______________________________________________________________________ Du meine Güte, die Zeiten waren schlecht. Wir lebten eigentlich von Einbrüchen. Ein ehrliches Dasein, berücksichtigte man all die Gefahren, denen man sich dabei aussetzte. Inzwischen war man aber im Ort und in den umliegenden Ortschaften schon so aufmerksam und wachsam geworden, dass wir kaum mehr die Nase aus der Türe stecken konnten, ohne sofort von der Polizei kontrolliert und nach Einbruchswerkzeugen gefilzt zu werden. Wie oft hatten wir nicht schon im letzten Moment und in äußerster Not, alles Einbruchswerkzeug unter unseren Klamotten hervor gepuhlt und rasch noch über den nächsten Gartenzaun geworfen?
Nicht nur waren uns vor Tagen schon alle Stoffe ausgegangen, die einen halbwegs bei Laune halten konnten, wir hatten noch nicht mal mehr zu Fressen. Seit vier Tagen, ernährten wir uns schon von selbst gebackenen Tortillas, bestehend aus Mehl, warmem Wasser und einer Prise Salz.
Vor Sonnenaufgang, schlenderten wir in der Nähe des großen Kaisers Supermarktes umher. Dort wurden zwischen 5:30 und 6 Uhr, Backwaren abgeliefert. Diese Backwaren wurden ungeschützt vor dem Eingang des Supermarktes abgestellt.
Endlich kam der Wagen des Backunternehmens in Sicht. Kaum war er wieder verschwunden, machten wir uns über die zurückgelassenen Backwaren her. Zu unserer Enttäuschung fanden wir nichts weiter, als zwei komplette Schwarzwälder Kirschtorten. Wir waren schon viel zu hungrig, zu abgemagert und ausgemergelt, um die beiden Torten zurück zu lassen. Wir nahmen sie mit.
Hast Du schon mal versucht, deinen bitter nagenden Hunger ausschließlich mit Schwarzwälder Kirschtorte zu stillen? Vergiß es. Es ist unmöglich. All die pampige Sahne und das zuckersüße, klebrige Zeug. Zum Kotzen! Also buken wir an diesem Nachmittag verdrossen wieder unsere erbärmlichen Tortillas und stellten dabei fest, dass wir dazu noch nicht mal mehr einen Spritzer Fett hatten. Oh, was ging es uns erbärmlich. Noch jetzt, während ich dies schreibe, vergehe ich fast vor Mitleid mit mir selbst. Wie mager waren wir nicht schon geworden und wie alt sahen wir nicht schon aus? Gesichter hatten wir bekommen, faltig, ledern und eingetrocknet, wie alte Datteln. Bei Gott! Wir wurden immer weniger. Wir hatten kaum noch Substanz. Eigentlich bestanden wir nur noch aus der Kleidung, die wir trugen. Nach dem Verspeisen unserer trockenen Tortillas, erwarteten wir ungeduldig das Kommen der Nacht.
Unweit des Ortseinganges, gab es ein nobles Hotel mit eigener Fischzucht. Die Teiche dieser Fischzucht waren von einem hohen Zaun umgeben. An diesem Zaun hingen knallgelbe Schilder auf denen stand: „Warnung! Selbstschüsse!“ Günter und ich sahen uns an. Waren diese Schilder vergessene Relikte des vergangenen Weltkrieges, oder verkündeten sie tatsächlich die Wahrheit? Selbstschüsse?! Die Aussicht auf gebackene Forelle, trieb uns dennoch über den Zaun. Die Schilder hatten gelogen. Es gab dort keine Selbstschüsse...-
Die seichten Teiche der Fischzucht, waren untereinander mit schmalen Kanälen verbunden. Diese Kanäle, waren mit Schleusen aus Brettern zu öffnen und zu schließen.
Im Schein des Mondes, sahen wir an den Ufern der seichten Teiche die ersten Umrisse von Fischen. Nur, wie fängt man die Biester jetzt eigentlich, so ganz ohne Instrumente? Etwa mit bloßen Händen?
Zwischen den Teichen stand ein kleiner Geräteschuppen. Die Türe dieses Schuppens war mit einem Vorhängeschloss verschlossen. Wir öffneten das Vorhängeschloss mit einer Socke. Mit einer Socke? Jawohl, mit einer Socke. Der Trick geht folgendermaßen: Man nimmt eine Socke und fädelt sie durch den Bügel des Vorhängeschlosses. Danach, fasst man die Enden der Socke fest mit beiden Händen. Man hebt die Hände so hoch wie es geht und reißt sie dann mit aller Kraft nach unten. Dabei öffnet sich in aller Regel das Vorhängeschloss. Es reißt einfach auseinander. In vielen Fällen, zerspringt es sogar.
