Startseite Zur 2. Morphinistenseite WEGWEISER RECHTLICHES DER MORPHINIST DAS MORPHINISTISCHE MANIFEST Dr. HANNES KAPUSTE AXEL JUNKER KARLOS & Co. ERFAHRUNGEN KARLOS & Co. ERZÄHLUNGEN & KURZGESCHICHTEN ANTIQUARIAT RECHT, POLITIK, WISSENSCHAFT UND MEHR.... SOZIAL & POLITISCH KRITISCHES GEMISCHTES GEDICHTE & PROSAISCHES BRIEFE SUCHEN

KARLOS & Co. ERZÄHLUNGEN & KURZGESCHICHTEN:
Knast Storys, Sucht & Szenen Geschichten, überwiegend von Karlos, Fantasie begabter Erzähler, pessimistischer Visionär, grundsätzlicher Misanthrop, Gelegenheits-Philanthrop und Initiator der Morphinistenseite...-


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Hein de slager



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H E I N   D E   S L A G E R * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * 

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Manchmal will mir scheinen, als würde in Amsterdam mehr gemordet als in anderen Städten vergleichbarer Größe. Untersuchte man die entsprechenden Statistiken würde sich wahrscheinlich ergeben, dass dem nicht so ist. Auch will mir oft scheinen, als würden in Amsterdam mehr gefährliche Verrückte frei umherlaufen als in anderen Städten vergleichbarer Größe. Aber auch das trifft sicher nicht zu. (Sicher nicht mehr, seitdem ich die Stadt verlassen habe und ins Exil gegangen bin). Dass ich zu diesen Eindrücken gelange, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich einfach überall in der Stadt unterwegs war und dabei auf alles Mögliche stieß. Auf diese Weise traf ich an einem sonnigen Sommertag an einem Straßencafe der Innenstadt auch auf Hein de slager.
Hein de slager hatte seinen Beinamen durch seinen ursprünglich erlernten Beruf erhalten. Hein war „Schlächter“, oder, in richtiges Deutsch übersetzt, Metzger von Beruf. Seine Berufsbezeichnung sollte in den kommenden Jahren noch einen erschreckenden Beigeschmack bekommen…-

Ich hatte mich zu ihm gesetzt, - an den einzig noch freien Platz im Cafe -, und wir waren miteinander ins Gespräch gekommen. So erfuhr ich von seiner Vergangenheit als fahrender Metzger. In den Jahren unmittelbar nach dem großen Krieg war Hein auf den Gedanken gekommen, ein Schiff mit all dem auszurüsten was man benötigte um Schlachtvieh zu verarbeiten. Mit diesem Schiff befuhr Hein die befahrbaren Wasserwege der Niederlande und kaufte auf diese Weise Schlachtvieh quasi von der Weide weg, um es auf dem Wege zurück zu den Märkten der Stadt zu verarbeiten. War man in der Stadt angekommen, konnten all die Koteletts, die Steaks, das Gehackte, das Suppenfleisch, direkt vom Schiff auf die verschiedenen Märkte gebracht werden. Und Heins Idee hatte sich ausgezahlt. Die nächsten beiden Jahrzehnte war er mit seinem Schlachterschiff der Fleischerkönig der mittleren Niederlande geworden. Aber dann hatten die Zeiten sich gewandelt. Schnellere, effizientere Transport- und Kühlmöglichkeiten waren erschienen und in unmittelbarer Nähe der Städte waren große Schlacht- und Fleischzentren aus dem Boden gewachsen. Danach war es bald vorbei, mit Heins Geschäft. Sein Schiff wurde zu einer Kuriosität der Vergangenheit und bald konnten sich nur noch wenige an Hein und sein Schlachterschiff erinnern. Wir hatten uns an diesem Tage lachend und guter Dinge getrennt, Hein de slager und ich. Vier Jahre würden vergehen, bis ich über die Medien wieder von ihm hören sollte.

