen aufgelauert, sie überfallen und weiß Gott was mit ihnen getrieben. Jedenfalls war hinterher noch jede davon aufgefunden worden, aufrecht stehend an einen Baum gebunden und tot. Klar, hatte ich ihn einige Male darauf angesprochen, was er mit den Damen so im Einzelnen alles getrieben hatte. „Nichts“, war seine Antwort und dabei sah er mich unschuldig an, als hlrte er zum ersten Male von diesen toten Frauen. Weshalb sie alle tot an einem Baum gestanden hätten, hatte ich gefragt. Das wisse er nicht, erklärte er. Als er sie verließ, lebten sie alle noch. Und was es mit dem Äther auf sich hatte, bohrte ich weiter. Der Frage, wich er immer aus und es war darüber weiter nichts aus ihm heraus zu bekommen.

Dann hatte es noch den zu seiner Zeit Schlagzeilen machenden "Tiefgaragenmörder" gegeben. Dieser Tiefgaragenmörder war nichts weiter als ein ganz gewöhnlicher, zierlich gebauter und recht kultivierter Mann mittleren Alters, mit einer schneeweißen Stirnlocke im ansonsten rabenschwarzen Haar. Angeblich hatte er den Liebhaber seiner Frau oder Freundin, ich erinnere mich nicht mehr so genau, in einer Tiefgarage erschossen. Das bestritt er eigentlich auch nicht. Meiner Ansicht nach war er unschuldig, auch hatte er tatsächlich geschossen...-

Dann gab es auch noch diesen mächtigen, bärenhaften Kerl mit dem Verstand eines Kleinkindes. An beiden Schläfen seines mächtigen Schädels, hatte er eine tiefe Dellen welche die Folgen einer allzu brutalen Zangengeburt gewesen sein mochten. Er schien harmlos zu sein und war, wie ich hörte, schon sein ganzes Leben auf dieser Station. Weshalb man ihn in der Abteilung für geisteskranke Kriminelle hielt, konnte ich nie in Erfahrung bringen. Es mochte seine Gründe gehabt haben.

Dann gab es noch diesen Verrückten der ständig zusammen mit mir fliehen wollte. "Wir brauchen nur einen Bohrer", erzählte er ständig. "Damit könnten wir nachts das Schloss aus der Tür zum Hof bohren und über die Mauer abhauen". Befragt, wie er an den Schlüssel der Korridortür kommen wolle der nötig gewesen wäre um erst an die Tür zum Hof zu gelangen, eröffnete er seinen kühnen Plan: Er würde nachts in das Büro des Hauptpflegers schleichen, dem eine über den Schädel ziehen und seelenruhig den Schlüssel vom Brett nehmen. Dass er bei der Gelegenheit auch gleich den Schlüssel zum Hof vom selben Brett nehmen könnte, entging ihm völlig. Selbst musste das Schloss der Türe zum Hof aufgebohrt werden, bezweifelte ich dass der Kerl überhaupt wusste, wo ein Bohrer an einem Schloss angesetzt werden musste um es aufzubohren. Und ohne Bohrmaschine und nur mit der Hand, ginge das ohnehin nicht. Wie soll das funktionieren? Etwa den Bohrer ansetzen und mit den Fingern trällern als bohrte man sich damit in der Nase?

Wie dieser Kerl schon aussah! Wie der Glöckner von Notre Dame. Eines seiner Beine war ein Stück kürzer als das andere, wodurch stets der Eindruck erweckt wurde, er stiege während des Gehens bei jedem Schritt über einen Balken. Dann hatte er einen deformierten rechten Arm, dessen Hand immer schräg unterhalb seines Halses fest an seiner Brust zu liegen kam. Um den Arm wieder in eine günstigere Position zu bringen, fasste er diese Hand mit seiner anderen Hand und drehte sie unter lautem Knacken um ihre eigene Achse. Es war schrecklich mitanzusehen. Wie ein makaberer Zirkusakt. Frau ohne Unterleib und solche Geschichten schienen Kinderkram dagegen. Und mit einer solchen Figur sollte ich türmen?!

