_____________________________________________________________________ DAS VORSPIEL
Ich war davongerannt, mit zwei Bullen hinter mir her. Ich raste durch die ganze Innenstadt. Die Beiden gaben nicht auf. Schließlich rannte ich am Bahnhof den Fußgängertunnel hinein, der zu den Gleisen führte und rannte die Treppe hoch zu einem der Bahnsteige. Dort stand gerade ein Zug mit roter Diesellokomotive. Ich sprang hinein. Wenige Sekunden danach setzte der Zug sich in Bewegung. „Ich habe sie abgehängt“, dachte ich, triumphierend, als ich durch die gläserne Füllung der Tür sah, die in den nächsten Wagon führte. Dabei sah ich meinen Verfolgern direkt ins Gesicht. Sie hatten ebenfalls den Sprung in den Zug geschafft. Jetzt kamen sie auf mich zugelaufen. „Oh Scheiße!“, dachte ich. „Jetzt sitze ich in der Falle! Ich muss sofort raus aus diesem Zug“! Ich rannte zum Ende des Wagons und riss dort die Zugtüre auf. (Damals konnte man die Türen eines fahrenden Zuges noch öffnen…) Durch die geöffnete Tür sah ich auf die Erde, die unter mir dahinzog, hinab. Noch hatte der Zug seine Endgeschwindigkeit nicht erreicht. Noch befand er sich in der Anfahrt. Ich hatte keine Sekunde zu verlieren. Ich musste raus. Jetzt, oder nie. Entschlossen, trat ich ins Freie. Ich Trottel stieg aus dem fahrenden Zug, als stünde er still an einem Bahnsteig. Gemäß dem Gesetz der Physik hatte mein Körper nun die Geschwindigkeit des fahrenden Zuges und die war bereits beträchtlich. Meine Füße berührten den Boden, aber ich konnte nicht so rasch rennen wie der Zug fuhr. Also stürzte ich nach vorne. Ich krümmte meinen Körper zu einem Ball und rollte die harten, scharfkantigen Granitbrocken des Gleisbettes entlang, bis ein Stahlmasten, der die Oberleitung trug mich bremste. Einen Schädelbruch, hatte ich mir bei dem Abenteuer geholt und eine ausgerenkte linke Schulter. Der Schädelbruch, war rasch wieder verheilt. Die Schulter allerdings, sollte den Rest meines Lebens Probleme bereiten. Mein linker Oberarm sprang von da an bei kleinen Anläßen leicht wieder aus seinem Gelenk...-
DER UNFALL AUF DER SUCHTSTATION
Jahre später befand ich mich in einer Zweimannzelle der Suchtstation H2. Es war im Grunde genommen gar keine Zweimannzelle, sondern eine Zelle, gebaut für nur eine Person. Weil aber Platzmangel herrschte, in diesem Gefängnis, (es gab zu viele so genannte „Betäubungsmitteltäter“, allesamt unschuldige Menschen, die eingesperrt wurden…) war diese Einmannzelle mit einem Stockbett zur Zweimannzelle umfunktioniert worden. Darin war es so eng, dass sich immer einer der beiden Insassen ins Bett legen musste, um den anderen vorbei zu lassen, wollte der zur Toilette, die als nackte Schüssel und ohne Umwandung frei im Raum gleich neben der Tür stand. Es herrschten die miesesten Zustände, in diesem Gefängnis. Aber was soll's? Es handelte sich überwiegend doch nicht um Menschen, sondern, nur um Morphinisten, süchtiges Pack, das dort eingesperrt war...-
Aus Langeweile hatten wir uns gebalgt wie kleine Katzen, Albert und ich. Ein jeder von uns hielt ein nasses Handtuch mit einem harten Knoten an seinem Ende in der Hand und versuchte, damit auf den anderen einzuprügeln. Wer dabei die meisten Schläge landete, hatte gewonnen. Gerade hatte ich mit der linken Hand das Handtuch Alberts festgegriffen, als der versuchte, es mir mit einem Ruck zu entreißen. Ich hielt fest und so riss der Ruck anstatt das Handtuch aus meiner Hand, meinen Arm aus seiner Gelenkpfanne.