Tina und ihre Freundin Margie waren gerade erst aus Bielefeld angekommen. Der liberale Geist der Stadt, von dem junge Menschen in Deutschland so viel zu erzählen wissen, und die Aussicht auf leicht erhältliches Heroin, hatten die beiden jungen Frauen nach Amsterdam gelockt. Es sollte nur wenige Tage dauern bis die beiden einsehen mussten, sie waren nicht die einzigen jungen Frauen, die dieser Gründe wegen nach Amsterdam gekommen waren. In Amsterdam trifft man, besonders während der warmen Monate des Jahres-, junge Frauen aus allen Ländern, besonders aus allen Ländern Europas. Und sie alle müssen überleben. Einige finden Eingang in die eher renommierten Sexclubs der Stadt, wie etwa in den Caruda Club. Andere landen im Casa Rosso im Rotlichtviertel, einem schreierischen Sex Club von Durchschnittsqualität. Dies, waren die eher glücklicheren unter den jungen Frauen, die mit falschen Vorstellungen angereist waren, denn die meisten landen hinter den Fenstern des Rotlichtviertels und irgendwann auf der Straße oder gleich auf der Straße, wie etwa auf der De Ruiter Kade, gleich hinter dem Hauptbahnhof. Um Feministen nicht zu erzürnen sei erwähnt, dass einige wenige auch bezahlte Arbeiten finden die nichts mit Sex zu tun hat. Schlecht bezahlte Arbeit meist, in Supermärkten, Backwarenfabriken und hinter oder unter den Schreibtischen verstaubter Büroräume.

Als das wenige Geld ausgegeben war das Tina und Margie von zuhause mitgebracht hatten, wurden beide in der Wohnung eines sogenannten Erbsensuppenfreiers aufgenommen. Ein Erbsensuppenfreier ist ein Mann, der in Nöten verkehrenden jungen Frauen in seiner Wohnung Unterdach gewährt in der Absicht, dafür mit Sex bezahlt zu werden. Zu allem Überfluss war Margie auch noch krank geworden. Mit heißer Stirn und nahezu ohne Stimme lag sie auf dem Sofa in der Wohnung des Freiers uns war sichtlich nicht in der Lage, nach Arbeit zu suchen oder sonst wie Geld herbei zu schaffen. Aber Geld musste her. Heroin, kostet Geld, auch in Amsterdam. Und so war es Tina, die an diesem Abend alleine losgegangen war. Von der De Ruiter Kade, hatte sie längst gehört. Es hatte nur noch einiger Not bedurft, sie auch dorthin zu treiben.
Als Tina auf dem Wege zur De Ruiter Kade unter der Eisenbahnbrücke rechts des Hauptbahnhofes durchging, hielt neben ihr ein Wagen. Das geht ja einfach, dachte Tina, und stieg ein. Tina war eben nicht mit der Sicherheitsregel erfahrener Frauen der De Ruiter Kade vertraut, nie in einen Wagen zu steigen ohne andere Mädchen in der Nähe, die das Kennzeichen des Wagens notieren konnten.

„Gebrauchst du Heroin“? fragte der Mann hinter dem Steuer freundlich. Tina zögerte mit einer Antwort. „Du musst dich nicht scheuen zu antworten“, sagte der Mann freundlich, als er Tinas Zögern bemerkte. „Ich frage nur, weil ich eine Menge davon zuhause habe. Kokain auch. Mein Bruder, weißt du, hatte diese Sachen bei mir gelassen, kurz bevor er in Brasilien ins Gefängnis kam. Er wird für die nächsten 40 Jahre nicht nachhause kommen. Deshalb gehört jetzt alles mir. „Ach so“, sagte Tina. „Ja doch, ich gebrauche schon“ und fügte hinzu, „Tatsächlich ist das auch der Grund, weshalb ich hier arbeite“. Der Kunde sah sie an. „Dann lass uns doch zu mir fahren und dort ein paar schöne Stunden verbringen. Ich habe von dem Zeug im Überfluss“. Vielleicht gibt mir der Mann ja sogar etwas für Margie mit, überlegte Tina. Tina war eben auch mit der Regel erfahrener Frauen der De Ruiter Kade nicht bekannt, nie mit in die Wohnung eines Kunden zu fahren…-.

In Gedanken bereits bei all dem Heroin und Kokain, von dem der Mann gesprochen hatte, ging Tina auf den Vorschlag ihres Kunden ein. Erfreut, warf der das Steuer seines Wagens herum, trat auf das Gaspedal und fuhr fröhlich pfeifend mit Tina nach Westen, in die Richtung des Holzhafens.

Das Schiff von Tinas Kunde lag am Ufer der unbefahrenen Seite des Ij vor Anker, der großen Hauptschifffahrtsstraße des Amsterdamer Hafens. Es lag dort zwischen dem offenen Möbellager an der Tasmanstraat und dem leeren Gelände am Geveleweg, gleich hinter dem Holzverarbeitungsbetrieb Kornbos, wo unter knorrigem Holundersträuchern und verkrüppeltem Maidorn, wilde Erdbeeren wuchsen.