Eines Abends gab es vom anderen Ende des Schlafsaals her, aus der Ecke in der das Büro des Hauptpflegers sich befand, schreckliches Getöse. Es ergab sich, dass der verwachsene Wahnsinnige in das Büro des Hauptpflegers geschlichen war, eine riesige elektrische Schreibmaschine vom Schreibtisch genommen und dem Hauptpfleger damit über den Schädel geschlagen hatte. Ich hatte mir hinterher die Schreibmaschine angesehen. Sie war unendlich verbogen und sah aus wie ein Knoten, aus dem, wie Borsten einer bizarren Bürste, die Hämmer der verschiedenen Buchstaben hervorragten. Es wunderte mich dann auch, dass dieser Hauptpfleger nur zwei Wochen im Krankenstand verbringen musste...-

Dann gab es da freilich auch noch Kuno. Auch Kuno, war schon seit Kindesjahren in dieser Abteilung. Weshalb, wurde einem deutlich wenn man ihm eine Weile zusah. Kuno lief, vor sich hin brummend und die Arme vor sich gestreckt, an den Wänden hin und her. Plötzlich änderte er seine Richtung, packte Einen der ihm am nächsten stand und versuchte mit aller Kraft seine Finger in dessen Maul zu zwängen. Gelang das, versuchte Kuno seinem Gegenüber das Maul auseinander zu reißen. Kam Kuno in meine Richtung gelaufen, gab ich ihm sofort einen gut gezielten Fausthieb zwischen die Augen. Das drehte ihn dann in eine andere Richtung, in der er mit seinem Unsinn weiter machte. Kuno konnte nicht sprechen. Er gab nur Grunz- und Brummlaute von sich. Er konnte auch keine gewöhnliche Kleidung tragen, weil er sie sich stets nach nur wenigen Minuten in Fetzen vom Leibe riss. Man kleidete ihn deshalb in einen Overall aus Segeltuch, der unten vorne und hinten bis zum Nacken hoch offen war. Diese Öffnung am Rücken wurde mit Schlüssel verschließbaren Steckknöpfen verschlossen.

Leute gab es, die schon 12 - 20, ja 30 und mehr Jahre auf dieser Abteilung waren. Rossberger z.B. war schon 12 Jahre dort. Rossberger war ebenfalls ein besonderer Fall. Der wollte gar nicht weg von dieser Abteilung, was mir Anfangs ein Rätsel aufgab, bis ich dahinter kam, dass der Stationsarzt Wladislovsky Rossberger mit Morphiuminjektionen belohnte wenn er ihm steckte, was so alles auf der Abteilung vor sich ging. Lief zufällig Wladilovsky durch die Abteilung, rannte flugs Rossberger hinter ihm her und fkehte: "Ach bitte, Herr Doktor, noch eine Spritze. Bitte bitte, Herr Doltor, nur noch eine..."

Versuchte man Rossberger gegen seinen Willen von dieser geschlossenen Abteilung auf eine halboffene Abteilunge zu verlegen, tat er sich sofort etwas an um die Ärzte zu bewegen, ihn wieder auf die geschlossene Abteilung zurück zu schaffen. Meist schnitt er sich mit einer Rasierklinge den Arm auf, aber schon so schrecklich, dass man erblasste wenn man die Wunde sah. Wunden von der Schulter bis runter zum Handgelenk, Zentimeter breit aufklaffend. Oder, Rossberger verschluckte Gegenstände. Einmal verschluckte er eine stählerne Bettfeder und tags darauf ein gläsernes Fieberthermometer. Ich hätte es nie geglaubt, hätte ich es nicht auf Rossbergers Röntgenaufnahmen mit eigenen Augen gesehen: Das Fieberthermometer war in Rossbergers Magen genau in die Bettfeder gefallen! Ging es nicht anders, wurden derlei Gegenstände operatiev wieder aus Rossberger entfernt. Sein Bauch und sein Oberkörper zeigten dann auch kreuzweise die breiten Narben vieler solcher vergangener Operationen. Eines Tages gelang Rossberger, aus dem Arztzimmer eine Packung Tabletten zu entwenden. Er kam damit zu mir gerannt und wollte wissen, was das für Tabletten seien. Ich las auf der Packung: "Skopolamin" und sagte, "Die kannst du ruhig schlucken. Die sind gut..." Sofort vertilgte Rossberger die ganze Packung. Als am Abend der Arzt den Diebstahl bemerkt hatte, war er seelenruhig im Schlafsaal von Bett zu Bett gegangen und hatte sich dabei den jeweiligen Patienten angesehen. Bis er bei Rossbergers Bett angekommen war und bemerkte, das Rossberger halluzinierte. Unter dem Einfluss des Skopolamin glaubte Rossberger stets, an seinem Blickfeldrand krabbelten Insekten. Sah er aber hin, waren sie weg und befanden sich wieder am Rande seines Blickfeldes. So warf Rossberger ständig seinen Kopf hin und her und sah einmal hier hin, einmal dort hin im Bemühen, diese Insekten in die Mitte seines Blickfeldes zu bekommen. "Soso", sagte der Arzt. "Hier sind also meine Tabletten geblieben. Gegenmittel, bekommst du keines. Es geschieht dir ganz recht. Und bis die Wirkung vorüber ist, bleibst du im Bett". Und so blieb Rossberger drei Tage lang im Bett festgeschnallt und warf seinen Kopf hin und her, auf der Suche nach den verflixten Insekten.

