______________________________________________________________________ Sylvia war eine sehr reizend aussehende junge Frau. Fotomodell sei sie, erzählte sie und lächelte. Da war mir klar, dass sie als Nutte arbeitete. Ich hatte schon zu viele "Fotomodelle" kennen gelernt, um in dieser Hinsicht noch blauäugig zu sein. Ich hatte auch schon mit Nutten zusammen gelebt und wenn sie mich gefragt hatten, „Was soll ich nur sagen wenn man mich nach meinem Beruf fragt?“, hatte ich noch stets geraten: „Sag einfach, du seiest Fotomodell“.
Nach einigen Tagen der Bekanntschaft bekam ich Gelegenheit, Sylvias „Fotostudio“ in Augenschein zu nehmen. Es war ein kleiner Kreisverkehr, an dessen Rand Sylvia jeden Abend tippelte, nicht weit von der Dachauerstraße entfernt, dicht mit Bepflanzung umstanden und des Nachts im Schein der Straßenbeleuchtung romantisch anzusehen.
Mädchen wie Sylvia verdienten nicht schlecht, bräuchten sie nicht all ihr Geld zum Erwerb ihrer Medizin und so blieb ihnen selten genug übrig, um zum Beispiel ein Paar Schuhe zu kaufen.
Sylvia und ich lebten damals, Anfang der 80er Jahre, in München. Damals war es einer Clique prominenter und einflussreicher Psychiater, angeführt von dem ehemaligen SS Mann und Arzt Hans Joachim Sewering, Vorsitzender der deutschen Ärztekammer und noch vieles mehr, gelungen, die Rechtssprechung so zu manipulieren, dass in unserem Lande für Morphinisten eine mörderische Atmosphäre entstand. Waren wir in Not hinsichtlich unseres Medikamentes oder wollten wir entziehen, konnten wir uns an keinen Arzt mehr um Hilfe wenden. Zum Entziehen gab es für uns nur noch die Klapsmühlen der Landeskrankenhäuser mit ihren Foltern des absolut kalten Entzugs. Ärzte, die uns helfen wollten, bekamen es mit der Staatsanwaltschaft zu tun und nicht wenige davon landeten im Gefängnis, verloren ihre Approbation oder nahmen sich das Leben. Es war eine Hölle entstanden, für Morphinisten und für pflichtbewusste Ärzte. Eine Hölle, ganz im Sinne und Geiste des alternden SS Mannes und Arztes H.J. Sewering und seiner Clique prominenter Mediziner. Mediziner, die dem Geheimdienst gerne Handlangerdienste leisteten. Wie z.B. als herbeigerufene Sachverständige, die Morde von Stuttgart Stammheim als "Selbstmorde" hinzustellen...-
Bald stand Morphinisten nur noch Schwarzmarktware, nur noch Heroin, zur Verfügung. Die Polizei war angeordnet worden, ihre Tätigkeit verschärft auf kleine Dealer und Konsumenten zu richten. Dem entging kaum ein Morphinist. Größere Dealer, die im Auftrage des Geheimdienstes Heroin verkauften, blieben freilich verschont. Ansonsten aber landete zu dieser Zeit so gut wie jeder Morphinist Münchens und Umgebung im Gefängnis. Dies war die Zeit, in der es schließlich so viele Btm-Täter in den Gefängnissen gab, dass man Neubauten errichten musste.
Still und heimlich konstruierten finstere Mächte um uns her eine Falle, die wie ein Trichter funktionierte. Die Spietze dieses Trichters mündete in die Gefängnisse und in die schrecklichen Klapsmühlen des Landes.
Gut aussehende junge Frauen wie Sylvia, waren noch nicht so sehr betroffen von dem Problem. Sie verkauften noch stets profitbringend ihre Ärsche, auch an jene, die am Bau der Falle entscheidend beteiligt waren.
Ich erinnere mich noch gut, wie ich mit Pickel Dieter, dem Syphilitiker, in Stadelheim auf der Zelle lag. Eines Tages kam Dieter schwer verworren vom Besuch zurück. Seine Freundin, mit der er jahrelang zusammengelebt hatte, hatte ihn besucht. Sie hatte ihm erzählt, dass neuerdings Richter Strotsky von der 23. Großen Strafkammer immer öfter bei ihr zu Besuch sei. Richter Strozsky war dann auch Dieters Richter, der Dieter 3 Monate später für die nächsten 5 Jahre hinter Gitter bringen sollte. Und während Dieter in seiner Zelle vor sich hin brütete, vögelte Richter Strotsky bei Dieter zuhause fröhlich und munter dessen Freundin.
Dieters Freundin war freilich nicht weniger Heroin süchtig wie Dieter selbst. Aber seht, liebe Leute, das ficht Menschen wie Strotsky nicht an. Sie wissen als Feinschmecker, eine heftige Heroinsucht erst, macht junge Ärsche so richtig zart und gefügig…-
Sylvia und ich gehörten zu den Wenigen, die damals den Braten rochen. Wir wussten, machten wir nicht bald den Abflug aus diesem tödlichen Scheißspiel in diesem elend faschistoid verseuchten Lande, es wäre nur noch eine Frage der Zeit, bis auch wir, wie hilflose Marienkäfer, die Schräge des Trichters hinab und in irgendeine für unsereins vorgesehene Unterbringung rutschen würden. Es war somit beschlossene Sache, das Lnd noch rechtzeitig zu verlassen.
