______________________________________________________________________ Jane war schwer in Thijs verliebt. Doch Thijs warf sie eines Tages aus seiner Bude. Seitdem wurde Jane nur noch älter. Jane trug als obere Schneidezähne zwei Jacketkronen, die durch ihre helle Farbe deutlich vom Rest ihres Gebisses abstachen. Diese beiden Kronen ließen gelegentlich los, was Jane weiter keine Probleme zu bereiten schien. Sie stak sie einfach irgendwie wieder an ihre Stelle und fertig.
Als Jane eines Tages in die krosse Kante einer Haschisch durchbackenen und mit Marihuana bestreuten Pizza biss, kamen diese beiden Kronen wieder los. Vor Schreck ließ Jane ihr Stück Pizza fallen. Sie sah zu spät, dass ihre beiden Schneidezähne direkt oben auf lagen. Sie wollte noch danach greifen, da hatte aber schon Baro, die Töle, ein halbwild lebender Hund, das Stück Pizza zwischen den Zähnen und war fort damit. Wie der Blitz, war Jane hinter ihm her. Baro freilich, fühlte sich dadurch nur noch mehr anspornte, möglichst rasch das Weite zu suchen. Schließlich hatte Baro sich unter Bens Wohnwagen verkrochen. Dort lag er dann und verspeiste in aller Ruhe sein Stück Pizza. Als Baro danach wieder unter dem Wohnwagen hervor kommen wollte, stak er seinen Kopf genau in die Schlinge, die Jane für ihn bereitgehalten hatte.
Jane band Baro an kurzem Stricke an die Anhängerkupplung von Bens Wohnwagen. Sie kroch auf dem Bauch unter den Wagen und untersuchte die Stelle, an der Baro gefressen hatte, nach ihren Schneidezähnen. Wir saßen unterdessen vor John the legs Wohnbus, mit Flaschen Bier in Händen, und grölten: „Er hat sie gefressen! Du suchst vergebens! Wir haben alle gesehen, wie er sie gefressen hat!“ Schließlich glaubte Jane uns und gab die Suche auf.
Jane schleifte Baro am Strick zu ihrem Wohnwagen. Dort band sie ihn an die Anhängerkupplung und ließ ihn nicht mehr aus den Augen. „Du musst ihm Hefe zu fressen geben“, riet Allan. „Das treibt“. Doch Baro konnte man nichts mehr zu fressen geben. Das Haschisch durchbackene und mit Marihuana bestreute Stück Pizza, das er gefressen hatte, tat inzwischen seine Wirkung. Baro war von Gleichgewichtsstörungen geplagt. Mit roten Augen und heraus hängender Zunge, fiel er schließlich zur Seite und blieb platt am Boden liegen. Seine Zunge hing einen halben Meter aus seinem Maul und er gab Laute von sich, als sänge er leise vor sich hin. "Mein Gott!" rief Jane mit bebender Stimme. "Er stirbt!". Beängstigt sah sie auf Baro hinab und rang die Hände. „Du musst ihm die Eier kraulen“, riet Andy zu ihr hinüber. „Dann kackt er garantiert“! "Stirbt er", versuchte Alan Jane zu beruhigen, "dann schneiden wir ihn eben auf. Dadurch finden wir deine Zähne ganz bestimmt".