Im Geräteschuppen waren keine Angeln oder Fischernetze zu finden. Dafür fanden wir dreizackige Mistgabeln. Damit standen wir schließlich über die Ufer der Teiche gebeugt, wie Poseidon mit dem Dreizack. Kurz gezielt und WUMM. Schon hatte ich die erste Forelle an der Gabel. Das ging ruckzuck. In kürzester Zeit hatten wir neben uns im Grase, rund fünfzehn fette Fische liegen. Wir verstauten sie in Plastiktüten und wollten gerade gehen, als in Günter der Vandale erwachte. Er verschwand im Geräteschuppen und kam mit einem langstieligen Beil wieder zum Vorschein. Damit schlug er alle Bretter der Schleussen aus den Verbindungskanälen. „Damit die Biester sich auch mal besuchen können“, argumentierte er unterdessen. Leider hatte er bei dieser Aktion versehentlich auch die Schleuse des Hauptabwasserkanals zertrümmert, der alles Wasser in den Abwasserkanal fließen ließ. Dadurch entleerten sich über Nacht alleTeiche. Am nächsten Morgen, lagen die meisten Fische tot auf dem Trockenen. (Das hatten wir Tags darauf in der Zeitung gelesen…)
Fisch ohne Fett in der Bratpfanne zu braten, ähnelt mehr der Verzweiflungtat halb Verhungerter, als einem kulinarischen Ereignis. Klar, man hätte die Fische auch an Spießen über offenem Feuer braten können. Aber in dieser Gegend konnte man nachts kein Feuer im Freien entfachen, ohne dass nicht fünf Minuten später die Polizei eingetroffen wäre. Die hätten uns dann beim Fischebraten angetroffen. Am nächsten Morgen wären sie zum Nobelhotel am Ortsrand gerufen worden, wo über Nacht die Fischteiche vandalisiert worden waren. Die Bullen dieser Gegend waren zwar zuweilen dämlich, aber so dämlich auch wieder nicht, dass sie nicht eins und eins zusammenzählen konnten.
Das Ergebnis war, dass Günter die meisten unserer Fische noch am selben Nachmittag zu seiner Schwester brachte. Die, sollte die Biester vorläufig in ihrem Kühlschrank unterbringen. Günters Schwester aber, roch kurz an den Fischen und warf sie dann -"Die stinken ja schon"- achtlos auf den Komposthaufen.
Wir wurden von Tag zu Tag magerer. Unsere Fressen glichen bereits denen, alter verhärmter Weiber. Deshalb waren wir in der Nacht nach unserem Fischzug wie hungrige Wölfe durch die Vororte gezogen, wo die Schrebergärten waren. Was war das eben für ein Geräusch? Dieses Gurrigurri? Tauben etwa?
Auf den ersten Blick sah der Taubenschlag aus, wie eine dieser langweiligen Gartenlauben. Wir sahen den Vögeln eine Weile beim Ein- und Ausfliegen zu. Durch ihre Ein- und Ausflugsluken, passten wir nicht und die Türe zum Innern des Taubenschlages, war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Also nahmen wir wieder die alte Socke zur Hand und Zack, stand uns die Türe offen...-
Seltsam, so ein Taubenschlag. An den Wänden, lauter kleine Fächer in denen jeweils eine Taube saß Es schien nur einzelne Tauben zu geben und keine Paare, denn sie saßen alle alleine in ihren Abteilen. Wir holten Plastiktüten aus unseren Gesäßtaschen und begannen hungrig zu morden.
Eine Taube nach der anderen, zerrten wir aus ihrm Fach, drehten ihnen die Hälse um und stopften sie in unsere Plastiktüten. Danach, gingen wir zufrieden nachhause. Gleich würde es gebratene Tauben geben…-
Wir bewohnten eine kleine Wohnung unter dem Dach eines schrecklich spießigen, vierstöckigen Mietshauses. Ein unglaublich spießiges Haus, voll unglaublich lahmer Normalbürger. Hypnotisiert arbeitstätige Menschen, die zu den Zeiten, zu denen wir nachhause kamen, längst schon in den Betten lagen.
