______________________________________________________________________ Oft geschieht Verwunderliches, gibt man sich gutwillig den Anforderungen von Behörden hin. Ich hatte einen Brief vom Amsterdamer Arbeitsamt bekommen. Der Brief enthielt einen Termin, an dem ich zur Arbeitsvermittlung erscheinen sollte. Ich dachte von vorne herein, dass es sich hierbei wahrscheinlich um einen Irrtum handelte. Durch die Augen des einfachen Bürgers gesehen war ich natürlich „arbeitslos“. Tatsächlich aber steckte ich bis über beide Ohren in allerlei nicht nur kreativer, sondern durchaus auch lukrativer Tätigkeit. Es musste wohl versehentlich meine Anschrift in die Datenbänke dieser Leute geraten sein. Aber ich dachte, gehe du mal hin und sehe dir an, was man dir zu bieten hat…
Beim Arbeitsamt saß an einem PC hinter seinem Schreibtisch ein junger Mann. Ich grüßte und gab ihm den Brief den ich erhalten hatte. „Sie sind noch nie bei uns gewesen?“ – fragte der junge Mann. „Nein“, gab ich zur Antwort, „ich bin noch nie zuvor beim Arbeitsamt gewesen“, und fühlte sogleich, dass dies irgendwie nicht die rechte Antwort gewesen sein konnte. Immerhin, wer ist heutzutage schon „noch nie“ bei einem Arbeitsamt gewesen? Seltsame Schwingungen oszillieren bei einem Arbeitsamt zwischen Sachbearbeiter und Bürger hin und her.
„Was sind Sie von Beruf?“, - wollte der junge Mann wissen. Nun ist dies eine Frage, auf die ich noch nie Antwort wusste. Wohl hatte ich, wie die meisten Menschen unserer westlichen Zivilisation, eine Lehre absolviert und auch mit fliegenden Fahnen abgeschlossen, aber ich bin danach nie wieder in dem erlernten Bereich tätig gewesen. Folglich schien mir, könne ich meine erlernte Tätigkeit schlecht als meinen Beruf angeben. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte hatte ich mir freiwillig oder aus Notwendigkeit so viele Fähigkeiten angeeignet, dass ich mich in so gut wie jedem Beruf, zumal in jedem handwerklichen, zuhause fühlen konnte. Was also sollte ich als Beruf angeben? Sammler von Berufen vielleicht? Bescheiden antwortete ich, „Ich habe vielerlei Berufe“. Das verwirrte den jungen Mann. Er schien nur Menschen mit einem einzigen Beruf gewohnt zu sein. Ein wenig verunsichert fragte er: „Was war ihre letzte Tätigkeit?“ Jetzt wollte ich diesem jungen Mann nicht etwa aus Nachlässigkeit Unwahrheiten erzählen. Ich dachte deshalb gründlich über seine Frage nach.
Mein Freund Martin, hatte in seiner Wohnung mehrere Reptilien und Amphibien untergebracht. Alle in schönen großen Terrarien. Er hielt sich, wie so viele Leute, solche Tiere als Haustiere. In einer Ecke seines Wohnzimmers hatte Martin ein gemauertes Becken, in dem er sechs junge Krokodile hielt. Als Martin mehrere Wochen in Urlaub fuhr, hatte er mich gebeten, während seiner Abwesenheit nach seinen Tieren zu sehen. Dabei waren es am Ende gerade seine sechs Krokodile, die mir am Besten in Erinnerung geblieben waren. Eines davon schien nämlich während der Zeit da ich es verpflegte, eine persönliche Bindung zu mir gefunden zu haben. Trat ich auf das Becken zu, stellte dies Tier sich auf seine Hinterbeine, stützte sich mit den Vorderbeinen am Beckenrand ab und sah mir, wie mir schien, mit Erwartung entgegen.
Ich antwortete also auf die Frage des jungen Mannes vom Arbeitsamt, „Als letzte Tätigkeit hatte ich Krokodile versorgt“. Der junge Mann sah mich mit geweiteten Augen an: „Wie, Krokodile versorgt? Hatten sie den Tieren irgendwie Kunststücke beigebracht oder so?“ Über diese Frage dachte ich gründlich nach. Dabei dachte ich an eben dieses eine junge Krokodil das sich stets auf die Hinterbeine gestellt hatte sobald es mich sah. Ich empfand es dadurch als gerechtfertigt zu antworten, „Kunststücke. Ja. Das kann man so sehen. Irgendwie hatte ich einem der Tiere beigebracht sich auf die Hinterbeine zu stellen sobald es mich sah“. „Dann sind sie ja Krokodildompteur!“ rief der junge Mann vom Arbeitsamt erstaunt aus. „Ja“, sagte ich, „das könnte man mit einigem guten Willen so sehen“. Der junge Mann beschäftigte sich mit seinem PC. Es dauerte eine Weile bis er schließlich in Andeutung einer Resignation die Schultern hob und sagte, „Es tut mir leid, aber für einen Krokodildompteur haben wir im Augenblick leider keine Stelle frei“. Somit war mein Termin beim Arbeitsamt erledigt und ich ging wieder nachhause. Seit diesem Tage stehe ich beim Amsterdamer Arbeitsamt registriert als arbeitsloser Krokodildompteur...-
Sechs Monate später fand ich eine Karte vom Arbeitsamt in meinem Briefkasten. Darauf teilte man mir mit, dass noch stets keine Stelle für einen Krokodildompteur frei geworden sei. Diese Karten bekomme ich, etliche Jahre danach, noch stets. Mit kalendarischer Genauigkeit treffen sie alle sechs Monate ein. Es ist bis heute für einen Krokodildompteur noch keine Stelle frei geworden. Sie werden mir am Ende doch nicht mit einer Umschulung zum Löwenbändiger kommen?
Aus dem Niederländischen übersetzt: "Amsterdamse stad verhalen"
Alle Rechte der Deutschen Übersetzung: INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
|