______________________________________________________________________ Klaus, wohnte auf unserem besetzten Gelände im westlichen Hafengebiet Amsterdams in einem alten, zum Wohnwagen umgezimmerten Bauwagen. Es war ein schwerer, altertümlicher Wagen, und obwohl er gar nicht sehr groß war, war er schwer von der Stelle zu bekommen. Er besaß Räder aus Eisen, mit einem stellenweise bereits abgebröckelten Überzug aus Hartgummi. Ich weiß das alles so genau, weil ich Klausens Wagen mit meinem alten Renault Traktor des Öfteren schon von einem Ende unseres Geländes zum anderen und wieder zurück geschleppt hatte. Klaus war wohl der Einzige unter uns, der tatsächlich auf legitime Weise arbeitstätig war.
Klaus arbeitete in der Müllverbrennungsanlage auf der anderen Seite des Ji, der breiten Hauptschifffahrtsstraße des Amsterdamer Hafens. Wir konnten von unserem Gelände aus, über die weite Wasserfläche hinweg, die Müllverbrennungsanlage auf der anderen Seite des Ji sehen. Ein weißer, viereckiger Block eines Gebäudes, mit drei hohen Schornsteinen auf dem Dach…-
Es geschah immer wieder, dass Klaus mit einem Säckchen voll Münzen von der Arbeit kam. Diese Münzen waren als unverbrennbare Bestandteile des Mülls, in der Asche der Verbrennungsöfen liegen geblieben. Schwarz waren sie, vom Feuer der Öfen, und Klaus verbrachte ganze Abende damit, sie mit Silberpolitur und Stahlwolle wieder Umlauffähig zu machen. Nicht nur Münzen, schleppte Klaus von seiner Arbeit heran. Auch andere interessante Gegenstände die nicht gänzlich zu verbrennen waren, wie z.B. ausgeglühte Faustfeuerwaffen...-
Gelegentlich kam es vor, dass in Begleitung der Polizei ein Transport des Zolls bei der Verbrennungsanlage eintraf, um illegale Ladungen Haschisch oder Kokain in der Glut der Verbrennungsanlage zu vernichten. Wir Jungs vom Gelände kannten das schon. Man sah es an der Farbe und Dichte des Rauchs und man roch es auch. Wenn dann der Wind und der Luftdruck günstig waren, standen wir fröhlich im Freien und sogen uns die Lungen voll mit den Abhasen, die von der Verbrennungsanlage herüber wehten…-
Verbrannte man gerade Hasch, war es üblich, dass die Zollbeamten den Arbeitern der Verbrennungsanlage einige Riegel davon zum Geschenke machten. Auf diese Weise verhinderte man von vorne herein den Diebstahl der Ware. Es ist eben eine dieser typischen Niederländischen Vorgehensweisen, die Deutsche nie verstehen werden…- Auch Klaus, war einige Male mit einem Handteller großen Stück Hasch nacjjause gekommen. Das waren die Abende, an denen der halbe Platz sich bei Klausens Garten einfand und bei Gitarrenspiel und Trommelrythmen, am Lagerfeuer die Nacht verbrachte.
Eines Winterabends, hatte Klaus an die Tür meines Wohnwagens geklopft. „Komm rasch mit“, hatte er gesagt: „Ich muss dir unbedingt etwas zeigen“. Wir waren zusammen zu seinem Wohnwagen gelaufen, der ganz am anderen Ende des Geländes stand, und dort, in einem wohl geheizten Wageninnern, holte Klaus einen prallen Abfallsack von grauem Kunststoff unter seinem Bett hervor. Er knallte den Sack auf den Tisch und öffnete ihn. „Sieh dir das mal an!“ Ich guckte. Der Sack war voller gebündelter US Dollarnoten. Klaus hatte den Sack, wie er erzählte, beim Sortieren des Mülls vom Förderband genommen. Es waren lauter 100 Dollarnoten, in Bündeln zu je 100 Stück. „Das ist ein gottverdammtes Vermögen“, sagte ich und: „Hast du das schon nachgezählt?“ Nein, gezählt hatte Klaus es noch nicht, nur gefürchtet hatte er sich, alleine, mit so viel Geld im Haus. Deswegen hatte er auch mich dazu geholt.
