Startseite Zur 2. Morphinistenseite WEGWEISER RECHTLICHES VORWORT DER MORPHINIST DAS MORPHINISTISCHE MANIFEST Dr. HANNES KAPUSTE AXEL JUNKER KARLOS & Co. ERFAHRUNGEN KARLOS & Co. ERZÄHLUNGEN & KURZGESCHICHTEN ANTIQUARIAT RECHT, POLITIK, WISSENSCHAFT UND MEHR.... SOZIAL & POLITISCH KRITISCHES GEMISCHTES GEDICHTE & PROSAISCHES BRIEFE SUCHEN

KARLOS & Co. ERZÄHLUNGEN & KURZGESCHICHTEN:
Knast Storys, Sucht & Szenen Geschichten, überwiegend von Karlos, Fantasie begabter Erzähler, pessimistischer Visionär, grundsätzlicher Misanthrop, Gelegenheits-Philanthrop und Initiator der Morphinistenseite...-


Themen:
KNASTGESCHICHTEN
    Suchtstation H2
    Kriminalfälle aus der Suchtstation H2
    Leben auf der Suchtstation H2
    Sterben auf der Suchtstation H2
    Unfall auf der Suchtstation H2
    Erinnerungen an H2
    Abende der Suchtstation
    Weihnachten auf der Suchtstation H2
    Im Strafbunker
    JVA Landsberg
    JVA Kaisheim
    Die Burg
    Ein Gefangenentransport
    Flucht aus dem Familienknast von F.
    Im Amsterdamer Gefängnis
    Quasimodo
    Albert
    Der Stuhl an der Mauer
REISEN
    Keats' Urlaub in Marokko
    London Town
    Marihuana auf Jamaika
    Vom Hindukush zum Eifelturm
    Mit Morphiumhydrochlorid im Paradies
    Tropische Szenerien
    Rückkehr ins Paradies
    Die Rampe zu Dachau
    Deutschlandreise
    Einladung nach X-Stadt
VON MENSCHEN UND ANDEREN TIEREN...
    Von Ratten Joe und anderen Menschen...
    Jane, und die Asylantenstadt
    Der alte Hassan
    Johns Wohnbus
    Das Partyschiff
    Das Moormädchen
    Von Klausens Reichtum
    Annas Story
    Hells Angels
    SALLY
    Sylvia, oder die tödlichen Mühlen
    Dorothea
    Qualle
    Magere Zeiten...
    Wieder ein besonderer Fall...
    Der Fall Herbert...
    Das Beispiel "Walter"
    Beim Amsterdamer Arbeitsamt
    Paranoia im Park
    Im Sexclub
    Frankies Abgang
    Bone ist tot...-
    Hein de slager
    Erinnerungen an den Schauspieler W. Hefeteig
    Szenen einer Ehescheidung
JAGDSZENEN
    Die Urinkontrolle
    Die Bullen
    Der Fall Lee
    Der Sprung
    Regnerische Zeiten
    Ein Grenzübergang bei Kleve
    Verfluchter Doppelmord
    Der letzte Apothekenüberfall
    Fabians Tod und mehr...
    Die Überdosis
    Kommissar Hanser und seine Jungs...
    Freitag der 13.
    Der Wixer auf dem Bahnhofsklo
    Methadon & Elend in Nürnberg
    Korruption
    Vom Kommissar & der Nummer 7
Erzählungen & Kurzgeschichten 2
    Pedros Rache
    Die Regenbogengemeinschaft
    Das alte Lied...
    Bei der Musterung
    Das endgültige Ticket
    Codex Alimentarius
    Zeedijk, Amsterdam
    Spritzutensilien
    Am Amsterdamer Straßenstrich
    Ein Blick hinter die Coffeeshops
    Dort, wo man Hass sät...
    Der Ladenraum
    Der Surinamische Medizinmann
    Die Streckmittelindustrie
    Die Akha Khan Teestube
    Die Interviews der Morphinistenseite
    Kiffer wie Du und ich.
    Heroin mit Salzsäure
    Euro - Top Tour
    Bengali, und die Macht der Steine
    Amsterdamer Spirit
    Vergangene Früchtchen


Allgemein:
Arbeitsweise & Terminologie
Spenden
LINKS
Impressum
Kontakt


Flucht aus dem Familienknast von F.



