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Knast Storys, Sucht & Szenen Geschichten, überwiegend von Karlos, Fantasie begabter Erzähler, pessimistischer Visionär, grundsätzlicher Misanthrop, Gelegenheits-Philanthrop und Initiator der Morphinistenseite...-


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Suchtstation H2



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S U C H T S T A T I O N   H 2 

Die Suchtstation ist eine Abteilung der Krankenstation des Münchner Untersuchungsgefängnisses Stadelheim. Sie wird die Abteilung H2 genannt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Justizvollzugsanstalt_Stadelheim

http://www.justizvollzug-bayern.de/JV/Anstalten/JVA_Muenchen/

Als Opioidabhängiger, wurde ich sofort in der Krankenstation, Abteilung H2, untergebracht. Dort, fast am Ende eines von schmutzigen Neonröhren düster beleuchteten Ganges, wurde mir die Tür der Zelle Nummer 212 geöffnet. Zelle 212, war für 6 Mann eingerichtet. An der Wand links der Tür standen zwei Stockbetten und an der rechten Seite eines. Der Tür gegenüber, knapp unterhalb der Decke, gab es zwei kleine Fenster, mit dicken Gittern aus massivem Vierkanteisen. In den Fenstern der Neubauten, waren die Gitter aus hohlem Vierkantstahlprofil, in deren hohler Mitte ein beweglicher Rundstab aus besonders gehärtetem Stahl sich befand. Durch diesen beweglichen Rundstab in der Mitte der hohlen Gitterstäbe wurde ein Durchsägen des Gitters unmöglich gemacht. Trotzdem gingen auch in den Neubauten, während der täglichen 45 Minuten in denen die Insassen auf dem Innenhof ihre Runden drehten, Wachbeamte mit langstieligen Hämmern durch die Zellen und klopften die Fenstergitter damit ab. Dadurch hörten sie am Klang des Gitterstabes, ob er noch unbeschädigt oder angesägt war.

Rechterhand der Tür, in der Ecke von Zelle 212, befand sich die Toilette, umgeben von einem Verschlag aus Spanholzplatten, überzogen mit weißem Kunststoff. An der Wand der Tür gegenüber und unter den beiden Zellenfenstern, hingen sechs schmale Sperrholzschränke, die ihrer pastellenen Farben wegen eher in ein Kinderzimmer gepasst hätten, als hierher, in diese Gefängniszelle. An der Wand gleich rechts der Türe, zwischen Tür und Toilette, hingen zwei kleine Handwaschbecken mit Spiegeln von Metall darüber. Ein Tisch, stand in der Mitte des Raumes, umgeben von sechs einfachen Stühlen.

Die Krankenabteilung H2 wurde auch „Die Suchtstation“ genannt, weil in ihr überwiegend Substanzabhängige untergebracht waren. Zur Zeit, in der diese Erzählung spielt, Anfang der 70er Jahre, handelte es sich bei den meisten dieser Substanzabhängigen noch um Alkoholiker. Morphinisten, gab es damals noch nicht so viele. Wir befanden uns noch ganz zu Anfang einer gewaltigen Morphinistenschwemme, die in den kommenden Jahren aufgrund einer rigorosen Anwendung des BtmG in Der Suchtstation eintreffen sollte.

Im Gegensatz zu Alkoholikern, deren Entzugserscheinungen mit dem Medikament Distraneurin gelindert wurden, bekamen Morphinisten zur Unterstützung ihres Entzugs keinerlei Medikamente. Es wurde damals noch in ganz Deutschland als ärztlicher Kunstfehler hingestellt, Morphinisten Medikamente zu reichen, die deren Entzugssymptome lindern könnten. Morphinisten, so ging die Meinung der Ärzteschaft, seien an ihrem Zustande selbst schuld und somit wäre es nur gerecht, sie unter ihren Entzugsschmerzen kräftig leiden zu lassen. Weshalb dasselbe nicht auch für Alkoholiker galt, die ja wohl an ihrem Zustand auch „selbst schuld“ waren, mag ein jeder sich selbst ausmalen. Es waren eben noch die Zeiten, in denen ein ehemaliger SS Mann & Arzt wie Hans Joachim Sewering, Vorsitzender der Bundesärztekammer, des Hartmannbundes und somit Vorgesetzter aller Deutschen Ärzte sein konnte. Was konnten Morphinisten in einer solchen Zeit schon anderes erwarten als Maßnahmen, die sie dem Tode näher brachten.

