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KARLOS & Co. ERZÄHLUNGEN & KURZGESCHICHTEN:
Knast Storys, Sucht & Szenen Geschichten, überwiegend von Karlos, Fantasie begabter Erzähler, pessimistischer Visionär, grundsätzlicher Misanthrop, Gelegenheits-Philanthrop und Initiator der Morphinistenseite...-


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JVA Landsberg



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I N H A L T 

Eingang

In der Festung

Die Anstaltsschneiderei

Günters Tod

Der heiimliche Pfaffe

Sicherheitsbeamte Peters

Rolands Selbstmord

Mein Abgang



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E I N G A N G 

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Die ehemalige Festung Landsberg am Lech, ist heute eine Justizvollzugsanstalt für erstmalig bestrafte Erwachsene mit Haftstrafen von einem Jahr bis zu zehn Jahren. Früher galt das Gebäude noch als Festung, in der man "Festungshaft" verbüßte. So, wie es früher auch Zuchthäuser gab in denen man Zuchthausstrafen absaß. Die Unterschiede zwischen Festungshaft, Zuchthausstrafe und gewöhnlicher Gefängnisstrafe, lagen im jeweiligen Regime.

Der wohl berühmteste Insasse der ehemaligen Festung Landsberg am Lech, war zweifelsohne Adolf Hitler, der dort wegen seines gescheiterten Putschversuchs zu München eine fünfjährige Freiheitsstrafe abzusitzen hatte. Davon hatte er wohl neun Monate abgesessen und hatte in dieser Zeit mithilfe politisch Gleichgesinnter, wie etwa Rudolf Hess, sein politisches Manifest, das völlig unleserliche Buch "Mein Kampf" geschrieben. Dies ist eine Erzählung aus dem Landsberg am Lech heuetiger Tage, über Geschehnisse, die Ende der 70er Jahre spielten...-



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I N   D E R   F E S T U N G 

L.a.L. ist eine Haftanstalt mit Tradition. Selbst Adolf Hitler, hat hier schon gesessen und, nachdenklich über seinen Bürstenbart streichend, sein unleserliches Buch “Mein Kampf” geschrieben. Es ist ein unleserliches Buch, man glaube mir. Ich habe es gelesen, oder wenigstens hatte ich einigemale versucht, es zu lesen. Adolf Hitler selbst und einige seiner Parteigetreuen, wie Rudolph Hess und der Parteiphilosoph Rosenberg, hatten an dem Buch mitgewirkt. Jeder Schriftsteller, der dieses Buch noch vor der Machtergreifung in die Hände bekam, konnte sich anhand des schrecklichen Stils dieses Werkes an zwei Fingern abzählen, die Welt würde in einen Abgrund gerissen, kämen diese Menschen, die solch schlechte Bücher schrieben, jemals an die Macht….-

Das Hauptgebäude der Justizvollzugsanstalt L.a.L. stammt noch aus den Zeiten deutscher Kaiser. Es ist ein sogenannter Stern- oder Kreuzbau. Ein Gebäude also, mit den vier Flügeln eines Kreuzes.

Als ich den Kleiderwechsel und die Aufnahmeprozedur hinter mir hatte, betrat ich das kreuzförmige Hauptgebäude. Der Anblick des vier Stockwerk hohen, hohlen und hallenden Innenraumes war so bedrückend, dass mir für Augenblicke der Atem stockte. "Hier fühlt es sich aber gar nicht gut an“, dachte ich, während ich mich umsah und die Luft des Ortes schnupperte. "Auch riecht es hier nicht gut. Es riecht nach Stumpfsinn, nach unsinnigem Drill, nach Apathie und tödlicher Langeweile..."

In der Mitte des kreuzförmigen Baues stand die Wachzentrale, ein einstöckiger Turm mit gläserner Kuppel. Über dieser gläsernen Kuppel des Turmes, wölbte sich die weit größere und ebenfalls gläserne Kuppel des Hauptgebäudes. Im Erdgeschoss stehend, ging mein Blick vier Stockwerke hoch, bis unter die Decke. Schmale Gänge mit Rohrgeländern und Böden aus Gitterrosten, verliefen in jedem Stockwerk um das gesamte Kreuz dieses Gebäudes. Stand man oben auf einem dieser Gänge, fiel der Blick auf einer Seite auf die Zellentüren und auf der anderen Seite hinab in die Tiefe und auf die braunen steinernen Fliesen am Boden des Erdgeschosses. Schon so mancher Gefangene hatte auf diesen Steinfliesen sein Leben beendet, nachdem er sich kopfüber aus einem der oberen Stockwerke in die Tiefe gestürtzt hatte.

Bis in diesem Haupthaus eine Zelle frei würde, wurde ich in einer der Zugangszellen im Keller untergebracht. Diese Zugangszellen waren für vier Leute eingerichtet. In der Zelle, die ich betrat, befanden sich bereits drei. Wir begrüßten einander und machten uns miteinander bekannt.

Günter, hieß einer dieser Dreien. Günter saß zwei Jahre wegen Betrugs. Er hatte sich in betrügerischer Absicht als Steuerberater ausgegeben und den Leuten das Fell über die Ohren gezogen.
Es gibt den Typus des Betrügers. Dem sitzt das Betrügen dermaßen im Blut, dass es ihm so natürlich erscheint wie Atmen. Kaum machen solche Menschen den Mund auf, schon lügen und manipulieren sie darauf hin, ihr Gegenüber in einer Weise zu übervorteilen, die nicht nur gegen die Moral, sondern oft auch gegen Gesetze verstößt. Solche Leute können nicht anders, als betrügen. Sie sind eben so und betrügen somit in aller Unschuld...

Günter war nicht nur ein eingefleischter Betrüger, er war, wie bei Betrügern oft der Fall, auch ein leidenschaftlicher Spieler. Ständig gebrauchte er Worte wie: “Pascal”, “systematisch” oder “Wahrscheinlichkeitsrechnung”. Wie die meisten Spieler, hatte auch Günter sein “totsicheres" Spielsystem. Dazu gehörte es, dass er siebenunddreißig kleine, von null bis Sechsunddreißig durchnummerierte Kugeln bei sich trug. Achtzehn dieser Kugeln waren rot, achtzehn schwarz und die Kugel mit der Null war weiß. Wer jemals Roulette gespielt hat weiß, dass dies die Zahlen und Farben eines Rouletts sind.

