______________________________________________________________________ Ratten Joe war ein Mann schon fortgeschrittenen Alters. Er hatte lange, schmutziggraue Haarsträhnen und einen langen, etwas helleren Bart. Zwischen seinen schmutziggrauen Haarsträhnen zeigten sich einige gelbliche und wiesen auf die Haarfarbe hin, die Joe einst als junger Mann gehabt haben mochte. Joe hatte nur ein Bein. Sein zweites Bein bestand aus einem altertümlich anmutendem Holzbein mit Lederriemen und Schnallen. Joe wurde nimmer müde, jedem zu erzählen, wie er dieses Holzbein eigenhändig aus dem Strunk eines Baumes unter Zuhilfenahme nur eines einfachen Handbeils zurecht gehauen hatte.
Joe liebte Ratten. Niemand wusste, was genau es war, das Joe an diesen Tieren so faszinierte, aber es war eben so. Traf man Joe unterwegs irgendwo in der Stadt, war er nie alleine. Unter seiner Kleidung oder in seinen Händen hatte er stets mehrere seiner Lieblinge bei sich.
Joe lebte in einem Wohnwagen, der so voll mit Käfigen seiner Ratten war, dass er selbst nur noch dann Platz darin fand, wenn er sich der Länge nach auf sein Bett legte. Als Joe eines Nachts still und heimlich Abschied von uns genommen hatte und verstorben war, fanden wir seinen Körper erst einige Tagen später. Unterdessen hatten seine Lieblinge bereits so sehr an ihm genagt, dass von seinem ohnehin schon mageren Körper nicht mehr viel zu beerdigen übrig geblieben war. Ratten Joe wurde, wie schon viele von uns vor ihm, auf dem kleinen St. Barbara Friedhof im Westen der Stadt beigesetzt. ("Beigesetzt". Die ses Wort in diesem Zusammenhang hört sich an, als hätte manJoe eingepflanzt und würde erwarten, dass er eines Tages sprießen würde...)
Giorgio, der aus einem Lande Mittelamerikas stammte, in dem Smaragde geringer Größe am Wegesrand gefunden werden konnten, war sehr fingerfertig im Beschleifen und Beschnitzen von Steinen. Er hatte extra für Joes Grab eine Ratte gefertigt. Eine Ratte, geschnitten aus einem Stück Granit , mit grünen Augen, aus echtem Smaragd. Sie war ein Kunstwerk, diese Ratte, echt wie sie aussah. Um Joes Grab zu schmücken, sollte sie oben an seinem Grabstein befestigt werden. Am Ende sträubten sich allerdings die Friedhofsbehörden, zwischen all den Grabsteinen mit Kreuzen, perverse Folterinstrumente, einen Grabstein mit einer Ratte darauf zu genehmigen. Und so war Giorgios Ratte schließlich als Zierde in John the legs Wohnbus gelandet. Nicht lange danach verstarb auch der Steinschnitzer Giorgio. Er war in seinem brennenden Wohnwagen zu Tode gekommen. Er hinterließ uns eine Zahnarztbohrmaschine mit einem blechernen Schächtelchen kleiner, aufsetzbarer Bohrer, die Erinnerung an seine fröhliche Natur und eben diese Ratte aus Granit, mit grünen Augen, von echtem Smaragd.
John the leg, der die steinerne Ratte geerbt hatte, verdankte seinen Namen dem Umstand, dass er aufgrund einer Osteoporose dazu neigte, sich in jeder Lebenslage die Beine zu brechen. So hatte John z.B. sein linkes Bein schon so oft gebrochen, dass irgendwann auch der gewandteste Chirurg nur noch abwinken konnte. Die Knöchelregion von Johns rechtem Bein war auch schon so oft gebrochen worden, dass sie schließlich zu einem surrealistischen Wirrwarr aus Knochensplittern, Schrauben und Platten von Chirurgenstahl zusammen gewachsen war. Aufgrund der vielen Brüche, war dieses Bein 5 Zentimeter kürzer als das andere und krumm wie eine Banane. So sprachen wir nicht von Johns rechtem Bein, wir sprachen von Johns Banane.
John brach seine Beine bei den unglaublichsten Gelegenheiten. Eines Morgens hatte ich schwer verkatert nach einer durchvögelten Nacht, die Türe meines Wohnwagens aufgetreten und war von einer hellen Mittagssonne geblendet auf den einsam stehenden Baum zugetaumelt, der zwischen meinem Wohnwagen und dem Wohnbus von John the leg stand. Splitternackt, hatte ich mich mit einer Hand gegen den Baum gelehnt und wollte gerade loslegen zu pinkeln, als John daher gewankt kam. Er stellte sich neben mich, lehnte sich ebenfalls mit einer Hand an den Baum und begann zu pinkeln. So standen wir, zwei Männer im Schein der Mittagssonne, der eine nackt, der andere fragwürdig bekleidet, gegen einen Baum gelehnt und pissten. Während wir so pissten, fiel mir auf, dass Johns Urin mächtig plätschernd zu Boden strahlte, während von meinem kein Laut zu hören war. Verwundert sah ich an mir hinab und erkannte, ich hatte noch stets das Kondom der vergangenen Nacht um. Als inzwischen Urin gefüllter Ballon, zog das Kondom bereits mächtig an meiner Nudel. Gerade waren mir all diese Tatsachen ins Bewusstsein gesickert, als der pralle Ballon von meiner Nudel rutechte und auf meine Füße fiel. Er platzte auf meinen nackten Füßen und ergoß einem Sprühregen goldgelber Diamanten ins Sonnenlicht. Im diesem Moment gab John, der noch stets unverändert neben mir stand, einen kurzen heftigen Schrei von sich. „Was ist los John?“, fragte ich besorgt. „Ich habe mir gerade mein Bein gebrochen!“, antwortete John. „Du hast, während du pissend gegen den Baum gelehnt standst, dein Bein gebrochen"? „Ja“. ..-
Und so war es auch. John hatte es fertig gebract, während er in aller Seelenruhe gegen einen Baum gelehnt stand und pisste, sein Bein zu brechen. So ging das ständig mit John. Wie oft er sich während der vielen Jahre unserer Bekanntschaft nicht schon ein Bein gebrochen hatte, konnte ich nicht mehr zählen. Aber so war er eben, John the leg. Denke ich an ihn, sehe ich sein fröhlich verschmitztes Gesicht vor mir, seinen kahl geschorenen Kopf, der aussah wie eine Erdnuss und viel graue Krücken sehe ich und faltbare Rollstühle. Wie oft war ich nicht schon mit John in der Stadt gewesen, er im Rollstuhl und ich ihn schiebend? Dabei hatte John sein eingegipstes Bein wie einen Rammbock von sich gestreckt und ich ihn durch die Menschenmassen der Innenstadt. Wie die Wellen des Roten Meeres vor Moses und seinen Scharen, so wichen dabei die die Massen vor uns zur Seite.
Inzwischen hat John seinen Wohnbus, in dem wir Geschichten erlebt hatten, die mehrere Leben füllen könnten, verschrottet und ist in ein Wohnschiff gezogen, irgendwo im Norden der Stadt. Ich muss ihn unbedingt aufspüren gehen, sobald ich wieder in der Stadt bin. Ich wette, irgendwo in seinem neuen Wohnschiff steht, auf einem Ehrenplatz, Giorgios graue, granitene Ratte, mit den grünen Augen, von echtem Smaragd…-
Aus dem Niederländischen übersetzt aus: "Amsterdamse stad verhalen: 'De stadnomaden'"
Alle Rechte der Deutschen Übersetzung: INTRACEREBRAL Die Morphinistenseite
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