______________________________________________________________________ Bill, hatte für einen Apfel und ein Ei die Hülle eines alten Binnenfahrtschiffes gekauft. Das Teil war eigentlich nichts weiter als eine motorlose schwimmende Wanne von zusammen genieteten Eisenplatten (Stahl, hatte es im Baujahr dieses Kahns noch keinen gegeben). Das Teil war etwa 30 – 35 Meter lang und 8 – 10 Meter breit. Als man dann auch noch gewölbte, lichtdurchlässige Platten von Fiberglas dazu bekam, die exakt über die Breite des Kahns passten und durch ihre Wölbung nach oben Regenwasser gut abfließen ließen, hatten wir sogar ein Dach für unseren Kahn. Damit waren wir Leute vom Platz im Besitz eines Partyschiffes!
Dieses Partyschiff dümpelte am Kai des IJ, der breiten Hauptschifffahrtsstraße des Amsterdamer Hafens. An dieser Stelle der Schifffahrtsstraße hatten wir ein Gelände besetzt. Dort wohnten wir, in Wohnwagen, Wohnbussen und Selbstgezimmerten Hütten. Somit hatten wir unser Partyschiff direkt vor der Haustür.
Es war nicht wenig, was dieses Schiff im Laufe der Zeit aushalten musste. Viele wilde Partys, musste es über sich ergehen lassen. Partys, bei denen nicht selten 300 – 400 ausgelassene Menschen anwesend waren. Soviel, passten natürlich nicht gleichzeitig in das Schiff und so war meist draußen im Freien eine Bühne errichtet worden. Der überwiegende Teil eines Festes fand dort im Freien statt. Es gab aber auch Gelegenheiten, bei denen das Schiff gefüllt war, mit auf und nieder springenden, tanzenden jungen Leuten.
Wir Leute vom besetzten Gelände, lebten überwiegend vom Handel mit verbotenen Sachen. LSD meist, in Pappen oder Mikros, MDMA, Amphetaminpulver, Pilze und Hanf, sehr viel Hanf! LSD Pappen kamen aus der „Fabrik“ in quadratischen Bögen, von denen ein jeder, je nach Art der Pappe, die einen sind eben etwas größer als die anderen, zwischen 950 und 1000 Stück enthielt. Diesen Bögen haftete ein Geruchsstoff an, mit dem die Hersteller die Originalität ihres Produktes besiätigten. Mit anderen Worten, man erkannte die Echtheit eines solchen Bogens u.a. an seinem Geruch.
Da wir das Zeug heftig vermarkteten, hatten wir stets ganze Stapel von Bögen im Haus. LSD ist billig, und weil die Bögen so billig waren, gingen wir entsprechend nachlässig damit um. So konnte es vorkommen, dass nach einer regnerischen Nacht, bunte Bögen von Pappen in den Regenpfützen des Platzes lagen, oder wie bunte Wimpel im Geäst der vielen Weiden hingen.
Befingerte jemand einen Bogen oder gleich mehrere Bögen mit schmutzigen Fingern und beschmutzte dadurch die Pappen, wurde sie Bogen nicht mehr verkauft. Beschmutzte Bögen landeten in einem Sammeleimer, in dem schon andere schmutzige Bögen lagen. Abgebröckelte oder zerbrochene MDMA Tabletten, wurden ebenfalls nicht mehr verkauft. Sie kamen zu den beschmutzten LSD Bögen im Sammeleimer. Amphetaminpulver das man entbehren konnte, oder auch Pilze die schon so beschämend aussahen, dass man sie nicht mehr seinen Kunden zumuten wollte, kamen ebenfalls in den Sammeleimer.
Da es eine Menge Leute gab, die alle mit solch verbotenen Dingen handelten, dauerte es nicht lange, und dieser Eimer war beträchtlich voll geworden. Dann war es an der Zeit, die nächste Party zu geben. Plakate und Flugblätter wurden gedruckt und über die Stadt verteilt. Musiker wurden bestellt und eingeladen und die Bühne, noch lädiert vom letzten Fest, wurde wieder aufgepäppelt.
Am Tage vor dem Fest, wurde der volle Sammeleimer hervorgeholt. Wir jatten einen 15 Liter fassenden Kunststoffkanister, der am unteren Rand einen Hahn hatte. Wir füllten unseren Sammeleimer mit warmem Wasser und rührten und kneteten den Inhalt gut durch. Die entstandene Lösung gaben wir in unseren 15 Liter Kanister. Dieser Kanister stand während des Festes an der Bar. Darüber prangte ein Schild auf dem stand: FREE PUNCH! Keines dieser Feste hatte jemals weniger als drei Tage gedauert. Ich hatte an dem Tag, an dessen Abend das nächste Fest beginnen sollte, in der Stadt zu tun. Dort, hatte ich mich bereits ordentlich betrunken. Zumindest war ich ziemlich angetrunken, als ich schließlich spät am Abend auf unser Gelände kam. Dort war die Party bereits in vollem Gange. Ich begab mich auf das Partyschiff und ging auf die Bar zu. Dort bediente Fat John. Nur halb bei Bewusstsein, nahm ich das Schild über der Bar wahr: "Free Punch". „Gib mir etwas von diesem Punch“, sagte ich zu John, wobei ich in meinem besoffenen annahm, es handele sich dabei um ein alkoholisches Getränk. Ich hatte völlig vergessen, worum es sich bei diesem Punch handelte. Einer dieser kleinen weißen Kunststoffbecher, die knistern wenn man sie zusammendrückt, gefüllt mit etwa einem Zentimeter dieses Punches, war eine kräftige Dosis. Fat John reichte mir einen dieser Becher. Ich sah den Becher an und sagte, „Gib mir eine vernünftige Menge John“. Ohne auch nur die Mine zu verziehen, griff John eine leere 0,5 Liter Bierflasche und füllte sie bis zum Kragen mit unserem Punch. Ich setzte die Flasche an und trank sie in einem Zug leer. Viel Alkohol enthält dieser Punch aber nicht, dachte ich Esel noch, als ich leere Flasche beiseite stellte. Danach begab ich mich zwischen das tanzende Volk im Schiffsraum.