Der plötzliche Schmerz war groß. So groß, dass ich für einige Sekunden in Schockzustand geriet. Mir wurde schneeweiß vor Augen und ich bekam keine Luft mehr. Um meinen Kreislauf zu stabilisieren, ging ich rasch in die Hocke und riss, um nach Luft zu schnappen, mein Maul auf so weit es ging. Die Gelenkkugel meines linken Armes hing halb dort, wo eigentlich meine Achsel sein sollte und halb, wo meine Brust sich befand. Albert drückte auf den Alarmknopf der Zelle. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet und ein dicker Wachbeamter erschien. „Mein Kollege hier“, erklärte Albert und wies dabei auf mich, der ich noch stets am Boden kauerte, „hat sich den Arm ausgerenkt. „Den Arm ausgerenkt?“, wiederholte das dicke Ungeheuer und kam auf mich zu. „Den renke ich dir gleich wieder ein", sagte er. "Das werden wir gleich haben“. "Noch einen Schritt weiter“, schrie ich ihm entgegen, „und ich reiße dir die Eier vom Bauch“! Er begriff, dass ich nicht so ohne weiteres an mir pfuschen ließe. Am Ende beschloss er, mich ins Behandlungszimmer des Stationsarztes zu schaffen.
Das Behandlungszimmer des Stationsarztes befand sich allerdings im gegenüberliegenden Gebäudeflügel, auf der anderen Seite des Hofes. Durch das Gebäude, wäre es ein weiter Weg gewesen. Deshalb führten sie mich durch den Hof. Es war Winter. Es lag tiefer Schnee. Barfuss und begleitet von drei Wachbeamten, bekleidet nur mit einer blauen Arbeiterhose und ansonsten nackt, stapfte ich durch den tiefen Teppich kalter, weißer Kristalle. Da der ausgerenkte Arm mich am aufrechten Gang hinderte, lief ich gebeugt. Ein Wachbeamter, fasste mich von hinten am Hosenbund: „Damit du nicht stürzt, falls du unterwegs ohnmächtig werden solltest …“.
Im Behandlungszimmer wurden wir bereits vom Orthopäden der Anstalt Behandlungstisch. Um meine Muskulatur vor dem Einrenken meines Armes etwas zu entspannen, wollte man mir eine Diazepaminjektion verabreichen. Man fand aber keine Vene. „Gib her die Spritze“, sagte ich schließlich, nachdem ich einige ihrer vergebenen Versuche, eine Vene zu finden, über mich ergehen gelassen hatte. „Laßt mich machen“. Übung, so sagt man, macht den Meister. Ich fand die Vene auf Anhieb. Nun murksten sie abwechselnd und manchmal sogar zu zweit, um meinen Arm wieder einzurenken. Sie zerrten, zogen und drehten an mir. Sie folterten mich geradezu, aber es wollte nicht gelingen, meinen Arm wieder an seinen Platz zu biegen. Bunte Sterne, platzten vor meinen Augen vor Schmerz. Am Ende beschlossen sie, ich müsse nach draußen, in ein Krankenhaus gebracht werden.
IM KRANKENHAUS
Nackt, bis auf eine blaue Arbeiterhose, krumm und voller Schmerzen, fuhren sie mich in einem vergitterten Kleinbus in eines der Münchener Krankenhäuser. Zwei bewaffnete Wachbeamte, begleiteten mich. Oh, ich erinnere mich noch gut. Man hatte mir, trotz meiner krummen Haltung, Handschellen angelegt. Als ich, zusammen mit meinen Begleitern, das hell erleuchtete Krankenhaus betrat, schob man gerade eine Frau auf einer Trage an mir vorüber durch den Gang. Gnädige Frau hatte sich das Handgelenkchen ausgerenkt. Jetzt war sie zwar schon behandelt worden und alles war wieder in Ordnung gebracht, aber um ihren zarten Leib zu schonen, ließ man sie nicht laufen, man rollte sie liegend dahin.
