_____________________________________________________________ Jamaika ist ein seltsames Land. Generelle Unzfriedenheit mit dem politischen status quo und soziale Unruhe liegen quasi zum Greifen in der Luft. Sie scheinen nur auf eine günstige Gelegenheit zu warten, in eine Revolution umzukippen. Weshalb ein solches Umkippen nie zustande kommt, mag dem Christentum zu verdanken sein und den vielen Gläubigen dieser Insel. Und wer es noch nicht wissen sollte: Rastas, das heißt, die Jungs mit den langen verfilzten Haaren, mit ihrer eigenen kindisch klingenden Sprache und dem verschrobenen Glaubenskonzept, bilden die unterste soziale Schicht dieser Insel. Sie werden als Aussätzige betrachtet, als zwar harmlose, aber eben doch, als Irre.
Der Zufall hatte mich nach Long Bay geführt, wo ich ein schmuckes weißes Häuschen auf einem bemoosten Hügel bewohnte. Von dort aus blickte man geradewegs aufs Meer hinaus. Val, der Besitzer des Häuschens und die Besitzerin der nahe gelegenen kleinen Rum Bar, werden für immer in meinem Gedächtnis bleiben. Für immer in meinem Gedächtnis bleiben wird aber auch Klaus, ein Deutscher, den ich auf der Insel kennen gelernt hatte.
Klaus, war schon seit 10 Jahren auf Jamaika. Er schlug sich so durch mit Gitarrespiel, Gesang und einer Menge kleiner Hochstapeleien. Klaus hatte einen Freund, ein Afrikaner aus dem Kongo namens Prince. Er war, nach eigenem Bekunden, der Sohn eines echten Stammeskönigs.
Ich musste dringend von Long Bay im Osten der Insel, nach Kingston im Westen, zur deutschen Botschaft. Dort hatte ich etwas wichtiges zu erledigen. Da es auf der Insel an öffentlichen Verkehrsmitteln mangelte, hatte ich Prince gebeten, mich mit seinem Wagen nach Kingston zu bringen.
Klaus nahm den Rücksitz des Wagens ein und Prince saß hinter dem Steuer. Ich, saß auf dem Beifahrersitz. So traten wir die Reise nach Kingston an. Auf dem Weg mussten wir durch die Berge, die blue mountains, wenn ich nicht irre.
Während der Fahrt war Klaus auf dem Rücksitz ununterbrochen damit beschäftigt, eine Marihuana Zigarette nach der anderen zu drehen und zu rauchen. Ich hatte schon alle Fenster des Wagens geöffnet, aber trotzdem war das Wageninnere dicht mit dem Rauch des Marihuanas verhangen. Immer wieder bot Klaus mir von Marihuana an und immer wieder lehnte ich ab. Und jedesmal musste ich mir anhören, welch Idiot ich doch sei, dass ich nicht rauchte, wenn Gelegenheit sich böte. Gerade hatte Klaus seine nächste Zigarette angesteckt, als wir auf steiler Straße aus den blue mountains hinab und ins Tal rollten.
Keiner schien es bemerkt zu haben und so war es an mir, meine beiden Mitfahrer darauf aufmerksam zu machen, dass dort vor uns, mitten auf der Fahrbahn, etwa 20 uniformierte Polizisten mit Maschinenpistolen standen.
Prince ließ den Wagen ausrollen und brachte ihn direkt vor der Reihe von Polizisten zum Stehen. Ein mit Gold und silbernem Lametta behangener Offizier näherte sich. Neugierig blickte er ins Wageninnere. Dort war Klaus gerade damit beschäftigt, den Beutel mit seinem Marihuana in seinem Schuh zu verbergen. Höflich, klopfte der Offizier gegen die Scheibe. Ich öffnete die Beifahrertür. Der Offizier wandte sich an Klaus und fragte, was der gerade so offensichtlich in seinem Schuh verborgen hatte. Verschämt, holte Klaus seinen Beutel mit etwa drei Gramm Marihuana hervor und reichte ihn dem Offizier. "Der Besitz von Marihuana ist hierzulande verboten", erklärte der und forderte uns alle auf, das Fahrzeug zu verlassen.
Als wir von 20 bewaffneten Polizisten umringt im Freien standen, hatte ich die Schnauze gehörig voll von diesem Spiel. Was, zum Teufel, hatte ich mit der ganzen Sache zu tun? Ich wollte lediglich nach Kingston. Außerdem rauchte ich das beanstandete Kraut noch nicht mal.
Ich schob einen der Polizisten beiseite, ging langsam an ihm vorüber und auf einen Traktor zu, der mit Gras überwachsen am Rande eines Feldes stand. Es war wohl wegen meines Alters, dass man mich so ohne weiteres gehen ließ. Ich war etwa so alt wie meine beiden Mitfahrer und etwa so alt, wie der mit Gold und Silber behangene Polizeioffizier.