Die Zufahrt zu dem Schiff verlief über das leere Gelände am Geveleweg. Sobald um 16 Uhr alle Holz verarbeitenden Betriebe in diesem Teil das Holzhafens geschlossen hatten, gab es in der ganzen Umgebung keinen Menschen mehr, der jemanden kommen oder gehen sehen konnte. Diese Ecke des Holzhafens war nach 16 Uhr und an Sonn- und Feiertagen des Anliegers alleiniges Reich.

„Ich wohne auf einem Schiff“, begann Tinas Kunde unterwegs zu erzählen. „Warst du schon mal auf einem Schiff?“ Tinas Gedanken gingen zurück zu der Zeit, als sie als Kind während eines Ausflugs zusammen mit ihren Eltern auf einem Schaufelraddampfer den bayrischen Königssee überquert hatte. „Nur ein Mal“, antwortete sie. „Auf der Fahrt über einen See“. Der Mann bog von der Tasmanstraat ab und fuhr am Gamma Baumarkt nach rechts. „Mein Schiff wird dir gefallen“, sagte er.

Unter der spärlichen Straßenbeleuchtung dieses Teils des Hafengebietes, überquerte Tinas Kunde den Geveleweg und steuerte seinen Wagen über das holperige leere, unbeleuchtete Stück Land zwischen dem Geveleweg und dem Kai der Schifffahrtsstraße.

„Wir sind da“, sagte der Mann und hielt den Wagen an. Tina stieg aus. Vor dem Hintergrund des fahlen Mondlichts das auf der weiten Wasseroberfläche des Ij sich spiegelte, blickte sie auf die finstere Silhouette der „Marijke“, des Schlachterschiffes von Hein de slager...-

Über 100 Jahre, war die Marijke schon alt. Sie stammte aus einer Zeit, in der Stahl noch nicht erfunden und ihr Leib aus Platten von Eisen zusammen genietet worden war. 38 Meter war sie lang und 10 Meter breit. Damit war sie eines dieser langen Niederländischen Binnenfahrtschiffe von denen man sich spaßeshalber erzählt, man müsse in ihnen mit dem Fahrrad bis zur Toilette fahren. Am Heck des Schiffes befand sich ein Steuerhaus. Darunter waren eine Wohnküche eingerichtet und ein Schlafzimmer. Links des Steuerhauses gab es eine Eisentüre hinter der eine Treppe hinab führte in den geräumigen Schiffsbauch der Marijke. Dort waren die ersten Meter als Wohnraum eingerichtet. Dahinter, hinter einer Wand vom Holz, befanden sich die ehemaligen Arbeitsräume von Hein de slager.

Hein führte Tina hinab in den Schiffsraum. Dort standen auf dicken Teppichen große weiche Sessel. In einer Ecke sah Tina eine Stereoanlage, deren große Lautsprecherboxen im Raum standen. Auf einem runden Tisch von Glas stand eine große orientalische Wasserpfeife. Lampen an den Wänden, spendeten angenehm gedämpftes Licht. Tina setzte sich in einen der weichen Sessel. Hein beschäftigte sich unterdessen an einem antiken Schrank. Als er kurz danach auf Tina zu trat, hielt er in jeder Hand einen Frischhaltebeutel. Einer der Frischhaltebeutel war mir braunem Pulver gefüllt, der andere mit weißem. „Bediene dich“, sagte Hein und stellte die beiden Beutel vor Tina hin. Tina hatte noch nie zuvor so viel Heroin oder Kokain auf einem Haufen gesehen. Sie nahm die Spritzutensilien aus ihrer Handtasche und bereitete eine Injektion. Sie nahm etwas von dem braunen Pulver, kochte es mit einer Prise Ascorbinsäure in Wasser auf und gab der entstandenen Lösung etwas von dem weißen Pulver hinzu. Hein stellte die Musik an. Während Tina nach vollendeter Injektion die Nadel aus ihrem Arm zog, klangen filigrane Höhen und tiefen Bässe an ihr Ohr. Es war ihre letzte Wahrnehmung dieses Abends. Heins Stoff war etwas stärker gewesen als das, was Tina im Allgemeinen gewohnt war.