Diese Kugeln gab Günter in eine alte Socke. Darin schüttelte er sie und holte danach mit spitzen Fingern und ohne hinzusehen eine der Kugeln aus der Socke hervor. Er schrieb Nummer und Farbe der gezogenen Kugel in ein blaues Schulheft und wiederholte den Vorgang. Damit war Günter den ganzen Tag beschäftigt. Einen ein Meter hohen Stapel blauer Schulhefte, hatte er auf diese Weise schon vollgekritzelt. Sobald er wieder frei sei - so erzählte er - würde er sofort in das nächste Kasino rennen und dort am Roulett Tisch in dem gleichen Rhythmus spielen, in dem er die ganzen Monate im Gefängnis über seine Kugeln aus der Socke gezogen hatte. Sah Günter beispielsweise anhand der Notizen in seinen blauen Schulheften, dass die Kugel mit einer bestimmten Nummer lange nicht aus der Socke gezogen worden war, ging er davon aus, dass sie dann am Roulett – Tisch aller Wahrscheinlichkeit nach bald fallen müsse. Auch war das Verhältnis der Kugeln aus Günthers Socke zu der Kugel am Roulett – Tisch noch so undeutlich, Günter schien es glasklar, mathematisch fest untermauert und unwiderlegbar...

Mit der Zeit gelang es Günter, noch jeden in seiner Umgebung von der Effizienz seines Spielsystems zu überzeugen. Griffen seine Argumente nicht, redet er einfach so lange auf einen ein, bis man ihm schon aus purer Erschöpfung Recht gab. Ich allerdings, ließ mich nicht so leicht von der Vorzüglichkeit dieses Spielsystems überzeugen, weshalb Günter mir vorwarf, ich sei unfähig wissenschaftlich zu denken. Ich hörte mir seinen Zinnober zum soundsovielten Male an und eröffnete ihm dann die kluge Erkenntnis: “Was deinem Spielsystem fehlt, ist eine grundsätzliche und direkte Verbindung zwischen den Kugeln und deinem Biorhythmus. Um diese Verbindung herzustellen, mußt du deine Kugeln schlucken und nachsehen, in welcher Reihenfolge du sie wieder auskackst. Erst dann wäre dein System durch und durch verwissenschaftlicht und durch nichts mehr zu erschüttern.” Darüber hinaus, wünschte ich Günter alles Gute und viel Glück für später, draußen dann, im Kasino. (Günter würde allerdings nie Gelegenheit bekommen, sein Spielsystem in einem Kasino zu erproben. Er soll in diesem Gefängnis ermordet werden...)

Ein anderer Gefangener in meiner Zugangszelle hieß Robert. Robert und ich kannten uns schon aus der Zeit der Untersuchungshaft in S.Auch ihn konnte man in gewisser Weise einen Glücksspieler nennen. Einen Glücksspieler allerdings, der sein letztes Spiel eindeutig verloren hat. Robert wurde eines Abends in einer Diskothek seines Heimatortes von einem Provokateur des Landeskriminalamtes angesprochen. Der Mann gab sich als Freund des Opiats aus und behauptete, er wolle ein Pfund Heroin kaufen. Nun hatte Robert zwar kein Heroin, aber dafür jede Menge Geldsorgen und so ließ er sich auf die Geschichte ein. Robert war im Vorteil, denn er wusste, dass sein Gegenspieler von der Polizei war. So besorgte er sich ein Pfund Mehl, rührte, um die richtige Duftnote zu erzielen, ein wenig Essig hindurch und verkaufte dem Polizisten das gesäuerte Mehl als Heroin. Bevor die Gimpel dahinter kommen, hatte Robert gedacht, dass ich ihnen nur einen Sack Mehl angedreht habe, bin ich mit der Kohle längst über alle Berge. Doch beim Überreichen des Mehlsacks und der Entgegennahme des Geldes, (40000 DM) stürzten plötzlich ein Dutzend als Normalbürger vermummte Kriminalbeamte aus den Schatten und legten Robert Handschellen an. Jetzt dachte er: Wenn die dahinter kommen, dass ich ihnen einen Sack Mehl verkauft habe, bin ich morgen wieder auf freiem Fuß und gehe auf die Geschichte einen trinken. Die Gegenseite sah das allerdings anders. Man nahm Robert erst in Untersuchungshaft und verurteilte ihn einige Monate später wegen eines Vergehens gegen das BtmG und zusätzlich wegen Betrugs zu mehreren Jahren Gefängnisstrafe. Robert war ein besonders guter Schachspieler. Täglich vierzig Partien, verlor ich im Durchschnitt gegen ihn. Darüber ärgerte ich mich so sehr, dass ich innerhalb von 3 Wochen zu einem der besten Schachspieler der Anstalt wurde...

Der Dritte Mann in unserer Zugangszelle hieß Hans. Hans musste für die Dauer eines Jahres sitzen, weil er seiner geschiedenen Frau die Unterhaltszahlungen nicht gezahlt hatte. Hans musste in dieser Zelle möglichst den Mund halten. Tat er ihn auf, begann er sofort mit schrecklichen Schimpftiraden auf seine Geschiedene. Es war nicht auszuhalten. Günter hatte ihm bereits Prügel angedroht. “Wenn du jetzt noch einmal die Schnauze wegen deiner Alten auftust”, hatte er zu Hans gesagt, “dann schlage ich sie dir auf der Stelle wieder zu, das verspreche ich dir”!

Einen Monat, verbrachte ich mit den Dreien in der Zugangszelle. Dann wurde ich eines Morgens abgeholt. Meine Sachen zu einem Bündel geschnürt unterm Arm, marschierte ich hinter einem Beamten her in den ersten Stock des Haupthauses. Dort betrat ich die Zelle mit der Nummer 114. Fast alle Zellen im Hauptgebäude von L.a.L. waren Einzelzellen. So auch meine. Es war die im modernen deutschen Strafvollzug übliche Einzelzelle. Stellte man sich in ihre Mitte, breitete beide Arme aus und winkelte einen Arm ab dabei, berührte man mit dem Ellenbogen des abgewinkelten Armes eine Seitenwand und mit den Fingerspitzen des anderen die andere. Die Länge der Zelle maß, je nachdem wie weit man ausschritt, vier oder fünf Schritte. An einer der Stirnseiten befand die Zellentür sich, an der anderen, ein Stück über Kopfhöhe, ein kleines vergittertes Fenster. Aus dem Fenster zu sehen, lohnte sich nicht. Die Außenmauer der Zelle war so dick, dass man mit einem durch die Gitter gestreckten Arm nicht darüber hinaus greifen konnte. Dadurch ging der Blick nur geradeaus und fiel auf die ziegelrote Backsteinmauer eines Nebengebäudes. In der linken hinteren Ecke der Zelle hing ein schmaler
Schrank. Davor, ragten zwei Betonplatten mit jeweils einer aufgeschraubten Holzplatte aus der Wand. Eine davon befand sich in Sitzhöhe und stellte die Sitzgelegenheit dieser Zelle dar, die andere Platte, ein wenig höher, bildete den Tisch. Links neben der Tür stand, frei im Raum, die Toilettenschüssel. Daneben hing ein kleines Handwaschbecken mit poliertem Blechspiegel darüber. Das Bett mit der durchgelegenen Schaumgummimatratze war rechts. Es bestand aus einer großen Spanholzplatte, die auf zwei aus der Wand ragenden Betonplatten festgeschraubt war. (Man vergebe mir diese langatmige Schilderung des Zelleninnern…)

Ich überzog die Matratze und räumte meine Sachen in den Schrank. Ich war jetzt nicht mehr in Untersuchungshaft, sondern in Strafhaft, und somit zur Arbeit verpflichtet. Ich wurde deshalb kurze Zeit später zum Arbeitsinspektor geholt. Der Arbeitsinspektor, ein jovialer Mann, fragte, “Was können sie?” –“Nichts”, antwortete ich: “Das trifft sich ausgezeichnet”, meinte daraufhin der Arbeitsinspektor, “dann arbeiten sie von nun an in der Anstaltsschneiderei...”