die nie dort waren, wo er gerade hinsah...-
Was gab es nicht alles für Käuze, im Haus 24? Manche Leute kamen einem wochenlang völlig normal vor, bis sie einem eines morgens eröffneten, sie seien eine rosarote Schildkröte und schlimmeres...-
Waren die Leute, wie schon so manche, 30 - 35 Jahre und mehr auf dieser Abteilung und waren sie schon so richtig alt geworden, schaffte man sie nach Haus B Abteilung 92, der Sterbestation. Dort gingen sie schließlich, fernab von allen Blicken dieser Welt, in aller Stille zugrunde. Ich hatte während meiner Zeit in Haus 24 mehrere solcher Verlegungen nach Abt. 92 miterlebt. Es hatte sich durchwegs um steinalte Greise gehandelt, Menschen, die einen überwiegenden Teil ihres Lebens in der geschlossenen Abteilung für geisteskranke Kriminelle zugebracht hatten. Man muss sich ein solches Leben mal vorstellen...-

Das am häufigsten verwendete Medikament dieser Abteilung war ein Zeugs namens Haloperidol, heute als Haldol bekannt. Ab einer gewissen Dosis Haloperidol wird die Zugabe von Akiniton nötig, weil es sonst zu Nebenwirkung wie Kieferkrämpfen, Krämpfen im Rückgrat und Gott mag wissen was noch alles kommen kann. Eines Tages war es uns Irren gelungen, ein Fläschchen Haloperidol Tropfen zu klauen. In einem unbeobachteten Moment gossen wir den gesamten Inhalt des Fläschchens auf das Abendessen des Hauptpflegers. Das war gut durchführbar, weil Haloperidol nur wenig Eigengeschmack hat. Gleich nach dem Essen, machte der Oberpfleger sich auf den Nachhauseweg. Er kam nicht weit. Schon 15 Minuten später war er wieder zurück, mit nach hinten gebogenem Rücken, sein Maul weit aufgesperrt, mit seinem Unterkiefer seitlich verschoben und mit den Augen verdreht, so das nur noch das Weiße davon zu sehen war. Seine Kollegen verabreichten ihm sofort eine Akinitoninjektion. Kurz danach war er wieder okay....-

Stationsarzt Wladislovsky war ein besonderer Arzt. Wäre er nicht Arzt dieser Station geworden, er wäre einer ihrer Insassen. Wladislovsky war Amphetaminabhängig, was allen seinen Patienten und seinen Kollegen zu entgehen schien. Ich aber kannte den Redefluss unter dem solche Leute stehen nur allzu gut. Ich kannte auch die Stimmungsschwankungen die mit einer Amphetamingewöhnung einhergehen und ich kannte die kleinen Schaumbällchen von Speichel in den Mundwinkeln solcher Leute und das ewige Mahlen mit den Kiefern. Wladislovsky, verrückt wie er war, sah sich als Maßstab geistiger Gesundheit. Wich man in einer Meinung von der seinen ab, ließ dies in ihm den Verdacht keimen, man sei vielleicht geistig nicht ganz in Ordnung und bräuchte Medikamente. War ein Patient in einer Sache anderer Meinung als Wladislovsky, und ließ er sich durch Wladislovsky auch nicht von seiner Meinung abbringen, konnte es geschehen, dass dieser Patient eine Woche lang ans Bett gefesselt wurde und tägliche Injektionen hochpotenter "Gummihämmer" injiziert bekam. Bei diesen Injektionen handelte es sich um so genannte "Cocktails", Mischungen verschiedener Medikamente. Meist waren es Megafen, Atosil und Neurocil, die dazu gemengt wurden. Ich hatte einige Male diese Mischung zu Versuchszwecken in der Form von Tropfen oral eingenommen. Sie ist umwerfend. Alleine schon Neurocil, verabreicht in einer Dosis von 40 Tropfen, haut nach 30 Minuten den stärksten Ochsen vom Hocker. Mit Megafen, verhält es sich ähnlich. Nur sind hier, zum Erreichen desselben Effektes, eine höhere Dosis, etwa 150 -200 Tropfen nötig. Wladislowsky war gefährlich. Er konnte einen Patienten der Abteilung töten, ohne das jemand nach den Umständen gefragt hätte. Einen Mann, der unter Klaustrophobie litt, hatte er in den 35 Zentimeter schmalen Zwischenraum zweier Doppeltüren schließen lassen. Als man ihn nach 2 Stunden wieder aus seiner Lage befreien wollte, war er vor Angst an einem Herzversagen gestorben. Kein Hahn, krähte danach. Als ich zu Wladislovsky sagte: "Ich habe gesehen, was sie mit dem Mann getan haben und ich werde sie anzeigen dafür", sah er mich nur an und ging weiter. Er wusste, dass er mir, solange ich mich nur zur Beobachtung auf seiner Abteilung befand, gegen meinen Willen keine Medikamente verabreichen durfte. Würde ich aber durch ein Urteil meiner bevorstehenden Hauptverhandlung als Patient in diese Abteilung zurück verwiesen werden, würde mich mein großer Mund mein Leben kosten. Er wusste das und ich wusste es ebenso...-
Ich hatte Strafantrag gestellt wegen vorsätzlicher Tötung. Das Verfahren war wegen Mangel an Beweisen eingestellt worden.

