Startseite Zur 2. Morphinistenseite WEGWEISER RECHTLICHES VORWORT DER MORPHINIST DAS MORPHINISTISCHE MANIFEST Dr. HANNES KAPUSTE AXEL JUNKER KARLOS & Co. ERFAHRUNGEN KARLOS & Co. ERZÄHLUNGEN & KURZGESCHICHTEN ANTIQUARIAT RECHT, POLITIK, WISSENSCHAFT UND MEHR.... SOZIAL & POLITISCH KRITISCHES GEMISCHTES GEDICHTE & PROSAISCHES BRIEFE SUCHEN

KARLOS & Co. ERZÄHLUNGEN & KURZGESCHICHTEN:
Knast Storys, Sucht & Szenen Geschichten, überwiegend von Karlos, Fantasie begabter Erzähler, pessimistischer Visionär, grundsätzlicher Misanthrop, Gelegenheits-Philanthrop und Initiator der Morphinistenseite...-


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Weihnachten auf der Suchtstation H2 und mehr...



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* * * * * * * W E I H N A C H T E N   A U F   D E R   S U C H T S T A T I O N   H 2 * * * * * * * * 

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Weihnachten war heran gekommen, auf Der Suchtstation. Die Korridore füllten sich mit dem Aroma von Rum. Nicht mit dem Aroma echten Rums versteht sich, sondern mit dem Aroma des Backaromas „Rum“. Dieses Aroma, wurde während der Weihnachtstage eines jeden Jahres in den Tee gemengt, um Tee mit Rum vorzutäuschen...


Schnee, lag im Hof und auf den Dächern der Anstaltsgebäude. Schnee lag in weißen Polstern auf den Simsen der vielen Zellenfenster und wie ein langer, weißer Wurm auf der Krone der Gefängnismauer...

Am heiligen Abend, Punkt 24 Uhr, peitschte, scharf und klar wie Glas, ein Schuss durch die Nacht. Ein Schuss? Am heiligen Abend? Ein Beamter, der am heiligen Abend in einem der Wachtürme Dienst getan hatte, war wohl von Schwermut überwältigt worden. Er hatte sein Gewehr genommen, mit dem er eigentlich auf flüchtende Gefangene zu feuern hätte, und hatte sich damit in den Mund geschossen. Was von seinem Hinterkopf noch übrig war, so erzählten seine Kollegen sich in den folgenden Tagen, hatte wie feuchter Dreck an der Wand der Turmstube gehangen...-
Wie man hörte, war die Selbstmordrate unter den Beamten prozentual ebenso hoch, wie unter den Gefangenen.

Ob sie wohl auch eben so hoch ist, wie hier auf dieser Suchtstation?
Fröhliche Weihnachten alle zusammen jedenfalls. Fröhliche Weihnachten!

Von einem karitativen Verein erhielten wir Weihnachtspakete. Darin fand sich ein Weihnachtstollen, mit Puderzucker verkrustet, knochentrocken, steinhart und schwer wie Blei. Vermutlich ein Überbleibsel vom Jahr zuvor. Zwei Päckchen Tabak (“Schwarzer Krauser”), ein Glas löslichen Kaffees (“Nescafe Gold”) und jede Menge in buntes Stanniol gewickelte Süßigkeiten.
“Hebt das bunte Stanniol auf”, bat Walter und schob sich ein Stück Schokolade in den Mund. Das Stanniol der Schokolade, legte er behutsam beiseite: “Damit habe ich später noch etwas vor”.

Am Morgen des zweiten Weihnachtstages, fabrizierte Walter aus Bindfäden kleine Schlingen und legte sie auf die Fenstersimse. Er streute mit listiger Mine einige Brotkrümel dazu und verkündete seinen staunenden Zellengenossen, Tauben, wolle er damit fangen...

Stundenlang, hatten wir zu den Fenstersimsen hochgeschielt, bis gegen Abend sich tatsächlich eine Taube in Walters Bindfadengewirr verfangen hatte.
“Vorsicht”, warnte Walter und nahm Rudi die Taube aus der Hand. “Brich ihr bloß die Flügel nicht”. Vorsichtig klebte Walter der Taube einen Klebestreifen um den Leib: “Damit das Tier sich nicht verletzt”.
“Wir müssen dem Vogel gut zu fressen geben”, erklärte Walter und zerkrümelte ein Stück des knochentrockenen Weihnachtsstollens. “Das Tier muss leistungsfähig sein und gut bei Kräften bleiben. Es hat noch eine Menge vor”.
Es schien, als hätte es sich unter den Tauben in den Anstaltshöfen herumgesprochen, dass man in der Zelle 212 gut gefüttert wurde. Bald nämlich, tummelten sich an die dreißig Tauben, verborgen vor den forschenden Blicken des Wachpersonals, unter den Stockbetten von Zelle 212.

