________________________________________________________________________ Ich lebe gerne alleine, in einer Art freiwilligen Exils. Warum? Es hat mehrere Gründe. Es ist schwer, nach vierzig Jahren des Morphinismus und rund fünfundzwanzig Jahren der Justizflucht noch Freude zu empfinden und Interesse, im Umgang mit gewöhnlichen Bürgern. Zum anderen wird einem nach so viel Jahren auch der Kontakt verleidet zu anderen Morphinisten, bei denen es leider, - bedingt durch die gesetzliche Lage -, allzu oft nur noch um dieselben Dinge geht. Irgendwann kennt man sie alle, hat alle schon bis zum Abwinken gehört und von da an, ist einfach nichts Neues mehr zu erwarten. Freilich gibt es Ausnahmen. Es gibt immer Ausnahmen, weswegen es schon unsinnig wird, ständig wieder aufs Neue darauf hinzuweisen, dass es Ausnahmen gibt. Aber es bleiben eben Ausnahmen. Und sind sie erst so spärlich gesät, dass die Mühe sie zu finden, die Freude überwiegt, hat man sie gefunden, lässt man bald auch das Suchen sein…-
Seit der Veröffentlichung der Morphinistenseite, ergaben sich freilich stets aufs Neue wieder Gelegenheiten, Bekanntschaften zu machen. In der Regel lehnte ich persönliche Treffen ab, ebenso wie Interviews oder gar öffentliche Reden...-
Dennoch ergab sich auf diese Weise, schleichend erst, und nur per e-Mail, und später dann per Telefon, der Kontakt zu einer jungen Substitutionsärztin aus X-Stadt. Sie fände meine Äußerungen auf der Morphinistenseite so "treffend", ja, „genial“, hieß es. Ich müsse unbedingt ein Buch heraus geben, mit Texten der Morphinistenseite. Sie, wolle dabei tatkräftig mithelfen, ja, es sogar finanzieren, müsse es, aus Mangel an einem Verleger, im Eigenverlag veröffentlicht werden. Hunderte Stunden am Telefon wurden verbracht. Dabei ging es überwiegend um unser beider Fachgebiet, dem Morphinismus. Vorsichtshalber hatte ich aber hier schon deutlich anklingen lassen, ich liebte meine einsame, solitäre Stellung, ich sei gerne alleine und hätte keinerlei Interesse an irgendwelchen Bindungen. Erfreut vernahm ich, sie empfände ebenso. Dann, so dachte ich, könne man sich ja vielleicht gefahrlos treffen. Schließlich tauchte sie eines Tages bei mir in Aachen auf, mit einer Art Wohnmobil, einem alten, innen klug ausgebauten roten Kleinbus.
Die Nähe der Niederländischen Grenze, und wohl auch das, was einen im Allgemeinen dorthin zieht, zog sie am zweiten oder dritten Tage nach Amsterdam. Ob ich mit wolle, wurde ich gefragt. Es folgten vier strapaziöse Tage in Amsterdam und weiter Umgebung...-. Ein Tütchen Hasch freilich, musste bei der Gelegenheit auch erworben und mit nach Aachen gebracht werden. (Ich selbst, schmuggle und rauche nicht mehr…)
Zurück in Aachen, bekam Madam irgendwelche Anwandlungen, deren Ursachen mir bis heute schleierhaft geblieben sind. Es hatte in jedem Fall mit der Wirkung des Rauchkrautes zu tun, soviel schien sicher. Plötzlich wurde sie nämlich gereizt und geschäftig, agressiv, zog missmutige Fressen, packte schließlich rasch ihre Sachen und verschwand nach mehr als einer Woche täglichen Zusammenseins ohne Abschied zu nehmen und ohne weitere Worte der Erklärung, in ihrem roten Kleinbus brummend wieder in der Ferne. Trotz ihres offensichtlichen, wennschon unerklärlichen Missmutes mir gegenüber, schämte sie sich nicht, dabei auch noch eine nicht ganz so billige 5:1 Sourround Sound Anlage mitzunehmen, die ich ihr überlassen hatte, da sie nach eigenem Bekunden zuhause keine Geräte besaß, um Musik abzuspielen. Doch was soll's. Man ist schließlich einiges gewöhnt, hat man doch schon seit Jahren das untrügliche Gefühl, nur noch unter Bekloppten zu verkehren…-.
