Startseite Zur 2. Morphinistenseite WEGWEISER RECHTLICHES DER MORPHINIST DAS MORPHINISTISCHE MANIFEST Dr. HANNES KAPUSTE AXEL JUNKER KARLOS & Co. ERFAHRUNGEN KARLOS & Co. ERZÄHLUNGEN & KURZGESCHICHTEN ANTIQUARIAT RECHT, POLITIK, WISSENSCHAFT UND MEHR.... SOZIAL & POLITISCH KRITISCHES GEMISCHTES GEDICHTE & PROSAISCHES BRIEFE SUCHEN

KARLOS & Co. ERZÄHLUNGEN & KURZGESCHICHTEN:
Knast Storys, Sucht & Szenen Geschichten, überwiegend von Karlos, Fantasie begabter Erzähler, pessimistischer Visionär, grundsätzlicher Misanthrop, Gelegenheits-Philanthrop und Initiator der Morphinistenseite...-


Themen:
KNASTGESCHICHTEN
    Leben auf der Suchtstation H2
    Sterben auf der Suchtstation H2
    Abende der Suchtstation
    Unfall auf der Suchtstation H2
    Weihnachten auf der Suchtstation H2
    Im Strafbunker
    Kriminalfälle aus der Suchtstation H2
    Erinnerungen an H2
    Suchtstation H2
    Die Burg
    JVA Landsberg
    JVA Kaisheim
    Flucht aus dem Familienknast von F.
    Im Amsterdamer Gefängnis
    Ein Gefangenentransport
    Quasimodo
    Albert
    Der Stuhl an der Mauer
REISEN
    Keats' Urlaub in Marokko
    London Town
    Marihuana auf Jamaika
    Vom Hindukush zum Eifelturm
    Mit Morphiumhydrochlorid im Paradies
    Tropische Szenerien
    Rückkehr ins Paradies
    Die Rampe zu Dachau
    Deutschlandreise
    Einladung nach X-Stadt
VON MENSCHEN UND ANDEREN TIEREN...
    Von Ratten Joe und anderen Menschen...
    Jane, und die Asylantenstadt
    Der alte Hassan
    Johns Wohnbus
    Das Partyschiff
    Das Moormädchen
    Von Klausens Reichtum
    Annas Story
    Hells Angels
    SALLY
    Sylvia, oder die tödlichen Mühlen
    Dorothea
    Qualle
    Magere Zeiten...
    Wieder ein besonderer Fall...
    Der Fall Herbert...
    Das Beispiel "Walter"
    Beim Amsterdamer Arbeitsamt
    Paranoia im Park
    Im Sexclub
    Frankies Abgang
    Bone ist tot...-
    Hein de slager
    Erinnerungen an den Schauspieler W. Hefeteig
    Szenen einer Ehescheidung
JAGDSZENEN
    Die Urinkontrolle
    Die Bullen
    Der Fall Lee
    Der Sprung
    Regnerische Zeiten
    Ein Grenzübergang bei Kleve
    Verfluchter Doppelmord
    Der letzte Apothekenüberfall
    Fabians Tod und mehr...
    Die Überdosis
    Kommissar Hanser und seine Jungs...
    Freitag der 13.
    Der Wixer auf dem Bahnhofsklo
    Methadon & Elend in Nürnberg
    Korruption
    Vom Kommissar & der Nummer 7
Erzählungen & Kurzgeschichten 2
    Pedros Rache
    Die Regenbogengemeinschaft
    Das alte Lied...
    Bei der Musterung
    Das endgültige Ticket
    Codex Alimentarius
    Zeedijk, Amsterdam
    Spritzutensilien
    Am Amsterdamer Straßenstrich
    Ein Blick hinter die Coffeeshops
    Dort, wo man Hass sät...
    Der Ladenraum
    Der Surinamische Medizinmann
    Die Streckmittelindustrie
    Die Akha Khan Teestube
    Die Interviews der Morphinistenseite
    Kiffer wie Du und ich.
    Heroin mit Salzsäure
    Euro - Top Tour
    Bengali, und die Macht der Steine
    Amsterdamer Spirit
    Vergangene Früchtchen


Allgemein:
Arbeitsweise & Terminologie
Spenden
LINKS
Impressum
Kontakt


Das Beispiel "Walter"

Im freien Fall..... 



