__________________________________________________________________________________ DIE RAMPE ZU DACHAU Eine kleine Erzählung am Rande...-
Im Grunde genommen war das Ganze eine Schnapsidee, aber ich hatte den starken Drang zu reisen, nur um meiner beklemmenden Situation in Aachen zu entfliehen. Und so war ich auf die Idee verfallen, mit der Tochter der Frau, die ich zu der Zeit, aller Abneigung zum Trotz, gerade vögelte, auf Reisen zu gehen. Töchterlein, war gerade erst 16 geworden. Sie saß in einem Rollstuhl, litt an Osteoporose in genesis und lief Gefahr, bei jeder Belastung ihrer Beine, sich die Knochen zu brechen. Als Reiseziel hatte ich Dachau vorgeschlagen, der höllische Ort meiner Geburt in Oberbayern.
Wir nahmen den Nachtzug nach München. Um dort nicht völlig erschöpft einzutreffen, hatten wir für Liegewagen bezahlt. Doch während der Fahrt zwang man uns zwei Mal außerplanmäßig den Zug zu wechseln. Wir konnten deshalb kein Auge zutun und kamen früh morgens zerschlagen und erschöpft in München an.
Von München aus nahmen wir die S-Bahn nach Dachau. „Hoffentlich gibt es am Dachauer Bahnhof eine Rollstuhlrampe“, stöhnte meine junge Reisegefährtin. „Darauf würde ich nicht wetten“, sagte ich, laut genug, so dass jedermann in nächster Nähe mithören konnte. „Ich fürchte, die einzige Rampe, die man in Dachau kennt, ist die Rampe im Konzentrationslager, gleich neben der Gaskammer und den Verbrennungsöfen“. Man sah, welche der Fahrgäste Dachauer Bürger waren. Es waren diejenigen, die mir ihre Gesichter am raschesten und mit sichtlicher Empörung zuwandten. Dabei hatte ich die Wahrheit gesprochen, wie sich bald zeigen sollte...-
Eigentlich steht es mir nicht zu, über das Aussehen des Dachauer Bahnhofes zu urteilen. Zu viele negative Erinnerungen sind damit verknüpft. Jedenfalls hat man seine Umgebung verändert, in den letzten Jahren. Einst, war direkt vor dem Bahnhof eine tiefe Mulde, in der sich ein kleiner Park mit hohen, alten Bäumen und einigen Bänken befunden hatte. Inzwischen ist aber die Umgebung dieser Mulde so tief ausgegraben worden, dass nunehr der einst tief liegende Park verschwunden ist und nur noch einige seiner Bäume und eine oder zwei seiner Bänke auf einer Anhöhe stehen. Das Bahnhofsgebäude selbst, ist augenscheinlich von all den Veränderungen unberührt geblieben. Es scheint noch stets dasselbe Gebäude zu sein, dass KZ Häftlinge einst zu Gesicht bekamen, wenn ihr Zug an diesem Bahnhof hielt, um kurz danach auf ein Nebengleis ins Lager geleitet zu werden.
