______________________________________________________________________ Hassan war nicht, wie sein Name vermuten ließe, Orientale. Hassan war Schwede, und ein alter Schwede obendrein. 78 Jahre war er alt geworden. Unterwegs hatte er alle Laster dieser Welt angenommen und (wenigstens vorübergehend) wieder überwunden. Inzwischen war er unendlich faltig geworden und mager. Er hatte nicht einen Zahn mehr im Mund, aber er war schön. Jawohl, der alte runzelige Hassan war schön. Er besaß diese Schönheit, die den Leib von innen heraus durchstrahlte...-
Nun, in seinem relativ hohen Alter, lebte Hassan mit uns, den Stadtnomaden Amsterdams. Doug, oder auch Alan genannt, ein weiterer Schwede, hatte Hassan einen Wohnwagen geliehen. Ein schöner Wohnwagen, groß und hoch, mit separatem Koch- Wohn- und Schlafabteil.
Drei Jahre, war Hassan schon bei uns, als er eines Tages beschloss, er sei nun alt genug geworden und es sei nun an der Zeit für ihn, zu sterben. Aber nicht hier bei uns, auf einem gammeligen illegal besetzten Stück Land in Amsterdam, wollte Hassan sterben, sondern irgendwo am Strand, wo er die auf- oder untergehende Sonne sehen konnte. An einem Strand Australiens, so beschloss Hassan, wollte er sterben.
Und so kam der Tag, an dem Hassan seine letzte Reise antrat und nach Australien flog. Acht Wochen sollten vergehen, bis uns sein erster Brief erreichte. Er sei vorerst in Perth, einer Großstadt an der Küste, ließ Hassan uns wissen. Damit Hassan sich während seines Sterbens auch gut verpflegen konnte, schickte John ihm LSD Pappen hinterher. Hassan selbst, war auf die Idee gekommen. Um Komplikationen zu umgehen, die in Postsendungen verborgene Pappen erzeugen konnten, fand man sie, wären sie sofort verdächtig, nahm John ganze Bögen von Pappen, so um die 1000 Einzeldosen, und schnitt einen Teil aus, der so groß war wie eine gewöhnliche Postkarte. John klebte Briefmarken hinten drauf, versah das Ganze mit der Anschrift, die Hassan uns gegeben hatte, und versand die Pappen als Postkarten. Damit sie unterwegs nicht so leicht knickten, ließ John sich nach einigen Sendungen von den Herstellern unperforierte Bögen liefern. Mochte Hassan sich die Teile mit einer Schere selbst zurecht schnippeln. ..- Weitere vier Wochen später, traf wieder Post von Hassan ein. Ja, mit den Pappen sei alles in Ordnung. Die träfen in wahren Kaskaden ein.
Sechs Monate nach seiner Abreise schrieb Hassan, er sei jetzt nicht mehr in Perth sondern an einem Ort, den man Magnetic Islands nannte. Wir holten Atlanten hervor und Landkarten, um John davon zu überzeugen, "Magnetic islands" sind keine Inseln. Es ist eine Gegend im Hinterland Australiens, den outbacks, in der es magnetisches Gestein gab...-
Wieder Monate später erreichte uns von Hassan die Nachricht, er denke vorläufig nicht mehr ans Sterben, er hatte sich verheiratet. Hochzeitsfotos trafen ein, auf denen Hassan zu sehen war, zusammen mit seiner Braut. Hassan, sah aus wie immer: Klein, mager, faltig und breit lachend mit seinem zahnlosem Mund. Er war ein Schatz! Seine Frau, eine Eingeborene aus dem Hinterland Australiens, war rundlich von Gestalt, mit rundem Gesicht, großen Lippen und breiter Nase . Sie war noch keine 30 Jahre alt...-
Hassan schickte seine Braut auf Urlaub zu uns nach Amsterdam. Sie kam bei uns an, ein liebenswertes, wennschon ein wenig dümmliches Geschöpf aus den sandigen Weiten Australiens. Hassan selbst war nicht gekommen. Der hatte keine Zeit für Urlaub. Der war bis hoch zum Kinn damit beschäftigt, Australien dem LSD näher zu bringen...-
Die Monate verstrichen und wurden zu Jahren. Eines Tages stand plötzlich Hassan an Johns Wohnbus. Er hätte Stress mit seiner Holden, erklärte er. Ein altes Übel, der Alkoholismus, hatte ihn wieder eingeholt. „Aber es ist nur vorübergehend“, versicherte Hassan, „und das ist es, was diese Frau nicht begreifen will“. Hassan zog wieder in Dougs zweiten Wohnwagen ein. Er sprach verdrossen dem Rotwein zu und unternahm lange Spaziergänge durch die Grachtengürtel der Stadt, von denen er oft erst spät wieder nachhause kam. Bis er eines Tages gar nicht mehr nachhause kam. „Er wird irgendwo in der Stadt versackt sein“, trösteten wir uns...-
Nach vier Tagen erreichte uns die Nachricht. Hassans war tot. Er hatte während eines Spazierganes durch die Stadt einen Herzschlag erlitten. Er war seitwärts in eine Gracht gekippt und ertrunken. Um die halbe Welt, war er gereist, unser alter geliebter Hassan. Doch am Ende hatte die Stadt, die er so liebte, ihn heimgeholt. Nicht an einem fernen Strand, war er gestorben, sondern, in den nassen Armen seines geliebten Amsterdams.
Von Australien hoch, kamen Hassans Gemahlin samt Familie. Noch zwei weitere Familien, deren Herzen Hassan während seines Aufenthaltes in Australien bezaubert hatte, kamen mitgereist. Sie alle, wohnten Hassans Begräbnis bei. Hassan war auf demselben kleinen Friedhof beigesetzt worden wie vor ihm auch Ratten - Joe, Anna und Judith. Ein Text, wurde an Hassans Grab verlesen. Ein Text, den ich Hassan zu Ehren einst geschrieben hatte, ein Text in Hassans Geiste, ein Text den Hassan geliebt und mit dem ich zu allem Überflusse auch noch den Dichterpreis eines obskuren Stadtmagazins gewonnen hatte. Die "Goldene Zwirbeldrüse" oder so ähnlich, hatte dieser Preis geheißen, oder war das der Namen des Magazins? Ich weiß es nicht mehr...-. Jedenfalls sei zu Hassans Gedenken der Text an dieser Stelle noch einmal veröffentlicht:
„THE TREE, THE PRIDE, THE BEAUTY AND THE POETRY"
Please, my beloved family and friends.
I beg you.
As soon as you see my life threathen to leave my body,
take me, take me and bring me into the mountains.
There, sit me on the highest branch of the highest tree you can find.
Tie me, so I may not fall.
Cross my arms proudly
and let me die with open eyes
facing the direction of the rising sun.
Let the wild winds blow through my hair
and let me sit there
through the four seasons of the year,
until the birds have eaten my remains
and together with them
I shall fly through all the skys...
Yes my beloved family and friends,
together with them I shall fly through all the skys.
Until their droppings return me to earth,
to mother earth, from which I came
at the beginning of time.
I bless you, my dear beloved family and friends.
And yea, I bless you, oh mother earth,
and all the eternal mysterys that sourround you. . .-
Er ist inzwischen zu einer Art "Heldenfriedhof" avanciert, der kleine Marienfriedhof im Westen Amsterdams. Dort, würde ich auch gerne begraben sein, wenn meine Zeit gekommen ist. Dort, oder nirgendwo...-
Aus dem Niederländischen übersetzt: "Amsterdamse stad verhalen, 'de stadsnomaden'".
Alle Rechte der Deutschen Übersetzung: INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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