http://www.gavagai.de/skandal/HHD0802S.htm

Es kann sein, dass all dies sich inzwischen geändert hat. Hans joachim Sewering mag inzwischen schon tot sein. Es kann sein, dass man auf der Suchtstation H2 Morphinisten von heute zum Entziehen Methadon reicht. Ich weiß es nicht. Ich hatte nach meiner Entlassung Deutschland aus Gründen der Selbsterhaltung verlassen und bin nie wieder in einem deutschen Gefängnis gewesen. (
Der Sprung (Ich habe inzwischen durch einen Anruf bei der Stationsärztin der Suchtstation Informationen einholen lassen. ES HAT SICH NICHTS GEÄNDERT!!)

Als zu Beginn der 70er Jahre die ersten Morphinisten in der Suchtstation einliefen, wusste man dort noch nicht, wie man am besten mit ihnen verfährt. Man schenkte unwissenden und korrumpierten Professoren Glauben, der Morphinabhängige müsse notwendigerweise ebenso behandelt werden wie der Alkoholabhängige. Man glaubte, um weiteren Schaden zu vorkommen, müsse "Der Suchtstoff" sofort ersatzlos abgesetzt werden. Dass dies damals noch geglaubt wurde, mag verzeihlich sein. Dass man aber auch heute noch danach verfährt, grenzt an bewusste Folter. Geister jedenfalls, wie die, die ein Mann vom Schlage eines Sewering und seine Konsorten rufen halfen, weichen so bald nicht wieder. Sicher nicht in unserem Lande und bei den traditionsbewussten Eliten unseres Landes. Jedenfalls dürften auch heute noch die Wände der Zellen der Suchtstation H2 spürbar imprägniert sein vom Schweiß, der Angst, dem Schmerz, dem Wahnsinn und dem schieren Terror vieler hunderter, wenn nicht tausender kalt entziehender Morphinisten. Solche Schrecken, übertüncht man mit keiner Farbe. Sensible Naturen spüren das. Weniger Sensible spürten es womöglich dann, wenn sie in einer der Zellen der Suchtstation Abteilung H2 eine Portion LSD zu sich nähmen und die Umgebung auf sich wirken ließen …-

Am ersten Tage meines Aufenthaltes in der Suchtstation, wurde ich dem Chefarzt dieser Krankenabteilung vorgestellt. Methadon, eingenommen noch tags zuvor, vor meiner Festnahme, wirkte noch stets und so fühlte ich mich noch einigermaßen in Ordnung.

Das Untersuchungszimmer des Chefarztes befand sich in dem Korridor, der den Westflügel der Krankenstation mit dem Ostflügel verband. Dies Zimmer sah nicht viel anders aus, als andere Untersuchungszimmer auch. Von einer hohen, lindgrün gestrichenen Decke, die bröckelige Überreste vergangener Stuckzierde zeigte, hingen an langen Stangen zwei ballförmige, milchige Beleuchtungskörper herab. Links der Eingangstür, halb durch einen grünlich vergilbten Kunststoffvorhang verborgen, stand ein dunkelgrüner Untersuchungstisch, von dem die Manschette eines Blutdruckmessgerätes baumelte. Darüber, hing ein kleines weißes Medizinschränkchen mit milchgläsernen Türen. Die Wände des Zimmers waren mit blassgrüner, glänzender, abwaschbarer Ölfarbe gestrichen. An der linken Wand stand ein breites, naturhölzernes Bücherregal mit einigen verstaubten Büchern darauf und einigen Arzneimittelpackungen. Der Geruch reinen Alkohols, hing in der Luft. Dieses Untersuchungszimmer machte minder Eindruck, dominierte nicht in seiner Mitte ein gewaltiger Schreibtisch aus weiß lackiertem Stahlblech den Raum.

