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Knast Storys, Sucht & Szenen Geschichten, überwiegend von Karlos, Fantasie begabter Erzähler, pessimistischer Visionär, grundsätzlicher Misanthrop, Gelegenheits-Philanthrop und Initiator der Morphinistenseite...-


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Erinnerungen an H2



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Das batteriebetriebene Transistorradiogerät in unserer Zelle, durfte nicht größer sein als eine Postkarte. So lautete die Vorschrift. Und es durfte nur Mittelwelle und Langwelle empfangen können und kein UKW oder Kurzwelle. Damit hätte man es nämlich laut Gefängnisdirektion zum Sender umbauen, oder private Botschaften von draußen empfangen können. Der eingebaute Lautsprecher hatte die Größe einer Telefonmuschel. Er klang erbärmlich. Um den Klang ein wenig aufzumotzen, legten wir mit der Öffnung an den Lautsprecher, ein leeres 250 Gramm Nescafe Glas davor. Dadurch hallte es ein wenig, all die schrillen Töne wurden gedämpft und es klang alles in allem ein wenig erträglicher.

Dieter hätte seinem Rechtsanwalt nie erzählen dürfen, dass er 85.000 Mark auf seinem Konto hatte. Aber es war ihm nichts anderes übrig geblieben, wollte er an das Geld kommen. Und das musste er, um im Knast Einkäufe zu tätigen. Dieter schrieb eine Vollmacht für seinen Rechtsanwalt, damit der an die Kohle rankam. Sobald aber der Rechtsanwalt wusste, dass Dieter über Geld verfügte, wollte er für jeden Atemzug, den er im Dienste Dieters tat, fürstlich bezahlt werden. Es dauerte nicht lange, und alles Geld von Dieters Konto, war auf dem Konto seines Rechtsanwaltes gelandet. „Wenn er schon dein Geld stiehlt“, hatte ich eines Tages zu Dieter gesagt, „dann soll er dafür wenigstens etwas tun“. Ich bat meinen Anwalt, eine schriftliche Botschaft an Soldier, einem Jungen aus meinem ehemaligen Verkaufstrupp, aus dem Gefängnis zu schmuggeln. In der Botschaft bat ich Soldier, ein gut verschnürtes und versiegeltes Päckchen mit 50 Gramm Heroin zu Dieters Rechtsanwalt zu bringen. „Sie werden ein Päckchen erhalten“, ließ Dieter seinen Anwalt wissen. „Lassen sie es geschlossen und bringen sie es mir bei ihrem nächsten Besuch mit. Sie bekommen 2000 Mark dafür“. Geldgierig wie der Kerl war, ließ er sich darauf ein. Als Rechtsanwalt wurde er beim Betreten des Gefängnisses nur oberflächlich durchsucht, wenn überhaupt. Steckte er das Päckchen auch nur in seine Manteltasche, bekäme er es ohne Probleme ins Gefängnisinnere. War das Päckchen erst im Gefängnis, konnte dem Anwalt nichts mehr geschehen. Selbst schwörten tausend Gefangene, er hätte es ins Gefängnis gebracht, er müsste nur leugnen und schon wäre er aus der Klemme. Das hat mit diesem dümmlich - deutschen Vorurteil zu tun, Menschen geringeren sozialen Standes, seien weniger glaubwürdig.

Zwei Wochen nach dem Start dieser Aktion kam Dieter vom Anwaltsbesuch in die Zelle zurück. Lächelnd, legte er ein Päckchen auf den Tisch, über und über umwickelt mit breitem braunem Klebeband. Wir sahen uns an und grinsten von einem Ohrläppchen zum anderen…-

Während Dieter das Päckchen der Länge nach aufschlitzte, holte ich unsere Injektionsspritze aus dem hohlen Bein des Zellentisches. Keine zehn Minuten später hatten wir winzigkleine Pupillen und unsere Gesichtsmuskulatur, erschlaft von der entspannenden Wirkung des Heroins, hing herab und ließ uns aussehen wie wandelnde Leichen. Satt und mit der Welt zufrieden, kratzten wir unsere juckenden Nasen…-