Drei Tage später, rief sie wieder an. Sie hatte sich eingebildet, erzählte sie, ich hätte sie hinaus geworfen. Davon wußte ich allerdings überhaupt nichts. Ich sagte ihr, sie sei deutlich nicht ganz richtig im Kopf und riet ihr, Cannabis unbedingt sein zu lassen. Danach ging sie über die Angelegenheit hinweg, wie man eben über Angelegenheiten hinweggeht, über die man gerne hinweggeht. Weil ich auf Anhieb keine gegenteiligen Gründe sehen konnte, tat ich Esel dasselbe. Dabei hätte ich mir ihr beklopptes Verhalten besser gleich zur Warnung dienen lassen sollen. Man ist eben viel zu gutmütig, mit all den abgedrehten Leuten, die einen zuweilen umgeben...-
Schon vor dem Ausflug nach Amsterdam war vielfach davon die Rede gewesen, ich solle für einige Tage mit zu ihr, nach X-Stadt kommen, um mir dort ihre Praxis anzusehen, ihre Patienten und nicht zuletzt, um einige technische Dinge zu erledigen, die zu erledigen Madam die Zeit nicht fand, da ihre Praxis sie zu sehr fordere. Doch reise ich nicht mehr gerne. Ich finde mich zu behindert, um zu reisen. Man läuft nur noch unter Anstrengung und man sieht zu wenig. Es strengt einfach zu sehr an und fordert im Nachhinein immer Tage der Erholung. Trotzdem, hattte ich mich zu dieser Reise drängen lassen...-
Bei diesen "technischen Dingen" handelte es sich überwiegend um Angelegenheiten wie etwa, ihre beiden Laptops auf Vordermann zu bringen, sie mit Nützlichem, wie etwa Filmen und Musik, aufzuladen, einen großen TFT TV zu bestellen, ihn aufzustellen und es so einzurichten, dass beide Laptops darüber betrieben werden können usw.. Auch in Madams Badezimmer, so schien es, gab es einiges zu tun. Wegen eines Konstruktionsfehlers schloss die Türe der Duschkabine nicht und Bedienungselemente von Wasserhähnen fielen von den Wänden. Ich war schon immer locker mit derlei Hilfsleistungen. Man tut was man kann und erwartet nichts dafür zurück...- .
Wenige Tage nach ihrer überstürzten und schwer erklärbaren Abreise aus Aachen, war Madam also wieder zurück, um mich nach X-Stadt zu holen. Diesmal war sie nicht in ihrem roten Kleinbus gekommen, sondern, mit der Bahn...-.
Ich bin schwerbehindert und kann zuweilen trotz Betäubung mit Morphin nur unter Schmerzen laufen. Außerdem bin ich so hochgradig sehbehindert, dass ich vor dem Gesetz als blind gelte (...das nennt sich "gesetzlich blind"). Aus diesen Gründen entferne ich mich nur ungern von meinem eigenen Zuhause. Man ist zu hilflos und alles ist viel zu strapaziös. Aber Madam versprach hoch und heilig, sie würde rücksichtsvoll sein und darauf achten, alles nach meinem Sinne zu gestalten. Vor allen Dingen, und das war mir das Wichtigste, würde sie mich am Ende entweder mit dem Zug, oder in ihrem Kleinbus persönlich wieder nachhause bringen. Obwohl mir ihr merkwürdiges Verhalten bei ihrer letzten Abreise als Warnung hätte dienen müssen, ließ ich mich schließlich breitdrücken, mit ihr diese Reise nach X-Stadt anzutreten. Nicht allerdings ohne gesundes Misstrauen. Während der Fahrt von meiner Wohnung zum Aachener Bahnhof sagte ich deshalb zum Taxifahrer: „Es kann sein, dass ich dich in einigen Tagen von X-Stadt aus anrufe. Komm dann bitte, hole mich dort ab und bringe mich sicher wieder nach Aachen zurück“. Gesundes Misstrauen, wie gesagt. Wie gesund, und dass es weit gesünder gewesen wäre, gleich zuhause zu bleiben, sollte sich bald zeigen...-.