Ich setzte mich auf den Fahrersitz des mit Gras überwachsenen Traktors, etwa 40 Meter von allen anderen entfernt, und sah zu, was sich dort in der Ferne weiterhin abspielte.
Klaus und Prince mussten ihre Taschen leeren und den Inhalt auf die Kühlerhaube des Wagens legen. Damit nicht genug, mussten sie danach auch noch auf offener Strasse die Hosen herab lassen. Ich hatte unterdessen eine Zigarette geraucht und war wieder auf die Gruppe zu geschlendert.
Zu meiner Zufriedenheit, wurde ich in keiner Weise belästigt. Ich musste weder meine Taschen leeren, noch musste ich die Hosen herab lassen. Aber auch ich, musste am Ende mit zum Polizeirevier. Dort beschloss der Offizier, dass Prince und ich unsere Reise fortsetzen durften. Klaus dagegen, als der eigentliche Besitzer des beanstandeten Stoffes, musste zurück bleiben. Er sollte in Kürze einem Haftrichter vorgeführt werden, der über sein weiteres Schicksal entscheiden sollte.
Nachdem ich Klaus versichert hatte, wir würden auf der Rückreise von Kingston nochmals vorbei kommen um nach ihm zu sehen, setzten Prince und ich die Reise fort. Als wir das Polizeirevier verließen, sah Klaus erregt hinter uns her. Er schien jetzt weniger stoned zu sein, als noch gerade zuvor im Auto. Festnahmen, wirken sehr ernüchternd...- .. Als wir auf dem Weg zurück auf die Polizeistation zurollten, stießen wir im Hof auf merkwürdiges Treiben. Etwa 30 einheimische junge und weniger junge Frauen, waren dort versammelt. Sie standen in kleinen Gruppen beieinander und tuschelten. Ich beobachtete, wie immer wieder eine der Frauen die Polizeistation betrat, um gleich danach lachend wieder raus zu kommen, mit einer Hand vor dem Mund, um ihr Gelächter zu unterdrücken.
Es ergab sich, dass diese Frauen sich im Hofe des Polizeireviers versammelt hatten, weil ein Mann gefangen genommen worden war. Die Frauen waren gekommen um nachzusehen ob es sich lohnte, den Mann freizukaufen. Eine nach der anderen, betrat die Polizeidienststelle. Eine nach der anderen, kam lachend wieder heraus. Keine von ihnen, fand Klaus auch nur einen roten Heller wert.
Prince und ich betraten das Polizeirevier. Dort stand hinter einem Tresen, ein großer Vogelkäfig, gefertigt aus dünnen Holzstäben, mit runder Grundfläche von etwa einem Meter und etwa 150 Zentimeter hoch. In diesem Käfig saß Klaus. Zerzaust, sah er aus, wie ein Vogel, den man zwischen den Händen gerubbelt hatte. Erwartungsvoll, sah dieser Vogel uns entgegen. Der Offizier trat herbei, deutete mit seinem Kopf zu Klaus hin und fragte, ob ich bereit wäre, Klausens Geldstrafe zu bezahlen. "Wie hoch ist die Geldstrafe", fragte ich. Sie belief sich auf umgerechnet etwa 50 Euro. "Was, wenn ich sie nicht bezahle"? - fragte ich weiter. Dann, so erfuhr ich, müsse Klaus sechs Monate ins Gefängnis.
Ich steckte eine Selbstgedrehte an, reichte sie durch die Gitterstäbe des Vogelkäfigs und sah zu, wie Klaus an ihr zog. Abgesehen von einigen Frauen draußßen im Hof, war ich gewiß der einzige, der über 50 Euro verfügte. Klausens Freiheit, lag somit in meinen Händen. Ich stand vor Klausens Käfig und dachte an all die Jahre, die ich schon wegen „Betäubungsmittel“ in Gefängnissen gesessen hatte. Ich dachte an die Beschimpfungen seitens Klaus, während der Fahrt, als ich seine Marihuana Zigaretten verschmähte. Am Ende beschloss ich, Klaus sitzen zu lassen. „Lieber Klaus“, sagte ich zum Abschied zu ihm: „Du wirst die nächsten sechs Monate erleben müssen wie es sich anfühlt, sitzt man wegen lächerlicher 3 Gramm getrockneter Pflanzenreste in einem Jamaikanischen Gefängnis. Ich hoffe, es wird dir die Lehre erteilen, dein Marihuana in Zukunft besser zu verbergen...“
Und sollte jemals der Zufall so spielen, dass Klaus diese Zeilen liest, so möge er wissen, mein Entschluss von damals, reut mich auch heute noch keinen Deut...-
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