______________________________________________________________________ Mein guter Freund Bone ist tot. Und so werden es stetig weniger, die noch am Leben sind, aus den alten Zeiten. Man merkt, dass man alt wird, wenn es immer weniger Menschen gibt, die im eigenen Leben etwas bedeutet hatten. Ja, steinalt, fühle ich mich langsam werden. Hatte ich in meinen Kinderjahren nicht noch amerikanische Panzer durch Deutsche Straßen fahren sehen? Und doch. Die Jugend ist es, was heute zählt. Vielleicht zählt sie heute mehr denn je, am Vorabend des neuerlichen großen Gewittersturms, der vielleicht, aber nur ein ganz kleines vielleicht, gerade noch verhindert werden könnte. Eine rebellische Jugend muss es sein, eine ungezogene und aufsässige, so, wie wir einst zu einer rebellischen, ungezogenen und aufsässigen Jugend gehört hatten. Eine Jugend, die sich einen Teufel um Gesetze schert, die sie als ungerecht, als unmenschlich, erkannt hat. Mein Freund Bone sah, wie auch ich, das neue große Gewitter heraufziehen. Stundenlang, hatten wir oft über die Zeichen gesprochen, die wir spürten, in jeder Faser unseres Daseins, die wir hörten hinter jeder Phrase des Alltages. Trotz dieser schweren Vision, die auf ihm lastete, schaffte Bone es, das Leben leicht zu nehmen, spielerisch leicht, es als ein Spiel zu leben. Vielleicht war gerade das es, was ihm am Ende das Leben gekostet hatte?
Bone muß wohl angetrunken gewesen sein, als ihm eingefallen war, noch spät am Abend das IJ, die breite Hauptschifffahrtsstraße des Amsterdamer Hafens in einem Paddelboot zu überqueren. Er wollte wahrscheinlich zu John the leg, der nach der Räumung des alten Standplatzes an der Heining am westlichen Stadtrand , in den Norden der Stadt gezogen war, wo er auf einem Hausboot lebte. Der Wellengang des IJ musste stark und unberechenbar gewesen sein, an diesem Abend. Unterwegs kenterte Bones kleine Schaluppe und er ertrank. Ich hörte erst davon, nachdem er schon beigesetzt worden war, er, der Engländer in der Erde eines fremden Landes...-
Einst, hatte ich Bones Mutter kennen gelernt. Sie war aus England angereist um ihren Sohn in Amsterdam zu besuchen. „Guck!“, hatte Bone gerufen „Dies ist meine Mutter“. Bones Mama hatte einen kleinen Fotoapparat bei sich. Ich hatte spontan in die Hosentasche gegriffen und einen tausend Gulden Schein hervorgezogen. Ich leckte den Schein ab und klebte ihn mir auf die Stirn. Dann legte ich meinen Arm um Bone und seine Mutter schoss ein Foto von uns. Tage später bekam ich das Bild zu sehen. Es war ein gelungenes Foto geworden. Bone und ich und der tausend Gulden Schein auf meiner Stirn, waren gut darauf zu erkennen. Nun liegt dieses Foto irgendwo in der Schublade, in der kleinen Wohnung einer älteren, einsamen Frau in Liverpool, die ihren einzigen Sohn verloren hat, den sie, ich weiß es denn ich habe es miterlebt, so sehr liebte…-
Ich stelle mir Bones Tod vor, seine letzten Augenblicke. Der erste dumme Atemzug, der seine Lungen mit Wasser füllte, das heftige, panische Herzklopfen das darauf folgte und die herauf ziehende Gewissheit, dass dies nun der Tod sein würde. Seine Leiche war am nördlichen Ufer des IJ angespült worden. An dem Ufer, das er mit seinem Paddelboot erreichen wollte. Alkohol und weite, unruhige Gewässer. Eine Mischung, die nun schon zwei meiner Freunde das Leben gekostet hat...-