Die Reise nach X-Stadt verlief nicht ohne böse Omen. So schiss beispielsweise mein Jack Russel Terrier sofort nach dem Einsteigen in den Flur des ICE, direkt vor den Eingang des Speisewagens. Sehbehindert wie ich bin, war mir das Malheur entgangen. Madam allerdings, hatte es sehr wohl gesehen. Umso verwunderter war ich über die Dreistigkeit ihrer Lüge, als nämlich ein Bahnschaffner uns mit dem Umstand konfrontierte. Sie log wie selbstverständlich: „Unser Hund war das nicht“. (Ich mag in dieser Hinsicht ein Gimpel sein, aber von Ärzten erwarte ich eine solche Bereitschaft zur Lüge nicht…) Madams Verschlagenheit erboste allerdings den Schaffner. Der wollte jetzt Papiere sehen. Doch Madam legte sich quer, und weil ich keinen Anlass sah, nicht das gleiche zu tun, legte ich mich mit. Die Polizei wurde hinzugezogen. Wie sich zeigte, fuhr im ICE ein Kommissar der Grenzschutzpolizei mit. Der nahm schließlich unser beider Personalien entgegen. Der Bahnschaffner, als wolle er etwas vom Glanze der Autorität abbekommen, drängte sich ganz dicht an den Polizeibeamten und murmelte dabei unheilvoll etwas von "Anzeigen" und "hohen Geldstrafen".
Bei alldem fiel mir auf, dass selbst ich, der ich es aufgrund meiner zahlreichen Erfahrungen längst besser wissen sollte, immer noch daran glaube, Ärzte müssten aufgrund der bloßen Tatsache, dass sie Ärzte sind, höhere ethische Anforderungen an sich selbst stellen, als gewöhnliche Leute. Dabei befindet sich unter Ärzten dasselbe alte abgedrehte Schweinepack, wie auch unter dem Rest der Menschheit...-.
Es war eine hübsche, renovierte Altbauwohnung in einem der Altstadtviertel X-Stadts. Die vorhandenen Mängel ließen auf den psychischen Zustand der Bewohnerin schließen. Sie waren ziemlich alle nur Folge von Nachlässigkeit, wie etwa Türen die nicht schlossen und ein halbes Duzend kleiner Macken im Badezimmer. Spärliche Möbel, nicht garstig anzusehen, aber deutlich an Sperrmüll erinnernd, mit Schubladen, vollgestopft mit Gerümpel, dass dort schon Jahre unangerührt lagern mochte. Ich tat, wovon ich annahm, dass es von mir erwartet wurde und machte mich über einige technische Angelegenheiten her. Zwischendurch gingen wir zusammen essen und machten Spaziergänge mit meinem Jack Russel...-. Diese "Spaziergänge" freilich, machten mir zuweilen zu schaffen. Sie bereiteten mir Schmerzen. Aber ich dachte, solange sie noch auszuhalten sind, werden sie jedenfalls nicht schaden.
Nach einigen Tagen traf plötzlich Madams Sohn ein. Seine Freundin hatte ihn verlassen. Darunter litt er so sehr, dass er seine Mutter, die Ärztin, bat, ihn in eine psychiatrische Anstalt einzuweisen. Zu dem Zeitpunkt war ich durch einige Vorfälle schon der Annahme nahe, seine Mutter gehörte auch dorthin. Filius wurde mit ein wenig Diazepam abgefüttert und schlief ein.
Als Sohnemann nach ein zwei Tagen wieder zu sich kam, war er wieder so gut wie "geheilt". Muttern allerdings, hatte mit dem Eintreffen ihres problembeladenen Sohnes plötzlich Stimmungschwankungen bekommen. Garstige innere Spannungen, stellten sich bei ihr ein und eine Gereiztheit, von der bald ein jedes ihrer Worte durchtränkt zu sein schien. Madam freilich gab vor, völlig ausgeglichen zu sein und argwöhnte, ihre Gereiztheit ginge von mir aus. Ich hatte schon öfter den Eindruck, Mutterschaft kann einer Krankheit gleichen, die mit der Geburt des Nachwuchses beginnt und mit dem Tode der Mutter endet. Zu den Symptomen dieser Krankheit gehört es, dass Mütter ihren Nachwuchs, und sei der ganz offensichtlich noch so kretinös, grundsätzlich als verhindertes Gotteswunder betrachten.