Vom Bahnsteig, führte eine breite, steile Steintreppe hinab zu einem Fußgängertunnel, der mit einem seiner Ausgänge zum Bahnhofsvorplatz führte. An der Mauer, entlang dieser breiten, steilen Steintreppe, befand sich ein Behindertenfahrstuhl. Ein herab zu klappender Sitz, der auf Knopfdruck an einer Art Schiene entlang in die Tiefe gleiten sollte, wäre er nicht dummerweise abgeschlossen gewesen. Ein massives, unüberwindliches Schloss verhinderte eisern die Inbetriebnahme dieses Behindertenfahrstuhls. Ich sah keine andere Möglichkeit, meine behinderte Begleiterin ans untere Ende der Treppe zu schaffen, als das zerbrechliche Wesen zu tragen. Glücklich mit ihr unten angekommen, stellte ich se behtsam auf ihre Beine und lehnte sie vorsichtig gegen die Wand. Danach spurtete ich nochmals die Treppe hoch, um den Rollstuhl nachzuholen...-
Teil unseres Besuches in Dachau war natürlich auch ein Abstecher zum Konzentrationslager, heute Museum, im Osten der Stadt. Ich will hier nicht so sehr über diesen Besuch berichten. Nur so viel: Dieses Konzentrationslager ist einst, in meinen frühen Kinderjahren, der Abenteuerspielplatz für die Kinder aus dem östlichen Teil der Stadt gewesen. Wir Kinder waren damals oft auf diesem nahezu völlig verlassenen Gelände. Daher kannte ich das Lager, die Gaskammer und alles andere, was nach dem großen Kriege vom Lager übrig geblieben war, wie meine Hosentasche. Was ich allerdings während dieses Besuches vorfand, entsprach so gar nicht mehr dem, was ich aus meiner Kindheit in Erinnerung hatte. Wie es schien, hatte man verschiedene Veränderungen vorgenommen. Vermutlich Renovierungsarbeiten. Hier ein wenig frische Farbe, dort ein wenig Mörtel…-
Der Bus vom Lager zurück in die Stadt, war vollgepackt mit Menschen. Eine dralle Dame mit roten Wangen sah meine Bedrängnis in der Menge und bemerkte scherzend, „Die kommen alle aus dem Lager“, womit sie die vielen ausländische KZ Touristen meinte. Ich erwiderte spontan mit einem Scherz und sagte, „Oh? Aus dem Lager? Das möchte man nicht meinen, wo sie doch so gut ernährt aussehen“. Niemand, außer der drallen rotwangigen Dame wagte es, über meinen Scherz zu lachen…- Solches bewirkt die bleierne Klammer, die über das ganze Thema geschraubt worden ist...-
Als der Tag unserer Heimreise heran war, standen wir mit unserem Rollstuhl wieder vor dem Problem der steilen Steintreppe zum Bahnsteig hoch. Der Behindertenfahrstuhl war noch stets verschlossen. Ich ließ meine junge Begleiterin in ihrem Rollstuhl auf dem Vorplatz stehen und ging in den Bahnhof. Dort bat ich einen jungen Bahnangestellten hinter dem einzigen geöffneten Schalter um den Schlüssel für den Behindertenfahrstuhls. Doch der junge Mann hatte keinen Schlüssel. Wie ich erfuhr, lag der Schlüssel aufbewahrt bei irgend einem städtischen Behinderten Verein. Man könne wohl dort anrufen und den Schlüssel anfordern, erklärte der junge Bahnanfestellte, aber man müsse sich auf eine Wartezeit von etwa einer Stunde einstellen...-
Während meines Gespräches mit dem jungen Bahnangestellten, hatte sich hinter mir eine Schlange von Menschen gebildet. Sie hatten unser Gespräch mitgehört und ein Murren ging durch die Menge. Einer der Wartenden bemerkte schließlich lautstark in Richtung des jungen Mannes hinter dem Schalter, „Du bist ja wohl zu faul, um deinen Arsch zu heben und dem Mann und dem kleinen Mädchen zu helfen, nicht wahr“!? Andere stimmten ein, „Ja klar. Der ist viel zu faul um zu arbeiten. Der ist ja auch Beamter“! Immer mehr Stimmen riefen dazwischen. Doch der junge Mann verließ seinen Schalter nicht. Am Ende zeigte sich, dass auch niemand aus der stimmgewaltigen Menge auf die Idee kam, mir Hilfe anzubeten. Und so musste ich das junge gebrechliche Mädchen und ihren Rollstuhl doch wieder alleine die steile Steintreppe zum Bahnsteig hoch wuchten...-
Welche Leute, so frage ich mich, sind nötig, um erst über die Untätigkeit des jungen Bahnangestellten herzuziehen, um danach selbst untätig zu bleiben und zuzusehen, wie ich mich alleine schinde? Die Antwort lautet: Dachauer. Bayern!
Das Frappante an dem Vorfall war, dass er exakt dem Bild des Dachauer Ureinwohner entsprach, wie ich es in Erinnerung hatte und dass ich insgeheim durch diese Reise revidiert hätte. Es half nichts. Zu eindeutig traf dies Bild zu, als dass es revidiert werden konnte. Die Ureinwohner dieser Stadt sind mir, heute wie ehemals, einfach unausstehlich in ihrer Rohheit und der daraus resultierenden Beschränktheit. Wen wundert's, dass man aus dieser angeblichen "Künstlerstadt" so manchen Künstler fliehen, aber keinen kommen sieht?
INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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