Eduardo, eine verdrehte und unzuverlässige Figur von der Insel Margarita, an der Küste Venezuelas, gab sich als Künstler aus und schlug sich, wenn er nicht gerade jemanden um Geld betrog, auf diese Weise durchs Leben. Er schuf monumentale Wandbilder, nur blöde Farbschmierereien im Grunde genommen. Aber es gelang ihm, den monumentalen Mist als Kunst durchgehen zu lassen. Für Eduardos Geburtstag, hatte Bone sich etwas Besonderes einfallen lassen. Wir kannten diese über und über mit bunten Bildern tätowierte Schlangentänzerin, deren Show es war, sich zusammen mit einer erschöpften Boa Constrictor nackt auf einer Bühne zu räkeln. Bone hatte sie engagiert. Sie sollte am Abend von Eduardos Geburtstag in der Kneipe „Das letzte Wasserloch“ erscheinen und, nur mit einer Art siamesischem Bademantels bekleidet, sich vor Eduardo hinstellen, plötzlich ihren Mantel öffnen und ihre großen prallen Brüste vor Eduardos Augen baumeln lassen. Die Überraschung hätte nicht besser gelingen können. Als Eduardo diese prallen Möpse der Schlangentänzerin so plötzlich direkt vor seinem Gesicht baumeln sah, sackte er durch die Knie. Seine Augen weiteten sich und sein Unterkiefer fiel auf seine Brust hinab. Dabei zeigte er den Gesichtsausdruck eines kompletten Idioten, eines masturbierenden Schwachsinnigen. Es war Eduardos wahres Gesicht. Besonders intelligent, ist er nämlich nie gewesen. „Alles Gute zum Geburtstag, Eduardo!", brüllten wir unterdessen. "All das gehört heute Abend dir“! Eduardo guckte wie ein Schaf. „Jetzt musst du ihr nur noch von hinten das Mäntelchen lüpfen", empfahl ich, "bis ihr nackter Popo im Scheinwerferlicht erglänzt. Dann kannst du sie schonmal zur Probe von hinten anstechen“. Eduardo sah mich an, mit hängendem Unterkiefer, einer feuchtglänzenden, tropfenden Unterlippe und Katatonie im Blick. "Nun mach schon", drängte ich ihn. "Damit euch keiner zusieht, stellen wir Jungs uns mit den Rücken im Kreise um euch her". So geschah es auch. Und so hatte Eduardo an diesem Abend seines Geburtstages, mitten im vollbesetzten "Letzten Wasserloch", unsere tätowierte Schlangentänzerin von hinten genommen, ohne dass auch nur einer der Gäste auch nur das Geringste davon bemerkt hatte. Unmittelbar danach war einer dieser fernöstlichen Rosenverkäufer erschienen, die zurzeit in allen Kneipen der westlichen Welt überteuerte Rosen verscherbeln. Er drückte jedem von uns eine seiner Rosen in die Hand, welche die Jungs prompt an unsere Schlangentänzerin weiterreichten. Als er mir eine Rose in die Hand drückte und fünf Gulden dafür haben wollte, begriff ich erst, dass jeder der anderen Jungs ihm bereits fünf Gulden gegeben hatten. Ich fand diesen Preis so unverschämt, dass ich flugs alle Rosen wieder einsammelte, dem Kerl alles Geld wieder abnahm, ihn aus der Kneipe trat und seine Rosen hinter ihm herwarf. Ich wusste natürlich nicht, dass der Kerl, sozusagen als Nebeneinlage des Abends, extra von Bone bestellt worden war...- Ich mochte all die Jungs. Ich mochte auch Eduardo, den schrägen Vogel, wennschon mit besonderer Vorsicht, und ich mochte Ali, den arabischen Meuchelmörder…-