Hinter diesem Schreibtisch saß, Nickelbrille im alkoholgeröteten Gesicht und die tiefe Kerbe eines Schmisses auf der linken Hängebacke, die imposante Gestalt des Gefängnisarztes Professor Doktor Hans J. S.. Ein Kranz weißer Haare stand von des Professors Schädel ab und leuchtete, vom Tageslicht eines rückwärtigen Fensters durchschienen, wie eine Gloriole. Neben dieser Attraktion stand, im weißen Kittel und mit einer Hand leger auf die Schreibtischoberfläche gestützt, ein Häftling in der privilegierten Stellung eines Arzthelfers. Beide, der Professor und sein Helfer, sahen mir neugierig entgegen, als ich auf sie zu trat und dabei an einem Fußabstreifer vorüber kam, der etwa drei Meter vor des Professors Schreibtisch lag. Ich stellte mich vor den Schreibtisch, grüßte und nannte meinen Namen. Schwer atmend stützte der Professor beide Fäusten auf die Schreibtischoberfläche und stemmte sich aus seinem Stuhle. Purpurn im Gesicht schrie er: „Gehen sie augenblicklich drei Schritte zurück“. Ratlos, blickte ich zu dem Arzthelfer hin und bemerkte, wie dieser mit einer Bewegung seines Kopfes nach der Fußmatte wies, die hinter mir am Boden lag. Darauf, musste ich mich stellen und focht dabei mit dem Drange, meine Fingerspitzen an die Hosennähte zu legen. Kaum stand ich auf diesem Fußabstreifer, als der Professor zufrieden nickend seinen Helfer anwies, Blut mir abzunehmen. Der Arzthelfer führte mich an den grünen Untersuchungstisch in der Ecke. Es knackte, als er die Injektionsnadel in meinem Arm versenkte. Dabei ging mir durch den Kopf, wie oft ich nicht schon selbst alte gebrauchte und unscharf gewordene Nadeln verwendet hatte.

Es müsste Nadeln geben, die immer scharf blieben und deren Spitze sich nie verböge. Ist nämlich einmal diese kleine Spitze der schräg geschärften Nadel abgebogen und krumm wie ein Haken, geht sie wohl noch rein ins Gewebe, aber es knackt dabei. Und wenn man sie dann nach vollendeter Prozedur wieder herausziehen will, hakt die krumme Spitze an der Venewand ein und man zerrt die halbe Vene mit hervor...

Während ich auf dem Untersuchungstisch saß und mein Blut langsam in einen Kolben sickerte, sah ich einem etwas älteren, abgemagerten Häftling zu, der in devoter Haltung den Raum betrat und, der kannte das schon, brav und unaufgefordert auf den Fußabstreifer stehen blieb.

„Ich habe seit Tagen so schreckliche Kopfschmerzen, Herr Professor”, klagte der Mann. Professor H.J.S. wurde aufmerksam. Er nahm seine Nickelbrille vom Gesicht, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, rieb sich die Augen und fragte, auffallend liebenswürdig: „Kopfschmerzen sagen sie? Kopfschmerzen? Aber dann kommen sie doch mal näher und erklären sie mir genau, wo diese Kopfschmerzen sitzen”. Mit einigen unsicheren Schritten, trat der Häftling an den Schreibtisch heran. Er tippte mit den Fingern vage gegen seine Stirn und murmelte: ”Hier so ungefähr, Herr Doktor”. Nun wandte der Professor sich im Befehlston an seinen Helfer, der gerade einen kleinen Zylinder, gefüllt mit meinem Blut. ins Regal legte. ”Geben sie dem Mann sofort 5 Cc P1 in die schmerzende Stelle und machen sie flott. Der Herr hat Schmerzen!” Der Arzthelfer, gestikulierte seinen Patienten ans Waschbecken und grabbelte im Regal. Am Ende hielt er eine große Injektionsspritze mit langer dicker Nadel in der Hand, an deren Spitze ein Tropfen glänzte. Der Arzthelfer griff seinem Patienten mit der Linken stützend an den Hinterkopf und stieß ihm zugleich mit der Rechten, die Injektionsnadel mitten in die Stirn. Mit dem Sitz der Nadel zufrieden, drückte der Arzthelfer den Kolben nieder und quetschte seinem verdutzten Patienten derart, fünf Kubikzentimeter Flüssigkeit subkutan knapp oberhalb der Augen in die Stirn. An der Injektionsstelle entstand eine Beule, groß wie ein Taubenei. Der Arzthelfer zog die Nadel heraus, legte die leere Spritze beiseite und reichte dem Mann einen Wattebausch: ”Hier“, sagte er. „Drücken sie dies noch eine Weile auf die schmerzende Stelle und sie werden sehen, in wenigen Minuten wird der Schmerz nachlassen“. Der Mann ergriff den Wattebausch, hielt ihn sich erst unter die Nase als wolle er ihn näher untersuchen, drückte ihn dann gegen seine Stirn, murmelte ein leises Dankeschön und schlurfte mit einem letzten Seufzer zur Tür hinaus. Nie würde dieser Mann erfahren, dass die Injektion, die er gerade bekommen hatte, lediglich sterile Kochsalzlösung enthielt. Mit dieser Methode nämlich, sucht der Professor Häftlingen mit vermeintlich pingeligen Beschwerden die Behandlung zu verwehren. Er verfährt dabei nach dem Motto:

