______________________________________________________________________ Kennt ihr diese niedrigen, eher lang gestreckten Busse, tiefliegend, mit kleinen Rädern? Sie fahren manchmal mit einem Lebensmittelgeschäft im Inneren durch Wohnsiedlungen? Eine Art Lebensmittelgeschäft auf Rädern? Man sieht sie auch auf Märkten stehen, ihre Seitenwand zum Vordach nach oben geklappt, als offener Laden bzw. Marktstand?
Einen solchen Bus hatte John the leg sich beschafft. Im Innern war er völlig leer, alle Regale und die Kühltruhe des ehemaligen Lebensmittelgeschäftes waren entfernt worden. Gleich hinter der Türe des Beifahrers, befand sich eine Schiebetüre, die oben und unten mit Rollen am Gehäuse des Busses befestigt war. Betrat man den Bus durch diese Schiebetüre, stand gleich rechts ein runder hoher Ofen aus Gusseisen, dessen Ofenrohr durch eine Öffnung im Dach ins Freie führte. Heizte man diesen Ofen gut mit Holz, hielt er den Bus selbst noch im härtesten Winter warm wie eine Sauna.
1000 Gulden, hatte John für diesen leer geräumten aber noch fahrtüchtigen Bus bezahlt. Abgestellt hatte er ihn auf einem besetzten Gelände, schräg hinter Roberts Standwohnwagen. Den kleinen eiförmigen Wohnwagen, in dem John zuvor gewohnt hatte, hatte man auseinander gerissen und seine Aluminiumhaut zum Altmetallhändler getragen. Johns Wohnbus war ein Universum für sich. Er bildete den Mittel- und Sammelpunkt des Geländes. Kam man aus der Stadt oder vom Einkaufen aus der Sparndamerbuurt, ging man vor dem nachhause gehen noch rasch bei Johns Bus vorbei um zu sehen, was so alles los war. Und los war meist etwas. Meist war Bob dort, Johns paranoid schizophrener Kumpel und die Engländer Billy und Andy, und auch der Ire Mob mit seiner Freundin und Plug, der Niederländer, dem jeden Tag eine neue Schrulle im Kopfe wuchs und der sich andauernd neue Namen einfallen ließ. Gestern, hatte er noch Pelly geheißen. Heute, nannte ihn plötzlich jedermann Plug. Wie er das immer so schaffte, blieb ein Rätsel.
Rings um die vielen Wohnwagen blühte sommers in großen Blumentöpfen, in alten Badewannen und Eimern, mannshoch der Hanf. Zweige von Hanf, noch vom Jahr zuvor, hingen an Schnüren entlang den Innenwänden der Behausungen. An Hanf, fehlte es nie. Er wuchs ganz einfach um jedermanns Wohnwagen und jeder hatte Plastiksäcke voller Hanfblüten unterm Bett, im Schrank, oder anderswo.
Die meisten Leute, lebten auf irgendeine Weise vom "Drogenhandel". LSD meist, in Pappen oder als Mikros, winzig kleine, meist dunkelblaue Tabletten, MDMA in Tabletten oder pulverisiert, Amphetamin und eben Hanf. Sehr viel Hanf. Mit Heroin oder Kokain, handelten nur wenige und meist die, die es auch selbst rauchten oder auf andere Weise konsumierten. Kam man z:B. in Jakes Wagen, saß er grundsätzlich mit seiner hübschen israelischen Freundin am Tisch, vor sich eine Digitalwaage, daneben einen Frischhaltebeutel voll Heroin, einen voll Kokain und eine Flasche voll reinen Alkohols. Den Alkohol benötigten die Beiden, um die kleinen Fackeln am brennen zu halten, die sie über ihre Glaspfeifen voll Crack Kokain oder Heroin oder beides hielten, während sie schmatzend daran zogen.
