______________________________________________________________________ Qualle, stank wie eine verwesende Katzenleiche. Überall, wo Qualle ging, stand, saß oder lag, verströmte er diesen widerlichen Gestank. Er drang ihm aus dem Maul und aus den Poren. Als Qualle einst 2 Monate absitzen musste, schafften sie ihn drei Mal am Tag in die Waschräume im Keller, um ihn dort mit Feuerwehrschläuchen abzuspritzen. Vergebens. Bei Qualles Gestank schien es sich um etwas „genetisches“ zu handeln.
Qualle war, was man einen “Dauerbrenner“ nannte. Er metabolisierte den Stoff so rasch, dass sein Kopf nur wenige Herzschläge nach der letzten Dosis schon wieder Wege und Schlichen ersann, um an die nächste Dosis zu komen. Qualle fand seit Jahren keine Venen mehr. Doch wie der Körper eines Menschen mit schlecht durchbluteten Herzkranzgefäßen, zuweilen am kranken Herzen neue, lebensrettende Blutgefäße sprießen lässt, so war Qualle unter der Zunge eine ausrollbare Verlängerung seiner Zungenvene gesprossen. Qualle setzte sich vor seine aufgekochte Lösung und fuhr diese Venenverlängerung aus. Je nach seinem gegenwärtigem Opiathunger, konnte dieser "Rüssel" Längen bis zu einem Meter erreichen. Am Ende hatte diese Venenverlängerung einen verschließbaren Spalt, ähnlich dem Kehlkopf einer Schlange. Dieser Spalt öffnete sich, sobald er in Heroinlösung getaucht wurde. Durch diesen Rüssel, schlürfte Qualle sodann seinen bitteren, säuerlich riechenden Lebenssaft in seinen Blutkreislauf.
Qualle lebte sehr einsam. Oft verbrachte er seine Nächte im Stadtpark, wo er im Grase lag und in schauerlichen Tönen den Mond anheulte. Stand der Wind günstig, konnte man ihn noch bis zum Marktlatz jaulen hören. Touristen wurde erzählt, dies sei der Trauergesang des verstorbenen Ritters Fridolin, der im nahegelegenen, mittelalterlichen Schlosse vor 500 Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen sei...-
Wie man sich erzählte, trug Qualle dünne Gummischläuche bei sich, auf deren Enden lange Hohlnadeln staken. Diese Schläuche seien, wie man hörte, mit einem roten Gummiball verbunden, mit dem man, sobald man ihn drücke, Über- und Unterdruck in den Schläuchen erzeugen könne. Damit schliche Qualle Tag und Nacht durch die entlegensten Winkel der Stadt, auf der Suche nach überdosierten Opfern. Fände er eines, hole er seine Schläuche hervor und verbände mithilfe der langen Hohlnadeln den Blutkreislauf seines Opfers mit dem eigenen. Sodann setze Qualle sich und betätige seinen Gummiball. Auf diese Weise erlebe der Dauerbrenner Qualle wenigstens einige Atemzüge lang Erleichterung. Käme das Opfer dabei unter Qualen des Entzugs wieder zu sich, zöge Qualle flink seine Nadeln, rolle seine Schläuche auf und empfehle sich mit leichter Verbeugung, verschwände in der Ferne und hinterließ dabei eine Strähne seines Gestanks…- Wie man hörte, gab es zu jedem Zeitpunkt wenigstens eines von Qualles Opfer, das die Prozedur überlebt hatte und davon erzählen konnte. In aller Regel wurden solche Leute aber als Spinner abgetan, denen niemand gleubte. Und tatsächlich. Man sollte nur wenig von dem glauben, was man sich auf Drogeszenen erzählt…-
INTRACEREBRAL Die Morphinistensete
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