Am nächsten Morgen Gegen sechs Uhr, riss mich das haarsträubende Blöken eines elektrischen Signalhorns aus dem Schlaf. Erschrocken, fuhr ich hoch und zog mich an. Es war mein erster Arbeitstag und ich sollte bereits um sieben in der Anstaltsschneiderei sein. Rasch, machte ich einen besonders starken Kaffee und versank, während ich trank, in Gedanken. Acht Monate hatte ich bereits in Untersuchungshaft verbracht. Damit blieben mir von meinen sechsunddreißig Monaten gerade noch achtundzwanzig. Achtundzwanzig Monate ist nicht die Welt. Vielleicht gelingt es mir sogar, hier in dieser Anstalt etwas zu lernen. Etwas, das man später gebrauchen könnte. Wenn ich mich in dieser Schneiderei ein wenig umsah, könnte ich lernen, in Zukunft meine Anzüge selbst zu schneidern und wenn es sein muss, sogar aus Bettlaken. Wie ich so in Gedanken vertieft saß, kam der joviale Arbeitsinspektor vorbei und zeigte mir den Weg zur Schneiderwerkstatt...



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D I E   A N S T A L T S S C H N E I D E R E I 

Die Schneiderwerkstatt machte einen freundlichen und gemütlichen Eindruck. Der Raum von der Größe eines geräumigen Wohnzimmers, wurde durch vier große Fenster gleichmäßig erleuchtet. In der Mitte standen acht Industrienähmaschinen und links des Einganges ein Arbeitstisch, auf dem in einem Ständer ein gewaltiges Bügeleisen dampfte. Neben dem Arbeitstisch, lärmte ein besonders übel aussehendes Gerät. Eine Stopfmaschine, wie ich erfuhr. Werner, ein Flugzeugingenieur aus Hannover bediente sie. Er stopfte damit die löchrigen Socken der gesamten Belegschaft. Das Büro des Chefs, des Beamten und Schneidermeisters Ludwig, war durch ein Fenster mit der Werkstatt verbunden. Meister Ludwig, ein Mann Anfang Vierzig, mit sympathischem Lächeln und einer links gescheitelten und aus Mangel an Haaren kitzekleinen Frisur, trat aus seinem Büro hervor und gab mir die Hand. “Haben sie schon mal mit einer Nähmaschine gearbeitet?” – wollte er wissen. “Nein“ antwortet ich. „Noch nie“.

Meister Ludwig wies auf einen freien Platz und erklärte, nachdem ich mich gesetzt hatte, die Bedienung einer Nähmaschine. Danach drückte er mir ein Stück Stoff in die Hand und sagte: “Hier. Legen sie mal los”. Vorsichtig, legte ich den Stoff unter die Maschine. Misstrauisch, tippte ich auf ihr Fußpedal. Sofort ratterte die Industrienähmaschine mit teuflischer Geschwindigkeit und gewaltigem Lärm los. Ich erschrak und nahm hastig die Hände von der Maschine. Ich nahm den Fuß vom Pedal und sah erbost zu Meister Ludwig auf: “Das fasse ich nicht noch einmal an”, sagte ich, zornig vor Schreck. “Das ist mir viel zu gefährlich. Was, wenn ich mir damit über die Hand nähe?” Schneidermeister Ludwig lachte. Der Mann war schon seit vielen Jahren Chef dieser Anstaltsschneiderei und er kannte dies Zurückschrecken von Neulingen vor der Vehemenz einer Industrienähmaschine. Er wusste aber auch, dass es technisch fast unmöglich war, sich mit einer solchen Maschine über die Hand zu nähen. Dennoch sagte er, den Blick unschuldig zur Decke gerichtet und mit gespitzten Lippen: “Ja. Das kommt schon mal vor, dass man sich mit diesen Dingern über die Hand näht. Kürzlich erst, ist das einem passiert. Der hatte einen Augenblick nicht Acht gegeben und RATSCH, schon hatte er eine Zickzacknaht quer über seinen ganzen Handrücken. Wir mussten ihm hinterher die Fäden mit der Kombizange wieder aus der Pfote ziehen”. Die Arbeiter der Werkstatt, die bei Ludwigs Lügengeschichte aufmerksam zugehört hatten, sahen mich an und nickten bestätigend. Das gab mir den Rest. “Ich fasse das Ding nicht mehr an”, sagte ich entschieden und stand von der Nähmaschine auf. ”Sperren sie mich ein", sagte ich, "stellen sie mich gegen die Wand, tun sie mit mir was sie wollen, aber das Ding hier, fasse ich nicht mehr an”!

“Schon gut”, sagte Ludwig und lachte über meinen Zorn. Er zeigte auf einen freien Fensterplatz in der hintersten Ecke der Werkstatt: “Sehen sie den Fensterplatz mit der kleinen Haushaltsnähmaschine dort hinten in der Ecke? Setzen sie sich dorthin und fassen sie vor allen Dingen die Nähmaschine nicht an. Setzen sie sich hin, sehen sie aus dem Fenster, rauchen sie, lesen sie etwas und verbringen sie ihre Zeit so angenehm wie möglich. Ich bitte sie nur um eines: Sollte einer meiner Kollegen in die Werkstatt kommen, dann nehmen sie bitte irgendein Kleidungsstück zur Hand und tun sie so, als würden sie arbeiten”. Dieser Vorschlag gefiel mir. Überhaupt gefiel mir dieser Mann. Ich setzte mich also an den freien Fensterplatz zu der kleinen Haushaltsnähmaschine und sah von dort gelassen über die ganze Stadt und die angrenzende Landschaft hinweg...

In Meister Ludwigs Anstaltsschneiderei wurden hauptsächlich Gefängnisklamotten repariert: Blaue Arbeitsanzüge, graue Hemden, halbwegs weiße Unterwäsche und braune Socken. (Die Socken sind bemerkenswert. Sie haben keine Fersen, sind wie Schläuche und passen somit jedem Fuss...) Da aber der Wachbeamte Ludwig tatsächlich Schneidermeister war und ab und zu auch mal ein Häftling sich in die Werkstatt verirrte, der tatsächlich Nähen konnte, brachten die Beamten der Anstalt ihre Reparatur- und Änderungsarbeiten gerne in diese Anstaltsschneiderei. Doch Meister Ludwig war mit der schieren Zahl dieser Arbeiten überfordert. Deshalb hingen sie meist lange unbearbeitet auf einem Kleiderständer gleich neben der Tür.