Die Tauben wurden ausgiebig mit Leckereien gestopft. Walter sammelte unterdessen in den Nachbarzellen alles Stanniol dessen er habhaft werden konnte...
Schließlich kam der Tag, an dem Walter sein Geheimnis lüftete. Er nahm ein Stück blauen Stanniols, formte daraus eine kleine Polizeimütze, füllte sie mit Zahnpasta und quetschte sie einer der Tauben aufs Haupt. “Jetzt müssen wir nur noch warten”, erklärte Walter, “bis die Zahnpasta getrocknet ist. Dann lassen wir den Vogel fliegen...”
Die ersten Tiere, versah Walter nur mit Kopfbedeckungen. Doch dann erwies Rudi sich als besonders geschickt im Fertigen ganzer Kostüme und so wimmelte es in den Höfen der Haftanstalt bald von Tauben in den verrücktesten Verkleidungen. Seiner ersten Taube verpasste Rudi einen Frack, Schwalbenschwanz mit Zylinderhut und Krawatte. Danach sprengte Rudis Kunstfertigkeit und Fantasie alle Grenzen und bald flogen Vögel in Uniformen von Feuerwehrleuten, Polizisten und Gefängnispersonal, Soldaten im Kampfanzug, Bräute im Schleier, Piraten mit Augenklappen, Nonnen im Ornat, Engel, Tod und Teufel durch die Gefängnishöfe.

Als eines Tages eine schneeweiße Taube sich in Walters Schlingen fing, flog sie kurze Zeit später versehen mit Lendenschurz, Sandalen an den Füssen und Dornenkrone auf dem Haupt als Jesus Christus wieder durch das vergitterte Fenster ins Freie. Alle Stände der Gesellschaft, Figuren der Historie und Wissenschaften, schwirrten durch die Gefängnishöfe von S..

Man sah kostümierte Tauben auf den Dächern der Anstaltsgebäude sitzen, auf der Gefängnismauer und in den Fenstern der vielen Einzelzellen, wo sie den Gefangenen, die dort traurig und alleine vor sich hin brüteten, Freude und Heiterkeit brachten.
Am Ende verfing eine Krähe sich in Walters Schlingengewirr. Es war ein monströses Biest mit einer Flügelspannweite von sicher einem Meter.
Konzentriert mit seiner Zungenspitze zwischen den Zähnen, bastelte Rudi an einer schmucken Krone aus goldenem Stanniol. Die fertige Krone füllte er mit Zahnpasta, quetschte sie der Krähe aufs Haupt, ernannte den stolzen Vogel zu “König Baudewijn” und ließ ihn wieder ins Freie fliegen. Von allen Vögeln im Gefängnishof, behielt König Baudewijn seine Kopfbedeckung am längsten auf...

Der Tag meiner Gerichtsverhandlung war angebrochen.
Während ich in Handschellen mit einem Beamten neben mir auf einer Holzbank im Gerichtskorridor saß und auf den Beginn der Sitzung wartete, trat Verteidiger Siede an mich heran: “Mach dir keine Sorgen”, sagte er. “Ich habe bereits mit Herrn Schied, dem Vorsitzenden der Kammer, und mit Herrn Oberstaatsanwalt Kröger gesprochen. Wir haben verabredet, dass du zu drei Jahren verurteilt wirst”.
Das wäre noch nicht mal so übel, dachte ich. Für den Handel mit 4 Kilogramm Heroin gibt es in aller Regel wenigstens acht Jahre. Aber eigentlich hatte ich mir vorgestellt, dass Urteile während einer öffentlichen Gerichtssitzung entwickelt und nicht vorher verabredet würdenl? Ob wohl Das Volk, in dessen Namen mein Urteil ja ausgesprochen werden würde, von diesem Kuhhandel wusste und ob es ihn wohl gut hieße?

Da das Urteil bereits vor der Verhandlung fest stand, verlief der Prozess wie ein Theater. Es wurde gerade noch halbwegs der Strafprozessordnung genüge getan und ich bekam mein Urteil serviert. Im Namen des Volkes, fielen wie Asche von einer Zigarette, drei ganze Jahre von meinem Leben ab.
In der hintersten Zuschauerreihe des Gerichtssaals, dort, wo auch die Penner saßen, die sich derlei öffentliche Veranstaltungen nicht entgehen ließen um sich gratis ein wenig zu wärmen, saß Kommissar Majnek. Blass sah er aus. Er mied meinen Blick. Während der Urteilsverkündung ging seine Hand automatisch zu seinem Herzschrittmacher. Drei Jahre!? - dachte er verbittert. Drei Jahre nur!? Hängen, sollte man das Schwein...!


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