Margie hatte kein Auge zugetan in dieser Nacht. Ständig hatte sie nur auf Tinas Schritte auf der hölzernen Treppe gelauscht, draußen, vor der Wohnung ihres Freiers. Am frühen Morgen war sie im grellen Morgenlicht losgestolpert, leicht schon unter dem Einfluss von Entzugserscheinungen, hin zur Polizeidienststelle Warmoestraat. „Sie ist die ganze Nacht nicht nachhause gekommen“, versuchte Margie dem Polizeibeamten hinter dem Tresen der Polizeidienststelle das Dringliche ihrer Angelegenheit deutlich zu machen. „Hier“, sagte sie und reichte dem Polizeibeamten Tinas Reisepass. „Das ist ein Bild von Tina“. Der Polizeibeamte nahm den Reisepass und gab ihn seinem Kollegen. „Bevor du in Versuchung kommst den Reiseass für ein Päckchen Heroin zu verkaufen, lässt du ihn besser hier bei uns. Wenn deine Freundin wieder auftaucht, kann sie ihn hier holen kommen“. „Aber sehen Sie doch“, versuchte Margie es nochmals. „Sie ist noch nie die ganze Nacht weggeblieben ohne mich über die Gründe zu benachrichtigen“. Der Polizeibeamte lehnte sich über den Tresen und brachte sein Gesicht an nahe an Margies heran. „Glaubst du wirklich“, sagte er, „wir machen uns jedes Mal in die Hosen, nur weil wieder eines dieser Junkie Mädchen verschwunden ist? Geh’ sie selbst suchen. Du wirst noch am besten wissen, wo sie zu finden ist“! Margie war erschüttert über das Verhalten dieses Polizeibeamten. Doch was sollte sie tun? Zur Polizei rennen? Dort war sie ja schon. Mehr noch verzweifelt als zuvor, trat sie wieder auf die Straße hinaus. Von diesen Leuten war deutlich keine Hilfe zu erwarten. Jetzt hatte sie noch nicht mal mehr Tinas Reisepass. Den, hatte sie in der Polizeidienststelle zurück lassen müssen.

Monoton stampfender Rhythmus, ließ Tina zu sich kommen. Sie saß nicht mehr in einem weichen Sessel, umschmeichelt von Musik. Sie lag jetzt, völlig nackt, auf einer Wolldecke am Boden und um sie her standen merkwürdige Geräte die sie in ihrer Benommenheit nicht einzuordnen wusste. Ihre Hände waren an den Handgelenken mit einer Eisenkette von einem halben Meter Länge zusammengefesselt. Um ihre Fußknöchel wandten sich Fesseln aus Nylonbändern. Jetzt gelang ihr, dieses monotone, stampfende Geräusch einzuordnen. Es war das Dröhnen eines Schiffsmotors. Auch fiel ihr nun die sanfte Bewegung des Bodens auf. Es bestand kein Zweifel, sie befand sich in einem fahrenden Schiff. Tina rief nach Hein und rief und rief, doch als niemand darauf reagierte, gab sie nach einer Stunde ihr Rufen auf.
Mit den Stunden wurde Tina unruhiger. Ihrem Körper verlangte nach Opiat und Angst überkam sie, dieser Mann könne sie für Tage hier liegen lassen, ohne Wasser, ohne Nahrung und vor allem ohne Heroin.
Schließlich hatten Entzugserscheinungen Tina völlig eingeholt. Immer wieder hatte sie versucht diesen Mann herbei zu rufen, bis sie am Ende schrie. Doch vergebens. Niemand kam.

Der Erbsensuppenfreier Margies hörte sich an, was bei der Polizeidienststelle geschehen war. Auch er, war inzwischen besorgt um Tina und wenn es nur die Sorge Margies war die ihn ansteckte. Er hätte gerne geholfen und so griff er nach dem einzigen Strohhalm der ihm noch real erschien. „Lass uns zusammen zum Polizeihauptbüro in der Marnixstraat gehen“, riet er. „Vielleicht ist man dort einer solchen Vermisstenanzeige gegenüber aufgeschlossener“. Keiner der Beiden konnte zu dem Zeitpunkt ahnen, wie Recht er damit behalten sollte.