Nach oben

F L U C H T   A U S   D E M   F A M I L I E N K N A S T 

______________________________________________________________________
Ein Familienknast ist ein kleines Gefängnis mit einer Belegschaft von dreißig, bis an die sechzig oder auch achtzig Gefangenen.
Der Familienknast in F., war ein übler Ort. Aber noch jeder Familienknast, den ich bisher kennen gelernt hatte, war ein solcher.

Dieser Familienknast bestand aus nur einem länglichen, zweistöckigen Gebäude. Im Erdgeschoss befanden sich die Wachstube, eine Kantine, die Besuchsräume und ein Arztzimmer. An einem Ende des Korridors im ersten Stock wohnte der Gefängnisdirektor mit seinen beiden jungen Söhnen, denen man angeborenen Schwachsinn aus hundert Metern Entfernung ansehen konnte, und mit seiner Gattin, die für die Gefangenen kochte.

Eine Breitseite des länglichen Gebäudes, sah zur Straße hin. Zwischen dem Gebäude und der Straße gab es nur einen breiten Rasenstreifen. Auf der hinteren Seite des Gebäudes, befand sich der Gefängnishof. Dieser Hof war an einer Seite vom Gebäudes selbst begrenzt und an drei Seiten von einer hohen Backsteinmauer, auf der eine Rolle verrosteten Stacheldrahts sich kräuselte. In der Mitte dieses viereckigen Hofes, stand eine alte, grüngestrichene gusseiserne Schwengelpumpe. Um diese Schwengelpumpe, liefen während der täglichen fünfundvierzig Minuten des Hofganges, die Gefangenen im Kreise. Dieser Hofgang war Pflicht. Er fand gleich morgens, unmittelbar nach dem Aufstehen, gegen sechs Uhr dreißig statt.

In diesem Gefängnis wurden noch Tüten geklebt. Da aber die meisten Gefangenen Untersuchungshäftlinge waren, war diese Arbeit freiwillig. Weihnachtseinkaufstüten von Papier waren es meist, am oberen Rande mit zwei eingeklebten Streifen Karton versteift, durch die, als Henkel, eine Schnur gefädelt werden musste. 2,8 Pfennige pro einhundert Stück, verdiente man beim Kleben solcher Tüten. Alles zusammengenommen, war F. ein besonders beschissenes Gefängnis.

Das Wachpersonal dieses Knasts, bestand aus besonderen Ekelmännern. Als ich eines Tages zum Arzt wollte, und gerade kein Arzt zur Verfügung stand in diesem Knast, brachten sie mich zum Gesundheitsamt. Dazu wickelten sie eine etwa vier Meter lange verzinkte Stahlkette um meine Handgelenke, zogen den Bügel eines Vorhängeschlosses durch einige der Kettenglieder und verschlossen das Schloß. Somit hatte ich einen dicken Knäuel verzinkte Stahlkett um meine Handgelenke, sicher 10 Kilogramm schwer. Danach banden sie noch ein Stück Kette um meine Fußknöchel und ließen zwischen meinen Füßen so viel davon übrig, dass ich nur noch ganz kleine Schritte machen konnte. Derart gefesselt, schafften sie mich in einem vergitterten Kleinbs in die Stadt. Warum sie nicht direkt vor das Gesundheitsamt gefahren sind, weiß ich nicht. Vermutlich hatten sie Freude daran, mit einem sichtlich so gefährlichen und gefesselten Mann wie ich es war, durchs Volk zu flanieren. Sie hielten jedenfalls in einer Art Siedlung. Dort musste ich austeigen. Zu viert und mit geöffneten Pistolentaschen, begleiteten sie mich von dort bis zum Gebäude des Gesundheitsamtes. Unser Weg ging an Supermärkten vorüber und quer über einen Schulhof, auf dem gerade Kinder tobten. Im Gebäude des Gesundheitsamtes gab es ein Wartezimmer. Es war voll leidender alter Leute. Als sie mich sahen, so völlig in Ketten gelegt und in Begleitung von vier grimmig blickenden uniformierten Wächtern, rückten sie alle in der hintersten Ecke des Raumes zusammen.
Als es schließlich so weit war, dass ich einem Arzt vorgeführt wurde, konnte der sich nicht überwinden, jemand wie mich überhaupt erst nach seinen Beschwerden zu befragen. Er wollte mich nur so rasch wie möglich wieder aus seinem Gebäude haben. Und so erklärte er mich, nach einem kurzen Blick in meine Augen, im Handumdrehen für kerngesund...-