Nach oben

D A S   B E I S P I E L   " W A L T E R " ,   O D E R :   " I M   F R E I E N   F A L L " 

______________________________________________________________________
Schon als Kind, war Walter etwas anders, als andere Kinder. Walter war mehr zurückgezogen. Er lebte sich nicht so sehr im Spiel aus, wie andere Kinder. Später dann, in der Schule, galt Walter bei seinen Lehrern als stiller, aufmerksamer Schüler. Bei seinen Mitschülern allerdings, galt er eher ein wenig als Sonderling. Als ein Sonderling, der sich nie an Dingen beteiligte und erfreute, an denen andere Schüler sich beteiligten und freuten. Gingen zum Beispiel Walters Mitschüler des Abends aus, etwa zum Tanzen, zog Walter es vor, lieber die halbe Nacht alleine zu verbringen, irgendwo im Wald oder auf freiem Feld unter den Sternen. Seine schulischen Leistungen lagen im Durchschnitt. Er bekam weder schlechte Zeugnisse ausgestellt, noch gute.

Hatte man Gelegenheit, Walter längere Zeit in den Einzelheiten seines Tagesablaufes zu beobachten, kam man unweigerlich zu dem Schluss, er lebe unter einer depressiven Grundstimmung.
Später dann, im Berufsleben, Walter war Rundfunkmechaniker geworden, verhielt es sich nicht anders als damals, in der Schule. Walter lebte zurückgezogen. Er war bei seinen Kollegen weder sonderlich beliebt, noch sonderlich unbeliebt. Manchmal empfanden seine Kollegeninnen und Kollegen eher Mitleid mit ihm, die sich in einer übertriebenen Rücksichtnahme äußern konnte.

Im Alter von 24 Jahren, hatte Walter einen Unfall. Er war von der Arbeit gekommen, und wie in einem Traume wandelnd, direkt vor ein fahrendes Auto gelaufen. Durch die Wucht des Aufpralles, war er einige Meter durch die Lift geschleudert worden, wonach er zwischen einige Sträucher fiel. Von diesem Unfall hatte Walter einen Schaden an der Wirbelsäule bekommen, der sich nicht mit einem operativen Eingriff beseitigen ließ.

Durch diesen Schaden an seiner Wirbelsäule, litt Walter fortan an ständigen Schmerzen. Bald konnte er nicht mehr arbeiten. Am Ende konnte er kaum mehr essen oder schlafen, so sehr peinigte ihn der Schmerz. In diesem Zustande nahm ihn schließlich ein Doktor Reders in Behandlung.

Doktor Reders erkannte, dass in Walters Falle alleine eine palleative Behandlung nötig wäre. Deshalb verordnete er Walter Morphinsulfat, ein opioides Schmerzmittel.

Schon in den ersten Wochen, war die Wirkung diesesMorphins dramatisch. Walter nahm die Pfunde, die er durch ein Leben mit Schmerzen verloren hatte, rasant wieder zu. Er aß wieder besser und schlief zufriedenstellend. Unter dem Einfluss des Morphins blieb vn Walters Schmerzen, nur noch ein leichtes, nicht unangenehmes Prickeln an der Stelle der Wirbelsäule, an der noch kurz zuvor der Schmerz gewütet hatte.

Walter ging wieder zur Arbeit. Dort schien er seinen Arbeitskollegen wie verwandelt. Walter schien während der Zeit seiner Abwesenheit irgendwie anders geworden zu sein. Er war nun viel engagierter als früher. Auch war er zugänglicher geworden. Er sprach mehr und lächelte mehr. Er schien entspannter, einfach gesünder, als früher.

Auch Walter selbst, war seine Veränderung nicht verborgen geblieben. Er bemerkte sehr wohl, welch segenreichen Einfluss sein Medikament, nicht nur hinsichtlich seine Schmerzen, sondern auf sein ganzes Leben hatte.
Walter wurde zum Werksleiter befördert.

Auch die Sekretärin Maria aus der Personalabteilung, bemerkte Walter Verwandlung und es dauerte nicht lange, da bemerkte Walter auch Maria. Zwei Jahre später, waren die Beiden verheiratet und hatten ihren ersten Sohn, den sie Walter nannten.