Tina schien, als wäre eine Ewigkeit vergangen, als sie endlich von oben an Deck das Kreischen der Eisentüre hörte und gleich darauf Tritte auf der eisernen Treppe. Die Holztüre wurde geöffnet und herein trat Hein. „Warum hast du mich festgebunden?“ rief Tina, und „Was machst du mit mir? Mach mich los!“ Doch Hein antwortete nicht. Er sprach kein Wort. Er wandte Tina den Rücken und während sie noch weiter lamentierte, machte er sich an einem Kästchen zu schaffen. Als er sich wieder zu Tina drehte, warf er eine kleine, mit brauner Flüssigkeit gefüllte Spritze neben sie hin. Danach verließ er wortlos wieder diesen Teil des Schiffes und verschwand. Tina nahm die Spritze vom Boden. Womit sie gefüllt war wusste sie nicht. Sie konnte aber auch nicht weiter darüber nachdenken. Sie wurde bereits zu sehr von Entzugserscheinungen gefoltert. Tina stach die Nadel in ihre Armvene und drückte den Kolben der Spritze nieder. Ein wonniges Wohlgefühl überkam sie. Aufatmend legte sie sich zurück und genas die anflutende Wirkung der Heroininjektion.

Es war schon einige Zeit her, da Hein auf dieselbe Weise sexuelle Erregung erfahren konnte wie die meisten anderen Menschen auch. Dachte er darüber nach, kam er zu dem Schluss, dass diese Veränderung mit der Zeit zusammenfiel, in der sein Geschäft zusammengebrochen war. Seitdem erfuhr Hein sexuelle Erregung nur noch, wenn er völlige Hilflosigkeit und Todesangst in den Augen seines Gegenübers sehen und nur, wenn er im Geiste die Gefühle seiner gequälten Opfer nachempfinden konnte.

Seitdem Kommissar Kramer vor 18 Jahren von seiner kleinen Dienststelle in Harlem in das Polizeihauptbüro der Hauptstadt berufen worden war, galt er
als Bereicherung der Polizeihauptdienststelle Amsterdams. Dort war er erst bei der Drogenpolizei tätig. Als sich in der Stadt aber das Verschwinden junger Frauen so auffallend häufte, hatte man ihn einer Sonderkommission für vermisste Personen beigefügt.

Während seiner letzten Wochen bei der Drogenpolizei hatte Kommissar Kramer eine regelmäßig stattfindende Einfuhr größerer Mengen Kokains untersucht. Wie es schien, kamen diese Sendungen Kokain von der Nordsee her ans niederländische Festland. Oder aber, sie wurden per Schiff über die Nordseeschleusen in Ijmuiden am Zoll vorbei und ins Landesinnere geschmuggelt. Aufgrund dieses Verdachts hatte Kommissar Kramer es für nötig befunden, das Logbuch der Schleusen zum Nordseekanal durchzusehen, ob nicht vielleicht die Anhäufungen von Kokain auf Niederlands Straßen irgendwie mit der Ein- oder Ausfahrt des einen oder anderen Schiffes zusammenfiel.

Tina verspürte einen Stich am Arm und öffnete die Augen. Sie sah gerade noch, wie dieser merkwürdige Mann die Nadel einer Injektionsspritze aus ihrem Arm zog. Im nächsten Moment überkamen sie Entzugserscheinungen wie nur ein Mal zuvor in ihrem Leben. Es war, als sie einmal zuviel genommen und ein Arzt ihr Naloxon injiziert hatte, einen Morphinantagonisten, ein Morphingegenmittel. Es bestand kein Zweifel. Tina kannte diesen Zustand. Der Entzug kam mit solcher Raschheit und Heftigkeit heran wie nur nach der Injektion eines Antagonisten. Tina lag an Deck des Schiffes und sah rings umher nur Wasser. Ein Knäuel schwerer Ketten war um ihre Knöchel gebunden. „Weißt du wie es sich anfühlt zu sterben?“ fragte Hein. „Stelle dir vor wie es ist, wenn man mit einer Wahrnehmung, ins groteske verstärkt durch Heroinentzug, dem Tod ins Auge sieht. Würdest du den Tod herbeisehnen? Du wirst jetzt sterben. Du wirst ertrinken“. Mit diesen Worten stieß Hein mit seinem Fuß den Körper Tinas über den Rand des Decks. Tina schlug auf der Wasseroberfläche auf und wurde sofort von den schweren Ketten an ihren Füßen in die Tief gezogen. Mit geweiteten Augen versuchte sie das trübe Wasser der Nordsee zu durchdringen. Da schlug sie auf dem Meeresboden auf. So also, würde ihr Ende aussehen, schoss es ihr durch den Kopf, an Händen und Füßen gefesselt am Grunde des Meeres. Langsam schwand der Sauerstoffvorrat in Tinas Lungen. Jeden Moment würde sie dem Drang Atem zu holen nicht mehr wiederstehen können und ihre Lungen liefen voll Wasser. Rote Sterne, kreisten bereits vor Tinas Augen. Da verspürte sie einen Zug an ihren Füssen. Im nächsten Moment wurden ihre Füße nach oben gezogen bis sie mit dem Kopf über dem Meeresgrund hing. Dann rauschte es in ihren Ohren. Gleich darauf durchstieß sie die Wasseroberfläche. Tina schaukelte in frischer Meeresluft an einem Tau am Schiffskran. Tina holte tief Atem und schrie aus Leibeskräften. Hein schwang den Kran zu sich und ließ Tina an Deck fallen. „Jetzt noch nicht“, sagte er. „Später. Wir werden dich später sterben lassen. Dies war nur ein Manöver, damit du dir eine Vorstellung davon machen kannst, wie du noch heute Abend sterben wirst“.