Nachdem wir bereits einige Male vom Vermieter wegen allzu großen Lärmes gerüffelt worden waren, hatten wir uns angewöhnt, nur noch leise wie die Mäuschen auf Zehenspitzen und ohne ein Wort zu sprechen, die Treppe zu unserer Wohnung hoch zu steigen. Nur immer leise leise, damit die Langeweiler nicht geweckt wurden. Denn weckte man die zur Unzeit, konnten sie leicht zu Wahnsinnigen werden...-
Fast, waren wir schon oben angekommen - nur immer leise leise - als Günter plötzlich brüllte, "Ich bin gebissen worden!". Bleich, ließ er die Plastiktüte mit all den Tauben fallen. Die Tüte rollte an mir vorrüber und hinab, bis zum nächsten Treppenabsatz. Dabei fielen einge der Tauben aus der Tüte. Wie sich nun zeigte, lebten einige von ihnen noch. Wohl hatten sie umgedrehte Hälse und sahen dadurch nicht wenig grotesk aus, aber sie lebten eben noch. Ihre Federn verschmiert mit dem Blute er unglücklicheren Kolleginnen, denen wir wohlweislich gleich die Köpfe abgerissen hatten, versuchten sie nun, durch Umherfliegen im Treppenhaus ihrem entgültigen Schicksal zu entgehen.
Welch ein Spektakel! Im Gegensatz zu uns, die wir polternd hinter den Flüchtenden hertraben mussten, konnten die Vögel im Schacht des Treppenhauses problemlos von einem Stockwerk zum anderen flattern. Es öffnete sich die erste Wohnungstür und es erschien das griesgrämige Gesicht eines der Langeweiler. "Es sind Tauben im Treppenhaus. Wissen Sie, wem die gehören?!", rief ich dem Schläfrigen entgegen. "Rasch! Helfen Sie mit, sie einzufangen"!
Welch ein Anblick. Da den flüchtenden Tauben die Hälse umgedreht waren und ihre Schnäbel nach hinten zeigten, konnten sie nicht sehen, wohin sie flogen. Dadurch knallten sie stets aufs Neue gegen die Wände des Treppenhauses und hinterließen dabei jedes Mal den roten Abdruck ihrer blutigen Federn. Es dauerte nicht lange und im Treppenhaus sah es aus wie in einem Schlachthaus. Günter und ich, inzwischen auch schon über und über mit dem Blut beschmiert, dass den flüchtenden Tauben von den Federn spritzte, polterten die Treppen auf und ab und haschten dabei immer wieder vergebens nach den Flüchtenden...-
Schon war das ganze Haus auf den Beinen. Kreischende alte Weiber mit aufgeplusterten violetten Haaren, standen in offenen Wohnungstüren. Der einen, flog eine der blutigen Tauben geradewegs mitten in die aufgesperrte Fresse. Ihr Schreck war so groß, dass die alte Dame aufstöhnte und, augenscheinlich ohnmächtig, wie eine Marionette auf den Boden niedersank.
Schon grölten die ersten Stimmen nach dem Rufen der Polizei. Günter, der Schelm, fragte unterdessen gewitzt mit lauter Stimme, "Wem gehören all die Tauben? Wo kommen die so plötzlich her? Gehören die etwa Ihnen, Herr Knusemann"?
Morgens, gegen 3:30, traf dann der Vermieter ein. Zwar war uns inzwischen gelungen, alle Tauben wieder einzufangen, doch das Treppenhaus troff von Taubenblut.
Klar, wir stritten alles ab. Aufrechten Blicks, sahen wir einem Jeden in die Augen und versicherten, wir seien nachhause gekommen und hätten zu unserem Entsetzen all die blutigen Tauben im Treppenhaus vorgefunden. Freilich, es half wenig. Zuviel schon, hatte dieser Vermieter mit uns erlebt. Und so zogen wir noch am selben Nachmittag aus diesem entsetzlich spießigen Hause aus und ein, bei Günters Schwester. Dort fielen wir zu allererst heißhungrig über die Obstbäume der Nachbarn her, bis uns Durchfall für Stunden auf die Toilette trieb. Viel hätte nicht gefehlt und wir wären verhungert, damals, in unserem Wohlfahrtsstaat. Zum Glück entdeckten wir gerade noch rechtzeitig, die vielen kleinen Hasenställe in den Gärten der Nachbarschaft...-
INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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