Zwei Tage später sahen wir zu unserer Überraschung, Baro wieder frei über das Gelände laufen. Bald danach erschien auch Jane und lachte breit, mit ihren Schneidezähnen wieder an ihrer Stelle. Blank poliert, waren sie. Sie sahen aus wie neu...-
Während die Tage vergingen, hatte sich jenseits des Lärmschutzwalles, auf dem weiten leeren Gelände jenseits der Schnellstraße, einiges getan. Dort waren große Zelte errichtet worden und immer mehr Zelte entstanden, bis dort eines Tages eine kleine Stadt aus Zelten entstanden war. Bald darauf hörten wir zum ersten Mal ein harmonisches Tonsignal, einen Dreiklang, - Bing Bong Bung -, und gleich darauf eine elektronisch verstärkte Stimme, die etwas auszurufen schien. Wir wurden neugierig und entsandten einen Spähtrupp. Allan und die Kinder Lodewijk und Aaron, sollten die Sache auskundschaften gehen. Als sie wieder kamen, hatten sie Folgendes zu berichten: Es war dort drüben, jenseits des Lärmschutzwalles und der Schnellstraße, eine Zeltstadt für Asylbewerber entstanden. Der Dreiklang und die elektronisch verstärkte Stimme entstanden immer dann, wenn einer der Insassen zu irgendeiner Stelle gerufen wurde. Die Menschen dort, hatten keine Zelte für sich, sie hatten Bettnummern und durften weder Bargeld noch Kugelschreiber besitzen. Sonderbare Regelungen, gab es in dieser Asylantenstadt von Segeltuch. Erkundigungen ergaben, dass auch im Rest des Landes immer mehr solcher Zeltstädte entstanden. Damit Asylbewerber keine befreundeten Gruppen bilden oder hilfreiche Menschen kennen lernen konnten, die vielleicht die einheimische Sprache kannten, wurden diese Asylbewerber innerhalb solcher Zeltstädte rotiert, immer wieder in eine andere verlegt...-
Wie wir erfuhren, ging es in diesen Asylantenstätten nicht darum, Asylbewerbern etwa Asyl zu gewähren. Es ging darum, ihnen mit allen Mitteln des Rechts und einigem Unrecht, Asylanträge zu verweigern und sie so bald wie möglich wieder über die Landesgrenze zurück in ihre Heimat zu schieben. Wir erfuhren, dass europäische Länder behaupteten, zu jedem gegebenen Zeitpunkt eine feste Zahl Asylanten oder Asylbewerber zu beherbergen. Dass es sich dabei aber nur selten um dieselben Asylbewerber handelt, wurde weniger breitgetreten. Man ließ diese Menschen auf der einen Seite ins Land, hatte dort aber einen gut geölten Apparat bereit stehen, der sie auf der anderen Seite möglichst glatt wieder außer Landes beförderte. Kaum einer von ihnen, es sei denn er hatte sehr gute Beziehungen, hatte eine Chance, seinen Asylantrag bewilligt zu bekommen. Um sogenannte Sacharbeiter zu finden, die gut instruiert diesen Asylbewerben gegenüber gestellt werden konnten mit der Augfgabe, deren Geschichten und Aussagen zu dokumentieren, hatte man Zeitungsannoncen aufgegeben, mit denen willige Arbeitslose geködert wurden. Geltendem Recht gemäß bekam jeder Asylbewerber einen Rechtsanwalt zur Seite. Dass aber diese Anwälte nicht für die Asylbewerber arbeiteten, sondern für die Regierung, die diese Asylbewerber so rasch wie möglich wieder los werden wollte, wurde nicht besprochen.
Mit diesem Wissen bewaffnet waren wir zu dem Schluss gekommen, wir, als Bürger Amsterdams, müssten diesen Leuten Asyl gewähren. Als erstes holten wir eine Familie aus Usbekistan, Vater Mutter und 13 jährigen Sohn, aus der Zeltstadt. Wir ließen sie in unserer Mitte verschwinden. Für die beiden Erwachsenen wurde Arbeit gefunden. Er schweißte bald irgendwo im Hafen an Schiffsleibern, während sie Reinigungsdienste in verschiedenen Kirchen der Stadt erledigte. Während die Eltern zur Arbeit waren, beschäftigten wir ihren kleinen Sohn und sorgten dabei dafür, dass er so rasch wie es nur ging die Niederländische Sprache erlernte. Es dauerte gar nicht lange und es war uns gelungen, den Sohn in einer Schule unter zu bringen. Dieser Usbekischen Familie folgten mit der Zeit weitere. Heute, leben sie als eingebürgerte, wennschon illegale Bürger Amsterdams, über die ganze Stadt verteilt, während all diejenigen, die blauäugig auf die Redlichkeit des Niederländischen Asylantensystems vertrauten, längst wieder in ihren Heimatländern gefoltert wurden...- Überlassen wir nicht viel zu viele Aspekte der Menschlichkeit den kalten Institutionen des Staates? Wir sollten alle, dort wo es möglich ist, eigenmächtig handeln, und so den Staat, Stück für Stück, ein wenig mehr entmachten.
"Amsterdamer Stadtgeschichten". 'De stad nomaden'.
Alle Rechte der Deutschen Übersetzung: INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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