________________________________________________________________________________ Komisch, dass es aber auch immer auf den Dorfschullehrer hinauslief, der mich am Ende zum Ziele führte…-
Es war in einem kleinen Nest außerhalb von Izmir, wo ich dem Dorfschullehrer begegnet war. Zuerst hatte er so gar keine Ahnung, wovon die Rede war. Als er dann aber am Abend, als ich mit ihm und seiner Familie Schwimmen war, - als einziger- die wenigen Einstiche an meinem Arm bemerkt und erst recht als ich ihm nach dem Schwimmen ein Bündel Dollarnoten unter die Nase gehalten hatte, war er aufgetaut. „Heroin“? Ja, davon hatte er schon mal gehört. Aber vielleicht wäre es besser, ich unterhielte mich mit seinem Schwager darüber.
Gegen Mittag des nächsten Tages war dann dieser Schwager eingetroffen. Sein Kommen kündigte sich schon Kilometer weit durch das Jammern und Pfeifen eines losen Keilriemens an. Der Schwager fuhr, was er liebevoll seinen „Amerikaner“ nannte, einen hochbetagten, hellblauen, zerbeulten Chrysler. Die Wasserkühlung des urtümlichen Wagens zischte und dampfte und seine Federung und Stoßdämpfer ächzten und stöhnten erleichtert auf, während sie sich langsam in die bequeme Position des Stillstandes setzten.
Raubvögel, kreisten am wolkenlosen Himmel über uns, während wir in dem kleinen ummauerten Gärtchen hinter dem Haus saßen und die Mutter des Hauses, Gemahlin des Dorfschullehrers, geschäftig mit einer großen metallenen Teekanne zwischen Garten und Küche hin und her pendelte. „Heroin`“, murmelte der Schwager und kratzte sich nachdenklich die Bartstoppeln. Ja, davon hätte er vom letzten Jahr noch einiges übrig. Viel sei es nicht. Aber er hätte es für alle Fälle schon mal mitgebracht.. Er hatte das Pulver in einem Kunststoffeimer im Kofferraum seines Wagens. Viel, war es tatsächlich nicht. Es mochten etwa 1500 Gramm gewesen sein. Aber es sah gut aus. Es war beige Heroinbase. Ich wollte die guten Leute nicht mit Nadel und Injektionsspritze erschrecken und so stimmte ich dem Vorschlag des Schwagers zu, gemeinsam etwas von dem Pulver zu rauchen. Der Vorschlag war mir aus noch anderen Gründen recht. Auf diese Weise konnte ich an der Reaktion des Schwagers beobachten, ob das Zeug etwas taugte. Mir selbst, war es nämlich nicht mehr so recht gegeben, diese Feststellung zu treffen. Meine Toleranz war so hoch entwickelt, dass ich vermutlich keinen Hauch des Zeugs bemerkt hätte, selbst wäre es gut und injizierte ich ein ganzes Gramm davon. Jedenfalls sah das Pulver gut aus, und es schmeckte gut.
Zwei Züge nur, hatte der Schwager von der Aluminiumfolie genommen und schon waren seine Pupillen klein geworden wie Stecknadelköpfe. Ich selbst verspürte, wie erwartet, nichts von einer Wirkung, aber ich bemerkte während des Rauchens den guten Geruch und Geschmack des Stoffes. Ein Wiegen hatte ergeben, dass es sich tatsächlich um etwas mehr als 1500 Gramm handelte. 3000 US$ wollte der Schwager für sein Pulver haben. Ich kaufte die Portion. Weil das Zeug in Zukunft überwiegend injiziert werden würde, reinigte ich es einigermaßen, indem ich es in Methanol umkristallisierte. Dabei ergab sich, dass als Verunreinigung nur ein wenig Staub und zwei kleine Kieselsteinchen vorhanden waren. Darüber hinaus zeigten sich keine in Methanol unlöslichen Streckstoffe, wie etwa Koffein, Paracetamol oder Zuckerarten. Das Verfahren ist denkbar einfach. Man löst das Pulver in handwarmem Methylalkohol und gießt die Lösung durch einen mit sauberem Methanol benässten Kaffeefilter. Man lässt die Flüssigkeit, die durch den Filter geronnen ist, verdampfen und übrig bleibt das Heroin. Alles, was dabei als ungelöster Stoff im Filter liegen bleibt, ist Dreck.