Ich dagegen, wurde krumm, halbnackt, blaugefroren und in Handschellen, von meinen beiden bewaffneten Knechten durch die Krankanhausgänge gescheucht. Wir kamen in einen Raum, in dem sich vier Ärzte befanden. „Nehmen sie dem Mann die Handschellen ab“, befahl einer der Ärzte. „Das dürfen wir nicht“, antwortete einer meiner Knechte. „Das wäre gegen die Vorschriften“. „Nun“, antwortete der Arzt, „dann nehmen sie ihn wieder mit. In Handschellen, behandele ich meine Patienten nicht“. Oh Gott! Man sah den beiden Idioten ihr Dilemma förmlich an. Sollten sie gegen die Vorschriften verstoßen und mir die Handschellen abnehmen, oder sollten sie mich, in Handschellen und unbehandelt, einfach wieder im Gefängnis abliefern? Am Ende trauten die Impotenten sich keinen eigenen Entschluss zu. Sie riefen im Knast an und ließen sich telefonisch die Erlaubnis geben, meine Handschellen abzunehmen. Danach legte ich mich auf einen der Behandlungstische. Ich war sichtlich in Schmerzen. „Bringen sie rasch 60mg Morphium“, sagte einer der Ärzte zu einem seiner Kollegen. Einer meiner uniformierten Begleiter protestierte. Er trat zu dem Arzt hin und raunte ihm zu. „Diesem Mann dürfen sie kein Morphium geben“. Der Arzt sah ihn an, irgendwie von oben herab. „Wieso nicht?“, fragte er. „Der Mann ist Rauschgiftsüchtig“, klärte das uniformierte Arschloch ihn auf. „Überlassen sie das nur mir. Wer glauben sie, wer sie sind, mir medizinische Ratschläge zu erteilen?" wies der Arzt den Idioten zurecht. Der Arzt trat zur mir. „Sie haben früher Heroin genommen?“ Ich bejahte. „Welche Mengen sind sie gewöhnt“, wollte der Arzt wissen. Jetzt dachte ich natürlich, je mehr ich angab, desto mehr Morphium würde er mir verabreichen. Ich antwortete deshalb, „Zwischen 15 und 18 Gramm am Tag“. Der Arzt machte große Augen und schickte seinen Kollegen, der inzwischen schon mit einer Morphiumspritze zurückgekehrt war wieder weg, um mehr zu holen. „Klasse“, dachte ich, während ich da so lag und auf meine Dröhnung wartete. „Jetzt ziehste wenigstens noch Vorteil aus der ganzen Scheiße…-“.
Inzwischen hörte ich, wie einer der Ärzte zu den anderen sagte, „Wir geben ihm am besten eine Kurznarkose“. Ich meinte, ich hätte etwas von Brombarbiturat gehört, oder so ähnlich. Ich sah zu, wie der Arzt, der gesprochen hatte, eine Injektionsspritze aufzog. Jetzt kam auch der Arzt wieder, der das Morphium holen sollte. In seiner Hand hielt er eine vielversprechende Wumme, eine Spritze, mit sicher zehn Kubikzentimeter Inhalt....
Um die ersehnte Injektion zu erhalten, breitete ich beide Arme aus, wie Jesus am Kreuz und lag, im Gegensatz zu dem, voller Erwartung. Der Arzt mit der Narkosespritze machte sich an meinem linken Arm zu schaffen, der mit der Morphiumspritze an meinem Rechten. Beide, fanden keine Vene. Nach mehreren Versuchen resignierte der Arzt mit der Narkosespritze, „Mir reicht es", sagte er. "Ich gehe jetzt in die Leistenvene“. Während dessen befingerte der Arzt mit der Morphiumspritze noch stets meinen rechten Arm auf der Suche nach einer brauchbaren Vene. (Bitte lieber Gott, lass ihn eine finden. Ich werde dafür auch ganz ganz lieb sein...) „Hier haben wir endlich eine“, sagte er zschließlich und befingerte meine Pulsschlagader. „Das ist aber die Pulsschlagader“, versuchte ich ihn aufzuklären. „Und Pulsschlagadern sind Arterien und keine Venen“. Unterdessen versenkte der andere Arzt die überlange Nadel seiner Narkosespritze in meiner Leiste. „Aha!", hörte ich ihn noch rufen. „Hier haben wir sie ja“. Dann musste er wohl den Kolben der Narkosespritze niedergedrückt und die Barbituratladung in meinen Leib gepumpt haben, denn ich verlor das Bewusstsein.