Es zeigte sich zum wiederholten Male ihre Neigung, mir die Empfindungen zu unterstellen, die sie empfand. Dasselbe Phänomen bemerkte ich auch bei ihrem Sohn inBezug auf seine Mutter. Er wollte ein Fläschchen der Medizin, die ihm so gut getan hatte, Diazepam, mit nachhause nehmen. Doch Mutter weigerte sich, ihm eines zu überlassen. Das rigorose Nein der Mutter verursachte beim Sohn deutliche Anzeichen von Stress, es verärgerte ihn. Dabei forderte er seine Mutter, die während der ganzen Geschichte ruhig und gelassen schien, sie möge nicht so „gestresst“ reagieren. Dabei war deutlich nur er es, der "gestresst" reagierte, seine Mutter dagegen keineswegs. Eigener Stimmungslagen in sein Gegenüber zu projizieren, lag offenbar in der Familie.
Seitdem Sohnemann mit seinem Liebesleid aufgetaucht war, wichen Mutters Spannungenund ihre Gereiztheit kaum mehr. Unterdessen verwandte ich schon den überwiegenden Teil meiner geistigen Energie nur noch darauf, im nebelhaften Psychodrama dieses Hauses im Kopfe klar zu bleiben...-.
Ich hatte Madams Laptop so eingestellt, man musste nur noch den externen TFT-TV per Kabel an seinem VGA Eingang einstöpseln, um den Desktop des Laptops auf dem TFT-TV darzustellen. Eines Nachmittags arbeitete Sohnemann, inzwischen offenbar vom Liebesleid gänzlich wieder genesen, mit eben diesem Laptop. Als ich das Gerät am Abend wieder an den TFT-TV anschließen wollte, gab es zwischen Laptop und TFT-TV keine Verbindung mehr. Eine Untersuchung ergab, in der Graphikkarteneinstellung war die Einstellung, die für die Darstellung auf externem Monitor benötigt wird, rückgängig gemacht worden. Dafür gab es in meinen Augen nur zwei mögliche Ursachen. Entweder, die Einstellung wurde automatisch wieder rückgängig gemacht, sobald man den externen TV vom VGA Anschluss des Laptops abzog und die Kiste herab fuhr, oder aber, Sohnemann hatte an den Graphikkarteneinstellungen gespielt. Die erste Möglichkeit schloss ich durch einen Versuch aus. Es blieb also nur noch übrig anzunehmen, Sohnemann hatte aus irgendwelchen Gründen die Einstellung verändert. Wie sich aber zeigte, durfte diese Vermutung nicht ausgesprochen werden, ohne dass Muttern Agressionsanfälle bekam, die nicht etwa gegen Filius gerichtet waren, sondern, gegen mich. Es war eine dieser krankhaft ungesunden Mutter - Sohn Angelegenheiten, aus denen man sich am besten raus hält.
Inzwischen waren Mutters Spanunngen und Agressionen schon so allgemein geworden, sie konnte kaum noch sprechen, ohne dass ihre Worte untergründig mit Agression getränkt gewesen wären. Jeder ihrer Sätze schien plötzlich von Spannung unterlegt und mit Agression getränkt, und gab ich nicht Acht, wurde sofort ich als Ursache der allgemeinen schlechten Stimmungslage ausgemacht. Madam war deutlich auf dem besten Wege, auf eigene Faust den Verstand zu verlieren. Ich bin kein Psychiater (möchte auch keiner sein) und fühlte mich für all den Quark nicht verantwortlich. Es mag hart klingen, aber ich bin grundsätzlich der Ansicht, Erwachsene, sicher so sie sich als Arzt aufspielen, seien für ihre eigene Psychoscheisse verantwortlich...-.