Unser ursprünglicher Plan hatte vorgesehen, dass wir wenigstens die Hälfte des Stoffes innerhalb des Gefängnisses verkaufen wollten. Am Ende, verließ nicht ein Krümel unsere Zelle. Wir verbrauchten alles selbst. Auf dem Hofgang blieben wir beieinander und mieden jeden direkten Blickkontakt mit anderen Gefangenen aus der Suchtstation. Hätte auch nur einer dieser inzwischen entwöhnten und nach Stoff zappelnden Gestalten einen Moment in unsere Augen gesehen, wäre der Hut sofort hochgegangen und jeder hätte gewusst, dass wir über Heroin vefügten. Kleine Pupillen wirken auf schmachtende Morphinisten, wie Leuchtfeuer auf Schiffe in Seenot.

Wir waren vorsichtig wie Partisanen. Tagsüber ballerten wir, jeder für sich, hinter dem Verschlag der Toilette. Hätte sich unverhofft die Zellentür geöffnet, wäre einer von uns harmlos und unauffällig im Bett gelegen oder am Tisch gesessen, während der andere in der Toilette noch Zeit genug gehabt hätte, die Utensilien verschwinden zu lassen. Auch nachts, ballerten wir im flackernden Schein selbstgebastelter Margarinekerzen im Schutz des Toilettenverschlags. Damit konnten wir durch den Türspion nicht gesehen werden.
Eingeschlossen, hinter einer Tür von vier Zoll dicken Eichbohlen, reaktivierten wir wieder rücksichtslos unsere guten alten neuronalen Verbindungen des Opiats, ungeachtet des Schmerzes, der uns bei ihrem Abbau zwangsweise wieder erwarten würde.

Es war bereits 22 Uhr und das Licht war schon gelöscht worden, als Geräusche aus der Nebenzelle verrieten, dort wurde gerade ein Neuer gebracht. Als der Rummel nebenan sich gelegt hatte, ging ich an eines der Zellenfenster und rief nach Günter. Günter, ein Gefangener aus der Zelle nebenan, reagierte sofort. „Was ist los bei euch?“ fragte ich. „Sie haben uns einen Neuen gebracht“, rief Günter herüber. „Er hat schwere Entzugserscheinungen und kann sich kaum auf den Beinen halten“. Es ist ein beschissenes Gefühl,zu wissen, dass gleich nebenan ein Mensch litt, und man selbst verfügte über das Mittel, sein Leiden mit einem Schlage zu beenden. Aber wir durften auf keinen Fall etwas von unserem Heroin in die Zelle nebenan pendeln.
(Pendeln ist ein Verfahren des Transportes von einer Zelle zur anderen. Man bindet den zu transportierenden Gegenstand an einen Bindfaden und pendelt ihn außerhalb des Fensters solange, bis er vom Fenster der Zelle nebenan ergriffen werden kann.) Wir hätten damit das Vorhandensein von Heroin unter den schmachtenden Morphinisten der Suchtstation kundgetan. Sie wären über uns hergefallen wie Heuschrecken, um auch nur einen Krümel davon zu erhalten und dieser Tumult hätte schließlich die Aufmerksamkeit des Wachpersonals auf uns gelenkt. Wir hatten keine Wahl. Wir mussten den Jungen nebenan leiden lassen.

Es mochte gegen 2 Uhr nachts gewesen sein, als der Kerl nebenan fürchterlich zu schreien begann. Dies waren keine Schmerzensschreie, wie sie aus den Leiden eines Heroinentzugs entstanden. Dies war das Schreien eines Tieres, dem man todbringende Verletzungen zufügte. Es dauerte nicht lange und wir hörten, wie nebenan die Zellentüre geöffnet wurde. Kurz danach herrschte wieder Stille. Beinahe wenigstens. Hörte man genau hin, hörte man weiterhin die Schreie von vorhin, aber gedämpft diesmal, wie aus weiter Ferne. „Was war los, Günter?“ zischte ich zum Fenster hinaus. „Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Günter. „Jedenfalls haben sie den Neuen weggeholt. Ich glaube, sie haben ihn in einer der Einzelzellen am Ende des Ganges untergebracht“.

