Ich erinnere mich an die Zeit, in der ich über einen Araber an dieses fabelhafte weiße Heroinhydrochlorid gekommen war. Tolles Zeug. Nach dem Abdrücken hinterließ es im Rachen diesen feinen medizinischen Geschmack wie er bei gutem Koks üblich ist. Das war Turbo-Pulver. Man konnte es sich den ganzen Tag ballern, einen nach dem anderen. Richtig feines sauberes Zeug. Ich hatte hinterher, auf den diversen Schwarzmärkten dieser Welt, nie wieder so gutes Material gefunden.
Damals ließ ich nur zwei Jungs für mich verticken: Leo und „Take the money and run“. Take the money hatte seinen Namen nicht daher dass er Geld geklaut hatte. Er hatte ihn vielmehr durch seine Dreistigkeit erhalten. Take the money zog sich zB einen weißen Kittel über, zog weiße Schuhe an, hing sich ein staubiges Stethoskop um den Hals und lief damit in München und Umgebung wie ein Arzt durch die Stationen der Krankenhäuser. Valoron Tropfen war es, was er klaute. Damals war Valoron noch nicht mit Naloxon versetzt und man konnte es schadlos Flaschenweise zu sich nehmen. Das Zeug taugte gut als Heroinersatz.
Ich wohnte damals auf der Schwanthaler Höhe in der Kollerstraße, gleich oberhalb der Theresienwiese in diesem schrecklichen alten Mietshaus voller verkommener Spießer... (...erinnerst du dich, Wolfgang??)
„Gebt Acht dass euch niemand folgt, wenn ihr zu mir kommt“, hatte ich den beiden eingeschärft. Und dennoch: als ich eines Tages nachhause kam, stand dieser kleine rote Sportwagen direkt vor meiner Tür. Darin saß, dicken fleckigen Kopf und rote Haare, der heute redlich berühmte Schauspieler Wolfgang Hefeteig. Er war Take the money heimlich gefolgt und wollte nun Heroin von mir direkt kaufen. „Wende dich an Take the money“, hatte ich gesagt. "Von dem kannst du kaufen. Von mir kriegst du nichts". Aber der Kerl war hartnäckig und anhänglich wie eine Zecke und am Ende musste ich, schon um ihn wieder loszuwerden, doch direkt an ihn verkaufen.
Jahre später, ich lief in London gerade vor der Chelsea Drogstore umher, kam mir Hefeteig über den Weg gelaufen. Er war gerade dabei, von den Leuten vor der Apotheke Methadonampullen zu kaufen. Was er in London triebe, fragte ich ihn. Er besuchte dort eine Londoner Schauspielerschule, antwortete er. Schauspielern kann er trotz all dem noch heute nicht. Er zieht vor der Kamera stets dieselbe Fresse. Erinnert ihr euch? In dem Film "Der Schlot", in dem es um einen Panzer im Krieg ging, hatte er eine seiner ersten Rollen, zusammen mit Drüsenreyer. Der kann übrigens auch nicht schauspielern. Egal was die Szene erfordert, er guckt stets nur drein als wunderte er sich irgendworüber. Vermutlich wundert er sich unentwegt darüber, dass man ihm noch nicht die Tür gewiesen hat. Und Hefeteig lacht vor der Kamera nur immerzu, ein schäbiges, schmieriges Lachen, mit schiefer Fresse, als zöge an jedem seiner Mundwinkel ein Luftballon, der eine mehr, der andere weniger. Er mochte es auf der Szene gelernt haben, dieses fiese Lachen, wenn er einem armen Hund wie mir für gute Ware wieder zu wenig Geld bezahlte. Dazu dann seine Stimme! Schnarrend und quäkend, als schnürte man einer Kröte den Hals zu...-
Außer Lachen, Schnarren und Quäken, bringt Hefeteig vor der Kamera nichts zustande. Aber schön. Stünde ich ständig breit und wohlig voll Heroin davor, lachte, schnarrte und quäkte ich vermutlich auch nur noch so darauf los....
