______________________________________________________________________ Weit hinter Sloterdijk, im Westen Amsterdams, gibt es ein großes Naturschutzgebiet von Alt Holländischer Pracht. Flächen von Schilf, die rauschen, wenn der Wind hindurchfährt, Teiche und kleine, sie verbindende Kanäle, voll Leben, Molche, Salamander, Kröten jeglicher Art und Frösche. Raubvögel, kreisen am Himmel und halten scharfäugig Ausschau nach Hasen, Mäusen und Eichhörnchen.
Tief in diesem Naturschutzgebiet, gibt es "het veen", ein Moorgebiet von stiller, geheimnisvoller Schönheit. Dorthin, hatten eines Nachts Jan und ich unsere Wohnwägen geschleppt. Wir waren gerade erst von einem illegal besetzten Gelände, am Holzhafen in der Innenstadt, zwangsgeräumt worden und die Polizei hielt überall, sogar mit kleinen Fliegern aus der Luft, Ausschau, ob wir uns nicht vielleicht irgendwo anders niederließen, wo es nicht gestattet war. Und nicht gestattet war es eigentlich überall, außer auf Campingplätze, auf denen wir nicht leben wollten...-
Ich hatte meinen Wohnwagen von Aluminium, mit meinem alten Renault Traktor, meinem getreuen zweizylindrigen "Pferd", an den Rand des Veen Moores geschleppt. Jan besaß einen alten, selbstgebauten Wagen, schön gearbeitet, zigeunerhaft bunt und sehr romantisch anzusehen. Dieser Wagen wurde von zwei echten Pferden gezogen. Zwei Ackergäule, waren es. Schwere, mächtige Tiere, zottig und mit Hufen, breit wie Suppenteller.
Dort, am Rande des Moores, fühlten nicht nur Jan und ich uns wohl. Auch Jans Pferde schienen dort aufzuleben. Fest gebunden an Ketten von 30 Metern Länge, liefen sie mal hierhin mal dorthin und fraßen unterwegs alles, was ihnen zwischen die Zähne kam.
Sonderbar genug, wussten diese Pferde genau, wo sie ihre Hufe auf den Boden setzen mussten, um nicht im Moor zu versinken. Fanden sie keine Stelle mehr, worauf ihr Fuß gefahrlos zu setzen war, machten sie kehrt und versuchten es an anderer Stelle erneut.
Es war ein faszinierend schönes Fleckchen Erde. Ein kleines Paradies, das Jan und ich gefunden hatten. Zahlreiche Kaninchen gab es, die so zahm und zutraulich waren, dass sie vor einem stehen blieben, sich auf die Hinterbeine stellten und mit fragender Mine zu einem hochsahen. Nachts, schwirrten Scharen kleiner Fledermäuse über unseren Köpfen, die man ärgern konnte, warf man Haselnüsse in die Höhe. Mit ihrem akustischen Radar die Nuss erspürend, glaubten die Tierchen, es handele sich um besonders fettes Nachtinsekt. Sie flogen geschwinde darauf zu und BUMMS, stießen sich die Näschen daran...-
Tagsüber, lärmte auf angenehme Weise unzähliges Insektengetier mit Zirpen und Pfeifen. Am Abend dann, quakte und brummte allerlei Frosch- und Krötenschar. Orchideen, wuchsen im Grase und überhaupt Blumen von solcher Vielfalt und Farbenpracht, dass es einem den Atem nahm. Freilich würde dieses Jahr, nach unserem Willen, auch der Hanf sich zur Flora dieses bezaubernden Gebietes hinzugesellen...-
Als eines Tages Jan und ich zufrieden auf Klappstühlen vor unseren Wägen in der Sonne saßen, raschelte es im Schilf und ein hübsches junges Mädchen trat aus den rauschenden Röhren hervor. Völlig unbefangen, trat sie an uns heran und setzte sich vor uns ins Gras. "Ich bin Judith“, sagte sie und: „Sind das euere Pferde?“ „Es sind meine“, erwiderte Jan brummend. „Darf ich darauf reiten?“, fragte sie und ich antwortete, ein wenig zu Jans Verdruss, der seine Pferde über alles liebte und nicht gerne unter anderer Leute Einfluss sah, "Aber sicher darfst du darauf reiten". Noch nie zuvor, hatte ich ein junges Mädchen so leichtfüßig und behände auf den Rücken eines Pferdes springen sehen. Knoletje, wie der Schimmel unter Jans Pferden hieß, schien nur darauf gewartet zu haben. Ohne dass Judith oder Jan auch nur den leisesten Befehl gegeben hatten, setzte Knoletje sich in Bewegung und ging ruhigen Schritts geradewegs aufs Moor zu. Ich stand auf und wollte den Gaul zurückhalten, doch Jan legte seine Hand auf meinen Arm. „Lass nur. Knoletje kennt den Weg". Und so setzte ich mich wieder und sah, welch herrliches Bild uns durch die Anwesenheit von Judith geschenkt worden war. Der Anblick dieses jungen frischen Menschenmädchens auf dem großen, gewaltigen Pferd, das sich sicheren Schritts durchs gefährliche Moor bewegte, war ein Bild, wie man es mit keinem Geld der Welt erkaufen konnte.