Ali, der arabische Meuchelmörder, saß wie ein Papagei auf Bones rechter Schulter und gab Acht, dass keine krummen Sachen liefen. Wir nannten Ali den „Meuchelmörder", nicht weil er jemals jemanden ermordet hatte, (obwohl er das wahrscheinlich hatte…), sondern weil er eine Visage hatte, wie arabische Meuchelmörder in amerikanischen Filmen sie haben. Ali stammte aus Algerien, aber das durfte keiner wissen, weil er dort vom Militär desertiert war und dafür die Todesstrafe befürchtete. Dass westliche Länder niemanden auslieferten, dem die Todesstrafe drohte, davon hatte Ali wohl schon gehört, aber er war misstrauisch und traute dem Braten nicht. Und deshalb erzählte er kaum jemand woher er stammte und absolut niemandem, wie er tatsächlich hieß. Wir nannten ihn alle immerzu nur Ali, den ararabischen Meuchelmörder...-
Wurde Ali wieder einmal wegen einem seiner vielen Diebstähle festgenommen, fragte die Polizei natürlich nach seinem Namen. Dabei gab Ali jedes Mal einen anderen falschen Namen an. Bekam Ali nun Post von der Polizei, wußte die nie, welchen Namen sie für den Empfänger verwenden sollten und deshalb schrieben sie auf die Umschläge stets alle falschen Namen, die Ali bei der Polizei schon verwendet hatte. Es war eine lange Liste kuriosester Namen. An einige, erinnere ich mich noch gut. Darunter gab es Namen, wie zum Beispiel: Ali Bengali, Ali Bob Marley, Ali Kanali oder Ali Roncali. Einen Namen fand ich besonders gut gelungen. Nämlich Mc Alister the late…-
Ali lebte hauptsächlich vom Buntmetall Klauen. Damals waren, wie auch heute wieder, die Schrottpreise für Rotkupfer, Messing, Aluminium und Edelstahl attraktiv genug, um das Zeug zu klauen und bei den Schrotthändlern der Stadt zu verscheuern. Ali brachte es fertig, mit seinem Moped ganze Autoanhänger voll Buntmetall bei einem Schrotthändler zu klauen, um sie dann, wenige Stunden später, samt Ladung beim nächsten Schrotthändler wieder zu verscheuern. Auch vor Kunst, machte Ali nicht Halt. Er schraubte ganze Bronzestatuen aus dem Erdreich der Stadtparks, entstellte sie mit einem Vorschlaghammer und verscherbelte danach, was davon übrig geblieben war, als Altmetall. War nicht sogar eine dieser Rundungen zeigenden Bronzeplastiken Moors diesen Weg gegangen? Ali der Meuchelmörder. Bones rechte Hand…-
Denke ich an Bone, erinnere ich mich auch an das Begräbnis der alten Anna, die in ihrem eigenen Wohnwagen verbrannt worden war. Annas Story Mit welcher Selbstverständlichkeit Bone damals diesen riesigen, Immergrünen Baum aus dem Grab reicher Leute gerissen und ihn hinterher polternd auf der armen Annas erbärmlichen Sarg geworfen hatte. Und wie sie dabei alle geguckt hatten, all die biederen Bürger der Stadt- und Friedhofsverwaltung, mit ihren schlechten Gewissen unter ihren hübschen Klamotten. Diese Bürger, die dem Leben einer Anna, eines Bone und so vieler anderer, um jeden Preis Widerstand entgegensetzten müssen, nur weil es um lausiges Geld geht. Sie, diese Leute, hätten wir damals in die Grube auf Annas ärmlichen Sarg schleudern sollen! Damit erst, hätten wir Recht getan!
Bone ist tot. Wir alle hatten ihn gemocht. Wie lange wird es noch dauern, bis John the leg ihm nachfolgt, oder Jake, oder Der Käptn, oder Ali, oder Eduardo, oder ich? Wie die Dinge liegen, wäre ich eigentlich dazu verdammt, in Deutschland begraben zu werden, im Lande der hinterhältigen Menschenverächter. Doch hol's der Teufel! Ich habe meine kleine Schwester gebeten, meine Asche im Amsterdamer Vondelpark auszustreuen. Ich finde, sie ist ein gutes und zuverlässiges Mädchen...-
INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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