Eines Tages, ich traute meinen Augen nicht, lief eine Frau durch die Abteilung. Es war die neue Stationsärztin. Diese Stationsärztin war es dann am Ende auch, die während meiner Gerichtsverhandlung das Gutachten vorlas, das sie über mich gefertigt hatte. Als sie zu der Stelle kam an der stand, mein IQ beliefe sich auf 156, sahen alle Anwesenden im Gerichtssaal betreten zu Boden. Vermutlich haten sie sich geschämt weil sie plötzlich zu hören bekamen, ich sei intelligenter als sie alle zusammen genommen.

Ich wurde freigesprochen. Der Richter war zu dem Urteil gelangt, dass ich während meiner vielen Einbrüche wohl unter "Drogeneinfluss" gestanden hätte und somit für die Zeit der Tat als unzurechnungsfähig zu gelten habe. Ich durfte auf der Stelle nachhause gehen.

Drei Wochen später, ich lag gerade bequem zuhause auf dem Sofa und hörte Radio, hörte ich in den Nachrichten, dass aus Haus 24 drei Leute geflohen seien. Sie waren durch ein Fenster geflüchtet, dessen Gitter sie angesägt vorgefunden hatten. Es war mein Gitter. Das Gitter an einem Fenster des Aufenthaltsraumes, eines der Fenster mit der Ausbuchtung am unteren Ende. Einen Gitterstab dieses Fenbsters hatte ich bereits völlig durchgesägt. Er musste nur noch zur Seite gebogen werden. Einen zweiten Gitterstab hatte ich zur Hälfte durch. Die Sägeschnitte an beiden Stäben hatte ich, damit sie nicht auffielen, mit einem Gemisch aus nassem Toilettenpapier und Zigarettenasche zugekleistert.

Eine Woche später hatte man alle drei Ausreißer wieder eingefangen. Sie hatten aber unterdessen schon zwei Familien ausgemordet. Eine Familie hatte aus dem Vater bestanden, der Mutter, einer Tochter und einem Sohn. Die zweite Familie waren, ein Großvater, eine Großmutter, der Familienvater, die Mutter und vier Söhne...-

Soll ich mich jetzt mit Gewissensbissen plagen, weil ich mich mit dem Sägen an den Gittern der geschlossenen Abteilung am Tod dieser vielen Menschen schuldig gemacht hatte? Über zehn Jahre kang, hatte ich über diese Frage nachgedacht. Am Ende war ich zu dem Ergebnis gelangt, dass mich keine Schuld an dem Vorfall keine träfe. Hätte man mich nicht in einem solch verrückten Ort eingeschlossen, wären auch weniger verrückte Dinge geschehen...-

Vor meinem Auftritt in Haus 24 bin ich der Meinung gewesen, Irre seien eigentlich auch nur ganz gewöhnliche Leute. Man könne sie getrost alle frei lassen. Immerhin sieht man ja in den Straßen der Stadt in der man lebt auch nur lauter Irre umherlaufen. Aber diesen Gedanken konnte ich mir nach meinem Aufenthalt in Haus 24 gehörig von der Backe kratzen....-

Die Erlebnisse in der psychiatrischen Abt. der Justiz und in Haus 24 hatten mich, als jungen Menschen, tief beeindruckt. Sie hatten mir die Augen geöffnet über die Allmacht der Psychiatrie in diesem Lande und über das Ausmaß an Missbrauch, das Psychiater damit treiben. Diese Erlebnisse hatten nicht zuletzt dazu beigetragen, in mir den Wusch entstehen zu lassen, Deutschland möglichst rasch zu verlassen.

Alle Rechte
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