Von diesem Tag an, sahen wir Judith immer öfters. Sie fühlte sich bei uns am Moor so richtig zuhause. Sie begann, einen kleinen Kräuter- undGemüsegarten zu bestellen und sammelte die Schnecken von unserem Hanf. Sie brachte frisches Obst von zuhause mit und Gemüse und kochte. Sie pflanzte und säte Blumen, nicht in Beeten, sondern wild in die Landschaft hinein. Wenige Wochen später, saßen Jan und ich inmitten eines Meeres bunter, bezaubernd duftender Blüten, wie wir sie noch nie zuvor erlebt hatten. „Das ist Judith“, pflegte Jan zu sagen, wenn der süße Duft der vielen Blüten durch die geöffneten Fenster unseres Wagens wehte. So verging der Sommer und es wurde Herbst. Um uns her wandelte sich die Welt sich in Gold, Rot und Hunderter Brauntöne.
Jan und ich lebten mit den Elementen, dem Wind dem Regen und dem Sonnenschein. Oft saßen wir an den Abenden beieinander und spielten Schach im gelben flackernden Schein des Kerzenlichts, während draußen Stürme fauchten, der Wind über das Dach des Wagens rollte, an den Fenstern rüttelten und die Behausung hin und her geschüttelt wurde.
Auch während der wilden und farbenprächtigen Herbstmonate kam Judith zu Besuch. Sie versorgte Jans Gäule, fütterte sie mit Möhren und bürstete ihnen die Kletten und Stücke verdorrten Laubes aus den ruppigen Fellen.
Ende Dezember, kam der erste Schnee Wir mussten uns um Heizmaterial kümmern, das sich nicht gänzlich aus der Umgebung sammeln ließ. Judith hatten wir unterdessen schon drei Wochen nicht mehr gesehen. Es war ihr wohl zu kalt geworden, redeten wir uns ein, die Reise von der Stadt hierher zu beschwerlich.
Eines Tages musste ich zur Stadt um Kartoffel und eine Ladung Kohlen zu bestellen. Dabei kam ich an den Fenstern der Polizeistation an der Houtmankade vorbei. Mein Herz sank mit dumpfem Schmerz in bodenlose Tiefen, als mir von einem Steckbrief, angebracht in einem der Fenster, Judiths Bild entgegen sah. Das Wort „Mord“, stand in fetten roten Buchstaben über ihrem Bild und darunter stand: 25000 Gulden beloning.
Auf diesem Steckbrief war Judiths Gesicht geschwollen und zeigte vereinzelte Wunden. Ihre Augen waren geschlossen. Wäre ihr Bild mir nicht so gut eingeprägt, ich hätte sie auf diesem Steckbrief nicht erkannt. Unter der Summe der Belohnung stand ihr Name und ihr Alter: Judith Van Damme. 17 jaar.
Wie in Trance, betrat ich die Polizeistation und sprach den Polizisten hinter dem Tresen auf den Steckbrief an. „Ich kannte sie“, sagte ich und erzählte die Geschichte von Judith, den Pferden und den Blumen im Moor. Judith war im Osten der Stadt, Richtung Polderdijk in einem Polder, einer großen von Wasser befreiten Senke aufgefunden worden. Sie war mit Prügeln, vermutlich mit Baseballschläger, erschlagen worden,. Ihre Arme, ihre Beine, Knochen an Händen und Füßen, ihre Rippen und ihr Rückgrat waren gebrochen...-
Warum nur, gehen Schönheit und Grausamkeit der Stadt Amsterdam so Hand in Hand? Je mehr geistige und kulturelle Höhen diese Stadt auszeichneten, desto schrecklichere Tiefen brachte sie hervor. Mir scheint, es wird ebensoviel gemordet in dieser Stadt, wie geliebt...-
Judith, fröhliches Mädchen vom Moor. Mir kommen die Tränen, jetzt da ich dies schreibe und an dich denke. Ich werde zur Polizei gehen, wenn ich wieder in der Stadt bin und fragen, ob die Ungeheuer, die dich so zugerichtet hatten, endlich gefunden wurden.
Und ich werde dich besuchen kommen. Ich weiß, wo du dich befindest. Gleich rechts am Weg des kleinen Marienfriedhofes, unter der Rotbuche, unweit von Annas Grab. Annas Story Ich werde Blumen bringen, von der Stelle am Moor, wo du sie geschaffen hattest. Ich bin nach Jahren wieder dort gewesen und weiß, deine Blumen stehen da noch stets.
Aus dem Niederländischen übersetzt aus: "Amsterdamse stad verhalen: 'De stadnomaden'"
Alle Rechte der Deutschen Übersetzung: INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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