Ich fand, dass ich einen guten Handel getan hatte. Jetzt musste ich mit dem Zeug nur noch nach London. Weshalb gerade nach London, stand in den Sternen. Ich war noch nie zuvor in London gewesen, kannte dort die Marktlage nicht und nicht die polizeiliche Situation. Aber London war in meinem Kopf als Ziel entstanden und deshalb würde London auch das Ziel sein. So ging es mir eigentlich stets mit Orten. Ein Ort tauchte irgendwie in meinem Kopfe auf, ohne besonderen Grund, und ich machte ihn zu meinem nächsten Reiseziel. So war es mir in der Vergangenheit mit Colombo ergangen, mit Karachi, Kabul, Singapur, Tanger, Caracas, und noch immer hatte sich die Reise gelohnt. Nicht nur sah ich auf diese Weise etwas von der Welt, ich schuf mir dadurch auch stets wieder ein neues Bündel Banknoten, um meine Reise fort zu setzen.
Ich hatte mir einst von einem chinesischen Schneidermeister in Singapur eine Weste exakt nach eigenen Angaben fertigen lassen. Der chinesische Schneider hatte sofort Sinn und Zweck dieser Weste erraten und wir hatten gemeinsam viel Spaß, sie zu fertigen und dabei immer neue kleine Details zu erfinden. Es war eine Weste aus fleischfarbenem Vinyl, dasselbe Material, aus dem die etwas teuren Sexpuppen gefertigt sind. Das Material fühlte sich an, wie echte menschliche Haut. Die Weste war hohl und an einer Seite mit einem feinen Klettband verschließbar. Dieses Klettband war so gefertigt, dass es in keiner Weise auftrug. Die Westenoberfläche blieb dort, wo es eingelassen war, völlig glatt. An der Seite, mit der die Weste auf der Haut lag, war sie mit feinem braunem Filz bedeckt. Sie fühlte sic gut an, wenn man sie auf nackter Haut trug. Diese Weste ließ sich mit etwa 2 Kilogramm Heroin füllen. Man konnte auch etwas mehr reinpacken, aber dann sah man ein wenig ungünstig korpulent aus damit. Die Ränder, mit denen die Weste oben an den Armen und um den Kragen anlag, waren fein auslaufend gearbeitet, so dass sich kein fühlbarer Übergang ergab. Am unteren Ende war die Weste etwas länger als gewöhnliche Westen, so dass man diesen Teil, der ebenso fein auslief wie alle anderen Ränder, wie ein Hemd in die Hose stopfen konnte. An der Vorderseite der Weste, war in leichtem Relief Brust-, Rippen-, und Bauchpartie eines jungen Mannes geformt und an ihrer Rückseite die Schulterpartie. Trug man auch nur ein einfaches Baumwollhemd darüber, war die Weste durch bloßes Abtasten des Körpers nicht wahrzunehmen. Sie war ein Meisterwerk chinesischer Kleinarbeit.
Mit meiner Weste wohl gefüllt, erreichte ich problemlos Paris. Dort verbrachte ich drei Tage in einem kleinen netten Hotel am Montmartre. Tagsüber spazierte ich durch die Straßen und nahm das Leben dieser Stadt in mir auf. Ein Nachtleben allerdings, gab es für mich diesmal keines. Ich ging früh zu Bett, da ich möglichst entspannt und ausgeschlafen in Dover eintreffen wollte. Nach drei Tagen erwarb ich ein Ticket nach London, von Paris mit dem Zug nach Calais, von dort mit der Fähre nach Dover und von Dover mit dem Zug nach London Victoria station. (Einen Chunnel, gab es zu der Zeit noch nicht…)
Die Fahrt von Paris nach Calais legte ich bequem in einem dieser französischen Hochgeschwindigkeitszüge zurück. Oder wenigstens war es mir so, als wäre es einer dieser Hochgeschwindigkeitszüge, weil die Fahrt so rasant verlief. Bäume und Telegrafenmasten zischten so rasant am Fenster des Zuges vorüber, dass er unbedingt etwas mit Hochgeschwindigkeit zu tun haben musste. Allerdings fand ich während der Fahrt keine Möglichkeit auf einer der Toiletten den Sitz meiner Weste nachzuprüfen und notfalls zu korrigieren Vor jeder Toilette dieses langen Zuges standen zu jedem gegebenen Zeitpunkt der Fahrt wenigstens 10 Leute und warteten darauf, an die Reihe zu kommen. Ob die wohl auch alle, wie ich, etwas zu verbergen hatten?