„Was hat der Mensch? Kopfschmerzen? Vorgestern erst, platzte einem meiner Patienten ein Blutgefäß in der Luftröhre. Das, war was anderes als Kopfschmerzen! Der Mann verdrehte die Augen, glitt vom Untersuchungstisch und lag sprudelnd am Boden. Seinen hilflosen Blick hätten Sie sehen sollen. Herrlich. An Hilfe, war natürlich gar nicht mehr zu denken. Sein Röcheln wurde weniger und weniger und verstummte schließlich ganz, als er an seinem eigenen Blut ersoffen war. Und da kommen manche Leute mir mit Kopfschmerzen?“

Auf dem Weg zurück zur Station H2, lief ich versehentlich in die verkehrte Richtung und landete dadurch im westlichen Flügel, in der Krankenabteilung H1. Dort, sah es nicht viel anders aus als auf der Station H2 auch. Im Korridor, derselbe dunkelbraune, von vielen Füßen ausgetretene und knarrende Parkettfußboden, an den Wänden, derselbe abblätternde, schmutzig- gelbgrüne Anstrich und auch die Zellentüren waren dieselben: Vier Zoll dicke Eiche mit Schlössern daran, groß wie Suppenteller...

In dieser Station H1, lagen hauptsächlich frisch Operierte und Leute mit Schussverletzungen, meist verursacht durch Polizeikugeln. Dabei fallen naturgemäß von Geschossen zertrümmerte Knochen an, zersplitterte Rückgrate und durchlöcherte und/oder zerfetzte Organe. Auf dieser Station H1 schien es, als ob von allen Schurken, die auf Menschen schössen, gerade Polizisten am häufigsten träfen.

Die Belegschaft befand sich gerade beim Duschen. Alle Zellentüren waren geöffnet. Reges Treiben, herrschte im Gang. Männer auf Rollstühlen, beherrschten die Szene. ”Bei mir war’s glatter Durchschuss!“ – hallte eine Stimme von einer Seite. „Dafür hast du jetzt auch zwei deiner Wirbel im Arsch!” – rief eine andere zurück. Ich betrat eine der offenstehenden Zellen. Wie die meisten Zellen der Krankenstation, war auch diese für sechs Mann vorgesehen, aber im Augenblick nur mit Zweien belegt. In einem der Betten lag, mit gestrecktem und von Galgen und Gewicht hochgehaltem Bein, ein junger Mann von etwa 25 Jahren. Er hatte den Ruf: Halt! Polizei! Stehen bleiben oder ich schieße! – für einen Scherz seiner Freunde gehalten, die inzwischen aber im Stillen schon von der Polizei festgenommen worden waren. Er war lachend weiter gelaufen. Glatter Durchschuss. Das Geschoss war ihm von hinten in die Wade gedrungen und hatte das Schienbein durchschlagen. ”Um ein Haar wäre ich auf der Stelle verblutet”, berichtete der junge Mann, erregt noch vom Eindruck des Geschehenen.

Glatte Durchschüsse, gehören inzwischen der Vergangenheit an. Wie ich hörte, verwendet die bayrische Polizei inzwischen Dumdum Geschosse. Das sind Geschosse, die sich beim Aufschlag und während des Eindringens weiten. Eingeführt wurden diese Geschosse, um zufällig Anwesende nicht durch austretende Geschosse zu verletzen. Vielleicht wäre es aber auch ein guter Gedanke, einfach weniger zu schießen?

Die von Kugeln in die Beine Getroffenen, hatten zum Fixieren der zertrümmerten Knochen dünne, rostfreie Stahlstäbe quer durchs Bein. Um diese Stahlstäbe untereinander zu stabilisieren, waren sie an den Außenseiten mit Metallplatten verschraubt. Man gewann den Eindruck, den Leuten sei eine Fernsehantenne quer durchs Bein gewachsen. Von Projektilen ins Rückgrat Getroffene, saßen mehr oder weniger reglos in ihren Rollstühlen, oder sie lagen, vollständig gelähmt, apathisch auf einem Gipskorsett im Bett und klimperten mit den Augen. (Die Blicke dieser Leute: Ein Hilfeschrei, lautlos und voller Entsetzen...) Viel Gips gab es auf der Station H1, viele blutige Verbände, Rollstühle und aus stinkenden, entzündeten Wunden ragende Fernsehantennen...-