Vier Wochen, hatte ich schließlich schon an meinem Fensterplatz gesessen. Kam ein Kollege Ludwigs zur Tür herein, hatte ich stets ein Kleidungsstück zur Hand genommen und eifrig so getan, als arbeitete ich.

Schließlich überkam mich die Langeweile. Als Meister Ludwig eines Tages irgendwo in der Anstalt unterwegs war, stand ich auf, ging zu dem Kleiderständer neben der Tür und nahm einen Pelzmantel herab. Ich hatte zwar noch nie mit einer Nähmaschine genäht, aber mit Nadel und Faden konnte ich umgehen wie kein zweiter. Ich nahm also den Pelzmantel mit in meine Ecke, sah ihn durch und fand im Pelz und im Innenfutter einen dreieckigen Riss. Konzentriert und mit der Zunge zwischen den Lippen, stichelte ich den Schaden weg. Danach hing ich den fertigen Pelzmantel wieder still an seinen Platz zurück...

Als Meister Ludwig in die Werkstatt zurückkam, machte ihn einer der Arbeiter auf den Pelzmantel aufmerksam. Neugierig nahm Ludwig den Mantel vom Ständer. Er betrachtete ihn und ein breites Grinsen überzog sein Gesicht. Außer ihm, gab es in dieser Werkstatt niemanden, der so nähen konnte. Mit dem Pelzmantel in der Hand, lief Ludwig aufgeregt die Reihen der Arbeiter ab und hielt Jedem den Mantel unter die Nase. “So. Genau so“, sagte er, „müsst ihr Nähen lernen. Seht euch nur diese Präzision an. Diese Naht sieht aus, wie mit der Maschine genäht”! Schneidermeister Ludwig war außer sich vor Freude, wußte er doch nun, dass er dort hinten am Fensterplatz, seit Wochen schon, still und unscheinbar, ein Nähgenie sitzen hatte.

“Das ist ja toll”, rief Ludwig aus. “Jetzt habe ich endlich jemand, der mir bei den vielen Privatarbeiten helfen kann.” Es war am Nachmittag dieses Tages, da Ludwig zum ersten mal von hinten an mich herangeschlichen kam, mir einen kleinen Stoß in den Rücken gab um mich aufmerksam zu machen und mir, verborgen vor den Blicken der Anderen, ein Päckchen Tabak zusteckte. Dabei flüsterte er: “Aber lass das bloß die Anderen nicht sehen”. Es freute mich,, Ludwig so guter Dinge zu sehen. Ich mochte diesen Mann.

Meister Ludwig, erzählte seinen Besamtenkollegen in der Anstalt, der Annahmestopp für Privatarbeiten sei nun vorüber. Nun könne man getrost wieder die Klamotten der gesamten Familie zu ihm bringen, denn nun hätte er ein Nähgenie in der Werkstatt sitzen...

Ich fühlte mich seit langem wieder so richtig wohl. Mit Schrecken, dachte ich zuweilen zurück an die Zeit meiner Untersuchungshaft in S. und an die Suchtstation H2. Aber mit Sympathie und Freude dachte ich dabei an Walter und Rudi, die beiden Freunde, mit denen ich die Zeit dort verbracht hatte. Was wohl aus denen geworden ist? - fragte ich mich häufig. Wie es denen wohl geht und ob sie noch in S. sind? – und ich nahm mir vor, bald an die Beiden zu schreiben...

Seitdem Ludwig von meiner Fertigkeit mit Nadel und Faden wusste, überhäufte er mich mit Arbeit. Ich saß den ganzen Tag über nur noch an den Reparaturarbeiten und nahm mir kaum noch Zeit für Zigarettenpausen. Und immer wieder kam es vor, dass Ludwig von hinten an mich herangeschlichen kam, um mir heimlich und mit einem Auge zwinkernd, ein Päckchen Tabak zuzustecken: “Aber lasse das vor allen Dingen die Anderen nicht sehen...”

Während ich meiner Arbeit nachging, hörte ich um mich her das Rattern von Nähmaschinen. Es kann doch nicht so schwierig sein, dachte ich schließlich, mit einer solchen Maschine zu arbeiten. Ich sah mir die kleine Haushaltsnähmaschine an, die seit langem schon unbeachtet vor mir stand. Dabei entdeckte ich, dass der obere Teil der Maschine sich zur Seite klappen ließ. Unter der Klappe wurden zwei Räder, mit kleinen Symbolen darauf, sichtbar. Auf einem dieser Räder waren die Abbildungen eines Hündchens zu sehen, eines Hauses, einer Blume und vieles mehr. Neugierig geworden, drehte ich an dem ersten Rad. Ich schob ein Stück Stoff unter die Maschine und tippte mit dem Fuß vorsichtig auf das Fußpedal. Diese Haushaltsnähmaschine kam nicht gleich mit solch mörderischer Geschwindigkeit in Gang wie die Industrienähmaschinen, sondern langsam und sachte summend. Mit vor Staunen gerundeten Augen entdeckte ich, dass das Maschinchen eine Linie kleiner Hunde auf den Stoff stickte. Ich drehte das Rad auf die Blume und siehe da, schon begann das Maschinchen Blumen zu sticken. Ich fummelte an dem anderen Rad und entdeckte, dass dadurch Länge und Breite der gestickten Abbildungen sich veränderten.

gestickten Abbildung sich veränderten waren.
Meister Ludwig stand Kopf vor Begeisterung. “Jetzt steht das Ding schon seit 15 Jahren unbeachtet dort hinten in der Ecke!” – rief er, “und kein Mensch ist jemals dahinter gekommen, dass man damit sticken kann!” Einige Tage später rollten die ersten Ballen Bettwäsche in die Werkstatt. Alle Welt, wollte plötzlich bestickte Bettwäsche haben. Ich bestickte sie gerne, lernte ich dabei doch mit Nähmaschinen umzugehen, wie kaum ein Zweiter. (Jetzt kann ich meine Anzüge selbst nähen und
wenn es sein muss, sogar aus Bettlaken...)