Zum Glück hatte ich in Calais noch etwas Zeit bis zur Abfahrt der Fähre. Auf der Toilette eines Straßencafes überprüfte ich den Sitz der Weste, sie saß tadellos, und verpasste mir noch eine letzte Injektion aus einem kleinen Päckchen Heroin dass ich unter der Einlagesohle meines Schuhs hervor holte. Meine 10 cc Injektionsspritze warf ich hinterher auf den Grund eines Papierkorbs am Rande der Straße. Jetzt hatte ich für Notfälle nur noch einen Tropfer und einige Injektionsnadeln ohne Kunststoffkonus bei mir, der Tropfer im Kulturbeutel auf dem Grund meiner Reisetasche und die Nadeln versenkt im Kragen meines Hemdes. Man sollte zu solchen Gelegenheiten bei Grenzübertritten nie eine Injektionsspritze bei sich führen. Fänden Zöllner eine Spritze, gäben sie ihre Suche so lange nicht auf bis sie auch das gefunden hatten, das hinein gehört. Ich würde in London eine neue Spritze aufzutreiben wissen und so nicht, müsste eben für eine Weile der Tropfer herhalten…-
Die Fahrt auf der Fähre war apokalyptisch. Es schien, als war ich der einzigste Passagier, der nicht schwer betrunken war. Es waren überwiegend junge Engländer, die stockbesoffen halb bewusstlos mit dem Wellengang am Boden hin und her rollten, in die Ecken kotzten oder benommen in den Stühlen an Deck hingen. Außer dem Personal der Fähre, sah ich während der ganzen Fahrt nicht eine nüchterne Person. Engländer außer Landes, gehören zu den größten Schweinen. Auf einem Campingplatz in Amsterdam durfte ich erleben wie diese Leute, aus purer Faulheit zur Toilette zu laufen, in Plastiktüten schissen und die vollen Tüten grölend und lachend durch die Gegend schleuderten…- Junge Menschen bieten in ihrem Benehmen häufig den negativen Abdruck der Macht, die ihnen seitens der Gesellschaft und Politik aufgedrückt wird. Von ihrem Gebaren kann man die gesellschaftlichen und politischen Zustände ihrer Heimat lesen.
Als ich an Deck der Fähre eine Wechselstube entdeckte, nahm ich die Gelegenheit wahr, einige der falschen einhundert Dollarnoten die ich bei mir hatte, in echte englische Pfundnoten zu wechseln. Die Dollarnoten hatte ich wenige Wochen zuvor einem Spanier für etwas Kleingeld abgekauft. Sie waren gut gearbeitet, sahen durchaus echt aus. Man musste nur darauf achten, beim Einlösen solche auszuwählen, die in etwa den gleichen Grünton hatten. Die Dollarnoten waren nämlich unterschiedlich grün, nicht viel, aber eben doch…- Spannte man eine dieser Dollarnoten über den Knöchel eines Fingers und strich damit über weißes Papier oder weißen Stoff, blieb ein grüner Streifen zurück. Die grüne Farbe der Scheine färbte ein wenig ab. Nun würde man denken, dass dies einem falschen Schein zum Nachteil gereichte, aber das Gegenteil ist der Fall. Tatsächlich färben echte Dollarnoten auf dieselbe Weise ab. Färbt ein Dollarschein nicht ab, ist er garantiert falsch. Dasselbe gilt übrigens auch für Niederländische Gulden. Der grüne 1000 Guldenschein färbt ab, wenn man ihn über eine weiße Fläche reibt…- Als die Fähre sich den Kreideklippe von Dover näherte, kam mir eine Idee. Ich würde, so dachte ich, als erster von Bord gehen. Wenn die Zöllner hinter mir diese ganze ruppige Bande sahen, würden sie mich anstandslos vorbei lassen und sich ihrer annehmen. Es war ein dummer Schluss. Die Zöllner von Dover waren es natürlich gewohnt, täglich ihre jungen Landsleute in solchen Zuständen von Bord gehen zu sehen. Ich, mit meiner Reisetasche und meiner fleckenlosen Kleidung, stach aus diesem Haufen hervor wie ein Blutfleck im Schnee…- Kommt man in Dover von der Fähre, läuft man auf zwei nebeneinander liegende Korridore zu. Über dem einen brennt eine rote Lampe, über dem anderen eine grüne. Die Bedeutung davon ist, dass man durch den grünen Korridor geht wenn man keine Ware bei sich hat die man verzollen müsste und durch den roten, wenn das wohl der Fall ist. Ich hatte nichts zu verzollen, oder wenigstens nichts das ich verzollen wollte, also ging ich durch den grünen Korridor. Am Ende des Korridors empfing mich ein Zöllner in Uniform. „Sie verstehen den Sinn des roten und grünen Korridors?