„Wie viel hast du schon zu erwarten", hatte ich Dieter gefragt. „Du bist Bestattungsunternehmer und hast nur deine Arbeit getan“. Dieter legte seine Zigarette beiseite und sah mich an. „Dann versuche du mal dem Staatsanwalt zu erklären, dass zu dieser Arbeit auch das Verscharren von „Doppeldeckern“ gehörte“. Dieter hatte Recht. Das war einem Staatsanwalt nicht beizubringen. Dieter hatte in seinem Bestattungsunternehmen nämlich hin und wieder einen „Doppeldecker“ begraben. Ein „Doppeldecker“ ist ein Sarg, in dem zwei Leichen liegen, eine offizielle und eine inoffizielle. Will man einen Toten verschwinden lassen, gibt es keine bessere Möglichkeit, als ihn mit allen Ehren zu bestatten. „Der Staatsanwalt will wissen, wie ich an die Füllung für meine „Doppeldecker“ gekommen bin. Er will wissen, woher die zusätzlichen Leichen stammten. Was soll ich ihm darauf antworten? Etwa, das ich fünf Jahre lang die Überreste so ziemlich aller Auftragsmorde zwischen Hamburg und München entsorgt hatte“? Damit hatte Dieter natürlich Recht. Käme man dahinter, dass er tatsächlich die Überreste von Auftragsmorden beseitigt hatte, konnte man ihn unter Umständen wegen der Beihilfe zum Mord anklagen und dafür drohte Lebenslang. (Viele Leute glauben, lebenslang hieße 15, 20 oder 25 Jahre. Das ist nicht unbedingt wahr. Auch wenn ein Bundesverfassungsgericht den Menschen dieses Landes inzwischen weis machen will, lebenslänglich bedeute nicht lebenslang, so ist das in der Praxis nicht immer wahr. In der Praxis finden sich immer wieder juristische Kniffe, von Knackis "Gummiparagraphen" genannt, weil sie reckbar sind von Berlin bis Tokio, die es ermöglichen, eine lebenslange Strafe tatsächlich bis zum Lebensende dauern zu lassen. Die Tatsache, dass so mancher Lebenslängliche nach 15, 20 oder mehr Jahren auf Bewährung freikommen kann, ändert daran nichts. Viele von ihnen kehren aus den unterschiedlichsten Gründen wieder ins Gefängnis zurück und vollenden ihre lebenslange Freiheitsstrafe, bei anderen tritt ganz einfach Sicherungsverwahrung ein, die offiziell bis zum Lebensende dauern darf).