Mein Ruf als Sneider zog weite Kreise. Bald brachten auch Justizangestellte aus umliegenden Gerichtsbezirken ihre Sachen in Ludwigs Schneiderei. So sah ich mich schließlich, nicht ohne gewisse Überwindung, Anzüge und Roben von Richtern, Staatsanwälten und Gerichtsdienern nähen und die Abendgarderoben der gnädigen Ehefrauen noch obendrein. Bevor die Roben von Staaatsanwälten und Richtern allerdings bei mir in der Schneiderei eintrafen, mussten sie erst nebenan in der Wäscherei gewaschen werden. Dort machten die Gefangenen sich einen Spaß daraus, Nägel mit in die Waschmaschine zu geben, so dass oft schon nach dem ersten Waschgang nur noch zerrissene Streifen von Roben übrig waren. Es war eben keine gute Idee, Gefangenen die Pflege von Richter- und Staatsanwaltsroben anzuvertrauen…-


Ging ich zur Mittagspause in den Speisesaal im Erdgeschoss, kam es gelegentlich vor, dass Ludwig mich von Leuten aus der Werkstatt zurückrufen ließ: “Sagt ihm, er soll noch mal nach oben kommen und sein verdammtes Fenster schließen!” Kam ich dann nach oben, traf ich nicht selten auf einen lächelnden Ludwig der mir, knallrot vor Verlegenheit, eine Tüte Obst überreichte. “Hier”, sagte er bei solchen Gelegenheiten. “Iss das. Das ist gut für dich. Aber lasse es vor allen Dingen die Anderen nicht sehen”.

Nun landeten auch immer häufiger Uniformen des Wachpersonals auf meinem Arbeitstisch. Kehrten um 16 Uhr 30 die Gefangenen von der Arbeit in ihre Zellen zurück und blieben die Zellen dann bis zum nächsten Morgen verschlossen, ließ man nämlich im Haus die Hunde frei. Diese Hunde, große, wilde und äußerst undisziplinierte deutsche Schäferhunde, liefen dann die ganze Nacht frei durch die Gänge des Kreuzbaus. In ihren Betten liegende Gefangene hörten die Biester dann über die Gänge traben oder vor ihren Zellentüren kratzen und schnüffeln...

Diesen Hunden war es egal, ob jemand Uniform trug oder die Kleidung der Gefangenen. Sie kannten keine Obrigkeit und packten alles und jeden. Man sah es am Hundehausel, ein Gefangener, der die Hunde schon seit Jahren betreute und mit ihnen vertraut war. Selbst er, lief häufig mit dick verbundenen Armen einher...

Nun achtete nicht jeder Beamte stets auf den Zeitpunkt, an dem diese Hunde losgelassen wurden. Ich war es dann, der die zerfetzten Hosenbeine, Hosenböden und Ärmel der Uniformen flicken durfte. Nach der Reparatur, waren solche Uniformen eigentlich wieder ganz passabel. Nur mussten die Beamten sich gefallen lassen, dass ich ihnen die schmale, längliche Tasche im Innenfutter ihrer Uniformhosen, die für die Aufnahme eines Gummiknüppels gedacht war, grundsätzlich eisern zunähte...



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G Ü N T E R S   T O D 

Eines Tages, zur Mittagszeit, ich stand bereits im Erdgeschoss in der Reihe um Essen zu fassen, ließ mich Meister Ludwig wieder in die Werkstatt zurückrufen: “Sagt ihm, er soll noch mal nach oben kommen und sein verdammtes Fenster schließen.” Ich lief die kleine Wendeltreppe zur Werkstatt hoch und trat dort auf Ludwig, der mir die übliche Tüte mit Obst und einige Päckchen Tabak zusteckte. Und während ich die Waren entgegennahm, entstand unter mir, bei der Essensausgabe, Unruhe. Dort waren sich zwei Gefangene über ihre Reihenfolge in der Schlange der Wartenden in die Haare geraten. ”Ich war zuerst da!” - sagte der Eine. “Nein. Ich!” - rief der Andere. Schon wurden ihre Stimmen lauter. Dann flog Essgeschirre krachend durch die Gegend. Plötzlich griff einer der Streithähne zum Messer. Es war eines dieser lächerlich kurzen Schälmesser, mit seinem buntem Plastikgriff länger als seine Klinge. Ein Kartoffelschälmesser. Im nächsten Moment hatte einer der Streithähne das Messer in der Brust stecken. Rasch schwand da das animierende Klappern der Essgeschirre. Die Gefangenen, eben noch in lärmender Bewegung, verharrten still und schweigsam. Kein Laut, war mehr zu hören. Günter war es, der Junge mit dem "sicheren" Roulettsystem, der nun erschrocken auf seine Brust blickte. Tief, war das Schälmesser eingedrungen. Der hellblaue Kunststoffgriff stand gerade noch zwei Zentimeter daraus hervor. Vorsichtig, nahm Günter das hervorstehende Stück des Griffs zwischen Daumen und Zeigefinger und zog daran. Erst, blickte er staunend auf das blutige Messer in seiner Hand, als hätte er einen solchen Gegenstand noch nie zuvor gesehen. Dann ließ er das Messer zu Boden fallen. Noch bevor das Messer den Boden erreichte, brach dick wie ein Daumen, ein dunkelroter Blutstrahl aus Günters Brust hervor. Er hätte es wohl stecken lassen müssen, das Messer, denn es stak ihm mitten im Herzen. Mitten in dem Herzen stak es, das so sehr fürs Spiel geschlagen hatte. Belanglos nun, ob die Kugel jemals auf rot fallen würde oder auf schwarz. Belanglos auch, ob die Zahl gerade oder ungerade. Nie, würde Günter Gelegenheit finden, sein Roulettsystem in einem Kasino zu erproben. Er dachte vielleicht gerade noch – Oh Scheisse! Jetzt ist die Kugel auf die Null gefallen. Nun geht alles Geld an die Bank und ich habe alles verloren. Günther stürzte vor dem Tresen der Essenausgabe zu Boden und verblutete in nur wenigen Augenblicken. Er stieß seinen letzten Atemzug in etwa zum selben Zeitpunkt aus, in dem ich oben in der Schneiderwerkstatt, ein Stockwerk über dem Sterbenden, die Geschenke Ludwigs in meine Taschen stopfte...

Beschränkt sich das Dasein eines Menschen auf den kleinen Raum einer Gefängniszelle, neigt er verstärkt zur Häuslichkeit. Aus diesem Grunde begann auch ich meine Zelle wohnlich einzurichten. Dazu besorgte ich von anderen Gefangenen Ableger der verschiedensten Pflanzensorten und hegte und pflegte sie: "Hier noch ein wenig Wasser. Die dort in der Ecke wächst schnell. Sie muss bald gestutzt werden. Und die auf dem Tisch wächst noch rascher. Sie benötigt bald einen größeren Topf... ".