Am elften Tag meiner Anwesenheit in X-Stadt, machten wir wieder einen dieser "Spaziergänge". Ich hatte meine Schmerzmittelmedikation geändert und dadurch einige Probleme. Ich wollte deshalb nicht allzu weit laufen. Madam nannte ein Ziel. „Ist es sehr weit?“ fragte ich vorsichtshalber. „Nein“, beruhigte sie mich. „Es ist gleich da vorne“, wobei sie vage in eine Richtung wies. "Gleich da vorne", erwies sich dann allerdings als Marsch von etwa zwei Kilometer. Ich sah zum Himmel auf und erkannte, es würde bald regnen. „Bei dieser labilen Wetterlage“, so bemerkte ich, „ist es keine gute Idee, dorthin zu gehen, wo man sich nicht unterstellen kann“. Madams Antwort darauf war ein kurzes Grunzen. Wenig später freilich, eilten wir in strömendem Regen nachhause...-.
Von diesem Gewaltmarsch waren wir durchnässt zuhause angekommen. Ich leide an Polyneuropathie. Das bedeutet, Kälte und Nässe bereiten Schmerzen und so wußte ich in den ersten Minuten nicht, in welche Kurven ich meinen Körper biegen sollte, um den Schmerz erträglicher zu machen. Ich war rundweg sprachlos über Madams Rücksichtslosigkeit. Nun hatte Madam zu Recht Missempfindungen, wie etwa Schuldgefühle. Die hätte ich an ihrer Stelle auch gehabt. Nur hätte ich nicht andere dafür verantwortlich gemacht, sondern, mich selbst und meine eigene Dummheit. Madam aber argwöhnte, ich manipuliere durch mein Verhalten Schuldgefühle in sie hinein...-.
Jeder mit auch nur zwei miteinander korrespondierenden Gehirnzellen wusste spätestens hier, es war dringend an der Zeit, dies Irrenhaus zu verlassen. Es kam mir deshalb nicht ungelegen, als Madam zu dem Schluss gelangte, sie wolle mich gerne nachhause bringen. Erfreut, stimmte ich zu. Ich wollte schon längst wieder weg, aber Madam hatte mich erst kurz zuvor ausdrücklich gebeten, wenigstens noch solang zu bleiben, bis ihre Schwester wieder aus dem Urlaub zurück sei. Die käme aber erst in einer Woche...-. (Wer kennt die Situation, wenn man feststellt, man befindet sich unter unberechenbaren Irren, will weg, stellt aber fest, dass man nicht so einfach weg kann?)
In solcher Stimmung aber, wollte Madam nicht reisen. Sie bschloss deshalb, sie wolle mich bis zum Bahnhof bringen, um mich dort der Bahnhofsmission zu übergeben. Mochte die zusehen, wie ich wieder nachhause käme. Wie ein lästiges Paket, wollte dieses Weib mich wieder loswerden! Fremden Leuten, wollte sie mich übergeben! Freilich, "Der Mohr", schien ganz offensichtlich "seine Schuldigkeit" getan zu haben. Nun mochte er nun sehen, wo er bliebe...-. (Klasse Leute, so manche Substitutionsärzte. Man bedauert die ihnen Anvertrauten...)
Während stundenlanger Telefongespräche hatte diese Ärztin mir erzählt, wie umfassend sie doch die ganze Menschheit liebte, und dass sie außerstande sei, zum Beispiel bei Fehlverhalten ihrer Substitutionspatienten zu Strafmaßnahmen zu greifen. Dazu sei sie viel zu gütig. Sie sei die Güte selbst, hatte sie mich wissen lassen, sie sei wie der Segen, sie sei nichts als allumfassende Liebe! Menschen, die ständig ihre eigenen menschlichen Qualitäten anpreisen, besitzen diese in aller Regel nicht. Erwähnt man seine Vorzüge allzuoft, geschieht dies häufig, um am Ende selbst zu glauben, man hätte sie. Solche Leute geben sich gerne anders, als sie tatsächlich sind. Wird ihnen aber die Anstrengung zu groß, diese Täuschung aufrecht zu erhalten, fällt ihre Fassade. Dann geben sie gerne anderen Leuten die Schuld an der beschämenden Situation, die sich dadurch einstellt. Madam, konnte jedenfalls nicht mit Menschen umgehen, soviel stand fest. Dabei war sie Ärztin und hatte sich den Umgang mit Menschen zum Beruf gemacht! Bevor man sich aber den Umgang mit Menschen zur Aufgabe macht, sollte man Menschen kennen. Bevor man Menschen kennen kann, ist es unabläßlich, erst sich selbst zu kennen.
