__________________________________________________________________________________ "Heroin zu probieren in der Annahme man würde nicht abhängig davon, ist ebenso intelligent wie seine Hand in die unmittelbare Nähe sprühenden Wassers zu halten in der Annahme, sie würde nicht nass dadurch...-". Karlos
Ein Motorrad sollte es sein, was Werner sich aus dem Profit seines kleinen Heroinhandels gönnen wollte. Nur ein Motorrad. Danach, wollte er diesen Handel wieder sein lassen. Er hatte mir die Broschüren schon unendliche Male vorgelegt. Eine Honda mit 750 Kubikzentimetern sollte es werden. Und knallgelb, sollte sie sein. Gelb wie Butteblumen, wie Löwenzahn, gelb wie die Post, gelb wie die Sonne selbst…-
Selber von seiner Handelware abhängig werden, konnte Werner nicht. Er hatte immerhin ein Ziel vor Augen, wie er jedem versicherte der ihm mit Bedenken kam. Wer ein Ziel vor Augen hat, so war es Werners Ansicht, könne nicht so leicht abhängig werden, denn das stünde ja einem Erreichen des Zieles im Wege und somit wäre ein Ziel gewissermaßen ein Anker, ein Schiffsmast, an den man gefesselt sei um allen Versuchungen zu widerstehen. Eine interessante Theorie, kein Zweifel. Nur wusste ich es besser und Werner sollte mein erster Fall werden, dem ich in keiner Weise darein reden wollte. Viele, waren Werner schon vorausgegangen. Ich hatte schon den Werdegang der Sucht bei vielen beobachtet, mich dazwischen gemengt und erfahren, dass jede Einmengung sinnlos war. Manchmal schien mir, als wäre das Drehbuch für das Leben dieser Leute längst geschrieben und im Studio zur Verfilmung abgegeben, lange bevor sie selbst es auch nur ahnten. Es ist die flüsternd singende Stimme des Opiats, die wie subtiler Sirenengesang aus dem Hintergrund noch den stärksten Odysseus aus den dicksten Fesseln vom Schiffsmast reißt. Es war aber auch nicht so, dass jeder Mensch diesem Gesange verfiel. Es war eine gewisse Art Mensch, die unwiderstehlich davon angezogen wurde. Mit der Zeit hatte ich gelernt, sie an ihren Attributen zu erkennen. Es sind Menschen mit einer unscharf umrissenen Persönlichkeit. Menschen, deren Persönlichkeit nie so recht in den Fokus gerät. Menschen, mit amorpher Persönlichkeitsstruktur, Persönlichkeiten mit ausfransenden Rändern...-
Werner war also mein erster Fall, dem ich nicht darein reden wollte, dem ich meinerseits keine Warnung zukommen lassen würde, wenn er zum Beispiel wieder bei mir zuhause am Küchentisch seine Handelsware in kleine Briefchen verpackte. Anfangs wischte er dabei noch daneben gefallenes Heroin mit dem Ärmel von der Tischplatte. Dann nahm er es schon mit feuchtem Finger auf und hielt es sich unter die Nase. Von da an dauerte es nicht lange und er schöpfte gelegentlich ein wenig des Pulvers mit seinem Haustürschlüssel auf und zog es sich in die Nase. Werner war das Musterbeispiel eines Menschen auf der schrägen Fläche hinan in die Sucht. Aber noch wusste er das nicht, ahnte es vielleicht noch nicht mal. Und ich? Ich schwieg dazu. Das ist nicht völlig wahr. Einige Male war ich dazwischen gegangen, wenn er vor seiner ausgebreiteten Handelsware wieder zum Haustürschlüssel griff. „Lass das jetzt sein“, hatte ich dann gesagt. „Du brauchst das jetzt nicht“ Und Werner stimmte zu. Richtig. Er brauchte das jetzt nicht. Und doch hatte er noch jedes Mal, bevor er das Haus verließ, schließlich doch mithilfe seines Haustürschlüssels vom Puder genascht. Klar, brauchte er es nicht. Es ist ja nicht so, dass er es schon bräuchte. „Aber sieh mal. Es ist ja so wenig. Schaden, wird das sicher auch nicht“.