Mamuschka, wie sie genannt wurde, eine stämmige Frau russischer Abstammung, war Stationsärztin der Suchtstation H2. Manchen von Entzugserscheinungen sensibilisierten Patienten, reichten schon ihre bloße Anwesenheit, ihre zufällige Berührung oder das Hören ihrer rauchigen Stimme, um zum Orgasmus zu kommen. Mamuschka. Wer sie einst auf Entzug erlebt hatte, wird sie nie wieder vergessen…-

Während Mamuschka still an meinem Bette stand und meinen Blutdruck maß, gelang Robert, eine leere, 10 Cc Injektionsspritze mit dicker Nadel der Nummer eins aus ihrer Tasche zu ziehen. Als sie den Diebstahl bemerkte, wurde die ganze Suchtstation von zwei Duzend Wachbeamten auf den Kopf gestellt. Wir in Zelle 212 waren trotz dieses gewaltigen Aufwandes guter Dinge. Die Spritze, konnte nicht gefunden werden. Sie stak, wohl verborgen, tief in einem der hohlen Beine des Zellentisches. Als der Wirbel sich gelegt hatte, gebrauchten wir das Instrument, um gelegentlich Kodeinzubereitungen oder gelöste Diazepintabletten zu injizieren.

Eine echte Injektionsspritze, galt als überaus seltener und wertvoller Gegenstand, auf dieser Suchtstation. Improvisierte Injektionsspritzen, gab es viele. Nebenan zum Beispiel, in Zelle 210, hatten die Jungs die Kugel aus der Spitze einer leeren Kugelschreibermine entfernt und die Spitze der Mine dann auf dem Betonboden der Toilette so lange geschliffen, bis sie in etwa die schräge Spitze einer Injektionsnadel aufwies. Danach, brachen sie die Mine oberhalb der Einbuchtung, die in einem Kugelschreiber die Stahlfeder an ihrem Platz hielt. Das angebrochene Ende der Kugelschreibermine, versahen sie mit einem Kragen aus Zigarettenpapier als Dichtung und staken sie in die Öffnung einer leeren Shampoontube aus weichem Plastik. Auf diese Weise gewannen sie eine Pumpe, einen improvisierten Injektionsapparat.

Die Leute von nebenan, Zelle 210, injizierten die Wirkstoffe grüner, kodeinhaltiger Spasmo-Cibalgin Zäpfchen, die sie weichherzigen Nachtdiensten abschwatzten. Sie erhitzten die Zäpfchen in einem Esslöffel, bis sie sich verflüssigten und das Wachs sich von den Wirkstoffen schied. Sie nahmen das wieder erkaltete Wachs von der Oberfläche, saugten die übrig gebliebene Flüssigkeit in ihre Shampootube und knallten sich die stinkende braune Brühe intravenös in die Armvenen. Die großen, ekelhaften Löcher in ihren Armbeugen, die sie beim Duschen so verzweifelt zu verbergen suchten, kamen daher...

Es machte in der Anstalt das Gerücht die Runde, Prof. Dr. H. J. S. plane am Rande der Stadt eine Spezialpraxis zur Entfernung von Tätowierungen. Tatsächlich dauerte es nicht lange und es erschienen Plakate an den Wänden der verschiedenen Zellentrakte. Bald hörte man den Professor durch die Gänge tönen, er stünde fortan zur kostenlosen Entfernung von Tätowierungen zur Verfügung: “Kommt Leute, kommt und habt Vertrauen! Ich mache euch jede Tätowierung weg und zwar kostenlos! Greift zu, Leute, greift zu! Diese Gelegenheit bietet sich so bald nict wieder...-

Moderne Methoden, wie zum Beispiel das Abschleifen der betroffenen Hautpartien, Laserbehandlung oder gar Hauttransplantation, lehnte Prof. S. rundwegs ab. Sie waren ihm zu teuer, zu zeitaufwendig und zu kompliziert. Der Professor arbeitete deshalb nach der denkbar einfachsten Methode: Er schnitt das tätowierte Hautstück heraus und zurrte die entstandene Wunde mit Katzendarm so kräftig wie möglich wieder zusammen...-

Tony, ein Hausarbeiter aus der Station H1, hatte sich einst ein Kettchen mit einem Kreuz daran ums Handgelenk tätowieren lassen. Nachdem Prof. S mit ihm fertig war, hatte Tony anstelle des Kettchens, eine rote, breite und brutal aussehende Narbe die den Eindruck erweckte, ein Verrückter hätte Tonys Hand amputiert und sie hinterher mit Katzendarm wieder an ihre Stelle genäht...