Das hoch heiliges Versprechen, mich auch wieder nachhause zu bringen und ihre gepriesene Menschlichkeit waren dahin verkommen, mich wie ein lästiges Paket bei der Bahnhofsmission abzuliefern. Das traf mich hart, war es doch Bedingung meiner Anreise gewesen, von ihr wieder nachhause gebracht zu werden. Mein Problem war nämlich, ich konnte nicht alleine reisen. Dazu sah ich zu schlecht. Das begriffen sogar Deutsche Behörden, die auf meinem Schwerbehindertenausweis bescheinigten, die Notwendigkeit ständiger Begleitung sei anerkannt. Den Menschen von der Bahnhofsmission war nicht zu vertrauen. Ich kenne solche Situationen zuhauf und weiß daher: Fremde, auf die man angewiesen ist, neigen grundsätzlich dazu, einen zu vernachlässigen. Das liegt in der Natur der Sache. Es liegt ihnen nichts an jemand, der ihnen nicht nahe steht. Jeder, der jemals wegen Krankheit oder Behinderung auf fremde Hilfe angewiesen war, weiß das. Und jene, die noch nie darauf angewiesen waren, können sich den Luxus leisten zu glauben, es sei nicht so. Das ist leider die kalte, traurige Wahrheit. Da fiel mir zum Glück mein Taxifahrer aus Aachen ein. Ich rief ihn an und bat ihn, mich sofort in X-Stadt abzuholen. In etwas mehr als drei Stunden war er in X-Stadt...-.
Ich hatte Madam nicht angefasst. Wer weiß, vielleicht war gerade dies insgeheim von mir erwartet worden? Ich weiß es nicht. Will es auch nicht wissen, denn eigentlich hatte ich von Anfang an nicht unbekundet gelassen, dass ich das nicht wünschte. In sexueller Hinsicht bin ich von Menschen, die mir allzu merkwürdig erscheinen in ihren Köpfen, allzu unaufrecht, eher angewidert. Um es profam auszudrücken: Man spürt das Unaufrechte im Kopf seines Gegenübers und findet es geschmacklos, dies zu ignorieren und sich einfach nur auf eine Votze zu werfen. Deshalb hätte ich Madam beim besten Willen "noch nicht mal mit einer Kneifzange anfassen können"*. Sie erschien mir zu unaufrecht in ihrem ganzen Wesen.
Oder hatte Madam etwa erwartet, ich käme daher, wie der rettende Ritter auf weißem Rosse, um ihre Welt, ihr Leben, all das, was sie aus Nachlässigkeit vernachlässigt hatte, ihr ganzes Chaos, in Ordnung zu bringen? Ich bin schwerbehindert, in Gottes Namen! Ich kann zuweilen kaum noch laufen und kaum noch etwas sehen! Hatte sie das erwartet, wäre sie offensichtlich noch merkwürdiger gewesen, als es ohnehin schon den Anschein hatte. Doch was soll's. Die Antworten auf diese Fragen waren mir egal. Ich wollte nachhause! *Es ist dies eine Redewendung aus dem Volke, womit die völlige Unmöglichkeit sexuellen Kontaktes umschrieben wird.
Die Taxifahrt nach Aachen zurück, hatte mich 500 Euro gekostet. Diese Summe betrachte ich als Lehrgeld, dass ich zahlen musste um endgültig zu begreifen, man läßt sich nicht mit Leuten ein, bei denen einen der Instinkt schon warnt, sie sind ungut verquer im Kopfe...-.
Das Fazit? Man hüte sich vor Weibern, die einem ständig nach dem Munde reden, hartnäckig eines Nähe suchen, dauernd ihre menschlichen Vorzüge nach vorne kehren und deren, ach so positive Selbstdarstellung, bei geringster Belastung zerkrümelt, wie Hundekot in der Sonne. Sie sind womöglich nur sexuell Frustrierte, lauernd auf den nächsten Sex, oder womöglich alte, abgedrehte Gören, die erwarten, man nähme sie auf seine starken Arme und erledige für den Rest ihres Lebens alle ihre Probleme..-.
INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
|