Die Summe war rasch gezählt. Jedes Bündel ergab 10.000$ und 120 Bündel waren es. „Klaus“, verkündete ich am Ende, „du bist eine Million und zweihunderttausend Dollar reich“. Klaus erblasste und sah mich an, teils strahlend, teils fassungslos. „Aber die Sache hat einen Haken“, fügte ich hinzu. Klaus machte große Augen: „Einen Haken? Wieso einen Haken? Ich habe das Geld doch ehrlich gefunden!“ „Mag sein“, sagte ich, „es handelt sich aber um Falschgeld“. „Falschgeld!?“, rief Klaus fassungslos und man sah selbst im Schein des Kerzenlichts, wie er noch mehr an Gesichtsfarbe verlor. „Woher willst du wissen, dass es sich um Falschgeld handelt?“ Ja, woher wollte ich das wissen? Ich hatte es geraten weil mir während des Zählens aufgefallen war, dass die Bündel der Dollarnoten von unterschiedlicher Länge waren. Der Unterschied war gering, höchstens ein bis eineinhalb Millimeter, aber er war vorhanden und ich bezweifelte, dass echte Dollarnoten kursierten, die von verschiedener Länge waren...-
Im Sonnenlicht des nächsten Tages, nahmen wir uns die Dollars nochmals vor. Sie waren falsch, kein Zweifel. Aber sie waren auf sonderbare Weise gefälscht. Sie waren absolut gut gedruckt, ihr Abbild bis ins Feinste ziseliert. Auch hatte jeder Schein eine eigene Seriennummer, aber die Scheine waren eben von unterschiedlicher Länge und damit nicht genug. Sie hatten auch nicht alle dieselbe Farbe. Klar, waren sie alle grün, aber ein Schein war eben ein klein wenig grüner als der andere. Man konnte die Scheine folglich nicht bündelweise unter die Leute bringen. Es musste in einzelnen Scheinen geschehen, damit ein Betrogener nicht einen Schein mit dem anderen vergleichen konnte. Oder aber, man musste die Scheine ihrer Farbe nach sortieren. Das leuchtete Klaus ein. „Aber bevor du dich auf solche Geschichten einlässt“, sagte ich, „wäre es vielleicht doch vernünftiger, du tapeziertest deinen Wagen damit. Die Wände voller 100 Dollar Noten? Das macht sich sicher chic“. Doch Klaus, störrisch wie ein Kleinkind, ließ sich nicht mehr von dem Gedanken abbringen, den Zaster unter die Leute zu bringen.
Damit man Klaus nicht ins Gefängnis sperrte, sagte ich: „Okay Klaus. Ich helfe dir dabei. Ich werde vorerst einige dieser Dinger in Umlauf bringen. Wir lassen sie einfach an den Wechselstuben der Innenstadt in niederländische Gulden wechseln. Aber erwarte dabei nicht den offiziellen Wechselkurs“. Ich steckte zwei Bündel der Dollarnoten zu mir und machte mich auf den Weg in die Stadt…-
Ich ging ins Rotlichtviertel und sprach zwei Junkies an die ich schon seit einiger Zeit kannte. Ich erzählte ihnen von den Dollarnoten, erwähnte dabei aber nicht wie viele davon vorhanden waren, und schlug ihnen vor, dass sie ein Viertel der Summe bekämen, die sich beim Einwechseln ergäbe. „Klar, gib her“ sagten die Beiden. Ich gab ihnen vier etwa gleich aussehende Scheine. Sie rannten über die Straße zu einer dieser kleinen CHANGE Wechselstuben und kamen kurz danach mit rund 850 Gulden in frischen knisternden Niederländischen Gulden wieder. Das geht ja flott, dachte ich und so verbrachten wir den Rest des Tages, den überwiegenden Teil der Wechselstuben Amsterdams mit unseren falschen Dollarnoten übers Ohr zu hauen. Als es nach Mitternacht geworden war und alle Wechselstuben schlossen, verabredeten wir uns für den nächsten Tag.
Ich fuhr im Taxi zum Gelände zurück und ging geradewegs zu Klaus. „Hier“, sagte ich, und legte 5200 Gulden auf den Tisch. „Steck das weg Klaus. Morgen gibt’s noch mehr davon“. Ich steckte mir zur Sicherheit noch 5 Bündel des Falschgelds ein und ging nachhause. Dort verbunkerte ich die Scheine gut und legte mich schlafen.
Am nächsten Morgen traf ich mich wieder mit den beiden Jungs vom Tag zuvor. Diesmal fuhren wir aus der Stadt hinaus und nahmen den Zug nach Leiden, Den Haag und Delft. Unterwegs, klapperten wir so ziemlich alles an Wechselstuben ab was auf dem Wege lag. Dort, wo Touristen sich ballten, wechselten wir auch einige Scheine indem wir Zigaretten kauften, oder Souvenirs.