Am Morgen darauf wurden nicht alle Zellen gleichzeitig zur Frühstücksausgabe geöffnet. Diesmal, öffnete man nur immer jeweils eine Zelle, reichte das Frühstück und schloss sie sofort wieder, um kurz danach die nächste zu öffnen. Als unsere Zelle an der Reihe war, trat ich kurz in den Gang hinaus um die Teekannen in Empfang zu nehmen. Dabei fiel mein Blick auf einenTumult am Ende des Ganges. Dort waren Männer des Wachpersonals in ihren grünen Uniformen versammelt und einige Leute des medizinischen Personals. Ich sah, wie man aus einer der Einzelzellen eine Trage trug. Ein Bettlaken, war darüber gebreitet.

Während des Hofganges erfuhr ich vom Arzthausel, einem Gefangenen der als Arzthelfer Dienst tat, was in jener Zelle geschehen war. Dort war während der Nacht der Neue aus Günters Zelle elend an einem Magendurchbruch krepiert. Deshalb hatte er geschrieen. Es sind die Schmerzen eines Magendurchbruches gewesen, die ihn dazu getrieben hatten. Es war das alte Lied, die alte Tour, wegen der in dieser Station schon so viele zu Tode gekommen sind. Schrie ein Morphinist während der Zeit seines Entzuges, ging man davon aus, dass er wegen seiner Entzugsschmerzen schreit. Sein Geschrei empfand man als störend. Manchmal wurde deshalb das Rollkommando herbeigerufen, eine Horde kräftiger, brutaler Männer in Uniform, die solange auf den Schreienden eindroschen, bis er schwieg. Oder aber, man schloss solche Leute in eine der Einzelzellen am Ende des Ganges. Dort mochten sie sich bis zur völligen Erschöpfung die Lungen aus dem Leibe schreien. In diesen Einzelzellen befanden sich meist keine Decken und keine Matratzen. Es gab nur ein eisernes Bettgestell und ein blechernes Nachtkästchen. In aller Regel war die Heizung abgedreht und das Fenster stand weit offen. (Ich wei0 das alles so genau, weil ich auch schon einige Nächte in einer solchen Eintelzelle zubringen musste) Und so war es auch in dieser Nacht geschehen. Es war bereits Ende November. Draußen schwebten Eiskristalle in blau-kalter Nachtluft.

24 Jahre war er, der junge Mann, den man in jener Nacht mit Magendurchbruch in dieses kalte Loch geworfen hatte. Sein Tod musste grausam gewesen sein. Er war unter schrecklichsten Schmerzen, weit abgeschieden von allem was Wärme vermitteln konnte in dieser Welt, völlig alleine elend krepiert.

In der Nacht darauf, kurbelte Dieter am Sendersucher unseres Radios nach dem amerikanischen Soldatensender AFN. Es war Mittwoch, und wie jeden Mittwoch, würde dort um 22 Uhr Wolfman Jack, ein bekannter Discjockey, sein Programm geben. Während Dieter am kleinen Rädchen des Radios drehte, stieß er zufällig auf einen deutschsprachigen Nachrichtensender. In einem kurzen Augenblick vernahmen wir die Nachricht, dass heute Morgen in der Krankenstation der Jva S. ein Mann namens Herbert N. tot in seiner Zelle aufgefunden worden sei. Dieser Mann, so erfuhren wir, sei in diesem Jahr bereits das „83. Drogenopfer unserer Stadt“.