Und der kleine Albrecht, der Dritte der Belegschaft unserer Gemeinschaftszelle? Der hatte einige Einbrüche auf den Gewissen. Nichts Großartiges. Snack Bars, kleine Kneipen, Kioske und solche Sachen. Es waren keine großen Summen, die er dabei erbeutet hatte. Da er gerade erst neunzehn war, würde er vermutlich als Jugendlicher verurteilt werden. Somit hatte er nicht viel zu befürchten. Und ich? Wie immer, Betäubungsmittel. Handel mit 4, 6 Kilogramm Heroin. Das ergab, mit vier einschlägigen Vorstrafen, keine rosigen Aussichten. Mir drohten zwischen 20 und 25 Jahren mit anschließender Sicherungsverwahrung. (Die Sicherungsverwahrung ist ein juristischer Dreh mit dem man bewirken kann, dass jemand, der zu einer zeitlich begrenzten Freiheitsstrafe verurteilt worden ist, nach absitzen seiner Zeit doch nicht frei kommt.)

„Es ist beschämend, hier zu sitzen und zu warten, bis wir verdonnert werden“, zeterte Dieter wieder mal. „Sind wir erst abgeurteilt, schafft man uns in größere Vollzugsanstalten, aus denen nicht mehr zu flüchten ist“. Ich sah den kleinen Albrecht an. „Wie denkst du darüber? Kämest du mit“? Jawohl, Albrecht käme mit. Er wollte zu seiner Freundin, die ganz in der Nähe des Gefängnisses wohnte. Würde man ihn dort suchen, wäre er allerdings schnell wieder verhaftet. Aber irgendwie schien dieser Gedanke Albrecht nicht zu beunruhigen. Allerdings betonte er, dass die Polizei nichts von der Existenz seiner Freundin wusste. Wer weiß? Wie dem auch sei, jedenfalls durften Dieter und ich nicht in Albrechts Anwesenheit über unsere eigenen Reisepläne sprechen. Albrecht war einfach noch zu jung und es war wahrscheinlich, dass er nach einer erneuten Festnahme, schon aus purer Enttäuschung, plaudern würde. Deshalb unterhielten Dieter und ich uns während wir im Hofgang unsere Runden um die elende, gusseiserne Schwengelpumpe drehten.

Dieters Freundin Brigitte, sollte einen Wagen mieten und damit in der verabredeten Nacht beim Knast um die Ecke auf uns warten. Ihr Eintreffen sollte sie durch ein kurzes, verabredetes Hupsignal signalisieren. Bis 4 Uhr 30, bis zum Sonnenaufgang, sollte sie auf uns warten. Kämen wir bis dahin nicht, war etwas schiefgelaufen.

Die Frage, wie wir aus dem Gefängnis kämen, war schon vor Wochen geklärt worden. Der Zufall, hatte uns darauf gebracht. Oder besser, der kleine Albrecht war es, der uns mit seinem Putzfimmel und seinem Fimmel für Hygiene darauf gebracht hatte. An einem Samstag, an dem wir die Zelle zu reinigen hatten, hatte er einige schimmelige Stellen von der Toilettenwand gekratzt. Dabei war ihm aufgefallen, dass der Mörtel zwischen den Backsteinen mit den Jahrzehnten so weich geworden war, dass man ihn mit Hilfe eines gewöhnlichen Essmessers herauskratzen konnte. Es handelte sich um die Außenmauer des Gebäudes, die hin zur wenig befahrenen Straße zeigte. Dieter und ich hatten uns die Sache angesehen und jawohl, man konnte den Mörtel leicht zwischen den Steinen herauskratzen. Es ging so verblüffend einfach, dass wir uns wunderten, warum noch niemand vor uns auf die Idee gekommen war. Das Gebäude war schon über einhundert Jahre alt, war schon morsch und weich geworden.

Wir mussten nur so viel Mörtel aus der Wand kratzen, bis sich drei Backsteine entfernen ließen. Die anderen Backsteine könnte man dann aus der weichen Wand herausbrechen Wie kämen wir vom Loch im ersten Stock auf den Boden hinab?
Wir wollten einige unserer Wolldecken in Streifen reißen und daraus ein Seil knüpfen. Zur Not konnten wir auch springen, waren wir doch alle jung und sprunghaft genug dazu. Was bedeutete schon ein Sprung aus dem ersten Stock auf weichen Rasen, wenn man noch keine dreißig ist und es um die Freiheit geht?