Als zu dieser Zeit, Walter wieder einmal zu Doktor Reders kam, um sein obligatorisches Betäubungsmittelrezept abzuholen, hatte Doktor Reders, wie er meinte „Gute Neuigkeiten“ für ihn. In den Vereinigten Staaten war eine Technik entwickelt worden, bei der ein unter die Haut gesetzter Impulsgeber, elektrischer Energie an gewissen Stellen der Wirbelsäule abgab, wodurch bei manchen Patienten Schmerzfreiheit erwirkt werden konnte. Erfreut teilte Doktor Reders mit, dass diese Technik bereits in der nahegelegenen Universitätsklinik praktiziert wurde.

Sechs Wochen später hatte Walter ein solches Gerät unter der Haut. Bald gingen die Ärzte der Universitätsklinik dazu über, Walter das Morphinsulfat zu entziehen. Sie forderten Walter auf, einem bestimmten Plan der Dosisreduzierung zu folgen.

Während der nächsten drei Wochen, reduzierte Walter die Dosis seines Morphins, bis er am Ende nichts mehr einnahm. Nach drei Tagen extremer Unruhe und drei Nächten der Schlaflosigkeit, war Walter des Morphins entwöhnt.

Walter staunte nicht schlecht, als er bemerkte, der Apparat unter seiner Haut bewirkte in etwa die gleiche Schmerzbetäubung und dasselbe prickelnde Gefühl, wie zuvor sein Medikament.

Aber auch Walters Arbeitskollegen staunten nicht schlecht, aber eher unter sich und hinter Walters Rücken. „Was war nur mit Walter geschehen?“, wunderten sie sich. „Er scheint plötzlich so in sich gekehrt und so unkonzentriert und fahrig in seinen Entschlüssen und seinem Handeln“.

Die Wandlung Walters, blieb ach seiner Frau nicht verborgen. Walter junior dagegen, war noch zu jung, um seines Vaters Veränderung zu bemerken. Maria schien, als wäre sie plötzlich mit einem Fremden verheiratet. So, hatte sie Walter noch nie gekannt. Nicht nur war er stiller geworden und in sich gekehrt, er schien auch depressiv geworden zu sein.

Es dauerte einige Wochen, bis Walter sich erinnerte, wie er früher gewesen war und erkannte, dass er wieder so geworden war wie er damals gewesen ist. Und damit war Walter unzufrieden. Er fand, dass er in diesem Zustand nicht er selbst war, fand, dass er in diesem Zustand gewaltig an Lebensqualität einbüssen musste.

Es dauerte nicht lange, bis Walter begriffen hatte, der Segen, der nun wieder vergangen, war von seinem damaligen Schmerzmittel gekommen. Nun, da er dieses Mittel abgesetzt hatte, war er wieder zurückgefallen in einen Zustand, in einen Charakter, der ihm verhasst war.

Walter hatte erfahren, dass es Möglichkeiten gab, zu einer besseren, gesünderen Konstellation seiner inneren Kräfte zu kommen. deshalb machte er sich eines Tages auf die Suche nach Mitteln und Methoden, um diesen vergangenen Zustand der Gesundheit wieder zu erlangen. Er wollte wieder der Walter sein, der ihm mit dem Absetzen seines Medikamentes verloren gegangen war.

Walter begab sich in Psychotherapie. Diese Therapie kostete sehr viel Geld. Zwei Jahre hielt Walter sie finanziell durch. Schließlich war seine Geduld und fast sein ganzes Geld zuende. Er musste sich eingestehen, dass mit dieser Therapie, außer einer nahenden Armut nichts, aber auch gar nichts, erreicht worden war. Zwar war Walter weder Arzt noch sonst irgendein Physiologe. Doch reichte seine Intelligenz aus, um einzusehen, sein Problem hatte keine psychischen Ursachen. Es war weit eher von physiologischer Art, was sich aber in einem Unwohlsein der Psyche äußerte.

Es stand nicht gut bestellt, mit der Wirtschaft im Lande. Immer mehr Unternehmen sahen sich gezwungen, Entlassungen vorzunehmen. Dass dabei auch Walter entlassen wurde, wunderte ihn selbst nicht sehr. Er hatte lange schon bemerkt, wie seine Leistungen unter seinem Zustand litten, wie auch der Kontakt zu seinen Kolleginnen und Kollegen. Walters Entlassung musste gerade zu diesem Zeitpunkt eintreten, wo noch der neue Wagen und die Wohnungseinrichtung bezahlt werden musste, die Walter und Maria erst ein Jahr zuvor auf Kredit gekauft hatten.