Als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich als Erstes die Schmerzen in meiner rechten Hand. Sie brannte, als läge sie in glühenden Kohlen. Ich drehte meinen Kopf zur Seite und sah hin. Meine rechte Hand schien auf etwa das Vierfache ihrer normalen Größe angeschwollen zu sein. Sie sah aus, wie ein roter, prall aufgepusteter Gummihandschuh. Der Arzt, der daneben stand, massierte erregt an ihr. „Sie haben mein Morphium in die Pulsschlagader injiziert“, stellte ich anklagend fest. „Dabei hatte ich Sie noch gewarnt, dass es sich dabei um eine Arterie handelt", fügte ich hinzu. „Oh!“, rief der Arzt daraufhin verwundert aus. „Und dabei geschieht dann so etwas? Das tut mir aber leid. Das wusste ich nicht. Ich bin nämlich Chirurg, wissen Sie", erklärte er. "Sie wissen, was ein Chirurg ist? Ich schneide Leute auf", erleuterte er weiter. "Vom Spritzen geben, habe ich leider keine Ahnung“. Genau das, waren seine Worte. Erzähle ich diese Geschichte bei Gelegenheit, bemerke ich stets dabei, dass man mir nicht glaubt. Und doch ist diese Geschichte so wahr, wie ich hier sitze und sie schreibe.
Nun stelle man sich den Stand der Medizin vor, wenn Chirurgen zu dämlich sind, Injektionen zu geben. Und solchen Stümpern vertraut man sein Leben an? Deshalb sage ich stets: „Leute, vertraut euren Ärzten nicht. Sie sind oft nichts weiter als Dummköpfe, die blind, ergeben und gehorsam das wiederholen, was ihre Professoren einst erzählt haben. Etwas aus eigener Erfahrung gelernt, haben die Wenigsten von ihnen. Sie sind der eigenen Erfahrung nicht fähig. Sie ahmen lediglich die Handgriffe nach, die ihre Professoren ihnen beigebracht haben. Inwiefern die aus eigener Erfahrung heraus handelten und ihr Wissen nicht auch nur aus Hörensagen bezogen. Ärzte, sind nicht mehr die Heilkünstler von einst. Heute sind sie nur noch schlechte Handwerker, gekauft von Pharmaindustrie, Ideologie und Politik. Würde mein Installateur so pfuschen, wie heutzutage so mancher Mediziner pfuscht, er bekäme keinen Auftrag mehr von mir!
OPERATIONSENDE
Bevor ich vom Behandlungstisch stieg, wurden mir die Handschellen wieder angelegt. Niemand, schob mich auf einer rollenden Trage durch die Krankenhausgänge. Benommen von all dem Diazepam, dem Barbituratnarkose, der versauten Morphiuminjektion, den Schmerzen und all den durchlittenen Strapazen, wurde ich wieder durch die Krankenhausgänge und draußen durch den tiefen Schnee gestoßen. Als ich dabei ausrutschte und beinah fiel, griffen meine beiden lobotomierten Begleiter sofort zu ihren Schusswaffen. Sie dachten, ich wäre noch in der Lage zu fliehen. Dabei war ich froh, als ich es, ohne bewusstlos zu werden, gerade noch bis zum vergitterten Transportbus schaffte.-
WIEDER ZURÜCK UND FAZIT
Drei Wochen dauerte es, bis die Schwellung meiner rechten Hand wieder so weit abgeklungen war, dass man sie als halbwegs normal bezeichnen konnte. Hätte ich das Chirurgen-Arschloch verklagen sollen? Ach, was soll's. Er hatte es gut gemeint, und am Ende war er eben auch nur ein Arschloch unter vielen. Wollte man alle Arschlöcher verklagen, die einem im Laufe der Jahre Schaden zufügten, man stünde bis ins siebte Glied nur noch vor Gerichten ...- Zum Schluss sei aber doch noch einmal verdeutlicht, sei jedermann eingeschärft: Seit auf der Hut vor Chirurgen. Nicht nur sind sie vermutlich zu dämlich für ihr Fach, sie wissen auch nicht, wie man Injektionen setzt!
Alle Rechte: INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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