“, fragte er. „Ja“, sagte ich. „Ich habe nichts zu verzollen“. „Kommen sie bitte mit mir“, bat der Zöllner und wies mir mit einer Geste seiner Hand den Weg. Er führte mich an einen Tisch, auf dem ich meine Reisetasche öffnen musste. Während der Zöllner und einer seiner Kollegen ruhig und bedacht durch den Inhalt meiner Reisetasche schnüffelten, grölte hinter mir die besoffene Meute von der Fähre, unbehelligt am Zoll vorbei und ins Freie. Ich war der einzigste Passagier, der vom Zoll überprüft worden war. Während ich den beiden Schnüfflern bei der Arbeit an meiner Reisetasche zusah, ging mir durch den Kopf: Beim nächsten Mal, würde ich durch den roten Korridor laufen. Sollte mich dann am Ende des Korridors ein Zöllner fragen, was ich zu verzollen hätte, würde ich erstaunt dreinblicken und antworten, „nichts“. Ich würde mich dämlich stellen und so tun als hätte ich keine Ahnung vom Sinn der beiden unterschiedlich beleuchteten Korridore. In Filmen wie Midnight Express, oder Blow, sieht man oft Situationen wie diese. In Blow, erklärt der Schauspieler z.B., dass er in einer solchen Situation am liebsten an etwas Schönes denkt, um sich abzulenken und nicht nervös zu werden. Solche Gedankenspiele spielte ich nie. Für mich war es wichtig, stets scharf und anwesend zu bleiben, dabei aber ruhig und entspannt zu wirken. Diese Zöllner sind geschult, auf alle Anzeichen der Unruhe zu achten, ob einem z.B. die Halsader sichtbar klopft, ob man schwitzt, wie man atmet. All das gilt es gut unter Kontrolle zu halten. Das gelingt am besten mit einem guten Heroin-Blutspiegel. „Hast du Heroin im Blut, geht die Sache sicher gut“.
Die Beiden waren fertig mit dem Durchschnüffeln meiner Reisetasche. Nun begann die übliche Fragerei. Was der Grund meiner Reise nach England sei, wollten sie als erstes wissen. Eine Bekannte, war vor einigen Jahren nach London ausgewandert. Ich gab vor, sie besuchen zu wollen. Mit der Anzahl der gestellten Fragen, änderte sich der Druck der Atmosphäre. Sie schien stets schwerer zu werden. Aber es war nur ich, der das wahrnahm, mit meinen durch den Augenblick übersensibilisierten Nerven. Gerade als ich dachte, jetzt legen sie mir gleich Handschellen an und schaffen mich zur näheren Befragung und Untersuchung in einen Nebenraum, salutierte einer der beiden Zöllner und wünschte mir einen angenehmen Aufenthalt in London. Hätten sie mich auch nur die Taschen leeren lassen, wäre ihnen aufgefallen, dass ich zwei Reisepässe bei mir hatte, die beide auf denselben Namen lauteten. Einer davon trug zahllose Ein- und Ausreisestempel aus Pakistan, Afghanistan, Singapur, Thailand, Venezuela, Bolivien und der andere, der, den ich vorgezeigt hatte, lediglich einen Einreisestempel des französischen Flughafens Orly. Nun gut. Ich war durch und sehnte mich nach nichts mehr als nach Ruhe und Abgeschiedenheit, aber zuerst stand mir noch die Zugfahrt von Dover zur Viktoriastation in London bevor. Es war ein schöner Tag und die Fahrt durch die englischen Landschaften sehr angenehm. Es befanden sich nicht allzu viele Passagiere im Zug und so beschloss ich, mich auf der Bahntoilette ein wenig gesund zu machen. Ich arbeitete notgedrungen mit dem Tropfer. Die aufgekochte Heroinlösung gab ich in ein kleines gläsernes Schälchen. Dann stach ich die Nadel in die Vene und drückte den Gummiball des vollen Tropfers. Danach zog ich den Tropfer von der Nadel und ließ dabei die Nadel in der Vene stecken. Ich sog den Tropfer wieder voll mit Lösung aus dem Schälchen, steckte ihn zurück auf die Nadel und drückte wieder ab. Des geringen Inhaltes eines Tropfers wegen musste diese Prozedur einige Male wiederholt werden, bis die gesamte Lösung im Körper war. Man musste rasch arbeiten dabei und fließend. Man durfte nicht lange zögern, weil stets die Gefahr bestand, dass gerinnendes Blut die Nadel verstopfte. Freilich litt die Anflutgeschwindigkeit arg unter dieser Tropfermethode, aber solche Nachteile musste man unterwegs eben in Kauf nehmen.