Waren wir durch die Mauer gekrochen, mussten wir so schnell wie möglich auf die nächste Autobahn und Richtung Norden flitzen. Dieters Freundin hatte die Strecke vorbereitet. Dabei galt es, keine Minute zu verlieren. Wir mussten damit rechnen, dass man unmittelbar nach dem Entdecken unserer Flucht, auf und ab der Autobahn mindestens die nächsten zwei Auf – und Abfahrten kontrollieren würde.

Die Flucht sollte an einem Sonntagabend stattfinden, an dem die meisten Wachbeamten und auch die Polizeikräfte, zum Wochenende zuhause waren. Bis die alle wachgerüttelt und dienstbereit wären, hätten wir schon Vorsprung gewonnen.


Im Deutschen Strafgesetz gibt es keinen Paragraphen, der eine Flucht aus einem Gefängnis unter Strafe stellte. Flüchtet man aber, ist es schwer, nicht gegen andere, bestehende Paragraphen zu verstoßen. Beschädigt man beispielsweise während seiner Flucht etwas, zum Beispiel indem man ein Gitter durchsägt (oder eine Mauer durchschlägt…) wird man im Nachhinein wegen Sachbeschädigung bestraft. Flüchtet man in Gefängniskleidung, ist das Diebstahl und zieht eine entsprechende Bestrafung nach sich. Pervers wie unsere Strafgerichte sind, wird man bei einer solchen Bestrafung wegen Sachbeschädigung oder Diebstahl, verdeckt und insgeheim natürlich auch gleich wegen des Flüchtens an sich mit verurteilt. Man erkennt das bei entsprechenden Fällen an der Höhe der ausgeteilten Strafe…-
Am kommenden Mittwoch käme Dieters Freundin zu Besuch. Das wäre dann die letzte Möglichkeit, alles Nötige zu besprechen. Danach gäbe es vor dem geplanten Ausbruch keine Kommunikationsmöglichkeit mehr mit ihr.

Dieter wollte nach Dänemark, wo er Freunde hatte. Grenzübergänge wollte er mit einem gefälschten Reisepass überqueren. Dieter hatte Geld und gute Beziehungen. Immerhin hatte er noch stets Kontakt zu den Leuten, die einst für seine „Doppeldecker“ gesorgt hatten. Ich selbst, wusste eigentlich noch gar nicht so recht, wo ich nach der Flucht hinsollte. Fürs Erste hatte ich beschlossen, einige Zeit bei einer Freundin in der Nähe von Röthlingen zu verbringen. Von dort konnte ich zur Not auf Bernadettes Bauernhof ausweichen, eine weitere Freundin und ebenfalls in der Nähe von Röthlingen. Bernadette war Tierärztin. Dadurch konnte sie mir in Notfällen auch mit Btm - Rezepten aushelfen. Dann gab es in der Ecke auch noch den alten Dr. Reicher, ein Hausarzt mit lockerer Btm - Verschreibungsgewohnheit.

Der Mittwoch kam und Dieters Freundin Brigitte war zu Besuch. Als Dieter wieder vom Besuch zurück in unsere Zelle kam, hatten wir das Okay zum Start unserer Aktion.

Vier Tage später war Sonntagabend heran. Um 22 Uhr wurde das Licht in der Zelle gelöscht. Gegen 23 Uhr vernahmen wir von draußen Brigittes Hupsignal. Sie war zuverlässig eingetroffen.

Als Stelle für den Mauerdurchbruch blieb uns nur die Wand im Inneren der Toilettenecke. Alle anderen Stellen innerhalb der Zelle, konnten vom Türspion gut eingesehen werden.