Jeder hatte seine Stammkunden, Menschen, die aus allen Teilen Europas auf dieses Gelände kamen um Einzukaufen. Die Türe von Roberts Wohnwagen, wurde nur geschlossen, wenn es regnete, oder wenn es zu kalt geworden war. Ansonsten, stand sie offen, auch war Robert nicht zuhause und irgendwo in der Stadt unterwegs. Kam er nachhause, saßen dort oft Gruppen junger Leute aus Italien, Spanien, Norwegen, Schweden, usw. Sie hatten es sich unterdessen am Wein seines Kühlschrankes bedient, es sich gemütlich gemacht und auf Robert gewartet. Kam Robert nachhause, nahm er ihre Wunschliste entgegen, ging damit zu John the leg's Bus und erkundigte sich, wer in diesem Moment die gewünschten Waren, all die besonderen Sorten von Pappen usw, im Angebot hatte. Danach ging Robert bei den verschiedenen Leuten vorbei, um das Zeug zu holen und brachte es danach seinen Kunden. Es war eine tolle Zeit für jedermann und jeder hatte eigentlich stets die Taschen voll Geld. An manchen Tagen machte man Tausende von Gulden, an anderen Tagen nichts. Aber solche trockenen Zeiten, hielten nie lange an, denn bald kamen wieder neue Kunden und wünschten bedient zu werden...-
An einem Winterabend war John aus der Kneipe oben an der Straße nachhause gekehrt. Er hatte dort im Billartraum gute Geschäfte gemacht. 10.000 Gulden, hatte er in der Tasche. Als er in seinen Bus kam, überlegte er, wo er vor dem Schlafen gehen noch rasch das viele Geld verstecken könne. Schließlich steckte er das dicke Banknotenbündel in den kalten Ofen und legte sich schlafen. In den frühen Morgenstunden, war Bob, Johns paranoid schizophrener Kumpel, nachhause gekommen. Er hatte den Bus kalt vorgefunden und den Ofen angeheizt. Die 10.000 Gulden verbrannten, ohne dass Bob etwas davon bemerkt hätte. Als John am nächsten Morgen den Schaden bemerkte, bat er Robert, er möge aus dem Laden oben in der Sparndamerbuurt einen Liter Wodka holen. Robert brachte drei Liter mit, und während sie tranken, kamen die üblichen Leute vorbei, Billy, Andy, Plug (oder Pelly?), und tranken mit und lachten zusammen über das dumme Missgeschick, dass John 10.000 Gulden gekostet hatte.
Eines Abends war Robert im Nachtgeschäft, ein Laden der die ganze Nacht über geöffnet hatte, um einige Liter Wodka zu holen. Er traf dort auf eine Frau, die sich ihm förmlich an den Hals warf. Sie könne nicht mehr nachhause, klagte sie, weil ihr Freund sie nicht mehr in die Wohnung ließe. Robert bot ihr an, bei ihm zu übernachten. In Roberts Wohnwagen angekommen, legte Robert alles Geld, das er noch in den Taschen hatte, auf den Tisch, etwas über 400 Gulden. Er nahm eine Flasche Wodka zur Hand, trank, und schloss danach für eine Weile seine Augen. Als er sie wieder öffnete, saß zwar die Frau noch im Sessel ihm gegenüber, aber das Geld, das Robert auf den Tisch gelegt hatte, war weg.
Robert war klar, dass diese Frau sein Geld eingesackt haben musste und er ging davon aus, dass ihr klar war, dass er es wusste. Es war eine Situation mit surrealistischer Komponente. Schließlich sagte Robert zu ihr: „Hör zu. Lege mein Geld wieder auf den Tisch und alles ist gut“. Sie stand auf. Anstatt nun aber Roberts Geld wieder auf den Tisch zu legen, versuchte sie zur Tür zu rennen. Robert stellte sich ihr in den Weg und drängte sie mit seiner bloßen Anwesenheit in die hintere Ecke des Wohnwagens. In dem Moment sah Robert eine rasche Bewegung ihrer linken Hand. Er verspürte ein Gefühl, als hätte man seinem rechten Oberarm eine leichte Ohrfeige verpasst. Robert blickte auf die Stelle und sah einen etwa 12 Zentimeter langen Schnitt im Ärmel seiner Jacke. Der Wodka in seinem Kopf verhinderte, dass er die Situation begriff. Er war soeben mit einem Messer verletzt worden. Robert griff die Frau bei ihren Armen und warf sie in den Sessel. Dann ging er vor ihr in die Hocke und wollte gerade einen gut gemeinten Vorschlag unterbreiten, als ihre Linke kurz nach oben ging und rasch auf Roberts linken Unterarm niederkam. Robert schob seinen Ärmel hoch und sah, dass er eine kleine, etwa15 Millimeter breite Schnittwunde am oberen Teil seines Unterarms hatte. Jetzt hatte Robert genug von der Situation. Er hatte keine Lust mehr, sich zivilisiert zu geben. Er griff nach hinten an seine Hose und zog ein 30 Zentimeter langes und sicher eineinhalb Pfund schweres Jagdmesser aus seinem Gürtel. Robert hielt der Frau die Schneide des Jagdmessers an den Hals und sagte: „Nun gut. Wenn du so weit gehst, mich für Geld mit einem Messer zu verletzen, wil ich davon ausgehen, dass du dringend Geld nötig hast. Du hast etwa 400 Gulden meines Geldes in deinen Taschen. Lege davon 300 Gulden wieder auf den Tisch. Die restlichen100 Gulden, darfst du behalten. Aber danach siehst du zu, so schnell wie möglich aus meinem Wagen und von diesem Gelände zu verschwinden“. Da zog das Luder doch glatt vor Roberts staunenden Augen einen ihrer grünen Lackstiefel aus, holte des Geld daraus hervor und legte 300 Gulden davon auf den Tisch. Die restlichen 100 Gulden stopfte sie sich zwischen ihre Titten. Danach, verließ sie ohne weitere Worte Roberts Wohnwagen und verschwand draußen in der Finsternis. Als das Weib gegangen war, legte Robert sich entspannt auf sein Bett und hörte ein wenig Musik. Er rollte eine Zigarette mit Hanf, rauchte, trank zwischendurch aus seiner Wodkapule und schlief schließich ein...-
