***************************************************************************************** Als ich einst auf einer Art Geschäftsreise in Sri Lanka war, saß ich mit diesem deutschen Ehepaar im Garten des Hotels. Er war Mercedeshändler. "Und Sie", fragte Herr Schwertfeger, der Mercedeshändler. "Oh, ich arbeite für einen schweizer Pharmakonzern", erklärte ich. "Ich bin im Aussendienst tätig und auf der Suche nach neuen Rohstoffquellen". Madam hustete. „Sie husten trotz dieses heißen Klimas?“, hatte ich sie angesprochen. Danach konnte ich mir eine ellenlange Geschichte über ihren chronischen Husten anhören. Als es mir zuviel geworden war, griff ich einen Kugelschreiber und schrieb auf eine Papierserviette: 100 codeinum phosphoricum compret. a’ 20mg. Ich rief einen der Lakaien des Hotels herbei, drückte ihm die beschriebene Serviette, zusammen mit einigen dreckigen Rupiescheinen in die Hand und bat, damit zur Apotheke zu gehen. Ich hatte es mehr getan um Madam endlich zum Schweigen zu bringen. Meine Verwunderung war groß, als wenige Minuten später der Lakai mit einem Silbertablett neben mir stand. Auf dem Tablett lagen, von blütenweißer Serviette unterlegt, 5 Packungen mit jeweils 20 Stück Codeintabletten zu je 20mg. „Sieh an“, dachte ich. „Du giltst als Arzt in diesem Lande und kannst dir zur Not deine Morphiumrezepte selbst ausstellen…-„ Am nächsten Tag lief ich in die Stadt und kaufte in einem Trödelladen einen kleinen Schreibblock der Größe DIN A5. Zurück im Hotel schrieb ich auf die erste Seite des Blocks mein erstes Rezept: 10 x 1ml amp. Inj. Morphinumhydrochloricum a' 20 mg und unterschrieb forsch mit "Doktor phil. med. Karlos". Damit ging ich zur nächsten Apotheke.
Wer Doktor Karlos sei, wollte die zierliche, rehäugige Apothekerin mit meinem Rezept in der Hand wissen. Ich hätte antworten sollen: "Sie kennen Dr. Karlos nicht? Den Deutschen Nobelpreisträger? Er sitzt gerade drüben, im Garten des Deutschen Hotels in seinem Rollstuhl und wartet darauf, dass ich sein Morphium bringe". Überheblich geworden durch meinen Erfolg vom Tage zuvor, sagte ich Esel statt dessen: „Doktor Karlos? Das bin ich selbst“. „Es tut mir leid", sagte daraufhin die kleine rehäugige Apothekerin. „Solche Rezepte akzeptieren wir grundsätzlich nur von Ärzten, die wir persönlich kennen“. Klar. Die Sache hatte ja auch einen Haken. Wäre ich tatsächlich Arzt, stellte ich kein Rezept aus. Ich ginge in eine Apotheke und forderte Morphium. Aber ich war eben neu in der Branche und musste mich erst noch einleben in meinen neuen Beruf…-
Vielleicht wäre es aber auch grundsätzlich vernünftiger, man besuchte nicht gerade die Apotheken der Hauptstadt, sondern, die irgendwelcher kleiner Nester, fernab der größeren Städte? Ich mietete ein Motorrad und brauste damit einige Stunden die Küstenstraße entlang Richtung Süden.
In einem Fischerdorf namens Hikkadua machte ich schließlich Halt. Ich quartierte mich in einem Hotel "Sea side" ein, gleich am Ortseinbgang an Gall Road. Es hatte seinen eigenen kleinen Sandstrand. Dort nahm ich meinen Schreibblock und schrieb ein neues Morphiumrezept.
Als einer der Apotheker des Fischerortes mein Rezept gelesen hatte, lachte er laut auf und zerriss es in kleine Stücke. Er ließ die Fetzen achtlos in einen Papierkorb regnen, sah mir direkt ins Gesicht und fragte: „Nur 10 Ampullen? Darf es auch ein wenig mehr sein“? Mit diesen Worten öffnete der Apotheker eine Schublade seines Schreibtisches. Mein Blick fiel auf hunderte von glitzernden, gläsernen Morphiumampullen, die darin umher rollten.
Ich kaufte 50 Ampullen. Der Apotheker steckte sie in ein Papiertütchen. Danach, griff er eine frische Einmalspritze und einen Abbindgurt aus einer Schublade und führte mich nebenan in sein Wohnzimmer. Dort bot er mir seinen besten Sessel an. Er schaltete das Radio an, ein altes Röhrengerät mit Stoffbespannung vor dem Frontlautsprecher und einem grünen, magischen Auge. Ruhig, legte der Apotheker die Spritze und den Abbindgurt an meine Seite und sagte, "Und bitte, nehmen Sie sich alle Zeit der Welt, Sir". Damit schloss er von außen sachte die Tür und liess mich alleine...-
"Hier bist du zuhause", dachte ich erfreut, während ich den Abbindgurt um meinen Oberarm schnürte. Und während ich den Kolben der Spritze niederdrückte und Morphium warm durch meinen Körper floss, dachte ich: "Von hier, gehst du nie wieder weg".