„Ich möchte eine Vermisstenanzeige aufgeben“, sagte Margie zu dem Polizeibeamten hinter dem Empfangstresen der Polizeihauptdienststelle. Sie erzählte erneut von Tinas Verschwinden und erzählte, dass Tinas Reisepass beim Polizeibüro der Warmoestraat liegt. Insgeheim befürchtete sie schon, ebenso behandelt zu werden wie im Polizeibüro der Warmoestraat. Es überraschte sie deshalb, als kurz darauf ein Polizist in zivil erschien und sie in sein Büro bat. Kommissar Kramer ließ sich von Margie eine Beschreibung Tinas geben und notierte sich die Einzelheiten. Danach schickte er einen Streifenwagen los, um Tinas Reisepass von der Polizeidienststelle Warmoestraat zu holen.

Nachdem Margie wieder gegangen war, tippte Kommissar Kramer die
Beschreibung Tinas und das Datum ihres Verschwindens in einen PC Ordner der seiner Sonderkommission. Dabei fiel sein Blick auf eine Reihe von Datumsangaben. Es waren die Datums aller Tage, an denen in den letzten Monaten eine junge Frau verschwunden war. Dabei kam es dem Kommissar vor, als hätte er eine ähnliche Reihenfolge schon einmal irgendwo gesehen. Er holte die Unterlagen von seiner Arbeit bei der Drogenpolizei hervor und suchte in einem Ordner die Namen aller Schiffe, die im den letzten beiden Jahren die Schleusen von Ijmuiden in Richtung Nordseekanal durchfahren hatten und studierte die jeweils danebenstehenden Datumsangaben.
Ob es Zufall war? Das Aus- und Einfahrtdatum der „Marijke“ passte jedenfalls auffallend zu den Zeiten, an denen die vielen jungen Frauen verschwunden waren.

Tina war nicht von stärkster Konstitution. Ihr Abenteuer auf dem Meeresgrund, ihre Entzugserscheinungen und die Angst, Hein würde sie bald wieder ins Wasser werfen und sie diesmal ertrinken lassen, waren zuviel für ihr noch junges und von Entzugserscheinungen geschwächtes Nervensystem. Gnadenreiche Bewusstlosigkeit nahm hinweg von dieser furchtbaren Welt. So lag sie für die nächsten Stunden, nackt und ohne Bewusstsein, im kalten Wind der Nordsee, der über das Deck der Marijke blies…-

„Ich schätze deine Mitarbeit, Kramer, das weißt du“, sagte Oberkommissar Gerode. „Aber womit du mir jetzt kommst, ist doch ein wenig zu viel. Weißt du eigentlich, was das alles kosten würde“? Nein. Über Kosten, hatte Kommissar Kramer sich noch keine Gedanken gemacht. Das empfand er auch nicht als seine Aufgabe. „Okay“, lenkte Kommissar Kramer ein. „Lassen wir den Hubschrauber weg. Sollte ich Recht behalten mit meiner Vermutung, müssen wir eben beten, dass der Einsatz eines Schnellbootes der Marine ausreicht. Aber lass uns nun nicht länger warten und Zeit verschwenden“. Oberkommissar Gerode nickte und griff zum Telefon…-