Mit nur wenig Optimismus, ging Walter zu einigen Vorstellungsgesprächen. Doch schon während dieser Gespräche, wurde ihm die ablehnende Haltung seiner Gegenüber geradezu körperlich bewusst. Walter fehlte es am Funken der Wärme und gegenseitigem Verständnis, wie es nötig war, um menschliche Kontakte einzugehen.

Als Walter sich eines Tages erkältet hatte und daraus ein quälender Husten wurde, suchte er im Medikamentenkästchen des Hauses nach Hustensaft. Dabei fiel ihm eine Flasche Paracodintropfen mit dem Wirkstoff Dehydrocodein in die Hände. Walter nahm einen kräftigen Schluck dieser Medizin. Dreißig Minuten später fühlte er mit jeder Faser seines Daseins, dass dies es war, was ihm die ganze Zeit über gefehlt hatte.

Walter stellte Recherchen an und entdeckte, dass Dehydrocodein als Opioid zu den Betäubungsmitteln gehörte.
Nun war Walter klar geworden, wollte er wieder gesund sein und funktionsfähig wie früher, musste er opioide Medizin einnehmen. Aber Walter stellte fest, dass im ganzen Lande keine Opioide mehr erhältlich waren, es sei denn, auf ärztliche Verordnung. Ärzte aber, waren bei der Verordnung von Opioiden an strenge Indikationen gebunden und Walters Leiden, dass noch nicht mal bekannt zu sein schien, gehörte nicht zu diesen Indikationen. Egal, wie Walter sein Problem auch erklärte, kein Arzt , selbst Doktor Reders nicht, fand sich bereit, ihm Opioide zu verordnen.

Bei seiner Suche nach ärztlicher Hilfe, landete Walter schließlich beim Psychiater Dämelmann. Dämelmann, hielt nichts von Opioiden. „Die machen nur süchtig“, erklärte er und verordnete Walter ein atypisches Neuroleptikum. „Nehmen Sie das ein“, sagte Dämelmann zu Walter und versicherte, „Sie werden sehen, dass es ihnen bald besser gehen wird“.

Walter, in seiner Not, folgte Dämelmanns Rat und schluckte über Wochen hinweg brav seine Medizin. Wie Walter aber schien, ging es ihm dadurch nicht besser, sondern, im Gegenteil, wesentlich schlechter. Irgendwie, fühlte Walter sich mehr und mehr von sich selbst verfremdet. Morgens, vor dem Spiegel, schien es ihm, als rasierte er einen Fremden.
Auch Maria, Walters Frau, bemerkte eine Veränderung an ihm. Ihr fiel hauptsächlich auf, dass es Walter plötzlich an sexueller Potenz fehlte. Das war etwas, dass sie an ihrem Walter, trotz all den Veränderungen die er bisher durchlaufen hatte, noch nie bemerkt hatte.

Walter fühlte sich miserabel und berichtete Doktor Dämelmann davon. Dämelmann wusste Rat. Er verordnete Walter zwei Medikamente, die Nebenwirkungen des atypischen Neuroleptikums auffangen sollten, und, für alle Fälle verordnete er auch noch ein modernes, trizyklisches Antidepressiva „Sie werden sehen“, sagte Dämelmann, während er das Rezept unterzeichnete, „das wird ihre Stimmung gewaltig heben“.

In einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung, hielt Walter die Verordnung Dämelmanns ein und schluckte brav seine Medizin.

Es geschah während des Mittagstisches. Walter, der schon die ganzen letzten Wochen sehr still geworden war, brach plötzlich in Tränen aus. „Um Gottes Willen! Walter!“, rief Maria aus. Doch Walter konnte seiner Frau nicht antworten, so sehr schnürte ihm der Weinkrampf die Kehle zu…-

Noch nie zuvor in seinem Leben, hatte Walter sich so depressiv gefühlt, wie gerade während der Einnahmezeit von Doktor Dämelmanns Antidepressivum. Nicht einen Funken Gutes, hatten Walter die Besuche bei Doktor Dämelmann und die Einnahme seiner furchtbaren Medizin gebracht. Ganz im Gegenteil. Alles schien nur verschlimmert zu sein. Walter ging nie wieder zu Doktor Dämelmann. Den Rest seiner Medizin, spülte er durch die Toilette. Danach holte er in einem Akt schierer Verzweiflung die Paracodintropfen aus dem Medikamentenkästchen des Hauses und schluckte den letzten Rest. Und siehe da. Keine halbe Stunde später fühlte Walter sich so gesund und wohl, wie seit Monaten nicht mehr…-