Aber so glatt wie die Geschichte zu laufen schien so wusste ich doch, dass wir rasch handeln mussten. Es war hinter uns vermutlich längst irgendwo der Hut hoch gegangen und einer unserer Scheine hatte sich als falsch entpuppt. Ich selbst, trat nie in Erscheinung. Ich hatte die Gefahr unseres Spieles im Urin, blieb schön im Hintergrund und ließ meine beiden Soldaten ihre Nasen zeigen. Es war ein arbeitsreicher Tag. Kaum eine Minute Ruhe hatten wir uns gegönnt. Inzwischen hatte ich mich mit meinen beiden Soldaten dahingehen geeinigt, dass ich sie am Ende des Tages in falschen Dollars auszahlen würde. Dafür bekamen sie mehr. Nun erhielten sie für alle 200 Dollar die sie einwechselten, 100 Dollar auf die Hand. Mochten sie die in ihrer freien Zeit einwechseln.
Als ich spät in der Nacht bei Klaus eintraf, war der inzwischen halb vergangen vor Angst. Er hatte befürchtet, ich wäre festgenommen worden, der Gute. Die 34.000 Gulden die ich ihm auf den Tisch blätterte, beruhigten ihn wieder ein wenig. Nun, so erklärte ich Klaus, mussten wir für wenigstens sechs Monate, mindestens sechs Monate, stoppen mit dem Wechseln der Dollars. Inzwischen dürften nämlich unsere eingewechselten Scheine bei einem frisch eingerichteten Sonderkommando der Polizei liegen, zusammen mit der Beschreibung meiner beiden Soldaten.
Ich hatte meinen Soldaten eingeschärft, ihre Banknoten gleich am nächsten Tag außerhalb Amsterdams zu wechseln und nicht in einer der Städte die wir bereits besucht hatten. Ich traf sie einige Tage später. Sie hatten sich an meinen Rat gehalten. Zur Sicherheit, und um Klaus nicht in Versuchung kommen zu lassen, hatte ich an diesem Abend den ganzen Sack mit Falschgeld mitgenommen. „Keine Angst Klaus. Das Zeug ist bei mir gut aufgehoben. In frühestens sechs Monaten siehst du alles wieder“. Tags darauf hatte ich den Sack im Bauche eines Schiffes verbunkert, das einem Freund gehörte und inmitten anderer Schiffe am Rande einer Werft vor Anker lag.
In den nächsten Wochen sah ich Klaus immer wieder mal von Frauen umgeben, fröhlich und leicht angetrunken. Bald sah ich ihn immer öfter mit ein und derselben Frau. Mit der fuhr er öfter nach Scheveningen an den Strand, wie ich in Erfahrung bringen konnte. Ich hatte mir weiter nichts dabei gedacht, hatte mich noch gefreut, dass Klaus es sich gut gehen ließ. Bis ich dann eines Tages seinen Wohnwagen von sicher 20 Männern in billigen Anzügen umstanden sah. Ich sah aus der Ferne zu, wie man Klaus in Handschellen in ein Auto lud und davon fuhr mit ihm. Tags darauf, war er wieder da und ich ließ mir erzählen, was geschehen war. Er hatte sich drei der Dollarbündel zurückbehalten und angefangen, damit anzugeben. Am Ende war er mit seiner Freundin regelmäßig nach Scheveningen an den Strand gefahren, um dort t mit den Dollars zu verfahren, als wären sie echt. Jetzt hatte er ein Strafverfahren wegen in Umlaufbringen von Falschgeld am Hals. Er hatte sich gut herausgelogen, der Schlingel, hatte einfach behauptet, er hätte nicht gewusst, dass es sich um Falschgeld handelte. Einige Wochen später verkaufte Klaus seinen Wohnwagen und zog mit seiner Freundin in eine Wohnung in der Stadt. Danach traf ich ihn noch einige Male wobei ich erfuhr, dass die Beiden inzwischen geheiratet hatten. Das alles fand statt zu einer Zeit, da unser besetztes Gelände im westlichen Hafengebiet kurz vor der Räumung stand. Nachdem es dann schließlich geräumt worden war, war ich eigene Wege gegangen. Klaus, habe ich nie wieder gesehen. Der Sack mit den restlichen Dollarnoten? Der liegt noch heute zwischen rostigen Ankerketten im Schiffsbauch der „Anette“, am Rande der Werft…-
Anmerkung:
Die Müllverbrennungsanlage von der hier die Rede ist, gibt es nicht mehr. Sie wurde gesprengt. Weiter westlich des Hafengebietes, fast schon an der Gemeindegrenze zu Harlemerliede, in einem spärlich besiedelten Industriegebiet, wurde eine Neue erbaut. Als die alte Anlage gesprengt wurde, bebte von der Wucht der Explosion noch auf unserer Seite der Schifffahrtsstraße spürbar der Boden unter unseren Füßen...-
Alle Rechte INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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