Die Zustände in einem Gefängnis, geben im Kleinen ziemlich genau die Zustände wieder, die in der Gesellschaft herrschen, in der das Gefängnis steht. So gesehen, ergibt sich ein verdammt beschissenes Bild. Das Personal dieser Station der Krankenabteilung Jva S., bestand zum überwiegenden Teil aus machtlüsternen Perversen. Man erniedrigte und quälte die Gefangenen, wo immer sich dazu Gelegenheit bot. Vielen des Personals, war das schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sich dessen noch nicht mal mehr bewusst wurden. Geschickt, handelte man dabei stets hart an der Grenze of plausible deniability, an der Grenze glaubwürdigen Leugnens. Somit bot sich im Falle einer Beschwerde immer die Möglichkeit, glaubhaft zu leugnen, es wäre absichtlich misshandelt worden. Seelisch labile Gefangene missbrauchte man gerne solange, bis sie ihren völligen seelischen Zusammenbruch erlitten. Danach quälte man sie mit psychiatrischen Medikamenten und Methoden auf eine Weise weiter, die beim Betroffenen den Eindruck hinterlassen musste, man bestrafe ihn für den Zustand, in den er geraten sei. Solcherlei doppelseitiges Spiel, brachte labile Menschen leicht an die Grenze der Schizophrenie und darüber hinaus. Einen Gefangenen durch Misshandlung in deplorablen seelischen Zustand zu bringen und ihn hinterher für diesen Zustand verantwortlich zu machen und ihn dafür zu bestrafen, ist eine Technik, die auf Anhieb nicht so ohne Weiteres als Folter zu erkennen war, obwohl es sich eindeutig um Folter gehandelt hatte. Glaubwürdiges Leugnen. Nichts schien anregender zu wirken, auf das Personal von H2, als labile Menschen durch Misshandlungen psychisch zu manipulieren.


Je mehr sich bei Gefangenen die Folgen künstlich erzeugten Leidens zeigten, desto fröhlicher und zufriedener wurde das Wachpersonal. Dies sind Zustände, die notwendigerweise immer dann eintreten, steckt man rohe, primitive Charaktere in Uniformen und lässt sie über Menschen herrschen. Einen Beamten gab es, der die Insassen von H2, "Die Fixer und Süchtigen", ganz besonders gerne quälte. Es war ein gedrungener junger Mann mit Bart und längeren Haaren, der gerne eine Tabakspfeife rauchte, die krumm war wie ein Haken, wie man sie häufig in Bayern antrifft. Das Schwein brachte es zum Beispiel fertig, Menschen, die unter Entzugserscheinungen litten und um Schlaf- oder Beruhigungsmittel flehten, anstatt Schlaf- oder Beruhigungsmittel, Koffeintabletten mit genau gegenteiliger Wirkung unterzujubeln. Ich hasste dieses Schwein und hätte ihn gerne getötet, wäre mir Straffreiheit zugesichert worden. Er hatte mich ein Mal während meines Entzugs vom Rollkommando derart verprügeln lassen, dass ich am Ende nur noch als wimmernder, blutiger Klumpen am Boden lag.

Auf dieser Station kannte ich eigentlich nur einen, der Gefangene wie Menschen behandelte. Dies war Sanitäter Huber. Hatte Sanitäter Huber Nachtdienst und gab er abends, von Zelle zu Zelle gehend, die verordneten Medikamente aus
(Meist doch nur Vitamin B - und Baldriantabletten...), bot er einem stets Gelegenheit zu einem Gespräch von Mensch zu Mensch. Auch saßen ihm brauchbare Medikamente locker, wie Valium, Distraneurin, Optalidon oder Spasmocibalgin Zäpfchen. Sanitäter Huber, mit seinen entspannten Gesichtszügen, immer ein Lächeln im Gesicht und stets von einem Geruch nach Valiumsirup umgeben. Es war nicht auszuschließen, dass er auf irgendeine Weise selbst zu den Substanzabhängigen zählte. Sollte es möglich sein, dass manche Menschen in unserer Gesellschaft substanzabhängig werden müssen, wollten sie unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen ihre Menschlichkeit bewahren?

Automechaniker Axel hatte Darmkrebs. Wollte man ihn behandeln, musste ein Stoma, ein künstlicher Darmausgang, angelegt werden. Gelegentlich kam es vor, dass Leute des Wachpersonals Axel erzählten, „Ich habe gehört, du darfst demnächst für kurze Zeit nachhause“. Worauf Axel erregt erwiderte, „Oh ja? Wo hast du das gehört?“ „In der Wachstube. Dort hieß es, du bekämest demnächst Ausgang. Einen künstlichen Ausgang allerdings“.