Eines Tages war Walter wieder von einem Arzt abgewiesen worden. „Opiate machen süchtig. Deshalb verordne ich ihnen keine“, hatte der Arzt gesagt, wobei Walter glasklar durch den Kopf gegangen war: „Na und? Lieber süchtig und dabei gesund, als nicht süchtig und absolut elend“. Zum eigenen Verdruss fand er aber nicht den Mut, seine Gedanken in Gegenwart des Arztes auch auszusprechen.

Als Walter die Praxis dieses Arztes verließ, wurde er auf der Straße von einem jungen Mann angesprochen. „Brauchst Du was?“, fragte dieser junge Mann. „Wie meinen Sie das, brauchst du was? Was soll ich brauchen?“, fragte Walter vorsichtig zurück. „Na, Shore“, sagte der junge Mann daraufhin. „Heroin eben“. War Heroin nicht ein Opiat, ging es Walter durch den Kopf? Und welch seltsame Fügung doch, dass gerade jetzt, in diesem Augenblick, dieser junge Mann ihn ansprach. „Wie viel soll es denn kosten?“, informierte Walter. „Nun, weil Du es bist“, erklärte der junge Mann, „verkaufe ich dir das Gramm für 50 Euro“. „Gib mir fünf Gramm“, sagte Walter und nahm seine Brieftasche aus der Jacke. Nachdem der Kauf getätigt war, gab der junge Mann Walter eine Telefonnummer. „Hier“, sagte er, „Wenn du wieder etwas brauchst, rufst Du mich einfach an“…-

Zuhause angekommen, erkundigte Walter sich über das Internet, wie er das braune Pulver einnehmen musste. Am Ende entschied er sich dafür, dass Pulver zu schnupfen.
Das Heroin tat genau die Wirkung, die Walter sich ersehnt hatte. Er fühlte sich mit einem Schlage ringsum gesund und zuversichtlich hinsichtlich der Zukunft.

Walters Zuversicht war berechtigt. Wenige Tage später fand er eine Anstellung bei einem großen Kreditunternehmen. Dort betreute er die Computersysteme des Betriebs.
Walters Gehalt war gut. Außerdem ermöglichte seine Stellung in diesem Unternehmen ihm auch Kredit zu günstigen Bedingungen. Unter den Bedingungen für Mitarbeiter, nahm Walter schließlich einen Kredit. Nicht viel. Nur gerade so viel, um endlich das Auto und die Wohnungseinrichtung abzubezahlen und, na ja, auch ein klein wenig mehr…-

Unterdessen hatte Walter schon mehrmals Gebrach von der Telefonnummer gemacht, die der junge Mann ihm gegeben hatte. So alle zwei Wochen, hatte Walter bisher bei ihm angerufen.
Als aber Walter eines Tages wieder anrief, nahm niemand ab am anderen Ende. Und das blieb den ganzen Tag so, bis spät in die Nacht hinein. Auch am nächsten Tag, meldete sich niemand.

Inzwischen bemerkte Walter, wie ihm übler und immer übler wurde. Ein befremdendes, quälendes Gefühl bemächtigte sich seiner. Es fühlte sich an, als hätte Walter sich eine mächtige Erkältung zugezogen. Doch Walter war nicht dumm. Er kannte dieses Gefühl. Es war ihm einige Male überkommen, als er noch das Morphinsulfat von Doktor Reders zu sich nahm und auch in den letzten Tagen des Absetzens dieses Medikaments. Es waren beginnende Entzugserscheinungen. Verzweifelt, versuchte Walter immer und immer wieder bei dem jungen Mann anzurufen. Doch vergebens. Niemand nahm dort den Hörer ab. Schließlich machte Walter sich auf den Weg in die Stadt.