Zwei Stunden lang hatte Hein versucht, Tinas wieder zu Bewusstsein zu bringen, doch ergebnislos. In diesem Zustand konnte sie ihm keine Freude vermitteln. Man sah keine Todesangst in ihren Augen. Hein band das schwere Knäuel Ketten von Tinas Füßen, warf ihren schlaffen Körper über seine Schulter und trug sie hinab in den Schiffsraum der Marijke. Dort, in der hintersten Ecke bei den Kettenkästen der Ankerketten, stand der Stolz seines ehemaligen Fleischerbetriebes. Ein industrieller Fleischwolf der Österreichischen Herstellerfirma Schnabel & Söhne. Die Maschinen dieser Firma waren unverwüstliche Wertarbeit. In ihre Aufnahmeschächte konnte man getrost einen Ochsen mit Haut und Hörnern werfen, vielleicht liefen dabei die beiden starken Elektromotoren ein wenig heiß, aber darüber hinaus war es nur eine Frage der Zeit, bis der ganze Ochse als Gehacktes vorne aus der Lochmaske der Maschine und in die bereit stehende Aluminiumwanne fiele.
Hein hing Tinas Körper mit den Händen am Haken des Deckenkrans fest. Er nahm die Bedienung des Krans zur Hand und manövrierte den Körper Tinas über den Aufnahmeschacht des mächtigen Fleischwolfes. Dort ließ er sie hängen während er zum anderen Ende des Schiffes ging und dort den zweizylindrigen Dieselmotor des Starkstromaggregates anwarf. Mit sich steigerndem Heulton, kam das Aggregat auf seine Touren. Danach trat Hein wieder zu Tina hin, die reglos über dem Einfüllschacht der großen Fleischverarbeitungsmaschine hing. Hein drückte den handtellergroßen signalroten Knopf des Fleischwolfes. Zwei Elektromotoren setzten sich heulend in Gang. Nun musste die Maschine sich eine halbe Stunde erwärmen, erst dann wäre sie zur reibungslosen Arbeit fähig. Das Heulen des Starkstromaggregates und der beiden Elektromotoren der Fleischverarbeitungsmaschine, zusammen mit dem monoton rhythmischen Stampfen des Schiffsdiesels, hüllten die weite Höhlung des Schiffsbauches in eine undurchdringlich.

Draußen, in der Schwärze der Nacht, näherte das Schnellboot K92 der niederländischen Marine sich langsam dem dunklen Schiffsleib der Marijke.

Hein griff zum Bedienungselement seines Krans. Im Lärm der Motoren um sich her, hörte er die Schritte nicht auf dem Deck seines Schiffes über sich. Langsam senkte der reglose Körper Tinas sich in den Aufnahmeschacht der Fleischverarbeitungsmaschine. Plötzlich fühlte Hein sich an der Schulter gegriffen. Er wurde herumgewirbelt und es traf ihn der harte Buchsbaumknüppel der Niederländischen Polizei auf der Stirn. Im nächsten Moment wurde er von vielen Händen ergriffen und zu Boden geworfen. Seine Arme wurden auf seinen Rücken gedreht und Handschellen, bissen in seine Handgelenke. Einer der Polizeibeamten schlug unterdessen geistesgegenwärtig auf den großen signalroten Knopf des Fleischwolfes. Mit leisem Jammern, kamen dessen Elektromotoren zum Stillstand….-

Die Türe meines Wohnwagens stand weit auf und mein Radio lief auf voller Lautstärke. Ich schnitt gerade einige Rosenstöcke in meinem kleinen Gärtchen, als im Radio die Nachrichten kamen. Ein Hein de slager, Fleischermeister von Beruf, war festgenommen worden und hatte den Mord an 16 jungen Frauen gestanden. Sieh da, dachte ich. Hein de slager. Der freundlich lachende und sympathische Mann aus dem Straßencafe der Innenstadt, der so guter Dinge gewesen ist…-


Nachdem Hein in eine der Zellen im Keller des Polizeihauptreviers untergebracht worden war, trat Kommissar Kramer an das Fenster seines Büros heran und blickte nachdenklich über die beleuchteten Wohnhäuser des Jordans hinweg. 16 Morde, hatte Hein gestanden, dachte er bei sich. Doch 24 junge Frauen standen auf der Vermisstenliste der Sonderkommission. Sollte es da draußen, irgendwo in dieser Stadt, etwa noch ein solches Ungeheuer vom Schlage dieses Hein de slagers geben?




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