Von der Viktoriastation aus nahm ich die Metro zu Kensington Cross. Dort, in einer kleinen Seitenstraße, fand ich ein hübsches bürgerliches Hotel, in dem ich mich einquartierte. Es war schön, endlich die Weste abzunehmen. Ich holte den Inhalt aus der Weste hervor, mehrere locker gefüllte Frischhaltebeutel, und suchte im Zimmer nach einem geeigneten Versteck. Das Zimmer hatte eine Hängedecke, die aus mehreren Platten gefügt war. Drückte man eine dieser Platten nach oben, konnte man sie beiseite schieben. Dort, auf den Platten der Hängedecke, verstaute ich das Material. Danach ließ ich ein Taxi kommen und fuhr zur Chelsea Drugstore, oberhalb des Piccadilly circus, kaufte dort mehrere 10 cc Einmalspritzen und Nadeln und fuhr wieder zum Hotel zurück. Ich verpasste mir eine ordentliche Ladung intravenös und nahm eine heiße Dusche. Danach knipste ich den TV an, legte mich aufs Sofa und holte, während Bilder und Geräusche des Fernsehgerätes die Hintergrundkulisse lieferten, die Erlebnisse des letzten Tages nochmals vor Augen. Vor allem das Geschehen in Dover, beschäftigte mich sehr. Wie konnte ich auch so dämlich sein, in einer solchen Lage als erster von Bord zu gehen? Ich hätte mich an Bord ordentlich besaufen und zerraufen müssen, um dann grölend mit dem Rest der Meute von Bord zu gehen. So in Gedanken, schlief ich schließlich ein und erwachte erst gegen Mittag des nächsten Tages wieder.
Für einen Heroinabhängigen ist es nicht schwer, in einer fremden Stadt den Ort zu finden, an dem der Opiatschwarzmarkt stattfindet. Ich musste noch nicht einmal danach suchen. Mein Körper spazierte wie von einem Leitstrahl gezogen, sicheren Schrittes und ohne Umwege exakt an den rechten Ort. Es war eine kleine Seitenstraße, die Piccadilly circus und Kensington market verband. Dort, mehr zum Piccadilly hin, gab es an einer Straßenecke einen Mc Donalds mit Außenwänden von Glas. Ich bestellte einen großen Becher Milkshake und setzte mich. Durch die gläsernen Wände beobachtete ich das Treiben auf der Straße. Dort kamen Leute, standen und gingen wieder, drehten offenbar Runden durch die Straßen und kamen wieder zurück, standen, sprachen miteinander, bildeten kleine Grüppchen, lösten sich wieder und gingen und kamen und standen und sprachen miteinander usw. usw. …-. Es herrschte fröhliches, lebhaftes Treiben auf dieser Straße. Gab man gut Acht, bemerkte man, dass es stets ganz bestimmte Leute waren, die sich am meisten in Bewegung befanden. Schließlich winkte ich einen von ihnen ins Restaurant und an meinen Tisch. Es war ein junger Grieche, in Begleitung seiner Freundin. Die Beiden setzten sich. Ich kam ohne Umschweife zur Sache. Ich schob dem jungen Mann eine Zigarettenpackung über den Tisch und sagte: „In dieser Schachtel befinden sich neben einigen Zigaretten ein Briefchen mit 2 Gramm Heroin. Du kannst es haben. Bist du klug, dann machst du 150 Pfund daraus und bringst sie mir heute Abend um 21Uhr an die U-Bahnhaltestelle Kings Cross. Tust du das, bekommst du mehr davon. Du darfst die zwei Gramm aber auch einfach aufbrauchen und dich nicht mit mir treffen. Entscheide selbst“. Der junge Grieche griff nach der Zigarettenschachtel, steckte sie in seine Jacke und sagte, „Ist gut. Ich werde heute Abend am Kings Cross sein“.