Oder Arthur! Arthur hatte sich im Suff einst ein indianisches Stirnband um den Kopf tätowieren lassen. Jetzt trug er anstelle des Stirnbands, eine breite, rote und hohe Narbe die aussah, als trüge er einen roten, prall aufgepumpten Fahrradschlauch um den Schädel. In Arthurs Fall, erwies selbst das herab Kämmen der Haare sich als sinnlos. Kein Mensch hat so viele Haare, dass man darunter ein solches Gebilde wie Arthurs Narbe verbergen könnte. Obendrein befanden sich an Arthurs Narbe noch kleine, senkrecht stehende Narben dort, wo einst die Fäden gesessen hatten.

“Jetzt musst du dir noch zwei Knöppe an den Hals nähen”, feixte Albert, der schwule Arzthelfer. “Oder besser noch, du drehtest dir ’ne dicke fette Schraube durch den Hals. Dann sähest du aus wie Frankenstein und das macht bestimmt 'ne Menge her, glaube mir”. Und Walter fügte trocken hinzu: “Aber Ja. Die Idee ist nicht schlecht. Du könntest dein Aussehen als Fundament für eine lukrative Karriere verwenden, einen guten Akt darauf bauen und Eintritt verlangen, etwa unter dem Titel: Arthur, das chirurgische Wunder! Ist er Mensch, oder Bausatz?"

Mit der Zeit, bürgerte sich für diese Patienten des ruchlosen Prof. S. die Bezeichnung: “Die Frankensteine” ein. Es dauert nicht lange und es wimmelte in der Anstalt von solchen “Frankensteinen”. Man sah sie auf dem Hof sitzen und in den Korridoren beieinander stehen und sich gegenseitig ihre grässlichen Narben zeigen. Dabei waren viele im Grunde ihres Herzens so über das Ergebnis ihrer Operation verzweifelt, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sahen als Lobeshymnen auf Prof. S. zu singen. So hörte man beispielsweise einen zum anderen sagen: “Sieh doch mal. Ich bin ja so froh, dass ich endlich diese fürchterliche Tätowierung los bin. Und sieh dir doch bloß mal diese Arbeit an. Das ist doch nicht schlecht gemacht, oder? Guck doch mal genau hin. So übel hat er das doch nicht gemacht, der gute Professor, nicht wahr? Die Narbe? Na ja. So schlimm sieht die Narbe dann doch auch wieder nicht aus. Oder?” Stand man nur lange und still genug neben einem dieser Lobeshymnen singenden Frankensteine, konnte man aber hören wie er dachte: hätte ich Arschloch bloß meine gottverdammte Tätowierung behalten...

Es war eines Sonntagnachts, da ich in der Schlaflosigkeit meiner endenden Entzugssymptome wach lag und hörte, wie nebenan die Zellentür geöffnet wurde. Sonntagnacht, ist eine sehr ungewöhnliche Zeit um, Zellentüren zu öffnen. Nach den Geräuschen die folgten zu schließen, wurde nebenan ein Neuer etabliert. Neuzugänge am Sonntag und noch dazu nachts, sind mehr als ungewöhnlich... Wie ich am folgenden Tage erfuhr, hatte der Neue, der in dieser Nacht nebenan untergebracht worden war, so sehr unter Entzugserscheinungen gelitten, dass man ihn auf dem Polizeirevier nicht bis zu den regulären Gefangenentransporten am Montagmorgen behalten wollte. Man hatte ihn deshalb noch in der Nacht, mit einem Streifenwagen der Polizei und unter Blaulicht und Sirene, in die Krankenstation gebracht. Etwa zwei Stunden nach den ersten Geräuschen, hörte man hastige Schritte und aufgeregte Stimmen im Korridor.