Bei den Homosexuellen der Anstalt, den so genannten “Bienen”, galt ich inzwischen als der “Karl Lagerfeld” der Anstalt. Alle, ließen sie bei mir arbeiten. Kaum brach Schneidermeister Ludwig zu einem seiner Rundgänge durch die Anstalt auf, schon schlüpfen die Bienen in die Werkstatt, um sich von mir Maß nehmen zu lassen: “Und vergiss nicht, die Taille extra zu betonen. Naja, du weißt schon – ”. Und jawohl, ich wusste schon...-

Bald wimmelte es in der Anstalt von Bienen in auffallend maßgeschneiderten Kostümen mit Wespentaillen, kunstvoll gefertigten Abnähern und so weiter... Tabak und Kaffee, empfing ich für solche Gefälligkeiten. Tabak und Kaffee, stapelten sich deshalb bald in meinem Schrank. Diese Artikel galten im Gefängnis als Währung und waren zuweilen mehr wert als Bargeld. Bargeld ließ sich zum Beispiel nicht rauchen und es taugte auch schlecht zum Anregen, morgens, vor der Arbeit. Geschäfte allerdings, egal welcher Art, waren in dieser Anstalt streng verboten...

Meister Ludwig hatte natürlich längst Wind vom Treiben seines Lieblings. Ihn freute es aber, wenn sein tapferes Schneiderlein durch Näharbeiten zu Beliebtheit und Wohlstand gelangte. Er sah sogar zu, wenigstens einmal am Tag nicht in der Werkstatt zu sein, damit ich ungestört meine Kunden empfangen konnte. Den übrigen Beamten blieb mein Treiben natürlich auch nicht verborgen. Wo kämen denn sonst all die Bienen in maßgeschneiderten Klamotten so plötzlich her? Doch die meisten dieser Beamten sahen ebenfalls weg, ließen sie doch alle selbst bei mir arbeiten. Nur einem, war mein Treiben ein Dorn im Auge. Nämlich dem Sicherheitsbeamten Peters. Seine Funktion war es, innerhalb der Anstalt für “Sicherheit und Ordnung” zu sorgen. In dieser seiner Eigenschaft, sorgte er alerdings viel eher für jede Menge Unsicherheit, Unordnung und Terror unter den Gefangenen...

Ein nicht zu befriedigender Tatendrang, sucht sich zuweilen Befriedigung auf recht groteske Weise. Manchmal macht er Gefangene regelrecht zu sonderbaren Käuzen. So polierten beispielsweise manche Häftlinge die Steinfliesen der Fußböden ihrer Zelle in jeder freien Minute mit Bohnerwachs auf Hochglanz. Betrat man die Zelle solcher Häftlinge, wurde man schon an der Tür aufgefordert, nicht einfach durch die Zelle zu laufen, sondern, damit der Glanz des Fußbodens erhalten blieb, auf die dort bereitliegenden Putzlappen zu treten und auf diesen durch die Zelle zu rutschen. Manche dieser armen Vögel trieben es noch bunter. Sie schnitten aus Pappkarton Schablonen in der Form einer Blume, eines Pferdes oder einer Rosette. Danach legten sie diese Schablone auf die Steinfliesen des Fußbodens, rieben Bohnerwachs darüber, und polierten mit einem Lappen so lange, bis die Abbildung der Schablone als in Wachs erglänzende Abbildung auf der Steinfliese sichtar wurde. Diese Leute legten nicht nur großen Wert darauf, dass man ihre Kreationen bemerkte, man musste sie vor allem auch ausgiebig bewundern. Betrat man die Zelle eines solchen Falles, sagte man deshalb gleich schon an der Türe, anstatt: “Guten Tag Max, wie geht es dir heute?” – weit besser, “Aber Max! Das hast du fein gemacht. Das hat dich doch sicher eine Menge Arbeit gekostet, nicht wahr?”




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D E R   H E I M L I C H E   P F A F F E 

Ein Neuer, war in der Schneiderwerkstatt erschienen. Ein Mann um die Sechzig, mit grauen, schütteren Haaren, Zähnen, gelb wie Zitronen, und stets von einem Geruch nach Leberwurst umgeben. Eberhart, hieß dieser Neue. Gerne, hätten wir Jungs aus der Werkstatt nun erfahren, weshalb Eberhart im Gefängnis saß. Doch fragte man ihn, wich er aus, oder er antwortete höchstens: “Das will ich euch jetzt noch nicht sagen. Lasst uns damit warten, bis wir uns ein wenig besser kennen”. Fragte man Meister Ludwig danach, blieben auch dessen Lippen verschlossen. Allerdings fiel mir auf, dass Ludwig dabei um seine Mundwinkel den Anflug eines Lächelns nicht verbergen konnte. Eberhart wurde während der Arbeitszeit auffallend oft vom Anstaltspfaffen Stör besucht. Fast täglich kam Stör in die Werkstatt. Dann setzte er sich neben Eberhart und flüsterte mit ihm... Meister Ludwig erzählte es mir während einer schwachen Stunde schließlich doch. Die Leser mögen es für einen groben Scherz halten, aber ich versichere, es ist die lautere Wahrheit: Eberhart war ein katholischer Priester, und wie solche Leute in sexueller Hinsicht nun mal sind, nämlich Schweine und jeglichen Vertrauens absolut unwürdig, hatte er ein Loch in seinen Beichtstuhl gebohrt, seinen Schwanz hindurch gesteckt und Frauen und Kinder aufgetragen, zur Vergebung ihrer Sünden daran zu fummeln und zu lutschen. Die weltliche Justiz zeigte wenig Verständnis, für Hochwürdens Absolutionsgewohnheiten. Sie verurteilte das christliche Ferkel zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung. Eines Tages hörte ich, wie Anstaltspfaffe Stör Eberhart zuraunte: "...aber Gott hat ihnen selbstverständlich längst vergeben, mein Sohn". Schäbige Götter, scheinen sie zu unterhalten, diese Katholiken. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass die Behörden auch mal Störs Absolutionstechnik unter die Lupe nähmen?



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S I C H E R H E I T S B E A M T E   P E T E R S 

Als ich eines Abends von der Arbeit in meine Zelle zurückkehrte, fand ich sie vor, als wäre ein Sprengsatz darin detoniert. Mein Schrank war leer geräumt, all meine Tabakpäckchen aufgerissen und der Inhalt über dem Boden verstreut. Alle meine Kaffeegläser waren geöffnet und der Kaffee auf den Boden geschüttet. Meine Bücher, waren auseinander gerissen worden, meine Briefe aus den Kuverts geholt und zerfetzt. Alles lag zerstört am Boden. Selbst meine Pflanzen lagen geknickt und zertreten am Boden und die Blumenerde aus den Töpfen lag über mein
Bett verstreut...

Ich lief zum wachabenden Beamten um mich zu beschweren. Dabei erfuhr ich, meine Zelle sei vom Sicherheitsdienst der Anstalt "ordnungsgemäß durchsucht" worden und diese Aktion sei nicht nur vom Sicherheitsbeamten Peters persönlich angeordnet worden, er sei sogar persönlich dabei gewesen... (Durchsuchungsaktionen solcher Art, sind in Justizvollzugsanstalten an der Tagesordnung...) Das Chaos in meiner Zelle, musste ich selbst wieder in Ordnung bringen. Tat ich es nicht, drohten mir bis zu zwei Wochen Isolation in der Strafzelle, einem dunklen Loch im Keller...