Am Abend traf ich mich mit dem Jungen am Kings Cross. Er hatte das Geld bei sich, 150 Pfund für 2 Gramm meiner Base. 150 Pfund waren damals immerhin rund 300 Euro. Ich steckte das Geld ein und sagte, „Wenn du die Straße etwa 100 Meter zurück läufst, siehst du im Rinnstein eine zerbeulte Coladose liegen. In dieser Dose sind vier Gramm. Wir treffen uns morgen Abend wieder, zur selben Zeit, hier, an diesem Ort“.
In den nächsten Tagen schaffte ich weitere drei Verteiler heran, mit denen ich auf dieselbe Weise arbeitete wie mit dem ersten: Ich gab ihnen Vorschuss, sie brachten Geld und ich gab ihnen wieder Heroin um weiter zu machen…-
Unauffällig, hatte die Londoner Polizei in Gestalt ihrer Bobbys, die Gegend zwischen Piccadilly circus und Kensington market unter Kontrolle. Dazu diente ihnen vorzüglich ein kleines Sprechfunkgerät, halb so groß wie eine Streichholzschachtel, dass sie mit einem Clip am Hemdkragen befestigt hatten. Auf diese Weise konnten sie unauffällig in das Gerät sprechen, ohne es in die Hand nehmen zu müssen (Wir sprechen von einer Zeit, in der es auch noch keine Handys gab…). In einem Ohr trugen sie einen kleinen Hörer, der mit dem Gerät verbunden war. Dieses Gerät diente sehr gut zum Verfolgen und Observieren von Personen. Das ging dann z.B. so: „Jetzt biegt er gerade in die Harleystreet, Jack. Pass auf, er kommt genau auf dich zu. In wenigen Sekunden wirst du ihn sehen“. „Jawohl, Rupert, hab ihn schon. Wie es scheint, will er zu diesem Kontakt den wir schon seit einer Woche im Auge haben…“
Ich hatte schon seit einer Woche ein Auge auf diese beiden Bobbys. Es waren stets dieselben. Es war wohl ihr Revier. Es erstreckte sich offenbar von Piccadilly bis Kensington market, bedeckte den oberhalb liegenden Park, ging hoch bis zur Chelsea Drugstore und hin zu Harley street. Doch hatte nicht nur ich ein Auge auf die Beiden, die Beiden hatten auch längst eines auf mich. Sie hatten mich schon zu oft in dieser Gegend gesehen und nun fragten sie sich, was ich hier ständig triebe. Ich stand vor einem großen Schaufenster und studierte scheinbar die Auslage. In Wirklichkeit beobachtete ich in der Reflektion der Scheibe diese beiden Bobbys, die hinter mir auf der anderen Seite der Straße standen. Ich sah, wie sie beide zu mir herübersahen, wie sie die Köpfe zusammen steckten, kurz miteinander sprachen und wieder zu mir herüber sahen. Dann schickten sie sich an die Straße zu überqueren und zu mir zu kommen. Ich passte den rechten Moment ab, drehte mich dann um und überquerte meinerseits die Straße. So, wie die Dinge lagen, mussten wir uns genau in der Mitte der Fahrbahn begegnen. Und so war es auch. Eigentlich hatte ich gehofft, dass sie mich nicht ansprechen würden, da wir uns ja mitten auf der Fahrbahn befanden. Doch ich hatte mich getäuscht. „Entschuldigen Sie Sir“, sagte einer der Beiden und blieb mitten auf der Fahrbahn stehen. „Ja?