Auf einem kleinen Platz der Innenstadt, auf dem das Reitermonument eines Kaisers stand, befand sich die örtliche Drogenszene. Sicher zwei Stunden, umkreiste Walter diesen Ort in stets kleiner werdenden Kreisen. Schließlich nahm er all seinen Mut zusammen und begab sich unter die Menschen der Szene. Kaum eingetroffen, wurde er auch schon angesprochen: „Brauchst du was“? Und klar, brauchte Walter was. Vierundzwanzig kleine Kunststoffbällchen, gefüllt mit braunem Pulver, erwarb er schließlich. Der Preis war ihm dabei egal, so sehr quälte ihn bereits ein mächtiges Ziehen in den Beinen und im Rücken, sowie ein äußerst schmerzhaftes Rumoren in den Eingeweiden. Walter steckte die Handelsware in seine Jackentasche und machte sich auf den Weg nachhause. Weit, kam er dabei nicht. Er hatte gerade erst zwei Straßenecken zurückgelegt, als eine junge Frau ihm das Weitergehen verwehrte. Sie hielt Walter einen Kunststoffausweis vor die Nase, auf dem ihr Bild und die Aufschrift „Polizei“ zu sehen waren. „Kriminalpolizei“, sagte sie. „Sie sind verhaftet“. Im selben Moment, verspürte Walter im Rücken den Druck eines zwar kleinen, aber harten Gegenstandes. Eine Männerstimme sagte, „Nehmen Sie ihre Hände hoch“. Während der Mann weiterhin den Lauf einer Pistole in Walters Rücken gedrückt hielt, griff die junge Frau in Walters Jackentasche und holte seine Heroin gefüllten Kunststoffbällchen hervor. Sie dienten fortan als Beweismittel…-

Walter wurde in ein Fahrzeug befördert und zur Polizeiwache gebracht. Nach einer kurzen Vernehmung, bei der Walter freimütig gestand, dass er das Heroin an der Drogenszene erworben hatte, wurde er in eine Zelle geschlossen. Dort verbrachte er den größten Teil der Nacht damit, vergebens nach einem Arzt zu rufen.

Als er am Morgen darauf einem Haftrichter vorgeführt wurde, konnte er kaum noch stehen vor Entzugserscheinungen.
„Ich brauchte das Zeug als Medizin“, versuchte Walter dem Untersuchungsrichter seine Lage zu erklären. „Ich musste es an der Drogenszene kaufen, weil man es ansonsten nirgendwo bekommt“.

Doch egal, wie Walter seine Handlung auch zu erklären versuchte, für den Haftrichter war er nichts weiter als nur wieder einer dieser „Heroinsüchtigen“, wennschon vielleicht ein besonders tragischer Fall, bedachte man die berufliche und gesellschaftliche Position des Mannes. Aber so geht es eben mit solchen Süchtigen. „Das Teufelszeug Heroin“ machte vor keinen gesellschaftlichen Klassen Halt. Haftrichter Adalbert hatte schon viele Heroinsüchtige gesehen, und welche Geschichten hatte er dabei nicht schon hören müssen? In seinen Augen, waren sie alle gleich, nämlich „rauschgiftsüchtig“! Unter den gegebenen Umständen schien es Haftrichter Adalbert sogar, dass dem Beschuldigten am besten gedient sei, man ließe ihn nicht mehr auf freien Fuß. „Ließe ich diesen Mann jetzt laufen“, so sagte Haftrichter Adalbert sich, „dann steht er in zehn Minuten wieder an der Drogenszene und kauft Rauschgift. Ich tue ihm also nur einen Gefallen, wenn ich ihn in Haft belasse“. Und so unterzeichnete Haftrichter Adalbert, im tiefsten Bewusstsein der Rechtschaffenheit, Walters Haftbefehl.

Damit blieb Walter, bis zur nächsten Haftüberprüfung in zwei Wochen, in Untersuchungshaft.
Dummerweise dachte zwei Wochen später der Haftrichter, der Walters Haftüberprüfung bearbeiten musste, über Heroinsüchtige nicht viel anders als sein Kollege Adalbert. Deshalb verlängerte er Walters Haftbefehl auf weitere zweiundzwanzig Wochen.

Walter blieb in Untersuchungshaft, bis fünf Monate später seine Hauptverhandlung stattfand. Als Walter bei dieser Hauptverhandlung dem Vorsitzenden Richter erklären wollte, weshalb er Heroin erworben hatte, erklärte sofort ein Professor Spamm, der als Sachverständiger geladen worden war, Walters Erklärungen seien nichts weiter als typische Ausreden, mit denen Süchtige ihre Sucht zu rechtfertigen suchten. Bei dieser Hauptverhandlung wurde Walter schließlich wegen einem Erwerb und Besitz von Betäubungsmittel in nicht geringer Menge, ohne im Besitz der nötigen Genehmigung zu sein, zu 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Walter bekam seine Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt.