Der Sicherheitsbeamte der Anstalt hatte schon einige Zeit den Verdacht, ich vertriebe Betäubungsmittel in der Anstalt. Damit hatte er auch nicht ganz Unrecht. Ich verschenkte gelegentlich Morphium- oder Kodeintabletten, die Meister Ludwig mir zu stak. Ludwig hatte von einem Autounfall her chronische Schmerzen. Deshalb hatte er in seinem Büro opioide Schmerzmittel im Überfluss in seiner Schublade liegen. Weil er einmal den Verdacht gehegt hatte, ich würde in der Anstalt von anderen Leuten solche Tabletten mit Kaffee und Tabak erkaufen, war er zu dem Schluss gelangt, dass es besser sei, er gäbe mir solche Sachen umsonst. Er war ein feiner Mensch, unser Schneidermeister Ludwig...-

Als eines Tages Sicherheitsbeamte Peters und ich einander im Gang begegneten, raunte Peters mir zu: “Dich kriege ich auch noch, verlasse dich darauf”. Schon am selben Abend, fand ich meine Zelle wieder zerstört vor. Von Rechts wegen, müsste ich den Sicherheitseamten Peters töten. Ich war groß und kräftig. Es wäre mir ein Kleines gewesen, in einem Augenblick der Überraschung den Mann beim Kragen und beim Hosenboden zu packen und ihn im 3. Stock über das Geländer in die Tiefe zu schleudern. Aber tötete ich ihn, käme ich nie wieder hier raus...-

In dieser Anstalt wurde die Post, während man zur Arbeit war, in der Zelle aufs Bett gelegt. Dort fand ich eines Tages zwei Briefe vor. Einen von Walter und einen von Rudi, meine beiden Kumpel aus der Zeit meiner Untersuchungshaft auf der Suchtstation H2 in S.. Als ich die Briefe allerdings zur Hand nehme, waren die Umschläge leer. Aber ein Stempel war darauf zu sehen. Ich las: “Beschlagnahmt! Inhalt gefährdet die Sicherheit und Ordnung der Anstalt”. Gegen solcherlei Beschlagnahme meiner Post, konnte ich mich beschweren. Dazu benötigte ich einen so genannten “Beschwerde fähigen, schriftlichen Bescheid” der Anstaltsleitung. Diesen Bescheid beantragte ich. Sechs Wochen vergingen, bis ich ihn endlich in Händen hielt. Damit hatte ich nun die Möglichkeit, mich mit meiner Beschwerde an die „Schiedskommission der Justizvollzugsanstalten“ zu wenden. Vier Monate sollten vergehen, bis ich in dieser Sache fünf gut gekleideten und äußerst gelangweilten Herren gegenüber sa. Ich war inzwischen in eine andere Anstalt gebracht worden und musste einsehen, dass durch diese Velegung, meine Beschwerde gegenstandslos geworden war.

Von nun an, fand ich nur noch mit Beschlagnahmestempel versehene leere Briefumschläge auf meinem Bett. Selbst Briefe, die ich versenden wollte, fand ich am Abend leer und mit Beschlagnahmestempel versehen auf meinem Bett wieder. Ich konnte somit, außer mit meinem Anwalt, keinen Postverkehr mehr mit der Außenwelt unterhalten... Beschlagnahmte Poststücke müssten einem Gefangenen bei seiner Haftentlassung ausgehändigt werden. Ich jedoch, sollte meine nie zu Gesicht bekommen...

Und wieder, fand ich meine Zelle zerstört vor. Diesmal erzählte ich Ludwig davon. Ludwigs Gesicht wurde rot. Wütend, stemmte er sich aus seinem Sessel und stammelte: “Das ist doch die Höhe”. Er ergriff seine beiden Krücken und steltzte erzürnt zur Tür hinaus und ins Haupthaus...

Was Ludwig dort eigentlich getan hatte, sollte ich nie erfahren. Hatte er vielleicht ein Gespräch mit Sicherheitsbeamte Peters? Peters jedenfalls, sollte mich von diesem Tag an nicht mal mehr ansehen. Es schien, als wäre dem Mann ein Stecker gezogen worden. Kein Wort traf mich mehr, kein Blick, überhapt kein Kontakt mehr, nichts. Stecker raus, Leitung tot...



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R O L A N D S   S E L B S T M O R D 

Mich belästigte Sicherheitsbeamte Peters nicht mehr. Dafür aber jeden anderen Gefangenen, der mit mir umging.

An den Nachmittagen arbeitsfreier Tage, an Samstagen, Sonn- und Feiertagen, fand in der Anstalt der sogenannter "Umschluss" statt. Bei diesen Gelegenheiten konnten mehrere Gefangene sich für die Dauer des Nachmittags in einer Zelle ihrer Wahl einschließen lassen. Meist trafen an solchen Nachmittagen Manfred, Gerhart und Roland in meiner Zelle ein. Dann verbrachten wir den Nachmittag mit Kartenspiel, dem Schachspiel, oder einfach mit Erzählen.

Roland war ein einfacher und stiller Junge von etwa 22 Jahren. Er saß mehr aufgrund der Unfähigkeit oder des Unwillens seines Pflichtverteidigers im Gefängnis und weniger, weil er großartig etwas verbrochen hätte. Roland war alleine auf der Welt. Er hatte keine Familie mehr und außer uns Dreien, auch keine Freunde. Ich mochte den stillen und intelligenten Jungen und half ihm gerne wo immer ich konnte.

An einem Sonntagnachmittag waren wir wieder bei mir in der Zelle. Als um 16 Uhr das elektrische Signalhorn durch die Anstalt dröhnte, machte Roland sich auf den Weg zu seiner eigenen Zelle, genau ein Stockwerk über der meinen.

Kurz vor seiner Zelle, kamen Roland Sicherheitsbeamte Peters und zwei seiner Leute, Ziegler und Reif, entgegen. Roland nahm seine Hand vom Rohrgeländer und wollte sich an den Dreien vorüber drängen. Doch Ziegler und Reif ergriffen ihn, zerrten ihn in eine leer stehende Zelle und schlossen von innen die Tür. In der Zelle, drängten die Drei sich um Roland. Peters fuhr ihn an: „Gib sofort das Zeug raus“! Roland wusste nicht, wovon die Rede war und so fragte er in aller Unschuld: „Welches Zeug, Herr Peters“? “Welches Zeug?“ - äffte Peters ihn höhnend nach, holte aus und schlug Roland mit der Faust ins Gesicht. Roland taumelte zurück und fiel gegen den Zellentisch. Blut lief aus seiner Nase und aus einem Riss in seiner Unterlippe. „Welches Zeug?“ höhnte Peters erneut. „Das Zeug natürlich, das du dir gerade in der Zelle unter der deinen geholt hast!“ Roland wusste nicht, wovon Peters sprach. Er stand nur verängstigt und mit gesenktem Kopf und schwieg. Nun forderte Peters ihn auf, die Taschen zu leeren. Roland legte den Inhalt seiner Taschen, einen Beutel Tabak, ein Feuerzeug und einen Kugelschreiber, auf den Zellentisch. Misstrauisch durchwühlte Peters den Tabaksbeutel und fand dabei nur Tabak. Jetzt forderte er Roland auf, sich zu entkleiden. Unter den forschenden Blicken der Dreien, legte Roland seine Kleidung ab. Er warf sie aufs Bett und stand schließlich nur noch in Socken bekleidet da. Ziegler und Reif durchsuchten Rolands Kleider. Sie gingen die Taschen durch. Sie tasteten sogar die Nähte ab, aber sie fanden nicht was sie suchten. Darüber verärgert, holte Peters erneut aus und versetzte Roland einen Fausthieb in den Magen. Roland knickte nach vorne. Er fiel zu Boden und übergab sich. Unterdessen wendeten die Drei sich von ihm ab und verließen, nicht ohne einen letzten höhnischen Blick auf den am Boden liegenden Roland, die Zelle.