“, fragte ich. „Nun“, begann er, „wir sehen sie jetzt schon seit einigen Tagen immer wieder in dieser Gegend und wir fragen uns…“. Es tut mir leid“, sagte ich in dem besten Bayrisch das ich hervorkramen konnte, „ich spreche leider kein englisch…“. Danach wiederholte ich es nochmals, diesmal mit gerade so vielen Brocken englisch das man begreifen konnte, was ich sagte. „Sie sprechen ein besseres Englisch als wir“, antwortete der Bobby in feinstem Cockneyenglisch und er hatte recht: Mein Englisch war besser als das ihre. Aber jetzt konnte ich nicht mehr von meinem Bayrischen Gestammel zurück und deshalb brachte ich ihnen damit bei, dass ich in dieser Gegend nach einem nicht allzu teuren Hotel suchte. Nein, empfehlen, konnten sie mir keines und anhaben konnten sie mir auch nichts, so gingen sie schließlich wieder ihrer Wege. Ich unterschätzte diese Begegnung nicht. Ich hatte längst begriffen, wie heiß diese Gegend war. Dealer, die in dieser Gegend arbeiteten, überreichten ihren Kunden die Ware per Kuss von Mund zu Mund. Ein Signal dieser Bobbys durch ihr kleines Sprechfunkgerät und buchstäblich binnen Sekunden waren Polizisten in zivil mit Schusswaffen in Händen auf der Szene. Ich hatte zwei Mal Gelegenheit, eine solche Operation zu bewundern. Harley street, oberhalb Piccadilly circus, sowie die Apotheke Chelsea drugstore, unweit der Harley street, sind bei Morphinisten ganz Englands bekannt. Weshalb, mögen die Götter wissen: Jedenfalls gibt es in der Harley street die größte Ansammlung Heroin und Kokain verordnender Ärzte. Heroin, gilt in England unter der Bezeichnung Diamorphin als Medikament und ist als solches verschreibungsfähig. Die Ärzte der Harley street sind meist Privatärzte. Jedenfalls verordnen sie Morphinisten spezifische Stoffe nur auf Privatrezept. http://en.wikipedia.org/wiki/Harley_Street Mit ihren Heroin- bzw Kokainrezepten, begaben sie sich in die Chelsea Drugstore, die einzige Apotheke weit und breit, die diese Stoffe vorrätig hat. Heroin, erhält man in der Chelsea Drugstore in gläsernen Ampullen zu je 20 mg. In der Ampulle befindet sich keineswegs Flüssigkeit, sondern ein Häufchen weißen Pulvers. Auf der Ampulle steht: „Diacethylmorphin (Heroin) 20 mg, 96%. Caution! Deadly poison“. Kokain, gibt es in papierenen Umschlägen. Der Apotheker schöpft das Kokain mithilfe einer Bonbonschaufel, wie man sie in Süßwarenläden sieht, aus einem Papiersack, gibt die Ladung auf eine Waage, die korrekt abgewogene Menge in einen Papierumschlag und reicht sie dem Kunden. Wieso kauften dann Menschen mein Heroin auf dem schwarzen Markt, wo man es doch von Ärzten verschrieben bekam? Weil Die Honorare der Ärzte in Harley street, zusammen mit den Kosten der Chelsea Drugstore, meinen Preis weit überstiegen. Jawohl Leute, illegales Opiat ist längst billiger als legales. Das gilt nicht nur für England. Es ist längst auch in Deutschland so. Ich kenne nicht krankenversicherte Schmerzpatienten, die anstatt zum Arzt und zur Apotheke rennen, sich Heroin auf dem schwarzen Markt kaufen, weil es billiger ist. Z.B. Eine 100 ml Flasche Morphiumtropfen mit 2% Morphium, das sind insgesamt 2 Gramm Morphium, kostet in der Apotheke 120 Euro. Es ist dies aber eines der billigsten Opiatpräparate. Damit sind wir bei 60 Euro pro Gramm Morphium. Man nehme sich eine Rote Liste zur Hand und sehe sich die Preise an von Palladon (Hydromorphon), Oxygesic (Oxycodon) und anderen Opioiden. Temgesic zum Beispiel, mit dem Wirkstoff Buprenorphin. Umgerechnet auf die Menge Inhaltsstoff kostet Buprenorphin in der Form von Temgesic Schmerztabletten rund 10.000 Euro das Gramm!