Tags darauf, während des Hofganges, erfuhr ich von Jürgen, einem der Häftling aus der Zelle nebenan, die Einzelheiten dieser Nacht. Kaum hatte in dieser Sonntagnacht der Neue die Zelle betreten, kaum war die Zellentür hinter ihm wieder verschlossen worden, hatten die Leute der Zelle ihm stolz ihre improvisierte Injektionsspritze gezeigt. Als danach alle schliefen, fand der Neue im Toilettenverschlag, hinter der Toilettenschüssel verborgen, eine Aluminiumschüssel voll Scheuerpulver. Im Wahn seines Entzugs hatte er sich eingeredet, es handele sich um Heroin. Er nahm einige Löffel von dem Scheuerpulver, gab etwas Wasser dazu, sog die Pampe in den improvisierten Injektionsapparat und quetschte sich den sandigen Brei in die Blutbahn. Er war sofort danach zusammengebrochen. “Er schlug mit seinem Schädel so hart gegen die Kante des Waschbeckens“, berichtete Jürgen, „dass es klang wie ein Gong.. Davon bin ich wach geworden und fand ihn. Wir zogen ihm sofort die Pumpe aus dem Arm, nahmen sie auseinander und warfen die Einzelteile aus dem Zellenfenster. Danach drückten wir den Alarmknopf”. „Und was ist aus dem Jungen geworden?“ – fragte ich. „Keine Ahnung" antwortete Jürgen. "Die Sanitäter hatten ihn weggetragen und er war nicht wiedergekommen...”.

Während der ersten Woche meines Entzuges war ich nicht in der Lage, Gefängniskost, mehr nahrhaft als schmackhaft, zu mir zu nehmen. Das war den Wachbeamten aufgefallen. Sie hatten bemerkt, dass meine Essensteller stets gefüllt wieder aus der Zelle gereicht wurden. Ich wurde deshalb zum Arzt beordert. Vor mir war dort ein Mann von etwa 55 Jahren an der Reihe. Ich setzte mich auf eine hölzerne Bank, die auf dem Korridor vor dem Untersuchungszimmer stand und sah gelangweilt durch die offen stehende Tür dem Treiben im Untersuchungszimmer zu. Der Mann, stellte sich auf den Fußabstreifer vor dem Schreibtisch des Professors und klagte über Schmerzen in der Brust. “Besonders am Abend Herr Doktor”, erklärte er, “Und ganz besonders am Abend”. Der Professor legte eine Zeitschrift beiseite und kam von hinter seinem Schreibtisch hervor: “In der Brust sagten sie? Und ganz besonders am Abend? Machen sie doch bitte mal ihren Oberkörper frei”. Als anschließend der Patient mit nacktem Oberkörper vor ihm stand, bat der Professor, “Nun zeigen sie mir bitte einmal ganz genau, wo ihre Schmerzen sitzen”. Vage, legte der Patient eine Hand auf seine Brust, drehte damit einige Kreise und antwortet, “Hier so ungefähr, Herr Doktor”. “Ich muss das schon genauer wissen”, schnauzte der Professor und schob seine Zeigefinger unter die Achseln des Mannes. “Von hier bis hier so ungefähr?” Der Patient, bejahte. “Und nach unten hin bis etwas unter das Brustbein, nicht wahr?” - informierte der Professor weiter und stieß, wie um seine Ansicht zu unterstreichen, einen harten Zeigefinger in die Magengrube des Patienten. Der Mann schnappte nach Luft und stöhnte, “Ja. Bis hier so ungefähr, Herr Doktor”. “Das hatte ich mir gedacht”, knurrte der Professor und öffnete eine Schublade seines Schreibtisches. Er entnahm ihr ein Kunststofflineal und einen Kugelschreiber und rief über seine Schulter seinem Assistenten zu: “Bringen sie sofort sechzehn aufgezogene 5 Cc P1 und machen sie rasch. Dies hier ist ein besonders dringlicher Fall”. Danach, trat der Professor wieder zu seinem Patienten und forderte ihn auf, die Arme zu heben. Er legte das Lineal an die Schlüsselbeine des Mannes und zog mit dem Kugelschreiber sorgfältig eine Linie von einem Schlüsselbein zum anderen. Derart, beschäftigte er sich noch eine Weile, bis am Ende ein Raster mit sechzehn Kreuzpunkten auf der Brust des Patienten entstanden war. Inzwischen war der Arzthelfer zurückgekehrt. In seinen Händen hielt er ein Tablett, auf dem fein säuberlich aufgereiht, sechzehn fünf Kubikzentimeter Injektionsspritzen lagen. Der Professor nahm die erste Spritze zwischen Daumen und Zeigefinger, zielte kurz und warf sie geschickt in einen der Kreuzpunkte auf der Brust seines Patienten. Der Patient sah dem Treiben seines Arztes stumm und mit geweiteten Augen zu. Der ersten Spritze folgten weitere fünfzehn. Als nach vollendeter Prozedur der Patient mit geschwollener Brust vor ihm stand, gab der Professor noch den Rat mit auf den Weg: “So. Und jetzt legen sie sich in ihrer Zelle noch zwei Stunden auf den Bauch. Auf den Bauch, verstehen sie? Und zwei Stunden! Und dass sie mir ja Liegen bleiben! Sonst wäre die ganze Behandlung umsonst gewesen...” Der Mann kam aus dem Untersuchungszimmer, eilte an mir vorüber und zog erst sein Hemd sich an, als er bereits eine Strecke weit auf dem Korridor war. Er hatte sichtlich Eile…-
Ich betrat das Untersuchungszimmer und stellte mich, man kannte das inzwischen ja schon, auf den Fußabstreifer. „Sie verweigern seit einer Woche zu essen?“ eröffnete der Professor das Gespräch. Jetzt war dieser Mann unter anderem Chefarzt der Suchtstation. Folglich musste er wissen, dass ich mich seit einigen Tagen auf Entzug befand und dass viele seiner Patienten in diesem Zustand nicht essen. Wozu also, stellte er mir diese Frage? „Ich kann zur Zeit nicht essen“, antwortete ich. „Dann müssen wir ihnen etwas Schmackhafteres geben“, meinte der Professor daraufhin und wandte sich an seinen Assistenten. „Was haben wir so an Diäten?“ „Wie wäre es mit der Diät für Diabetiker?“, schlug sein Assistent vor. „Gut“, meinte der Professor. „Sie bekommen ab jetzt anderes Essen. Sie können jetzt gehen“, Und so bekam ich von da an Diabetikerdiät. Nicht zu vergleichen mit der aus Eimern geschöpften Pampe, die anderen Gefangenen zugemutet wurde. Den Hausarbeitern machte es sichtlich Spaß, großen Aufwand beim servieren meines Essens zu betreiben. Mit blauem Spültuch über den Arm gefaltet, ein Tablett mit meinem Essen balancierend, kamen sie über den Korridor gerannt und erzählten unterwegs jedem, der Mann dort hinten in der Zelle 212, hätte so viel Geld, dass er sein Essen aus einem Restaurant jenseits der Gefängnismauer kommen lässt…-