Wir rollten einige Bettdecken zusammen und legten sie auf eine Weise in unsere Betten, dass es aussah, als lägen wir darin. Danach machten Dieter und ich uns an die Arbeit. Albrecht sollte unterdessen an der Zellentür kauern und auf Geräusche im Korridor lauschen.

Je tiefer wir beim Kratzen in die Wand vordrangen, desto härter wurde der verfluchte Mörtel. Es dauerte geschlagene eineinhalb Stunden, bis wir den ersten Stein aus der Mauer nehmen konnten. Es dauerte eine weitere halbe Stunde, bis der Zweite sich entfernen ließ. Danach versuchten wir, die Steine oberhalb der Öffnung herauszubrechen. Dabei stieß unser Kratzwerkzeug, unser Essmesser, plötzlich auf Metall.

Nachdem wir einige Brocken des Backsteins entfernt hatten, erkannten wir, dass genau über der Öffnung die wir bereits geschaffen hatten, ein Wasserleitungsrohr verlief. Es war die Zuleitung der beiden Waschbecken, die direkt vor dem Eingang zur Toilettenecke hingen. Also versuchten wir, die Öffnung nach unten hin zu erweitern. Es dauerte nicht lange und auch dort stießen wir auf Metall. Es war das Abwasserrohr, das von den beiden verfluchten Waschbecken zur Fallleitung in der hinteren Ecke der Toilette führte.

Es half nichts: Die einzige Stelle, an der wir den Durchbruch legen konnten, war zwischen den beiden Rohren. Der Abstand der beiden Rohre zueinander, betrug gerade etwa 35 bis 38 Zentimeter. Durch diese enge Öffnung müssten wir uns am Ende quetschen.

Verbissen, arbeiteten wir weiter. Als wir knapp über die Hälfte durchs Mauerwerk gebuddelt hatten, wurde der Mörtel wieder weicher.
Ich hatte gerade die gerundete Spitze des Essmessers gegen einen Spalt zwischen zwei Backsteinen geklemmt und mit dem Handballen von hinten auf den Messergriff geklopft, als mir das Messer mit singendem Klang aus der Hand flog und im Nichts verschwand. Gleich darauf fühlte ich die kühle Brise von Außenluft an meiner Wange. Das Messer war durch den äußeren Verputz der Mauer geflutscht und ins Freie gefallen. Folglich musste nun schon von außen ein Loch in der Wand zu sehen sein. Bevor wir weiterarbeiteten galt es, zuerst das Seil zu knüpfen. Wir rissen die alten, braunen Wolldecken der JVA in Längsstreifen und verknoteten sie. Auf diese Weise erhielten wir ein zwar wüst aussehendes, aber dann doch einigermaßen stabiles Seil von etwa 6 Metern Länge.

Während wir uns noch in der Zelle befanden, wollten wir nicht, dass draußen von der Straße schon ein Loch in der Wand zu sehen wäre. Wir versuchten deshalb, die Öffnung in der Wand im Gebäudeinneren so auszuweiten, dass wir am Ende die restlichen Steine alle auf ein Mal ins Freie stoßen konnten. Das erforderte viel anstrengende Kleinarbeit. Unsere Hände bluteten bereits von Rissen und Schnitten, dir wir uns an den gebrochenen Kanten der Mauersteine zugezogen hatten. Doch wir hatten keine Zeit, großartig darauf zu achten. Würden wir gefasst, noch bevor die Flucht gelänge, wären die Folgen weit schmerzhafter als einige oberflächliche Verletzungen der Haut.

Schließlich war es soweit. Wir wussten, dass wir mit einem kräftigen Tritt genügend Steine von der Außenseite der Wand treten konnten, um danach durch die entstandene Öffnung ins Freie zu kriechen. Wir arbeiteten noch eine Stelle an der untersten Seite des Abflussrohres frei, damit wir unser improvisiertes Seil um das Rohr binden konnten. Als wir überzeugt waren, dass unser Seil hielte, steckte ich einen Fuß in die Maueröffnung. Ich winkelte mein Bein ab und stützte mich mit beiden Händen an der gegenüberliegenden Wand des Toilettenverschlages ab. Dann trat ich mit aller Kraft zu. Es ging leichter, als ich erwartet hatte. Mein Fuß flog geradezu durch den Rest der Wand und hing im Freien.