Nach einer Weile, kam Roland wieder zu sich. Er wischte Blut und Erbrochenes aus seinem Gesicht, zog sich an und wankte zu seiner Zelle. Dort öffnete er die Zellentür und blickte über die wüste Zerstörung, die Peters und seine Leute während Rolands Abwesenheit angerichtet hatten. Roland sah sich nicht weiter um. Erschöpft ließ er sich aufs Bett und zwischen die Trümmer seiner Habe fallen und schloss die Augen...

Am nächsten Morgen, die Zellentüren wurden soeben zur Frühstücksausgabe geöffnet, trat ich auf den Gang hinaus. Dort lauschte ich auf die Schließgeräusche an den Zellentüren im Stockwerk über mir. Jeden Moment würde dort oben Rolands Zelle geöffnet werden. Dann käme Roland, wie er das jeden Morgen tat, aus seiner Zelle, würde sich über das Geländer beugen und mir einen guten Morgen wünschen. Jetzt, dies Schließgeräusch, müsste das Gerüusch vom öffnen von Rolands Zelle sein.

Plötzlich gellte ein Schrei durch das gesamte hohle Innere des Gebäudes. Ein Schrei, wie von einem verletzten Tier. Im nächsten Moment sah ich Roland kopfüber an mir vorüber in die Tiefe stürtzen. Mit einem dumpfen Schlage, traf er unten im Erdgeschoss auf die steinernen Fliesen des Fußbodens. Dort blieb er liegen, verrenkt, wie eine Marionette, der man die Fäden durchschnitten hatte.

Wie in Trance, lief ich die eiserne Wendeltreppe hinab ins Erdgeschoss. Rolands Tod, musste sofort eingetreten sein. Sein Kopf war unnatürlich verdreht und seitlich eingedrückt. Er lag in einer dunklen und stetig zunehmenden Lache von Blut. Ich kniete neben ihm nieder und nahm seinen verformten Kopf in meinen Schoß. Während Rolands Blut durch meine Hose sickerte, drückte ich ihn an meine Wange. Andere Gefangene kamen heran. Sie bildeten einen Kreis um uns beide. Aber keiner trat näher. Keiner sprach auch. Alle standen sie und ehrten Rolands Tod und meine Trauer mit Abstand und Stille...

Plötzlich griffen grobe Hände nach mir und zerrten mich zur Seite. Während ich mich aufrichtete, erkannte ich durch einen Schleier von Tränen drei Gestalten. Den Anstaltsarzt Dr. Reiter, den Sicherheitsbeamten Peters und Ziegler, seinen Schergen.

Ich wischte die Tränen aus meinen Augen und beobachtete, wie Dr. Reiter sich über den toten Roland beugte, ihm in die Augen sah und dabei penibel darauf achtete, auch ja kein Blut an seinen besonders weißen Kittel zu bekommen. Dr. Reiter richtete sich wieder auf und nickte Peters zu. Daraufhin traten Peters und Ziegler heran. Sie griffen den toten Roland bei den Beinen und schleiften ihn, wie eine kalte, geschlachtete Schweinehälfte, die zwanzig Meter bis zur Tür des Arztflügels. Hinter sich, ließen sie eine breite Schleifspur frischen Blutes. Dr. Reiter folgte ihnen. Dabei balancierte dieser Anstaltsarzt am Rande der breiten, rostroten Schleifspur von Blut entlang, als vollführe er einen Seiltanz...




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M E I N   A B G A N G 

Je länger ich nun noch in dieser Anstalt verblieb, desto verhasster wurde sie mir.
L.a.L. war eine Haftanstalt für erstmalig bestrafte Erwachsene. Erstmalig Bestrafte erhielten verhältnismäßig einfach Vergünstigungen, wie zum Beispiel Ausgang oder Wochenendurlaub. Und doch schien alle Welt es für nötig zu halten, für derlei Vergünstigungen zusätzlich auch noch die Ärsche des Wachpersonals zu lecken. Ich beantragte solche Vergünstigungen erst gar nicht. Ich lehnte es sogar ab, Besuche zu empfangen. Als der Anstaltsdirektor mich eines Tages darauf ansprach, antwortete ich: “Ich will ihre Vergünstigungen nicht, weil ich ihnen nicht die Möglichkeit geben will, sie mir wieder zu entziehen, sobald es ihnen in den Kram passt. Stecken sie sich ihre Vergünstigungen sonst wohin.”

Mir fiel es stets schwerer, zuzusehen, wie die Häftlinge vor dem Wachpersonal krochen. Entlang den Wänden des Speisesaals, zum Beispiel, stand für gewöhnlich eine Reihe Beamter. Kerzengerade, standen sie dort und still. Dabei hielten sie ihre Hände auf dem Rücken verschränkt, ihre Beine leicht gespreizt und blickten dabei teils bedrohlich, teils verächtlich, über die Menge der essenden Häftlinge hinweg. Ich beobachtete, wie Gefangene an dieser Reihe Beamter vorübergingen: Sie krümmten ihre Rücken dabei und zogen die Köpfe zwischen die Schultern. Beim bloßen Anblick dieser devoten Figuren, blieb einem der Bissen im Halse stecken! Fehlte nur noch, dass sie Hofknicks machten! Ich musste weg, aus diesem Laden! Lieber noch die Hitze einer wahren Hölle um mich her, als dieses ungesund laue Klima dieses L. a. L! Wie sich zeigen würde, sollten der Zufall und die Gefängnisleitung mir bald zu Hilfe kommen. Bald sollte ich nämlich "strafverlegt" werden und dadurch in Bayerns härtestem Gefängnis landen. Die Luft, sollte dort weit frischer und gesünder wehen, als in diesem erbärmlichen Laden hier...-

JVA Kaisheim

Alle Rechte
INTRACEREBRAL
Die Morphinistenseite



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