Überall um uns her, ließ man die Läden runter. Noch die erbärmlichsten Morphinquellen, trockneten vor unseren traurigen Augen ein. Der Feind, schoss aus allen Rohren. Bald gab es noch nicht mal mehr taugliches Mohnstroh zu kaufen. Ärzte winkten resigniert ab, sahen sie uns ungewaschenes Volk nur von Weitem. Selbst die alte Kluxen, eine Ärztin so schwerhörig und alt dass man meinte, die Wellen der Zeit hätten sie aus vergangenen Jahrhunderten in ihre gegenwärtige Praxis in München Schwabing gespült, war vom Gesundheitsamt bedrängt worden, ihre massiven Valoron Verordnungen einzustellen. Klingelte man an der Türe ihrer Praxis, hörte man sie kurz darauf durch die geschlossene Türe krähen: „Wir verschreiben kein Valoron mehr“! Dann musste man rasch reagieren und vor allem laut, damit sie einen auch verstand: „Nein nein, Frau Doktor, wir wollen kein Valoron“! Hatte man Glück, öffnete sie dann die Türe und ließ einen ein in ihr Gemach. Eine Siamkatze, majestätisch aussehend und wie aus Porzellan, wandte den Kopf und sah einem hochmütig nach, wenn man mit der kleinen verdorrten Ärztin im Praxiszimmer verschwand. War man erst soweit, hatte man schon so gut wie gewonnen. „Eine Rollkur bitte, Frau Doktor, gegen diese fürchterlichen Leibschmerzen“. Sah Frau Doktor gerade kurz woanders hin, ergriff man rasch ihren Rezeptblock und Ratsch, riss einige Rezepte ab und stopfte sie sich in die Tasche. Doch selbst gelang dies nicht, war man schon mit seinem Rollkurrezept zufrieden. Frau Doktor beschrieb nämlich immer nur die obere Hälfte. Dadurch blieb auf der Unteren noch Platz genug, um mit eigener Hand hinzu zu schreiben: „20ml Valoron Tropfen 3x rep.“ Schrift und Unterschrift der alten Kluxen konnte ich im Schlaf. Ich glaube, ich kann sie, rund 30 Jahre später, heute noch.
Es kam wie es kommen musste. Die alte Frau Doktor Kluxen verstarb. Es gab wenige, die ihr so aufrecht nachtrauerten wie wir Morphinisten. Mit ihr war eine der letzten Möglichkeiten vergangen, noch legal an redliches Morphin zu kommen. Kurz nach ihrem Tod war die Herstellerfirma des Valoron, Gödecke in Berlin, um zu verhindern dass ihr Produkt unter die Bestimmungen des BtmG gestellt würde, auf den Dreh verfallen, dem Valoron Naloxon, einen Morphinantagonisten, beizumengen. Damit war das Produkt für nach Medizin schmachtende Morphinisten für alle Zeiten wertlos geworden.
Alle Quellen versiegten. Noch die letzten Löcher trockneten aus. Am Ende blieb nur noch Schwarzmarkt Heroin. So war es beabsichtigt von der mächtigen Clique der Obermediziner des Landes. Damit MUSSTEN nun Morphinisten notgedrungen straffällig werden. Und damit hatte man eine Handhabe gegen sie, gegen Menschen, die eigentlich niemandem etwas getan hatten und gegen keine Gestze verstießen, bis man sie auf diese Weise dazu trieb. Nun konnten sie weiter den subtilen eugenischen Massnajmen entgegen getrieben werden...-
Doch auch mit Schwarzmarkt Heroin sah es nicht allzu rosig aus. Damals wurde das meiste Heroin aus dem Chinesenviertel Amsterdams herangeschafft. War die Zeit der chinesischen Neujahrfeier heran, so um Ende Januar, blieben die Transporte aus Amsterdam aus. Man feierte sein chinesisches Neujahr und wollte in der Zeit keine Geschäfte betreiben. Böse Zeiten stellten sich dadurch ein. Zeiten, in denen Hundeklaus, der stets mehr unter der Einwirkung von Captagon verrückt wurde, aus einem Gramm gemahlener Hongkong-Rocks und einer Menge Edelweiß Milchzucker, 50 Briefchen zu je 100 Mark zaubern konnte. Dafür würde er aber bald unter dem Kugelhagel von Wachbeamten, tief in den Kellergewölben des Justiezpalastes den Tod finden. Albert
War die Ware noch so schlecht, solange auch nur ein Hauch von Heroin in ihr war, rissen einem die Leute, halb auf den Knien vor Entzugsschmerzen, das Zeug aus den Händen. Es wuchs sich zuweilen regelrecht zu einer Jagd nach Molekülen aus....