Damit wir auch problemlos hindurch passten, brachen wir noch rasch in hektischer Kleinarbeit einige störende Stücke aus der Öffnung. Dann ging Dieter zuerst durch das Loch. Kaum fühlten wir, dass das Seil wieder schlaff geworden war, verschwand Albrecht durch die Mauer. Ich ging als Letzter. Elend eng, war das Loch. Zu allem Überfluss hakte auch noch die vordere Öffnung meiner blauen Arbeiterhose am Zacken eines gebrochenen Backsteins fest. Für einen schauerlich langen Moment hatte ich gedacht, ich könne weder nach vorne, noch zurück und müsse warten, bis mich am Morgen die Feuerwehr befreite. Ich strampelte und bog mich so weit ich konnte. Dann fiel ich kopfüber ins Freie. Dabei hielt ich mit allen Kräften am Seil fest. Dadurch gab es einen Ruck am Seil, dass ich befürchtete, das Abflussrohr, an dem es befestigt war, würde brechen. Doch es hielt. Als ich unten auf dem Rasen stand, hörte ich Dieter rufen. Um die Ecke wartete, wie verabredet, Brigitte mit einem Leihwagen, einem guten alten Audi 100.

Langsam, still und leise setzte unser Wagen sich in Bewegung. Es war 3:45 Uhr. 45 Minuten vor Sonnenaufgang...-

Nachdem wir einige Straßen innerhalb der Ortschaft hinter uns gebracht hatten, kamen wir am Hause von Albrechts Freundin an. Wir ließen Albrecht aus dem Wagen. Zeit für großartige Abschiedsrituale hatten wir keine. Wir wünschten dem Jungen rasch alles Gute und fuhren weiter, in Richtung Autobahnauffahrt.

Dieter steuerte den Wagen, seine Freundin saß neben ihm auf dem Beifahrersitz und ich hatte mich, damit ich von außen nicht gesehen werden konnte, flach auf den Rücksitz gelegt. Damit war der Wagen augenscheinlich nur mit einem Paar besetzt und entsprach somit nicht dem Raster, mit dem man bals nach uns fahnden würde. Erst nachdem wir die Autobahnauffahrt erreicht hatten und zügig mit 180km/h dahinfuhren, ließ meine Spannung ein wenig nach. Ich schlief für einige Minuten. Brigitte war ein Schatz. Sie hatte doch glatt daran gedacht, zwei Flaschen „Shivas Regal“ mitzubringen.

Gegen 9 Uhr morgens, wir waren bereits Hunderte Kilometer von F. entfernt, hörten wir im Autoradio die Nachricht über unsere Flucht. Wir hörten, dass vergangene Nacht einem „Mitglied der Mafia“, einem „Anführer eines Rauschgiftringes“ und einem „notorischen Einbrecher“, die Flucht aus der Jva F gelungen sei. Auf diese Nachricht hin, nahmen wir einen tiefen Schluck aus der Whiskeypulle.

Gegen 11 Uhr erreichten wir einen Vorort Röthlingens. Monika schien gar nicht überrascht zu sein, als ich so plötzlich vor ihrer Türe stand. Sie hätte mich insgeheim schon erwartet, sagte sie. Sie hatte nämlich die Nachrichten gehört…-

Ich verabschiedete mich von Dieter und Brigitte. Ich sollte die Beiden nie wieder sehen. Wie es den Anschein hatte, war der weitere Verlauf ihrer Flucht erfolgreich. Jedenfalls hatte ich nie etwas davon gehört, dass Dieter wieder festgenommen worden sei.