Unterdessen, war allerdings Walters Arbeitsplatz flöten gegangen. Und nicht nur das. Maria, Walters Frau, hatte die Scheidung eingereicht und arbeitete daran, dem „rauschgiftsüchtigen“ Vater ihres Kindes jegliches Sorgerecht zu entziehen.

Als Walter nach der Hauptverhandlung wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, war er auch noch obdachlos geworden. Maria hatte inzwischen nämlich einen gerichtliche Verfügung erwirkt, dass ihr Heroin süchtiger Ex-Gatte, die früher gemeinsame Wohnung nicht mehr betreten durfte.

Walter fand vorläufig Bleibe in einem Heim für ehemalige Strafgefangene. Dort hatte er einige Zeit die Ruhe, um über sein Schicksal nachzudenken. „Welch ein Werdegang“, dachte er verwundert. „Jett bin ich ein vorbestrafter Heroinsüchtiger. Dabei wollte ich von Anfang an nichts weiter, als nur gesund sein“. Und immer mehr dämmerte Walter dabei, wie gründlich doch Menschen mit Erkrankungen seiner Art, unerwünscht waren in dieser Gesellschaft und wie rücksichtslos man doch versucht, sie auszustoßen...-

Es dauerte gerade mal drei Monate und Walter war "rückfällig" geworden, oder wenigstens nannten die Leute das so, die keine Ahnung davon hatten, was tatsächlich in Walter vorging. Walter konnte gar nicht "rückfällig" werden, denn im Geiste hatte er sich noch nie vom Opiat getrennt. Immerhin hatte er sattsam am eigenen Leibe erlebt, wie wohl Opiat ihm tat. Tatsache war, dass Walter weniger rückfällig, dafür aber immer mehr hinfällig wurde. Das aber, schien keinen der vielen Leute, die ihn umgaben, zu interessieren, obwohl sie doch ansonsten so sehr Interesse vorgaben, an Walters Wohlergehen, all die Sozialarbeiter, die Sozialpädagogen, die Psychologen, der Bewährungshelfer und was sich nicht sonst alles ungefragt, anbiedernd herandrängte, um an Walters Elend, Brot zu verdienen.


So kam Walter wieder vor den Haftrichter Adalbert. Wie schon zuvor, tat Adalbert Walter den Gefallen, und widerrief seine Bewährungsstrafe. Deshalb kam Walter diesmal nicht in Untersuchungshaft, er kam in Strafhaft.
Einige Monate später fand wieder eine Hauptverhandlung statt. Walter wurde zu weiteren vierundzwanzig Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

Irgendwann, wurde Walter wieder aus dem Gefängnis entlassen. Er landete wieder in demselben Heim für ehemalige Strafgefangene wie schon einmal zuvor. Ein solches Leben kostete Kraft und die hatte Walter nicht. Je mehr aber Kraft von ihm gefordert wurde, desto mehr sehnte er sich nach dem Medikament, von dem er wusste, dass es ihm die nötige Kraft gäbe. Auf diese Weise gelangte Walter in eine Zange, die eifrig von jenen immer fester zugedrückt wurde, die vorgaben, Walter zu helfen.

All dies war der Beginn einer Laufbahn, die nach einigen weiteren Gefängnisaufenthalten mit Walters Selbstmord, mithilfe einer Überdosis Heroin enden sollte.

Von dem Moment an, da Walter seine Krankheit erkannt und sich um ihre Behandlung bemüht hatte, befand er sich im freien Fall. Der brachte ihn schließlich auf eine behördliche Schiene, die ihn zuletzt in den Tod führte. Es gibt so viele Schicksale, wie das Walters. Und sie sind einander so ähnlich, dass der Verdacht sich aufzwingt, es stecke System dahinter.

Auf dieser Schiene, finden derzeit noch jedes Jahr rund 1200 Menschen den Tod. Das sind immerhin noch 3 - 4 pro Tag. Wer oder was, so fragt man sich, verhindert, dass diese Schiene abgebaut würde? Wer hat Interesse an ihrem Fortbestand?


Alle Rechte:
INTRACEREBRAL.EU
Die Morphinistenseite



Nach oben