Während Sylvia an den Abenden ihre Runden drehte, um den kleinen, romantisch mit Pflanzenwuchs umstandenen Kreisverkehr, war ich nicht untätig. Ich hatte mir unterdessen die Kenntnis der Methadonsynthese angeeignet und versorgte die halb Oberbayern mit Heroin, das eigentlich aus Methadon bestand.
Sobald der Laden so richtig lief, stellte Sylvia ihre abendlichen Runden ein. 30.000 Mark, hatten wir uns zum Ziel gesetzt. Wäre unser Stapel Banknoten im Küchenkasten auf 30.000 Mark angewachsen, wollten wir zusammen die Beine nehmen und hinaus reisen in die Welt, weg aus dieser tödlichen Mühle in Deutschland und frischen, gesünderen Abenteuern entgegen...-.
Es gibt so vieles, das nie hätte geschehen dürfen und das vor unseren staunenden Augen doch geschah. Es ist eben das Leben selbst, das stets unsere Pläne durchkreuzt. Und ist es nicht auch das Leben selbst, das unverhofft dem einen oder anderen von uns das Leben nimmt?
Es sollte eine großangelegte Aktion werden, bei der ein ganzer Rauschgiftring in die Falle gehen sollte. Der Rauschgiftring freilich, hatte, wie so oft, aus nichts weiterem bestanden als aus einer Handvoll vor Entzugsschmerzen schlotternder Süchtiger, die in einer Wohnung auf jemand warteten, der sich im Anflug aus Amsterdam, Berlin oder sonst woher befand...-
Das Haus an der Giselastraße war längst von Kommissar Majneks Leuten umstellt worden. Als Normalbürger vermummt, hatten sie geschickt das Straßenbild infiltriert. Dort verharrten sie, in einer Art Winterschlaf, und warteten darauf, vom Beginn der Aktion geweckt zu werden.
In der Erdgeschosswohnung des Hauses klingelte das Telefon. Einer der Süchtigen riss den Hörer vom Apparat, lauschte kurz und erfuhr, Der Mann sei bereits am Münchner Fughafen eingetroffen. In wenigen Minuten würde er im Taxi eintreffen.
An ihrer Abhöranlage lauschten Kommissar Majneks Leute aufgeregt mit. Minuten später hielt ein Taxi vor dem Haus. Ein junger Mann sprang aus dem Wagen und verschwand im Eingang des Hauses. Dies war für die Leute von Kommissar Majnek das Signal. Sie schälten sich aus ihren unscheinbaren Positionen und rannten, Pistolen in Händen, ins Haus. Der junge Mann, den sie im Treppenhaus stellten, war der Bruder einer jungen Frau, die im 2. Stockwerk wohnte. Er wollte nur seine Schwester besuchen und war dabei ahnungslos in das Geschehen geraten.
Vom Lärm im Korridor alarmiert, rissen die Jungs, die in der Wohnung im Erdgeschoss warteten, die Fenster auf, sprangen ins Freie und rannten in Windeseile in alle Richtungen davon. Rufe ertönten: „Stehen bleiben! Polizei“! Doch keiner der Jungs blieb stehen. Sie rannten alle wie die Hasen, nur rasch weg und rein ins erstbeste schützende Loch.
Die ersten Schüsse krachten an diesem Septembernachmittag in der Giselastraße. In diesem Moment war Sylvia um die Ecke gekommen, eine große Tüte reifer Orangen im Arm. Wie hinterher rekonstruiert wurde, ist es ein Geschoss der Polizei gewesen, das als Querschläger auf sie zu geflogen war und sie mitten in die Stirn getroffen hatte.
Wie mir ein Pathologe des Gerichtsmedizinischen Institutes versicherte, war Sylvia tot, noch bevor sie den Boden erreichte. In der Presseerklärung dieses Tages hatte das Landeskriminalamt Sylvia zu einer der Personen erklärt, die sich an diesem Tage in dem umstellten Haus aufgehalten und auf den "Drogenlieferanten" gewartet hatten. Es war ein Kleines, eine solche Erklärung abzugeben, war Sylvia doch aus den Akten des LKA als "Drogenabhängige" bekannt.
Es war im Zusammenhang mit Sylvias Tod, da ich zum ersten Male von der Existenz Kommissar Majneks gehört hatte. Der Name hatte sich tief in mein Gedächtnis gebrannt und mir war klar, dass ich früher oder später auf ihn zurückkommen würde. Das sollte auch geschehen, wennschon es einige Jahre dauern sollte. Der Sprung
Es war gegen Mitternacht, eine sternenklare Septembernacht, als ich an dem kleinen, romantischen, von Bepflanzung umstandenen Kreisverkehr in der Nähe der Dachauerstrasse die Hälfte unseres gemeinsam ersparten Geldes, immerhin rund 14.000 Mark, verbrannte.
Tage später, sollte ich die Asche dieses Geldes in das noch offene Grab auf Sylvias Sarg streuen. Ich war der letzte Trauergast, der zu Sylvias Begräbnis gekommen war und ich war der erste, der stillschweigend wieder verschwand…-
Alle Rechte INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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