Monika arbeitete drei Tage der Woche in einem Sexclub der nahegelegenen Großstadt. Dort verdiente sie nicht schlecht. Jedenfalls genug, um ihren Morphinismus zu finanzieren und einiges mehr...-

Monika kramte kurz im Küchenkasten und trat danach mit einem Specksteinschüsselchen voll braunem Pulver, zwei sterilen Einmalspritzen und einem Tütchen mit der Aufschrift „Ascorbinsäure“ wieder an den Tisch. Monika wusste genau, ohne dass ich darüber auch nur ein Wort verloren hatte, wonach mir in erster Linie der Sinn stand. Nach der Injektion legten wir uns zu Bett und kamen, abgesehen zu einigen erneuten Injektionen, erst am nächsten Morgen wieder daraus hervor.

Am nächsten Morgen sah ich in den Fernsehnachrichten Bilder des Lochs, das wir in die Hauswand der Jva F. gebuddelt hatten. Es war keine schlechte Verwüstung. Das Gebäude sah aus, als wäre es von einer Panzergranate getroffen worden. Zum Schluss des Berichtes erschien der Justizminister (oder wars der Innenminister? Ich erinnere mich nicht mehr…) des Bundeslandes. Von ihm erfuhr ich, dass man nach dem gelungenen Ausbruch dreier „Schwerstverbrecher“, die Jva von F. entgültig schließen würde. Die Bausubstanz sei schon so morsch geworden, dass das Gebäude nicht mehr als Gefängnis dienen konnte. In den kommenden Tagen leerte man das ganze Gefängnis. Die Bausubstanz wurde unter Denkmalschutz gestellt und das Gebäudeinnere umgebaut, um fortan als Asylantenheim zu dienen. Nichts, freute mich an diesem Tage mehr, als die Nachricht vom Schließen der elenden Jva F..


Mittwochmorgen hörte ich in den Nachrichten, dass Albrecht wieder festgenommen worden war. Der junge Esel wurde auf dem Wege zum Zigarettenholen von Anwohnern erkannt. Sie hatten ihn festgehalten und die Polizei verständigt. Wie gut, hatten Dieter und ich doch daran getan, in seiner Anwesenheit ie über unsere weiteren Pläne zu sprechen. Nun würde Albrecht in die große Jva S. in M. gebracht werden. Ein kleiner Trost wird ihm sein, dass die Gefangenen dort ihn feiern werden, als einen der Drei, denen das entgültige Schließen der ekelhaften Jva von F. zu verdanken war.
JVA von F. zu verdanken war.

Am Mittwochnachmittag fuhr ich zusammen mit Monika zu Dr. Reichers Praxis. Es überrascht mich immer wieder, wenn ich Menschen treffe, die sich tatsächlich darüber freuen, mich zu sehen. Dr. Reichert war ein solcher Mensch. Er hörte kaum mehr auf, meine Hand zu schütteln. Morphium? Freilich. Hatte er nicht etwas davon irgendwo in seinem großen weißen Stahlblechschrank mit den verschlossenen Milchglastüren? Aber ja. Schon hatte er 120 alte Ampullen mit je 20mg Morphiumhydrochlorid zur Hand. Sie waren schon etwas alt. Vier Jahre über ihrem Verfallsdatum, um genau zu sein. Dr. Reichert hielt eine der Ampullen gegen das Licht des Fensters. „Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte er. „Die sind noch so gut wie am ersten Tag. Solange die Flüssigkeit in der Ampulle nicht getrübt ist, ist sie noch zu gebrauchen“.

Zum Schluss bat ich den alten Herrn noch um ein Notrezept für einige Morphiumampullen. „Datieren Sie es für drei Wochen im Voraus“, sagte ich, weise in die Zukunft blickend. Irgendwie hatte ich im Urin, dass ich die Dinger so um diese Zeit dringend brauchen würde…-


Fortsetzung: Regnerische Zeiten

Alle Rechte:
INTRACEREBRAL
Die Morphinistenseite



Nach oben