Der Schmerz und der Wahnsinn eines Morphinentzugs wären weit besser zu ertragen, könnte man währenddessen wenigstens ein wenig schlafen. Schlaflosigkeit, ist eines der Symptome, die am längsten währen. Sind schon so gut wie alle schmerzhaften Symptome abgeklungen, währt Schlaflosigkeit noch Wochen, manchmal Monate weiter. Ich lag deshalb wach, als an diesem Morgen das Zellenlicht anging und die Räder des Essenwagens im Korridor über die abgenutzten Bretter des Parkettfußbodens ratterten.

Die Worte „Walter ist tot“, wiederholten sich auf dem Korridor wie ein Echo, einmal näher, einmal ferner. Aus den Worten war zu schließen, dass ein Walter, offenbar einer der Alkoholiker aus einer der Zellen auf der anderen Seite des Korridores, tot in seinem Bett aufgefunden worden war. Als endlich die Tür unserer Zelle zur Frühstücksausgabe geöffnet wurde, war ich rüber gelaufen zu der Zelle, vor der eine Traube Menschen versammelt stand. Ein Mann lag dort auf seinem Bauch im Bett. Mamuschka und ihr Assistenzarzt waren soeben dabei, ihn auf seinen Rücken zu drehen. Sein blasses Gesicht mit den blau angelaufenen Lippen, kam mir bekannt vor. Es war der Mann, der gestern noch vor mir im Untersuchungszimmer von Professor S. gewesen ist. Es war der Mann, der gestern die sechzehn P1 Injektionen in Brust erhalten hatte. Sollte ein Zusammenhang bestehen zwischen diesen Injektionen und dem Tod dieses Mannes und läge ein solcher nur in der Verweigerung adäquater Behandlung, wäre ich der Einzige außerhalb des Medizinerkreises dieser Krankenstation, der davon wusste…-

Der Tote wurde hinweggeschafft. Danach habe ich weiter nichts darüber erfahren, dass der Tod Walters für irgendjemand auch nur die geringsten Konsequenzen gehabt hätte. Es starb sich eben grundsätzlich leicht und easy, auf dieser Krankenstation, Abteilung H2, der JVA München Stadelheim.

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Leben auf der Suchtstation H2


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