Begegnete ich Werner, kam er mich besuchen oder traf ich ihn auf der Straße, achtete ich stets auf die Größe seiner Pupillen. Ich erkenne von Opiat kontraktierte Pupillen wenn ich sie sehe. Ziehen die Pupillen sich unter der Wirkung von Opiat zusammen auf die Größe eines Stecknadelkopfes, treibt die Pigmentierung der Iris auseinander und die Farbe der Augen wird um ein Vieles heller als gewöhnlich. Bei blauäugigen Menschen kann das geradezu grausam und bedrohlich wirken. Ich bin blauäugig und ich erinnere mich noch gut, wie ich eines Tages um eine Ecke lief und dabei um ein Haar mit diesem Bürger zusammengestoßen wäre, der von der anderen Seite gekommen war. Wie der Zufall es wollte, blickte der Mann mir dabei schnurgerade in die Augen. Vor Schreck, prallte er gut einen Meter zurück vor dem Anblick meines eiskalt strahlenden Blickes. Und Werner hatte immer öfter kontraktierte Pupillen.
Die Motorradmesse in Hannover war etwas, dass Motorradfreunde wie Werner sich um keinen Preis entgehen lassen wollen. Ich fuhr mit. Nachts im Hotel wurde Werner wach und lief unruhig im Zimmer auf und ab. Er könne nicht mehr schlafen, klagte er. Gedanken an das Motorrad dass er bald erwerben würde, hielten ihn wach. Ich wusste es besser. Seine unruhig werdenden Opiatrezeptoren waren es, die nach Futter schrieen, die ihn wach hielten. Da ich den ganzen Tag über bei ihm gewesen war und er wusste, dass seine kleinen Pupillen mir aufgefallen wären, hatte Werner sich geschämt und sich zurückgehalten, von seiner Ware zu naschen. Doch jetzt in der Nacht, da auch der letzte Krümel Opiat durch seine Nieren gespult war, machte sich ein körperliches Verlangen nach Opiat bemerkbar durch Unruhe und die Unmöglichkeit einzuschlafen. Ich gestehe es. Nur weil sein hin und her Gerenne im Zimmer mich selbst am Schlafen hinderte hatte ich schließlich gesagt, „Nimm etwas von deinem Pulver“. Keine 20 Minuten später schnarchte Werner, fest in Morpheus’ Armen.
Was Menschen in Werners Situation sich meist nicht vergegenwärtigen ist, dass noch jedes Molekül Opiat dass sie zu sich nehmen, die Sensibilität ihrer Opiatrezeptoren für körpereigenes Opiat, die Endorphine, ein klein wenig mehr herabsetzt. Können somit Endorphine nicht mehr zur ihrer regulierenden Geltung kommen, schreit der Körper bald mit jeder seiner Zellen nach extern zugeführtem Opiat.
Während wir an den verschiedenen Ständen der Motorradmesse vorüber liefen, bemerkte ich, dass Werner längst nicht mehr das Interesse für Motorräder aufbrachte, wie vor noch nicht so langer Zeit. Wie ein Getriebener, lief er von Stand zu Stand, kaum die ausgestellten Waren wahrnehmend. Ich hatte ihn überredet, sein Pulver im Hotel zu lassen, und dort, weilten nun all seine Gedanken, dorthin, zog es jetzt all seine Konzentration. Ab einem gewissen Grade der Abhängigkeit, und dieser Grad ist mit Diacethylmorphin rasch erreicht, wird Opiat so sehr notwendiger Bestandteil normal verlaufender Körperfunktionen, dass ein opiatfreies Funktionieren nicht mehr möglich ist. Ein Teil dessen was notwendig wäre um einen reibungslosen Ablauf von Werners Körperfunktionen zu gewährleisten, lag in einem kleinen durchsichtigen Plastikbeutelchen in seiner Reisetasche im Hotel.
Werners Geschäft lief gut, was nicht zu verwundern war. Geschäfte mit Heroin laufen immer gut, weil die Nachfrage stets größer ist als das Angebot, was auch so bleiben wird, solange man die Prohibition von Heroin aufrechterhält.
Über die Hälfte des Geldes das nötig wäre sein Motorrad zu erwerben, hatte Werner schon, wie er stolz erzählte. Und während er erzählte wusste ich bereits, dass er entweder sein Motorrad nie kaufen würde, oder aber, käme es zu einem Kauf, das Motorrad in einer Ecke dahinrosten würde bis Werner es schließlich verkaufte um seinem Körper das zu geben, wonach er so schmerzhaft schrie. Nun gut. Ich hatte mir vorgenommen, sinnlose Einmengungen zu unterlassen.