Als Robert am nächsten Morgen erwachte, war ihm sehr sonderbar zumute. Auf dem weißen Laken seines Bettes, fand er einen feuchten Fleck von etwa einem halben Meter Durchmesser, rosarot von Farbe, ungefähr so, als hätte man ein wenig Blut mit Wasser vermengt und auf sein Bett gegossen. Nachdem Robert den Fleck registriert hatte, bemerkte er, dass er sich nicht bewusst machen konnte, wo er sich befand. Er konnte zum Teufel seine Gedanken nicht so weit ordnen um dahinter zu kommen, wo er im Augenblick war. Da dämmerte ihm, dass es schräg hinter seiner Behausung etwas gab, das ihm weiterhelfen würde. Und so war Robert an diesem Morgen zu Johns Wohnbus gelangt. Er hatte die Schiebetür aufgeschoben und John, Billy, Plug (oder Pelly?) und Bobbie angetroffen. Die Jungs hatten die Nacht durchgekokst. Auf dem Tisch standen leere wie volle Wodkaflaschen. Sie sahen Robert an und der wusste nicht, was er sagen sollte. Schließlich sagte er: „Jungs, ich glaube, ich bin mit einem Messer gestochen worden“. Billy und Bobbie sprangen auf, griffen Robert bei den Armen und zogen ihn in den Bus hinein.
Die Jungs setzten Robert aufs Sofa und fragten, was geschehen sei. Aber so sehr Robert sich auch bemühte, er konnte sich nicht mehr erinnern, was mit ihm geschehen war. Aber er wusste noch von der Wunde an seinem Unterarm. Er schob seinen Ärmel hoch, zeigte auf die kleine Wunde und sagte: „Ich glaube, ich bin hier gestochen worden“. Wie sich zeigte, hatte Robert am oberen Ende seines Unterarms, knapp unterhalb des Ellenbogens eine Stichwunde. Es fehlten nur etwa 5 Millimeter und die Stichwunde hätte den ganzen Arm durchdrungen. Während der Nacht hatte die Wunde sich entzündet und Wundfieber war es, das Robert an diesem Morgen so durcheinander brachte. Die Jungs legten Robert aufs Sofa. So viel begriff er noch. Kurz danach, verlor er sein Bewusstsein. Drei Tage hatten die Jungs auf seine Besserung gewartet. Drei Tage lang hatten sie ihn verpflegt und mit Wodka und Methadon versorgt. Als er am dritten Tage nicht zu sich kam, schafften sie ihn ins Krankenhaus. Dort öffnete Robert die Augen und blickte in das schönste Frauengesicht seines Lebens: „Mein Gott“, stöhnte er, „Wer bist du?“ „Ich bin ihre Ärztin“, sagte das Frauengesicht und lächelte. Robert konnte noch nicht erzählen, was vorgefallen war. Bobbie erzählte es. Robert erhielt eine Injektion Antibiotika und eine handvoll Antibiotika Kapseln, die er im Laufe der nächsten Tage einnehmen musste. Die Jungs sorgten dafür, dass er sich daran hielt.
Drei Tage später wurde Robert auf dem Sofa in Johns Wohnbus wach. Der Verband an seinem Arm war an der Stelle, die der Stichwunde gegenüberlag, völlig durchnässt. Robert öffnete den Verband und sah, die Wunde war an dieser Stelle durchgebrochen und hatte alle Flüssigkeit von sich gegeben, die sich als Folge der Entzündung in ihr gestaut hatte. Von diesem Tag an, ging es Robert rasch wieder besser. Wenige Tage später war die Entzündung vorüber und die Wund auf dem besten Weg zur Heilung. Aber Robert war eine Lähmung des Unterarmes geblieben. Er konnte seinen Unterarm nicht mehr drehen . Er verordnete sich deshalb die Physiotherapie, seine Wodkaflaschen während des Trinkens solange mit der linken Hand zu halten, bis diese drehende Bewegung wiederhergestellt sei.
Greift man einer Flasche mit der Hand um den Hals und will aus ihr trinken, muss man dazu mit dem Unterarm die drehende Bewegung ausüben, die Robert wegen der verbliebenen Lähmung nicht mehr möglich war. Durch vieles Trinken mit der linken Hand, verschaffte er sich in der folgenden Zeit so viel Training, soviel Physiotherapie, dass bald auch diese Lähmung völlig wieder verschwunden war.
Geblieben war ihm am Ende nichts weiter als eine kleine, etwa 15 Millimeter lange Narbe am oberen Teil seines Unterarmes.
Aus dem Niederländischen übersetzt aus: "Amsterdamse stad verhalen. 'De stadnomaden'"
Alle Rechte der Deutschen Übersetzung: INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
|