Inzwischen war es mir gelungen, am Rande Londons, im Haus eines schottischen Ehepaars, ein Zimmer zu mieten. Die Miete war günstig. Einige Pfund die Woche. Das Haus dieses Ehepaars hatte eine bemerkenswerte Stromversorgung. Im Korridor hing ein Stromzähler mit Münzeinwurfschlitz. Er gab erst Strom her fürs ganze Haus, wenn man entsprechend viel Geld einwarf. War die Zeit um, die man sich mit der eingeworfenen Summe Geldes erworben hatte, ging im ganzen Haus der Strom aus. In dem Zimmer das ich bewohnte, hing ein extra Zähler dieser Art, nur für dies eine Zimmer. Wie man mir erzählte, war das in allen Häusern der Nachbarschaft so und überhaupt in weiten Teilen Englands nichts Ungewöhnliches.
Mein Eigenbedarf an Base belief sich auf 4 Gramm pro Tag und ich wollte am Tag meiner Abreise aus London wenigstens noch 50 Gramm für meinen eigenen Bedarf zur Verfügung haben. Der Verkauf der türkischen Base in London verlief tadellos. Es war der beste Stoff in einer Stadt, in der selten gutes Heroin zu bekommen war. Wegen der Art meines Vertriebes, den Leuten die Ware vorzustrecken, hatte ich von vorneherein eine Verlustquote von 30 Gramm mit einberechnet. Das war für Fälle gedacht, in denen meine Verteiler ankamen und anstelle von Geld nur eine Geschichte mitbrachten, wie z.B., sie hätten die Ware wegwerfen müssen, weil sie von der Polizei verfolgt worden waren. Dies ist der Spruch, der in der Welt der Kommissionsware am häufigsten gebraucht wird. Wahr, ist er meist nicht. In den meisten Fällen war das Material einfach von den Verteilern verbraucht worden, deren Toleranz sich mit der Zeit gesteigert hatte. Am Ende hatte ich in London durch solche Geschichten einen Verlust von nur zwei Gramm. Mein griechischer Verteiler war eines Abends daher gekommen und hatte 150 Pfund zu wenig bei sich. Er hätte zwei Gramm wegwerfen müssen, hatte er erklärt, weil ihm die Polizei auf den Fersen gewesen sei. Die alte Geschichte. Hätte der Junge gewusst wie gut ich die Geschichte kannte, er hätte wahrscheinlich eine andere erfunden. Nun gut. Ich sah darüber hinweg und tat so, als schluckte ich es. Ich hatte es nicht zu bereuen. Von da an hatte er stets den korrekten Betrag bei sich. Auch hätte er mich anstatt um nur zwei Gramm um 20 betrogen, es hätte keinen Sinn gehabt, es ihm übel zu nehmen. Morphinisten sind in aller Regel sensible, intelligente und sympathische Menschen. Dass sie zu Lügnern, Betrügern und Manipulatoren werden, ist nicht ihre Schuld. Das Gesetz und die gesellschaftlichen Bedingungen zwingen sie dazu. Sie müssen irgendwann lügen, betrügen und manipulieren um an ihre Medizin zu kommen, die ihnen so wichtig ist, weil sie damit ihre Gesundheit aufrecht erhalten...-
Jedenfalls war es mir am Ende mithilfe dieses jungen Griechen und der von den drei anderen gelungen, die gesamte türkische Base abzüglich meines Bedarfs in nur 6 Wochen abzusetzen. Am Ende verabschiedete ich mich artig von ihnen und von meinen schottischen Vermietern die mir versprachen, jederzeit wieder ein Zimmer für mich frei zu haben und bestieg mit einem fetten Bündel englischer Pfundnoten die Fähre nach Hoek van Holland. Von dort nahm ich den Zug nach Amsterdam. Ich blieb nur drei Tage in Amsterdam, dann nahm ich von Amsterdam Schiphol aus einen Flug nach Colombo Sri Lanka, um dort, an den Stränden der Insel, einige Monate Urlaub zu machen. Danach wollte ich von einem Flughafen Asiens, der mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bekannt war, es war in meinem Kopf noch kein entsprechender Ort entstanden, mit einer Weste voll Stoff wieder nach Europa zurück…. .
Alle Rechte Charlie Brown INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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