Mitten in der Menge traf ich auf Bill. Bill hielt in jeder Hand eine prall mit Pilzen gefüllte Supermarktplastiktüte. Die Tüten waren so mit Pilzen gefüllt, dass sie über die Ränder hinaus quollen zu Boden fielen. „Willst du Pilze“, fragte Bill und ich antwortete, „Klar, gib her“. Bill griff mit einer Hand in eine der Tüten, holte so viel daraus hervor wie seine Hand fassen konnte und klatschte mir den Ballen Pilze in die Hände. In meinem Zustand hatte ich vergessen, dass man die Teile eigentlich einzeln einnimmt und so stopfte ich alle Pilze die ich in Händen hielt auf ein Mal in meinen Mund. Mit gerundeten Wangen kaute und kaute ich auf den zähen und übel schmeckenden Teilen, bis sie alle redlich zerkaut und geschluckt waren.
Alle Leute in diesem Schiff waren, wie Bill mir erzählte, entweder unter dem Einfluss von Pilzen, unter dem Einfluss unseres Punches oder unter dem Einfluss von beidem. Die Pilze waren, wie in jedem Jahr zu dieser Jahreszeit, frisch aus England gekommen, wo junge Leute in den Wäldern ganze Säcke voll sammelten. Ich spazierte unterdessen weiter durch die tanzende Menge. Ich war gerade am Heck des Schiffes angekommen, als ich den grellen Schrei einer weiblichen Stimme hörte. Der Schrei war aus dem hintersten Teil des Schiffes gekommen. Ich ging dorthin um nachzusehen. Im hintersten Teil des Schiffes, wo gesunde Schiffe ihren Motor haben, nicht aber dies Partyschiff, lag mit verzweifelter Mine eine junge Frau auf den Knien. Sie hielt einen Zeigefinger in die Schiffswand und sagte, "Hier ist ein Leck". Das Partyschiff war während unseres Festes undicht geworden und es befanden sich sicher 150 Menschen an Bord. Ich rief nach Bill , immerhin der Kapitän dieses Kahns. Bill kannte derlei Probleme schon. Es war nicht das erste Mal, dass der Kahn leck geworden war. Gelassen nahm Bill ein Holzscheit zur Hand, umwickelte ihn mit einem Lappen, bat die Frau, ihren Zeigefinger aus dem Loch zu nehmen, -ein daumendicker Wasserstrahl schoss aus der Schiffswand-, und schlug mit einem Hammer den mit Lappen umwickeltes Scheit in die Öffnung. Damit war das Leck wieder dicht.
Unterdessen war mir leicht unwohl geworden. Ich nahm mir vor, zu meinem Wohnwagen zu gehen, der keine 50 Meter vom Partyschiff entfernt stand. Dort, wollte ich mich für eine Stunde hinlegen. Auf dem Stück Rasen zwischen meinem Wohnwagen und dem Wohnbus von John the leg überkam mich das Bedürfnis, ein wenig im Gras zu liegen. Ich legte mich nieder und bemerkte gerade noch, wie ich mich erbrach. Gleich danach, verlor ich mein Bewusstsein.
Als ich wieder zu mir kam, schien hell die Sonne und Vögel sangen in den Weiden um mich her. 20 Meter entfernt von mir saß John the leg in einem Gartenstuhl vor seinem Wohnbus beim Frühstücksbier. Ich stand auf, ging auf ihn zu und setzte mich zu ihm. John reichte mir schweigend ein Bier. „Hatte ich lange dort im Gras gelegen, John?“, fragte ich. „Ja“, antwortete John. „Die halbe Nacht“. „Und du hattest nicht mal nachgesehen, ob ich noch am Leben war?“ „Nee“, sagte John und lachte. „Deine Sorte, stirbt nicht so rasch“…- So saßen wir beiden noch eine Weile beieinander, genossen die Wärme der Morgensonne und hörten dem Lärm des Festes zu, der aus der Ferne zu uns drang.
Das geliebte Partyschiff hatte mit der Zeit mehr und mehr Lecks bekommen. Am Ende hatte sein Inneres ausgesehen wie ein nach innen gestülpter Igel, alles war voller Scheite. Eines Morgens war das Partyschiff plötzlich weg. An der Stelle, an der es gelegen hatte, ragte nur noch seine Mastspitze aus der stillen Wasseroberfläche. Eine Möwe, hatte sich auf der Mastspitze niedergelassen. Träge, reckte sie ihre Flügel in der wohligen Wärme einer aufgehenden Morgensonne.
Aus dem Niederländischen übersetzt aus: "Amsterdamse stad verhalen 'De stadnomaden'".
Alle Rechte der Deutschen Übersetzung: INTRACEREBRAL Die Morphnistenseite
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