Eine Ernüchterung kam für Werner rascher als ich gedacht hatte. Sein Dealer, seine Heroinverbindung, von dem er die ganze Zeit über seine Ware zu relativen Großhandelspreisen erworben hatte, war verschwunden, vermutlich von der Polizei festgenommen worden. Werner besaß nur noch wenig Ware, die er für sich selbst benötigte. Hier, sah ich zum ersten Male das so typische Flackern von Panik in Werners Augen. Sein Körper ahnte bereits was ihm bevorstünde, ginge das so lebenswichtige Pulver aus. In dieser Situation der Not kam Werner mit einem kühnen Plan. Er würde nach Amsterdam fliegen, dort eine größere Menge Heroin erwerben um sie dann, über die Grenze geschmuggelt, nachhause zu bringen. Werner flog also nach Amsterdam. Es dauerte zwei Tage bis er wieder kam. Während er aufgeregt von seinem Abenteuer erzählte, packte er seine frisch erworbene Ware auf meinen Küchentisch, um sie in kleine, handelsübliche Portionen zu verpacken. Ich warf einen Blick auf das leicht glitzernde braune Pulver und stutzte. Noch nie zuvor hatte ich Heroinbase gesehen, die so glitzerte. Mit feuchtem Finger nahm ich etwas von dem Pulver auf und gab es auf meine Zunge. Kurz danach eröffnete ich: „Werner, du hast dir pulverisierte Hustenbonbons andrehen lassen“. Und so war es auch. Werner hatte mit aller Finesse 80 Gramm zermahlene Hustenbonbons über die Grenze geschmuggelt. Nachdem auch Werner diesen Sachverhalt erkannt hatte, war er rasch zur Tür hinaus geeilt und ich wusste, dass nun der graduelle Abbau seiner Ersparnisse beginnen würde.
Werner war bei weitem nicht der erste Dealer, den ich vom Vertrieb in die Kundenebene wechseln sah. Tatsächlich war es einst auch mir so ergangen und Werners Werdegang zum Süchtigen, glich in Vielem dem meinen. Weshalb nur ist es so unmöglich, dass Menschen in dieser Angelegenheit von anderen, bereits erfahrenen Menschen lernten? Was ist es, was noch jeden angehenden Süchtigen denken lässt, bei ihm verliefe alles anders und er, wäre ein besonderer Fall, psychologisch anders gestrickt vielleicht, jedenfalls so geartet, dass Er nicht süchtig werden könne? Dabei ist es so einfach. Jeder, der sich mit einem hochpotenten Opiat wie Diacethylmorphin einlässt, wird über kurz oder lang davon abhängig sein. Es ist so sicher wie man nass würde, stellte man sich nackt unter die Dusche und drehte alle Hähne auf. Und dennoch gibt es immer wieder Menschen die davon überzeugt sind, dabei nicht nass zu werden, weil sie eben anders gestrickt wären als andere. Dass Opiatrezeptoren mit jeder Einnahme eines so hochpotenten Opiats wie Heroin an Toleranz gewinnen und an Sensibilität verlieren, ist fast schon ein Naturgesetz. Weshalb nur finden sich stets aufs Neue Vermessene die glauben, sie könnten unbeeinflusst gegen dieses Gesetz verstoßen?
Wie ging es weiter mit Werner? Werner hatte sich rasch vom stolzen zukünftigen Motorradbesitzer zum demütigen Junkie gewandelt. Doch weil Werner Intelligenz besaß gelang es ihm noch lange Zeit, sich mit seinem Leben als Süchtiger zu arrangieren. Aber am Ende lief auch er den in unserer Gesellschaft so steinhart vordiktierten Weg des Süchtigen. Heute, hat er gewiss schon seine drei Jahre Gefängnis hinter sich, hat bereits voll der Hoffnung auf eine Rückkehr zu seinem früheren Selbst, zwei sinnlose Drogentherapien durchlaufen. Jetzt ist er Teilnehmer an einem Münchner Pilotenprojekt, in dem versuchsweise Heroin an Süchtige abgegeben wird. Inzwischen hat auch er eingesehen, dass der alte Werner tot war und seine Qualitäten nie wieder auferstehen würden. Unter dem stabilisierenden Einfluss einer stressfrei geregelten Heroinabgabe hat Werner eine verspätete Lehre angetreten. Hält er sie lange genug durch, wird er bald qualifizierter Zweiradmechaniker sein….-
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