London war eine eigene Sache. Zu der Zeit gab es dort, im Gegensatz zu Germany, bereits Methadonprogramme. Was hatte ich nicht alles angestellt um in dieses Londoner Methadonprogramm zu kommen?! Erst müsse ich mich, erzählte man mir, beim Gesundheitsamt registrieren lassen. Danach müsste ich dann an eine gewisse Adresse, wo Methadon ausgegeben würde. Tatsache war, die Brüder schickten mich ständig nur im Kreis und am Ende war mir nichts anderes übrig geblieben als die Ärzte in Harley street, gleich oberhalb des Piccadilly circus, aufzusuchen. Noch nie zuvor hatte ich so viele Ärzte in ein und der derselben Straße gesehen. In jedem Haus der Harley street gab es gleich mehrere Ärzte. Klar. Sie verdienten gut. Bei diesen Ärzten lief es so ab: Man zahlte 50 Pfund, damals immerhin etwa 100 Euro, für ein Wochenrezept. Dafür schrieb der Arzt einem dann aber auch Heroinampullen auf und nach Wunsch sogar noch Kokainpulver. In der Chelsea Drugstore, die einzige Apotheke in der man solche Rezepte einlösen konnte, kostete eine Ampulle Heroin dann etwa 5 Euro. Das waren klargläserne Ampullen mit einem Häufchen weißem Pulver darin und einem Etickett darauf, auf dem stand: „Diacethylmorphine (Heroin) 96% 20 mg. Caution! Deadly poison“. Man knackte die Dinger und konnte sich das Pulver entweder in Wasser lösen und knallen oder man schnupfte oder rauchte es, je nach Bedarf. Die Chelsey Drugstore gibt’s schon lange. In „You cant allways get what you want“, singen die Rolling Stomes davon: …and I went to the chelsey drugstore to get your prescription filled…. Zumindest hört sich das in meinen Ohren so an. Der Teufel mag wissen, was sie tatsächlich singen...-
Heroin, gab es in der Drugstore in Ampullen. Hatte der Arzt Kokain verordnet, schaufelte der Apotheker das Zeug mit einer kleinen Bonbonschaufel aus einem Sack und reichte es dem Kunden in einem papierenen Umschlag. Ja Leute, mit ner Bonbonschaufel! Wie damals der Krause in seinem Laden mit Schulutensilien und Süssigkeiten...-
Die Chelsea Drugstore befand sich ebenfalls oberhalb des Piccadilly circus, an dem dann praktischerweise auch gleich die Drogenszene sich befand. Dort war es so heiß, dass die Ameisendealer ihr Zeug in kleine Kunststoffbällchen verschweißt im Munde trugen. Kaufte man, wechselte das Zeug per Kuss den Besitzer.
Es heißt immer, der englische Bobby trüge keine Schusswaffe. Das ist zwar wahr, aber die braucht er auch gar nicht. Er hat dafür am Kragen seines Uniformhemdes ein Sprechfunkgerät, klein wie eine Streichholzschachtel. Damit verfolgt er zB Personen durch die Strassen: "Jetzt geht er in deine Richtung Jack. Noch wenige Sekunden und du wirst ihn sehen...". Spricht ein Bobby über dieses kleine Sprechfunkgerät den richtigen Code, wimmelt es binnen Sekunden von Männern in Zivil mit Schusswaffe in Händen. Ich hatte mehrmals das Vergnügen, einem solchen Auftritt beizuwohnen. Im Ernstfall ist der englische Bobby binnen Sekunden von bewaffneten und schießfreudigen Kollegen umgeben.
So vergehen die Jahre, so fließen sie dahin. Ich sitze hier und schreibe diese Zeilen, während Hefeteig im Knast sitzt, wie ich im Radio hörte. Wie ich hörte, wegen Fahren unter Einfluss oder Fahren ohne Führerschein oder beides. Vermutlich Beides..-
Hallo Wolfgang! Lästige Laus! So sei denn gegrüßt!!
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