Automechaniker Axels Verlegung von Zelle 208 auf die Gemeinschaftszelle im hinteren Teil des Ganges, kurz vor der Kleiderkammer, erschien so manchem merkwürdig. Welcher Sinn wohl dahinter stak, ihn aus einer Gemeinschaftszelle zu holen, nur um ihn in eine andere zu stecken? Noch merkwürdiger wurde es, bedachte man, dass in Axels neuer Gemeinschaftszelle genau die beiden Leute saßen, die davon überzeugt waren, sie hätten ihre Festnahme einer Aussage Axels zu verdanken. Eine Woche, hatte Axel den Aufenthalt in dieser Zelle überlebt. Danach fand man ihn erhängt im Toilettenverschlag. Am Ende war ein Selbstmord daraus geworden. Merkwürdig war nur, dass Axel sich in den Abendstunden erhängt haben soll, zu einer Zeit, da das Zellenlicht noch brannte und seine Zellenkollegen beim Kartenspiel saßen. „Wir hatten Karten gespielt“, war deren schließlich Aussage schließlich protokolliert worden, „als Axel aufstand, um zur Toilette zu gehen. Als er nach einer ganzen Weile nicht wiedergekommen war, gingen wir nachsehen. Wir fanden ihn tot. Er hing an einem Fetzen Bettlaken, befestigt an einem Stück Wasserleitungsrohr an der Decke“. Diese Aussage war schließlich als wahr hingenommen worden. Wie auch nicht. Wie hätte man einen anderen Vorgang beweisen wollen? Heute lebt nur noch einer, der die Wahrheit kennt: Krümel, einer von Axels damaligen Zellengenossen und heute ein alternder, bärtiger Stadtstreicher in Amsterdam. Dort frequentiert er gerne den Hauptbahnhof, um frisch eingetroffene Deutsche Touristen um Kleingeld anzugehen. Wer ihn dort beim Betteln antrifft, mag ihn nach den wahren Begebenheiten um Automechaniker Axels Tod fragen, damals, in der Suchtstation, Abteilung H2, Zelle 224.

Schließlich war der Tag heran, an dem die letzten Krümel unseres Heroins durch die Venen gespült waren. Ein Scheißtag, wie jeder Tag, an dem einem, voraussichtlich für längere Zeit, die Medizin ausgeht. Wir schliefen noch diese eine Nacht. Danach war es vorbei, mit Schlafen, für die nächsten 10 Tage. So richtig schrecklich ist er aber dann doch nicht gewesen, der Entzug, der uns heimsuchte. Dazu hatten wir nicht lange genug konsumiert. Entgegen landläufiger Meinung, wird man nicht so rasch körperlich abhängig von Heroin. Ist man noch nie von Morphin abhängig gewesen, kann man gut und gerne 2 – 3 Monate täglich mehrmals konsumieren, bis sich wirklich nennenswerte Entzugserscheinungen einstellen. Ist man allerdings zuvor schon auf irgendeine Weise von Morphin abhängig gewesen, geht es rascher. Wir hielten tapfer durch. Was sollten wir auch anders tun? Unser Zustand fiel niemandem auf. Niemand, außer vielleicht Mamuschka, der russischen Stationsärztin, „Die Ärztin von Stalingrad“, wie sie auch genannt wurde. Die blickte ein wenig komisch drein, als sie Dieter und mich während einer ihrer Visiten so unruhig und in Schweiß gebadet antraf. „Die sind schon wieder auf Entzug“, mochte sie gedacht haben. „Folglich hatten sie kürzlich noch Heroin in ihrer Zelle. Doch das mochte sein wie es sei. Jedenfalls lohnte es nicht, jetzt noch danach zu suchen. Zu finden gibt es gewiss nichts mehr. Sonst säßen sie nicht so unruhig und bedrämmeld da, die beiden schweißnassen Schelme mit ihren übergroßen, weit aufgerissenen Pupillen…-


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