Nach Bedarf Morphiumhydrochlorid Ampullen, ein blauer, wolkenloser Himmel, weiße Strände und das durchsichtige, warme Wasser der Arabischen See? Ich war mitten ins Paradies gefallen...-
Morphiumhydrochlorid in die Vene injiziert, steht der Wirkung von iv. injiziertem Heroin nur in wenig nach. Es erzeugt das gleiche sanft aufwallende, warme Gefühl in der Magengrube, so, als bekäme man einen großen warmen Ball aus komprimierter Watte auf den Bauch geworfen. Es erzeugt dasselbe Gefühl von „Lege dich zurück und lasse die Wogen über dich hinweg rollen", und die selbe Einstellung von: "liebe den Großen Manitou, tue keinem Böses und lasse dich von der Welt am Arsch lecken". Im Grunde verläuft alles nur ein wenig langsamer als bei Heroin, aber es bleibt in seiner Wirkung das selbe. Und Morphiumhydrochlorid verschafft einem mit Sicherheit auch die gleiche Art von Verstopfung, wie Heroin es vermag. Noch schlimmer sogar. Beim Kacken ist es, nicht nur nach W.S. Bourroughs, sondern tatsächlich, als zöge einem jemand mit Gewalt einen steinharten Apfel aus dem Arsch. Eine rektale Geburt, so könnte man es nennen...-.
Vernachlässigt man als Morphiumhydrochlorid Gewöhnter die nächste Dosis, treten Entzugserscheinungen rascher auf, als bei Heroin. Es ist, als flösse der Stoff geschwinder durch den Körper...-
Drei Apotheken gab es im Ort, und alle verkauften problemlos Morphiumampullen. Aber nicht lange. Nach einigen Wochen waren in der ersten Apotheke schon alle Ampullen ausverkauft. Der Apotheker musste in die Hauptstadt, um Nachschub zu besorgen. Bald reisten, während ich sorglos am Strand lag, alle drei meiner Apotheker kreuz und quer durchs Land, um Morphiumampullen zu beschaffen. Es dauerte etwa fünf Monaten, bis alle Drei nur noch resignierend die Schultern hoben und versicherten, es gäbe auf der ganzen Insel kein Morphium mehr. Nachschub vom indischen Festland, sei erst in sechs Monaten zu erwarten...-. Somit war es mir in nur wenigen Monaten gelungen, den gesamten Morphiumvorrat eines Landes der Größe Bayerns zu verjubeln. Mein Gewissen drückte, dachte ich an all die Menschen der Insel, die von nun an, trotz ihrer quälenden Schmerzen und wuchernden Krebsgeschwulste, anstatt Morphium, nur noch Paracetamoltabletten erhielten...-
Wie schnell Paradiese doch ihren Charme verlieren, fehlt es in ihnen an ordentlichen Opiaten...- Im Gegensatz zu Morphium, war Pethidin, ein kurz wirkendes Opioid, weiterhin erhältlich. Notgedrungen, wich ich deshalb auf Pethidin aus. Aber Pethidin eignet sich nicht für Morphinisten, die dauerhaft unter dem Einfluss ihrer Medizin zu stehen wünschen. Zum einen ist es nur kurz wirksam, zum anderen erzeugt es sehr rasch tückische Nebenwirkungen. Angstzustände, überfielen mich und böse Panikattacken. So wurde ich zum Beispiel mitten in der Nacht wach in der festen Überzeugung, mich raffe jeden Augenblick ein kardialer Arrest von dieser Welt. Auch am Tage, zum Beispiel während des Schwimmens, hunderte von Metern weit draußen im Meer, bei haushohen Wellen, aus heiterem Himmel: Panikattacke. Pethidin ist unbrauchbar für den dauernden Unterhalt eines gesunden Morphinismus. Siehe auch: W. S. Bourroughs
In dieser Not erfurhr ich, dass jeder Apotheker dieser Insel, ein Mal im Jahr eine Ration Rohopium zugeteilt bekam. Wie sich zeigte, hatten alle meine Apotheker noch ihre Rationen. Ich kaufte sie alle. Danach reisten meine Apotheker kreuz und quer über die Insel und erwarben alle Rohopiumrationen ihrer Kollegen. Wennschon das Zeug scheusslich schmeckte, kam ich damit doch einigermassen über die Runden. So nuckelte ich die kommenden Wochen verdrossen an dem bitteren, schwarzen Rohopium. Bis ich eines Tages am Strand lag, die Backe voll Opium, und mich darüber wunderte, dass oben auf der Straße jedermann mit einem Regenschirm unter dem Arm einher lief. Bei näherer Betrachtung zeigte sich, es waren keine Regenschirme, es waren Gewehre. Während ich mit Rohopium in der Backe am Strand gelegen hatte, war um mich her stillschweigend ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Zur Zeit der englischen Kolonialisierung der Insel, wollten die Engländer auf ihren Teeplantagen die einheimischen Singhalesen zur Arbeit treiben. Aber die Singhalesen waren klug. Sie stellten sich bei der Arbeit so dämlich an, dass die Engländer den Eindruck gewannen, sie taugten nicht zur Arbeit (Gut gemacht, Singhi!!) Aus diesem Grunde schafften die Engländer von der Südspitze des indischen Festlandes Tamilen herbei, die klüger, arbeitswilliger und vor allem arbeitsfähiger erschienen. Inzwischen verweilen die Tamilen schon so lange auf der Insel, dass sie ihren eigenen Teil der Insel forderten. Das, war so in etwa der Kern dieses Bürgerkrieges...-
Als ich am Abend in ein Fischrestaurant gehen wollte, wurde es vor meinen Augen abgefackelt. Am nächsten Morgen flog durch eine Bombe die Polizeistation in die Luft. Es war Zeit geworden, das Paradies zu verlassen, wandelte es sich doch vor meinen Augen, durch den Sündenfall des Krieges, in eine wahre Hölle. Ich ließ mich zum Flughafen bringen und erstand ein Ticket nach Kabul, Afghanistan. Nicht, dass es zu der Zeit in Kabul friedlicher zugegangen wäre. Im Gegenteil. Dort kämpfte gerade die Rote Armee gegen Afghanische Freiheitskämpfer. Aber dafür floss Heroin in den Straßen Kabuls wie nirgendwo sonst auf der Welt...-
INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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