*********************************************************************** Quasimodo sah erbarmungswürdig aus. Eines seiner Beine war kürzer als das andere, wodurch er beim Gehen stets den Eindruck erweckte, er stiege mit jedem seiner Schritte über ein Hindernis hinweg. Überdies hatte Quasimodo einen Buckel von geradezu monströsem Ausmaß. Als wäre all dies nicht genug, sah auch noch ein jedes seiner beiden weit auseinanderstehenden Augen in entgegengesetzte Richtung, zum äußersten Rande seines breiten Gesichtes hin.
Ouasimodo galt in dieser Haftanstalt als das Ausstellungsstück des Wachbeamten Hofer. „Hier, seht ihn euch an!“, brüllte Wachbeamte Hofer durch den Arbeitssaal, wenn er Quasimodo wieder als abschreckendes Beispiel demonstrierte. „Ja! Seht nur hin! Das kommt von all dem Hasch, dass er immer geraucht hat. So seht ihr auch bald aus, wenn ihr nicht aufhört mit dem Zeug“! Und Quasimodo stand daneben, krumm wie ein Haken, schief auf sein längeres Bein gestützt, schwieg zu allem und glotzte mit seinen verqueren Augen durch die Gegend, wie ein katatonischer Frosch...-
Neuerdings mussten wir Essbestecke aus Kunststoff in blütendweiße Papierservietten rollen und das Ganze in Pappkartonhüllen schieben. Die so gefüllten Hüllen waren für die Lufthansa bestimmt, für deren Fluggäste, zur Mahlzeit während des Fluges. Uns brachten die Dinger ganze 1,8 Pfennige pro Hundert Stück. Reich wurde keiner von uns dabei, aber lustig wollten wir es dennoch halten.
Quasimodo war es, der die Idee hatte. Kaum vorgetragen, führte er sie aus. Er nahm eine Schere und etwas Kleister zur Hand und schnitt bunte Buchstaben aus einer alten Zeitschrift. Die Buchstaben, klebte er auf eine der blütenweißen Papierservietten. „Achtung“, stand am Ende auf der Serviette zu lesen. „An Bord befindet sich eine Bombe. Verhalten Sie sich ruhig und informieren sie sofort den Piloten“. Die beschriftete Serviette rollte Quasimodo um das Essbesteck und schob das Ganze in eine Pappkartonhülle. Seelenruhig, legte er anschließend die fertige Pappkartonhülle in den Karton zu all den fertigen Pappkartonhüllen. Für Quasimodo war das nur ein Scherz. Für den Rest von uns auch. Für die Piloten des Fluges Lufthansa 264 allerdings nicht. Deren Maschine hatte sich gerade auf dem Weg nach Miami Florida USA befunden, als eine völlig aufgelöste Stewardess den Cockpit betrat, Quasimodos beschriftete Serviette in Händen.
Der Chefpilot zauderte nicht lange. Er ließ sofort überschüssigen Treibstoff aus der Maschine ab und meldete dem Tower von Havanna Kuba, man möge eine Landebahn frei machen und die nötigen Sicherheitsvorkehrungen treffen. Er brächte in etwa 8 Minuten eine volle Passagiermaschine mit einer Bombe an Bord zur Notlandung. Sanitätsfahrzeuge und Feuerwehrtrucks fuhren mit kreischenden Reifen über das Flugzeuggelände zur Landebahn 21 und hüllten die Bahn, für alle Fälle, in eine dicke Lage Schaum.
Während in der JVA, Wachbeamte Hofer wieder einen seiner abschreckenden Vorträge hielt, mit Quasimodo als Schaustück, kam über Havanna, Lufthansa Flug 264 angetorkelt. Halb Kuba war in Alarmbereitschaft versetzt worden. Nach vollendeter Landung, verließen die Passagiere die Maschine über Notrutschen. Die Gesichter voller Schaum, bestiegen sie bereitstehende Ambulanzfahrzeuge und wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht, wo sie mit massiven Dosen Diazepam fürs Erste ruhig gestellt wurden. Danach brachte man sie in verschiedene Hotels der Hauptstadt.
Unterdessen suchte man auf der Maschine, Lufthansa Flug 264, fieberhaft nach der angekündigten Bombe und fand keine. Am Ende ging die ganze Aktion mit einem Betrag von 140.000 D-Mark zu Lasten der Lufthansa. Die, wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Sie riefen die Kriminalpolizei herbei.
Es dauerte zwei Wochen, bis im Arbeitssaal 4 die Bullen erschienen. Wer, so wollten sie wissen, hatte diese Serviette gefertigt? Sie legten eine Papierserviette auf den Arbeitstisch, beklebt mit bunten Buchstaben. Quasimodo, saß mucksmäuschenstill, blaß wie Weißbrot ganz hinten in der Eckeund zog den Kopf ein. Natürlich wusste jeder von uns, dass er es getan hatte. Natürlich erzählte niemand, was er darüber wußte. Und so blieb die Herkunft der bunt beschrifteten Serviette, die damals Lufthansa Flug 264 zur Notlandung auf Kuba genötigt hatte, bis heute ein ungeklärtes Rätsel. Die Lufthansa zog ihren Arbeitsauftrag zurück. Von nun an sahen wir nie wieder Plastik - Besteck. Dafür klickten und steckten wir fortan für kleine Pfennigbeträge Unmengen an Playmobil Figuren zusammen. Quasimodo mochte krumm gewesen sein wie ein Haken, dafür war er aber unerschöpflich in seinen Streichen. Doch die erforderten neue Erzählungen...-
INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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